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Einsatz im sozialen Brennpunkt

Teach First Deutschland (Quelle: e-fellows.net)

Teach First Deutschland (Quelle: e-fellows.net)

Teil 1: In ihrer ersten Woche als Lehrkraft kommen auf Christina einige Herausforderungen zu: Wird das Lehrerkollegium sie akzeptieren? Und die Schüler? Und dann muss sie ihre erste Biostunde halten! Ob Online-Campus und Sommerakademie von Teach First Deutschland sie darauf vorbereitet haben?

Die Woche vor Schulbeginn

 Langsam schiebe ich das rostige Tor auf, ein lautes Quietschen, dann gespenstische Ruhe. Vor mir ein großer, asphaltierter Platz. Unkraut sprießt hier und dort durch den rissigen Boden. Mehrere große Steinblöcke bilden einen Kreis: einige sehen aus, als ob jemand versucht hätte sie in Form zu bringen, Graffiti-Schriftzüge springen mir ins Gesicht. Dahinter ein dreistöckiges, kastenförmiges Gebäude. Der Putz bröckelt von der grauen Fassade. Vorsichtig gehe ich die Treppen hinauf, das Herz schlägt mir bis zum Hals.
 
 Ich betrete meinen neuen Arbeitsplatz. In genau diesem Moment lasse ich mein Studium, die Charité, Laborkittel und Forschungsalltag hinter mir und stelle mich einer neuen, noch nicht wirklich greifbaren Herausforderung: Zwei Jahre an einer Hauptschule im sozialen Brennpunkt arbeiten!
 
 In der Gesamtlehrerkonferenz heißt mich die Direktorin mit einer Schultüte willkommen. Ein Teil des Kollegiums klatscht, der andere Teil sieht mich etwas fragend und ungläubig an. "Aha, das ist also dieser – wie war noch gleich die Bezeichnung – Fellow?! Na, das kann ja was geben", meine ich in ihren Gesichtern ablesen zu können. Ich bedanke mich freundlich und setze mich wieder auf meinen Platz. Wird mich das Kollegium in Zukunft unterstützen oder mir das Leben schwer machen?
 

Montag, 31. August

 Gegen 6.30 Uhr schwinge ich mich auf mein Rad und mache mich auf den Weg zur Bahn. Erster Tag, jetzt bloß nicht zu spät kommen! Voller Vorfreude betrete ich das Schulgelände und treffe auf die ersten Schüler. Alle gucken, keiner sagt was. Ich grüße freundlich und gehe erstmal weiter. "Ey, ham wa ne Neue, oder was?!", ist alles, was ich noch mit einem Ohr mitbekomme.
 
 Heute ist erst mal nur Klassenlehrer-Unterricht und ich als Fachkraft muss die Bühne noch nicht betreten. Stattdessen führe ich ein erstes Gespräch mit dem Sozialarbeiter der Schule und stelle mit meinem Mentor (einem erfahrenen Bio-Lehrer, der mich im Team-Teaching begleiten wird und mir auch sonst als Ansprechpartner zur Verfügung steht) einen groben Plan für das Schuljahr und insbesondere die nächste Stunde auf. 13 Stunden werde ich pro Woche im Unterricht sein: Bio und Sport. Ich bekomme Schlüssel für die Schule und die Sporthalle und mache mich mit den Räumlichkeiten vertraut. Die Halle ist klasse, aber die Schule ist mehr als marode und müsste dringend renoviert werden. Ich bin sprachlos: Wie ist es möglich, dass Kinder und Jugendliche, die aus sozial schwachen Familien kommen auch noch in einer solchen Absteige unterrichtet werden? Dennoch immer wieder kleine Lichtblicke, zum Beispiel ein neuer Chemieraum und das Café "Mahlzeit" als Schülerfirma in den Kellerräumen. Mittendrin eine unglaublich motivierte und engagierte Direktorin, die all ihre Energie in die Schule zu stecken scheint und stolz auf Kleinigkeiten hinweist, für die sie lange gekämpft hat.
 
 Jetzt wird es ernst: Ich gehe nach Hause und bereite meine erste eigene Stunde vor. Wie kann ich die Aufmerksamkeit der Schüler von Beginn an auf das Thema lenken? Wie motiviere ich sie mitzumachen? Was kommt auf die Arbeitsblätter? Ich habe noch Schwierigkeiten, das Niveau der Schüler richtig einzuschätzen. Der Tipp von meinem Mentor: Versuche maximal die Hälfte von dem, was du auch ohne Literatur weißt, zu vermitteln! Ich bemühe mich, Inhalte auf wenige Hauptaussagen runterzubrechen und diese anschaulich aufzubereiten. Später mache ich mich nochmals auf den Weg zur Schule: Einführungsveranstaltung für die neuen Siebener. Auf dem Rückweg noch ein kurzer Abstecher in den Copy-Shop und dann falle ich müde ins Bett.
 

Dienstag, 1. September

 Der Stundenplan sagt: 8.00 Uhr, Biologie, 9. Klasse. Gegen 7:40 Uhr schließe ich den Bio-Raum auf. Die Stühle stehen auf den Tischen, noch ist alles ruhig. Ich stelle mich hinters Pult, lege meine Sachen ab und stehe einen Moment einfach nur da, atme tief ein und versuche mir bewusst zu machen: Das ist mein Revier für die nächsten zwei Jahre! Jetzt geht es darum, Schülerinnen und Schüler für Bio zu begeistern. Ich sortiere die vorbereiteten Arbeitsblätter und lege mir alles zurecht. Von meinem Mentor bekomme ich noch ein wenig Nervennahrung und beruhigende Worte.
 
 Nach dem Vorklingeln betreten die ersten Schüler den Raum. Ich kann es kaum erwarten, loszulegen, und alle Aufregung ist auf einmal verflogen. Ich bin voll da, das zweite Klingeln gibt den Startschuss. Es gibt kein Zurück mehr! Die Schülerinnen und Schüler sitzen einzeln an ihren Tischen und schauen mich erwartungsvoll an. Ich stelle mich vor und bitte die Schüler, Namensschilder aufzustellen. Als ich Jennys* Schild lese, schallt mir nur ein patziges "Danke. Ich weiß, wie ich heiße!" entgegen. Okay, jetzt bloß keine Unsicherheit zeigen und weitermachen. Kurz die wichtigsten Regeln festlegen und dann: Die Schweinegrippe - Symptome, Übertragung und Schutz. Kurzes Brainstorming, Einzelarbeit, Gruppenarbeit und dann Zusammentragen der Ergebnisse vor der ganzen Klasse. So, wie wir es in der Sommerakademie gelernt und geübt haben. Ich notiere schließlich das Wichtigste auf einer Folie auf dem Overhead-Projektor. Es klingelt, alle stürmen raus. Ich kann es noch nicht fassen: Meine erste Bio-Stunde ist vorbei! Alle haben – trotz anfänglichen Protestes – mitgemacht, nur Wolfgang hat seine Zettel liegen lassen. Ich packe mein Sachen zusammen, glücklich und froh, dass alles so gut geklappt hat. Aber wird das immer so laufen? Wie auch immer: Die Metamorphose nimmt unaufhaltsam ihren Lauf!
 
 Gegen 15 Uhr mache ich mich mit meinem Mentor auf den Weg zurück nach Berlin-Mitte. Die Besprechung des Tages findet heute auf dem Rad statt – 20 Kilometer bieten genügend Zeit, um alles Wichtige zu besprechen. Anschließend treffe ich mich noch mit zwei anderen Fellows, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Ideen zu entwickeln. Wir beschließen, uns jetzt jeden Dienstagabend zu treffen, um Unterrichtsreihen zu planen und langfristig auch außerunterrichtliche Projekte auf die Beine zu stellen – vielleicht bald sogar schulübergreifend?
 

Mittwoch, 2. September

 Heute verschaffe ich mir zunächst einen Überblick über die Bestände des Bio-Raumes. Es gibt einen kleinen Vorbereitungsraum, in dem einige Bücher, Präparate und Modelle aufbewahrt werden und in dem ich jetzt auch einen eigenen Schreibtisch habe. Ich bekomme Klassenlisten mit den Namen, Geburtsdaten und Anschriften der Schüler, deren leiblichen Eltern oder Adoptiveltern, Infos über Betreuer und zuständige Sozialarbeiter. Einige leben in betreuten Wohngruppen, weil die Eltern ihnen nicht mehr gewachsen waren oder mit eigenen Problemen zu kämpfen hatten. In jeder Klasse sind mindestens drei Schüler mit zusätzlichem Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache oder soziale und emotionale Kompetenz. Die große Herausforderung wird sein, diese Kinder im Klassenverband differenziert zu fördern und darüber hinaus individuell auf bestimmte Problemfelder im sozialen Bereich einzugehen. Langsam bekomme ich eine Ahnung davon, wie vielen Einzelschicksalen ich hier gegenüberstehe.
 
 Gegen Mittag tagt dann die Fachkonferenz Sport, in der unter anderem einheitliche Regeln für das Vergessen von Sportzeug gefunden werden. Anschließend gehe ich durch die drei achten Klassen und stelle mein Wahlpflichtangebot vor. Ich werde Basketball anbieten und versuche, die Kids – vor Allem auch die Mädchen - dafür zu begeistern. Das Spektrum an Reaktionen reicht dabei von "Wie cool, darf ich Sie dann Frau Nowitzki nennen?" bis "Basketball ist scheiße!". Ich bin gespannt, wie die Wahl ausgehen wird…
 
 Mit meinem Mentor bespreche ich jetzt noch den konkreten Inhalt der nächsten Bio-Stunde. Gegen 15:30 treffen wir nur noch die Putzfrau im Gebäude. Die Ruhe in den langen Gängen ist schon fast unheimlich. Es wird Zeit, dass die Schule auch nachmittags voller Leben ist! Gemeinsam mit den Sozialpädagogen sollen schon bald sinnvolle Angebote entstehen.
 

Donnerstag, 3. September

 Noch immer Klassenlehrerunterricht. Ich nutze die Zeit und stöbere ein wenig auf dem Online Campus von Teach First Deutschland und Teach For America. Später in der Schule rufe ich den Hausaufgaben-Club für die 7. Klasse ins Leben. Ich werde ab nächster Woche an zwei Tagen Hausaufgabenbetreuung anbieten und erstelle Plakate und Flyer, die ich am Montag in den entsprechenden Klassen verteilen werde.
 
 Ich bin mit Abstand die Jüngste im Kollegium der Schule, was offensichtlich noch ein wenig Verwirrung auf Seiten der Schüler hervorruft. Pierre meinte heute zu mir: "Bist Du die Tochter von Herrn K.?" Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass ich seine neue Bio-Lehrerin sei, kam nur die Antwort: "Wie geil!"
 
 Jetzt setze ich mich an die Vorbereitung der zweiten. Bio-Stunde in der 9. Klasse. Zunächst einmal werde ich eine kleine Power Point Präsentation erstellen. Bin gespannt, wie die Kids reagieren werden. Das gab es hier bis jetzt noch nie – Computer im Bio-Unterricht!
 

Freitag, 4. September

 Schulrundlauf! Heute müssen alle Schüler die 1,5 Kilometer um die Schule laufen, und ich bin als Streckenposten eingeteilt. Es gibt wenige richtig gute Läufer, die meisten trotten schlecht gelaunt den Weg entlang – entweder aus Konditionsproblemen oder aus Trotz und "Null Bock". Gerade einige Mädchen kommentieren mein Anfeuern nur mit: "Sport ist Scheiße!". Ich beschließe, dass sich diese Einstellung ab der ersten gemeinsamen Sportstunde ändern muss.
 
 Eigentlich ist jetzt ein Treffen mit meinem Mentor geplant, doch das fällt aus, da Nick* sich geprügelt hat. Er ist vollkommen ausgerastet, hat auf einen Mitschüler eingeschlagen und den Lehrer mit "Halt doch die Fresse, du kannst mir gar nichts sagen!" beschimpft. Mein Mentor ist dazwischengegangen und hat ihn beruhigt. Nicks Schulakte ist lang und die schnell einberufene Konferenz kommt zu dem Schluss, dass er hier nicht weiter zur Schule gehen kann – mit dem Resultat: das Jugendamt wird eingeschaltet. Ich sitze dabei und mir ist heiß und kalt zugleich. Am Dienstag beim Tischtennis hatten wir doch so einen Spaß. Nick kann doch nicht einfach suspendiert und abgeschoben werden – oder ist es das Beste für alle Beteiligten? Man könnte mit ihm doch Übungen machen, um die Aggressionen in den Griff zu bekommen: Boxen, Kraftübungen, Basketball... Oder sind das alles nur Tropfen auf den heißen Stein? Nachdenklich mache ich mich auf den Weg nach Hause.
 
 * Die Namen wurden von der Autorin geändert.

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