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Der Weg nach Harvard

Stethoskop, Arzt, Medizin, Krankheit, Gesundheit [Quelle: freeimages.com, Autor: barky]

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Als Medizinstudent war ich daran gewöhnt mit dem Planen von Auslandsaufenthalten mindestens ein Jahr im Voraus zu beginnen. Deswegen war ich zunächst überrascht und erfreut als ich erfuhr, dass in Harvard die Bewerbungsfrist erst sechs Monate vor Praktikumsanfang beginnt. Der späteste Zeitpunkt für eine Bewerbung liegt genau zwei Monate vor dem Anfangsdatum des Praktikums. Die Termine orientieren sich an den Monaten und werden auch so benannt, beispielsweise "November rotation". Allerdings beginnen die meisten Praktika bereits zwischen dem 20. und 25. des vorhergehenden Monats.

Tipps zur Bewerbung

Der Bewerbungsprozess ist unkompliziert. Die Unterlagen stehen auf den Seiten des Office of the Registrar (Immatrikulationsbüro) zum Download bereit. Sie enthalten alle wichtigen Informationen zu den Bewerbungsbedingungen sowie der aktuellen Höhe der Studiengebühr. Diese liegt derzeit bei 2.950 Dollar im Monat. Für jede Bewerbung fällt eine zusätzliche Bearbeitungsgebühr in Höhe von 100 Dollar an. Dieser Betrag darf nicht überwiesen werden, und nur mit einem auf eine amerikanische Bank ausgestellten Scheck bezahlt werden (keine Eurochecks). Solch eine Scheckausstellung kann bis zu zwei Wochen dauern, was in der Planung berücksichtigt werden sollte. In einem Online-Katalog kann man das gesamte Praktika-Angebot der HMS einsehen. Ich empfehle dringend eine Extraseite in die Bewerbung einzufügen und möglichst viele Alternativen anzugeben, da die Damen im Immatrikulationsbüro nicht lange nach eigenen Alternativen suchen.

Hartnäckig bleiben und nicht aufgeben

Ursprünglich hatte ich mich für ein Praktikum im September beworben. Damals wusste ich eines jedoch nicht. Und zwar versuchen in der Sommerpause auch die künftigen amerikanischen Studenten einen Praktikumsplatz zu erhalten. Diese hoffen, einen regulären Studienplatz im neuen Harvardjahr zu ergattern. Im August und September sind daher Bewerbungen von internationalen Studenten nahezu aussichtslos. Allerdings ist es möglich, eine einmal abgelehnte Bewerbung durch erneutes Zusenden der Bearbeitungsgebühr noch einmal für einen späteren Monat zu verwenden. Ganz allgemein gilt: Die größte Hürde auf dem Weg zum Erfolg sind die Torwächter. Nur durch hartnäckiges, stets freundliches Hinterhertelefonieren wurde meine Bewerbung überhaupt zur Kenntnis genommen. Drei Damen sagten mir vier verschiedene Dinge, meine Zusage erhielt ich nur auf eigene Nachfrage und dann auch nur mündlich. Bis zum Tag meiner Ankunft in Boston konnte ich keinen Schriftverkehr mit der HMS vorweisen und hatte keine schriftliche Zusage der Harvard Medical School in der Hand. Nur durch direkte Kontaktaufnahme mit dem mir mündlich mitgeteilten Krankenhaus und der in der Fachabteilung betreuenden Ärztin hatte ich die Sicherheit, dass ich tatsächlich erwartet wurde.

Die Arbeit im Team

Das eigentliche Praktikum in der Hämatologie/Onkologie (Blut- und Krebserkrankungen) des Beth Israel Deaconess Medical Center war eine erstklassige Erfahrung. Ich habe in einem fünfköpfigen Konsultationsteam (Attending, Fellow, Resident, Intern und Student) gearbeitet, das auf spezielle Anfragen aus allen Abteilungen gerufen werden konnte, um bei schwierigen Fragen den behandelnden Arzt zu beraten und die Patientenbetreuung zu unterstützen.

Der Anfang eines Tages in der Klinik

Ein gewöhnlicher Tag begann um acht Uhr morgens mit einer der verschiedenen täglichen Morgenkonferenzen. Vor jeder Konferenz sollte man bereits die aktuellen Labor- und Untersuchungsergebnisse für die eigenen Patienten durchgesehen haben. Unangenehm für Studenten ist, dass sie zum Zeichen ihres Ausbildungsstandes hier in einem "short white coat" – einem jacketartig verkürzten Arztkittel herumlaufen müssen. Das führt dann manchmal dazu, dass man sich für Gespräche mit der Blutbank oder einer besonders hartnäckigen Krankenschwester den Resident (Facharzt in der Ausbildung) zur Verstärkung hinzuholen muss.

Patienten verfolgen und Berichte verfassen

Der weitere Vormittag war bestimmt von der Weiterverfolgung der eigenen Patienten. Hier werden alle Patienten erneut untersucht, es müssen täglich neue Berichte geschrieben und aktuelle Literaturrecherchen durchgeführt werden. Die Ergebnisse und der eigene Bericht werden dann vom Fellow (Facharzt) überprüft und in einem Gespräch diskutiert.

Verantwortung für die Patienten

Im Laufe des Tages kommen in unterschiedlicher Anzahl die Konsultationsanfragen von den einzelnen Stationen über die Pager, mit denen jeder ausgestattet ist. Jedes Mitglied des Teams, auch der Student, bekommt abwechselnd einen Patienten zugewiesen, der dann hauptverantwortlich betreut und untersucht wird und am Nachmittag dem Team vorgestellt wird. Die Nachmittagssitzung "rounding", die eigentliche Visite, ist das tägliche Gespräch mit dem Attending (Chefarzt). Jeder stellt seine Patienten vor, der Chefarzt stellt Rückfragen, erwartet einen Behandlungsvorschlag und diskutiert dann mit dem gesamten Team das weitere Vorgehen. Danach wurden die neuen Patienten gemeinsam besucht. Ein gewöhnlicher Tag ging zwischen 18 und 19 Uhr zu Ende.

"HEENT: perrl, eomi" - Ein Tag in Harvard

Des Schwierigste war der Umgang mit den inflationär verwendeten Abkürzungen. Obwohl in der amerikanischen Medizinsprache Abkürzungen sehr reichhaltig sind, schien es mir, als wenn jeder Arzt sich zusätzlich noch eine Liste von eigenen Lieblingsabkürzungen geschaffen hätte. Ohne Hintergrundwissen konnte man die meisten Arztbriefe überhaupt nicht verstehen und es hat mich eine Menge Schweiß und Schlaf gekostet, bis ich Abkürzungen wie diese im Kopf hatte. "HEENT: perrl, eomi" heißt: HEAD, EARS, EYES, NOSE, THROAT: pupils equal round reactive to light, extraocular muscles intact! Das gilt als Standard-Beurteilungsangabe bei der Augenuntersuchung. Es kam daher immer wieder vor, dass ich nachfragen musste. Das war ein Punkt, den ich als Erfahrung aus Harvard mitnehme: Fragen waren nicht nur erwünscht, sie wurden eingefordert und Nicht-fragen wurde als Wissen gewertet. Diese Umstellung vom Wissen-müssen zum Fragen-müssen hat mir gefallen, hat die Atmosphäre im Team sehr entspannt und für mich selber den Umgang mit Nichtwissen einfacher gemacht.

Außerhalb von Harvard – Boston in der Freizeit

Boston ist das Europa von Amerika. "Beantown", wie es auch im Vergleich zu seinem riesigen Rivalen New York genannt wird, ist eine durch und durch akademische und kulturelle Stadt. Über 60 Colleges und Universitäten befinden sich in Boston und der nahen Umgebung. Auch wenn die Arbeit in der Klinik und die Literaturrecherche einen Großteil meiner Zeit in Harvard einnahm, habe ich mir doch einige Geheimtipps nicht entgehen lassen. Der vier Kilometer lange "Freedom Trail" ist eine durch einen roten Strich auf dem Bürgersteig markierte Wanderroute durch die Stadt. Um Boston und seine wichtigsten Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen sollte man diesen Pfad unbedingt laufen und dabei auf eine Führung verzichten. Mit einem guten Reiseführer ausgestattet, lässt sich so die Stadt ganz in Ruhe und mit viel Zeit für Details erkunden.

Zurück von Harvard – ein Resümee

Ich habe aus Harvard eine große Portion Motivation und Optimismus mitgenommen. Ich habe eine andere Form des klinischen Arbeitens kennen gelernt. In einigen Punkten werde ich in Zukunft strukturierter und gelassener sein können. Ich habe gesehen, wie man aktuelle wissenschaftliche Publikationen in den hektischen Behandlungsalltag einer Großstadtklinik integrieren kann. Und ich bin von allen Seiten auf großes Interesse und Engagement getroffen, so dass dies nicht mein letzter Aufenthalt in Harvard gewesen sein wird. Bei allem Optimismus ist mir aber klar geworden, dass auch in Harvard nur mit Wasser gekocht wird. Der große Respekt vor dem Namen und die Freude über einen Eintrag im Lebenslauf sind sicher nicht genug, um sich im Beth Israel Deaconess Medical Center wohlzufühlen. Es bleibt ein Krankenhaus mit viel Arbeit und hoher Geschwindigkeit. Freude macht dieses Praktikum dem, der Freude am Arbeiten mit Patienten, also im Umgang mit Menschen hat.

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Kommentare (2)

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  1. Anonym

    Hallo lieber Christian, warst du dafür in deinem 6. Jahr des Studiums? Das wird auf der Website so dargestellt. Allerdings ist dann ja schon die Zeit für das PJ, oder wie hast du das angestellt? LG

  2. Anonym

    Hallo! Wie lange warst du dort? Warst du nur Praktikant im Krankenhaus oder hast du auch nebenbei an der Uni studiert? :) Lg Lisa