Partner von:

"90 Prozent der Allianzer sind im Homeoffice"

Homeoffice Laptop Küchentisch Gemütlich Blumen [Quelle: Unsplash.com, Autor: Agnieszka Boeske]

Quelle: Unsplash.com, Agnieszka Boeske

Renate Wagner, die Personalchefin der Allianz, lässt fast alle Mitarbeiter zu Hause arbeiten. Und verspricht ihnen mehr Flexibilität für die Zeit nach Corona.

Die Allianz-Zentrale im Englischen Garten wirkt verlassen an diesem kalten Januartag. Die lichtdurchflutete Eingangshalle ist zwar wie immer mit zwei Empfangsdamen besetzt, Besucher oder Mitarbeiter sind aber nirgendwo zu sehen. Und auch Renate Wagner, die Personalchefin von Deutschlands größtem Finanzkonzern, hat ihren Schreibtisch daheim nur für dieses Gespräch verlassen. Ihre Pressesprecherin ist im Besprechungsraum via "Teams" auf einem Großbildschirm zugeschaltet. Corona-Alltag in der Allianz.

"Zurzeit arbeiten in Deutschland 90 Prozent der Allianzer im Homeoffice – so wie schon im ersten Lockdown. Weltweit sind es rund 80 Prozent", sagt Renate Wagner, die Personalchefin des 130 Jahre alten Konzerns, der 140 000 Menschen in 70 Ländern beschäftigt. "Wir appellieren zudem an unsere Mitarbeiter, auch im privaten Umfeld vorsichtig zu sein."

Wie andere Unternehmen hat die Allianz etliche Vorkehrungen getroffen, damit der Arbeitsplatz nicht zum Infektionsort wird. Es gilt der Grundsatz: so viel Homeoffice wie irgend möglich. Doch während etwa ein Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe etlichen Mitarbeitern in der Produktion kein Homeoffice bieten kann, hat es die Allianz als Versicherer ungleich leichter. Die aktuelle Diskussion um einen Rechtsanspruch auf 24 Tage mobiles Arbeiten, damit Beschäftigte endlich Rechtsklarheit erhalten, wie Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) es fordert, läuft hier ins Leere. "Ich verstehe die Sorgen der Politik angesichts der Infektionszahlen, ich kann aber nur für die Allianz sprechen: Bei uns kann jeder Mitarbeiter von zu Hause arbeiten, und das nicht nur 24 Tage", sagt Wagner. Sie verweist auf eine sehr hohe Akzeptanz in der Belegschaft. Vor der Pandemie hatte jeder zweite Mitarbeiter das mobile Arbeiten an einem Tag in der Woche genutzt, jetzt sind es neun von zehn Beschäftigten an jedem Wochentag.

Allerdings weiß die 46 Jahre alte Mutter einer zehnjährigen Tochter, dass gerade die Kombination aus Homeoffice und Homeschooling der Familie viel abverlangt. Aus dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr wollte die Allianz die richtigen Lehren ziehen. Deshalb wurden im April und Mai 7000 Mitarbeiter in aller Welt befragt, es gab Diskussionen mit Geschäftsführern verschiedener Allianz-Gesellschaften und eine Marktumfrage unter Kollegen und Wettbewerbern. Immer wieder, sagt Wagner, hätten die Mitarbeiter dabei den Wunsch geäußert, auch nach der Corona-Pandemie möglichst flexibel arbeiten zu können.

Herausgekommen ist das sogenannte Allianz New Work Model. In dem Projekt soll jetzt das umgesetzt werden, was die Allianz im Corona-Jahr 2020 gelernt hat. Schwerpunkte des neuen Arbeitsmodells sind Wagner zufolge die Mitarbeiter, Kunden, Organisation und Kultur sowie die Widerstandsfähigkeit. Ausdrücklich kein Ziel sei es, eine Homeoffice-Quote festzulegen oder ein Sparziel aus künftig nicht mehr benötigter Bürofläche zu erreichen, sagt Wagner. "Die Allianz ist in der Krise stärker geworden. Das wollen wir uns zunutze machen und unseren Mitarbeitern künftig ein Umfeld bieten, das ihnen mehr Flexibilität garantiert. Dieser kulturelle Wandel bedeutet mehr Verantwortung für die Mitarbeiter, gleichzeitig müssen Führungskräfte auch loslassen. Dem virtuellen Arbeiten sind jedoch dort Grenzen gesetzt, wo soziale Kontakte nötig sind: Zusammenhalt entsteht nicht im Homeoffice." 

Das Gefühl, in einer Gemeinschaft stärker zu sein, prägte Wagner von klein auf, wie sie erzählt. Sie wuchs bis zu ihrem zwölften Lebensjahr in der kommunistischen Diktatur Rumäniens auf. Ihr Vater war Pastor der deutschen Minderheit in Siebenbürgen. "Seit meiner Kindheit weiß ich, dass man sich selbst in Extremsituationen besser kennenlernt. In Rumänien wusste meine Familie früher nicht immer, wie wir einen kalten Winter überstehen würden. Ich habe früh gelernt, dass Probleme relativ sind, und schätze seither eine Gemeinschaft, die zusammenschweißt." 

Wagner gibt zu, dass das vergangene Jahr ein Stresstest für die Allianz und ihre Mitarbeiter war. Um generell Hilfe in Krisenzeiten anbieten zu können, hat sich der Konzern die Dienste des Startups Hello Better gesichert, das psychologische Unterstützung via Internet anbietet. Seit einigen Wochen können auch Kunden der Allianz-Krankenversicherung an den sechs- bis achtwöchigen Online-Trainingsprogrammen von Hello Better teilnehmen. 

Wagner will, dass die Allianz in solchen Dingen Vorreiter ist. So wie der Konzern sich schon vor mehr als zehn Jahren zu Frauenförderung und Vielfalt bekannt hat. Bereits unter Allianz-Chef Michael Diekmann gab es mit Helga Jung die erste Frau im Konzernvorstand, unter Nachfolger Oliver Bäte, dessen Büro Wagner einst geleitet hat, sind es inzwischen drei. Wagner hat theoretische Mathematik in Paderborn studiert, kam 2013 von der Zürich Versicherung nach München und ist seit Januar 2020 für Personalwesen, Compliance und auch Mergers & Acquisitions zuständig. 

Die gesetzliche Regelung eines Frauenanteils in Führungsfunktionen findet Wagner hilfreich. "So ein Gesetz hat auf jeden Fall Signalwirkung. Bei der Allianz haben wir schon vor mehr als zehn Jahren erkannt, dass Vielfalt unbedingt notwendig für die Wettbewerbsfähigkeit ist. Unsere gut hundert Millionen Kunden in aller Welt sind vielfältig, da müssen wir es auch sein." Seit Jahren gebe es im Konzern ein Netzwerk von Frauen in Führungsfunktionen. Und nicht ohne Stolz nennt sie den Frauenanteil der rund 18 000 Führungskräfte: "38 Prozent unserer Manager sind weiblich." Das sei noch ausbaufähig, sagt Wagner. Unzufrieden ist sie mit der Quote jedoch keinesfalls.

Alle Rechte vorbehalten. Copyright Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

nach oben
Comments (0)

You don't have access to post comment.

Das könnte dich auch interessieren