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Berater dringend gesucht

Berater beim Arbeiten [Quelle: unsplash.com, Autor: Adeolu Eletu]

Quelle: unsplash.com, Adeolu Eletu

Beratungen und Wirtschaftsprüfer rekrutieren so viele Talente wie lange nicht. Doch die Branche verliert bei Bewerbern an Gunst – ihr droht Personalmangel.

Die großen Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Deutschland suchen für den erwarteten Boom in den kommenden Jahren so viel Personal wie lange nicht mehr. Die zehn führenden Prüfungshäuser und zehn führenden Beratungsfirmen wollen in diesem und im kommenden Jahr in Summe fast 27.000 Consultants und Prüfer einstellen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Handelsblatts unter den 20 Firmen. EY, PwC und Deloitte planen je mit rund 5000 Neueinstellungen, McKinsey und BCG mit über 1000.

Der hohe Bedarf trifft auf eine für die Branche ungünstige Entwicklung: Viele junge Leute scheuen etwa die herausfordernden Examina als Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, in der Wirtschaftsprüfung zeigt sich zudem Zurückhaltung infolge des Wirecards-Skandals.

"Letztlich buhlen alle Firmen um denselben erlauchten Personenkreis, und wem es nicht gelingt, ein hochattraktives Arbeitsumfeld zu bieten, der steuert auf einen handfesten Personalmangel zu."

Die Beraterbranche hat das erkannt und will den Nachwuchs mit möglichst flexibler Arbeitszeit, hohen Budgets für Weiterbildung und steigenden Gehältern locken.Viele Gesellschaften sehen sich schon jetzt in ihrem Wachstum gebremst, weil sie nicht genügend Nachwuchs finden, zeigt die Handelsblatt-Umfrage. 

Dazu kommt: Die Branche hat an Gunst bei den Toptalenten verloren. "Wir erwarten daher, dass sich der Kampf um die Talente in den nächsten Jahren noch deutlich verschärfen wird", sagt Daniel Nerlich von Odgers Berndtson.

Alle großen Prüfungs- und Beratungsgesellschaften haben aktuell erheblichen Nachholbedarf beim Personal. Im Pandemiejahr 2020 haben sich viele Anbieter mit Neueinstellungen zurückgehalten.

Doch jetzt müssen sie sich personell für das angepeilte Wachstum in den kommenden Jahren rüsten. Die Ambitionen sind groß: Bis 2026 rechnen die Beratungsfirmen mit jährlichen Zuwachsraten von zehn bis elf Prozent, wie eine aktuelle Umfrage des Marktforschers Lünendonk zeigt.

Zusätzlich zum Dauerbrenner digitale Transformation bringt das nächste große Managementthema bereits jetzt viel Geschäft: der Umbau zur klimaschonenden Wirtschaft. Eine Analyse der Jobbörse Stepstone bestätigt den Boom.

Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfer haben auf der Plattform im Juni 2021 mehr als doppelt so viele Gesuche eingestellt wie noch im Juni 2020. Auch verglichen mit Juni 2019 stieg die Zahl der Stellenangebote um 63 Prozent.

Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Toptalente in die Consulting-Branche gehen.

Daniel Nerlich, Partner bei Odgers Berndtson

Die Zahl der Jobofferten für Führungskräfte in der Branche klettert im Juni 2021 verglichen mit dem Vorjahresmonat um 93 Prozent. Die Handelsblatt-Umfrage zeigt: Allein die zehn größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Deutschland wollen bis Ende 2022 fast 22.000 Jobs neu besetzen.

Bei den führenden zehn reinen Beratungsfirmen sind es noch einmal rund 5000. Die gewünschten Profile ähneln sich stark. Gesucht wird vor allem Personal mit Expertise im Bereich Digitalisierung und bei Nachhaltigkeitsthemen, die unter dem Begriff ESG zusammengefasst werden.

KPMG etwa bezeichnet ESG als "vielleicht größten Megatrend unserer Zeit". Konkurrent PwC will in den kommenden fünf Jahren weltweit 100.000 Talente einstellen – unter anderem mit Schwerpunkt auf ESG.

Digitalexperten für Blockchain und KI dringend gesucht

Gefragt sind dafür vor allem Ingenieure und Absolventen der MINT-Fächer, also Beschäftigte mit Abschlüssen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik. So sucht Oliver Wyman Personal für das Thema ESG, aber auch für den Bereich Green Finance.

Für Deloitte sind vor allem die Talente attraktiv, die technisches Know-how mit wirtschaftlichem Verständnis verbinden. Fachkräfte mit Expertise in der Digitaltechnik sind weiterhin stark gesucht. McKinsey und Boston Consulting fahnden verstärkt nach Digital- und Analytics-Talenten mit möglichst aktuellem Know-how.

Denn bei McKinsey etwa entfällt mittlerweile die Hälfte des Geschäfts auf Beratungsangebote, die es erst seit weniger als fünf Jahren gibt. Der Bedarf ist bei Anbietern jeglicher Größe hoch. Die Marketing- und Vertriebsspezialisten von Simon Kucher aus Bonn suchen Berater für Digital Strategy oder Data Science.

Bain will Softwareingenieure engagieren. Die Prüfungsgesellschaft EY will verstärkt Berufserfahrene mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Bezug einstellen: Sie sollen sich mit Blockchain, Robotic Process Automation und Künstlicher Intelligenz (KI) auskennen.

Bei den Prüfungsgesellschaften zieht sich das Etikett "digital" durch alle Geschäftsbereiche. PwC, EY, KPMG und Deloitte bauen ihre Expertise beim Megathema Cybersicherheit aus. Wirtschaftsprüfer sollen mit KI bessere Audits abliefern. Beim kleineren Anbieter Ebner Stolz sind Steuer- und Rechtsberater erwünscht, die mit Softwarearchitektur und Datenanalyse versiert arbeiten können.

Roland Berger hat Bedarf "an allen Branchen und Funktionsbereichen". Besonders hoch sei er an Consultants mit Restrukturierungsexpertise. Schließlich haben viele Firmen unter der Pandemie gelitten und müssen ihre Geschäftsprozesse neu ausrichten.

Die Transformation von Unternehmen oder der Beratungsbedarf zu den Themen "Intelligente Industrie" oder "Neue Arbeitswelten" sind für die Managementberatung Capgemini Invent zentrale Wachstumsfelder, die sich in entsprechenden Jobofferten zeigen.

Als weitere Herausforderung im Recruiting kommt hinzu: Bei den Kunden sind gemischte Teams erwünscht. Gerade Frauen dürften in der Beraterbranche künftig bessere Chancen haben. Von Roland Berger in München heißt es, dass man "einen besonderen Fokus auf die Rekrutierung von weiblichen Talenten" setze. Bei BCG sind nach eigenen Angaben schon 40 Prozent der Neueinstellungen Frauen.

Bei der Nachwuchsfahndung wollen die Berater aus einem möglichst großen Topf schöpfen: "Das Studienfach ist bei der Bewerbung unerheblich", sagt McKinsey-Rekrutierungschef Mathias Huber. BCG stelle auch Mediziner oder Juristen ein, sagt Partnerin Carolin Eistert.

"Exzellente akademische Leistungen sowie Praxis- und Auslandserfahrungen sind Grundvoraussetzung." Bain erwartet Hochschulabsolventen, die zu den 15 Prozent Besten ihres Jahrgangs zählen. Die Technologieberatung Accenture verlangt zwar nicht, dass Berater "zwingend mit allen Programmiersprachen bis ins Detail vertraut" sind.

Allerdings sei ein Grundverständnis wichtig und "Neugier auf dieses Thema, um am Ball zu bleiben". Die besten Voraussetzungen hätten Ingenieure, Absolventen aus der Wirtschaftsinformatik oder von naturwissenschaftlichen Studiengängen.

So weit die Wünsche und Anforderungen. In der Praxis jedoch wird es für weite Teile der Consultingbranche immer schwieriger, die Positionen mit exzellenten Kandidaten zu besetzen. Denn die Dienstleister sind in der Gunst qualifizierter Arbeitnehmer zuletzt zurückgefallen.

So haben im aktuellen Trendence-Ranking, einer Befragung unter 25.000 Akademikern in Deutschland, sowohl McKinsey, EY, Deloitte, KPMG, Accenture als auch BCG allesamt deutlich an Ansehen verloren.

"Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Toptalente in die Consulting-Branche gehen", beobachtet Personalexperte Nerlich von Odgers Berndtson, der auf diesen Markt spezialisiert ist.

"Erstklassige Absolventen zieht es genauso zu Start-ups, und es bieten sich zunehmend vergleichbar attraktive Karrieren in der Industrie."

Wie die Wirtschaft insgesamt sind auch die Consultants vom Fachkräftemangel bedroht. Bei diesem Thema sei die Beratungsbranche "keine Ausnahme", sagt Oliver-Wyman-Deutschlandchef Kai Bender.

Dass es selbst für die Topberatungen immer schwieriger wird, passende Talente zu finden, räumen viele Firmen ein.

Von Simon Kucher heißt es: "Insbesondere der Digital- und IT-Markt sind heiß umkämpft." McKinsey berichtet zwar von 30.000 Bewerbungen auf 800 offene Stellen im Jahr 2020. Doch diese "themengenau dem Bedarf und unseren Kriterien entsprechend zu finden ist nicht immer trivial", sagt Rekrutierungschef Huber.

Mehrere Firmen erklären den Talentmangel in der Handelsblatt-Umfrage schon zu ihrer größten Herausforderung. Für die Prüfungsgesellschaft Baker Tilly wird der Fachkräftemangel nach eigenen Angaben „zusehends zu einem limitierenden Faktor“.

Konkurrent Mazars stuft den Mangel als Geschäftsrisiko ein, der neue Strategien beim Marketing für die Arbeitgeberattraktivität und im Recruiting erfordert. Für die Wirtschaftsprüfer kommt hinzu: Der Berufsstand hat unter den Diskussionen über die Qualität der Arbeit im Zuge des Wirecard-Skandals gelitten, es gibt künftig eine verschärfte Haftung.

"Beides schreckt viele Talente ab, auch wenn sie in keinem anderen Bereich einen so tiefen und umfassenden Einblick in die Funktionsweise von Unternehmen bekommen können wie in der Wirtschaftsprüfung", sagt Thomas Edenhofer, Audit- und Advisory-Chef bei Baker Tilly. Weil sich Toptalente ihre Jobs aussuchen können, überbieten sich die Arbeitgeber mit Lockangeboten.

Offiziell will keine der vom Handelsblatt befragten Firmen über Gehälter reden. Lange Zeit galt als Richtwert ein Einstiegsgehalt zwischen 45.000 und 60.000 Euro. Auf Partnerebene ging es bei 145.000 Euro los, wie Zahlen des Branchenverbands BDU aus dem Jahr 2018 zeigen.

Mittlerweile werden vielfach deutlich höhere Werte aufgerufen, heißt es unter Personalexperten. Bei guten, erfahrenen Leuten ist der Wechsel meist mit einem ordentlichen Antrittsgeld verbunden, um Risiken und Bonusverlust auszugleichen.

Geld ist aber nicht alles. Accenture wirbt damit, dass Mitarbeiter ihren Vertrag flexibel anpassen können und sich etwa Urlaubstage zu- oder verkaufen lassen. Bei Roland Berger können sich Beschäftigte jedes Jahr für neue Arbeitszeitmodelle entscheiden.

Sabbaticals, Arbeit in Sozialprojekten und maximale Weiterbildung bieten viele Firmen an. Für Letztere hat allein PwC voriges Jahr in Deutschland 150 Millionen Euro ausgegeben. Prüfer wie Warth & Klein setzen darauf, dass der Nachwuchs bei ihnen mehr unternehmerische Freiheit bekommt als bei den großen Konkurrenten.

Oliver Wyman hebt seine "freundschaftliche Kultur" im Kollegenkreis hervor, Simon Kucher seine "familiäre Unternehmenskultur" und Bain den "Teamspirit". Dass der Beraterjob in der Gunst gelitten hat, liegt auch an den Arbeitsbedingungen: Vier Tage die Woche vor Ort beim Kunden und fernab der Heimat, dazu haben viele junge Leute keine Lust.

Doch da könnte die Corona-Pandemie der Beraterbranche zugutekommen: Denn seit dem Lockdown ist die Projektarbeit mit den Kunden per Videokonferenz kein Tabu mehr. Das bringt Punkte bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Künftig werden viele Firmen eine hybride Mischung aus Präsenztreffen und Videokonferenzen anpeilen.

Capgemini Invent etwa hofft, mehr Berater in Teilzeit anzulocken oder Beschäftigten den Einstieg nach der Elternzeit zu erleichtern. "Die Akzeptanz einer teilweise remoten Zusammenarbeit macht das Consulting-Business auch attraktiver für Kandidaten, für die ein Leben aus dem Koffer nicht vorstellbar war."

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