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"Vielen ist nicht klar, dass sie ein verzerrtes Bild von sich sehen"

Unzufrieden mit dem Aussehen [pexels.com, Autor: Vlada Karpovich]

Quelle: pexels.com, Vlada Karpovich

Videokonferenzen können dazu führen, dass Menschen mit ihrem Aussehen hadern. Die Dermatologin Shadi Kourosh spricht von "Zoom Dysmorphia" und weiß, was dagegen hilft.

Videokonferenzen im Homeoffice, Onlinevorlesungen, virtuelle private Treffen: Seit dem Beginn der Corona-Pandemie haben viele Menschen viel Zeit in Videocalls verbracht und dabei dauernd auf ihr eigenes Gesicht gestarrt. Warum das zu psychischen Problemen und sogar zu dem Wunsch nach Schönheits-OPs führen kann, erklärt die Dermatologin Arianne Shadi Kourosh von der Harvard Medical School. Sie hat gemeinsam mit anderen Forschenden zwei Studien dazu durchgeführt und spricht von einer "Zoom Dysmorphia".

ZEITmagazin ONLINE: Frau Kourosh, Sie haben untersucht, wie sich Videocalls auf unsere Selbstwahrnehmung und unsere psychische Gesundheit auswirken. Ist es für unser beider Wohlbefinden besser, dass wir jetzt am Telefon miteinander sprechen – ohne Kamera?

Arianne Shadi Kourosh: Womöglich! Dabei ist die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ein wichtiger Teil unserer menschlichen Interaktion. Sie hilft uns, einander zu verstehen. Dass sich Menschen trotz einer Pandemie zumindest in Videocalls sehen, hat die Gespräche, Diskussionen und Meetings wahrscheinlich verbessert. Aber so abrupt so viel Zeit in Videokonferenzen zu verbringen, ist schwierig.

ZEITmagazin ONLINE: Warum?

Kourosh: Man sieht nicht nur sein Gegenüber, sondern durch die Frontkamera auch sich selbst. Viele Menschen haben gemerkt, dass sie das einerseits ablenkt und dass sich das andererseits negativ auf ihre psychische Gesundheit auswirkt. Sich selbst täglich stundenlang anzustarren ist unnatürlich. Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit gab es das. Und wir wissen aus der psychologischen Forschung bereits, dass es Menschen stresst und verunsichert, wenn sie sich lange im Spiegel anschauen.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben in einem Artikel für ein Fachmagazin geschrieben, dass Menschen, die übermäßig viel Lebenszeit in Videokonferenzen verbringen, eine "Zoom Dysmorphia" entwickeln können. Was genau verstehen Sie darunter?

Kourosh: Als "Zoom Dysmorphia" bezeichnen wir die negativen Auswirkungen davon, sich täglich stundenlang selbst durch die Frontkamera des Laptops oder des Handys anzusehen. Menschen entwickeln Unsicherheiten und Ängste in Bezug auf ihr Aussehen, sie möchten ästhetische Eingriffe durchführen lassen und erkranken womöglich auch an einer körperdysmorphen Störung.

ZEITmagazin ONLINE: Also an dem psychischen Leiden, den eigenen Körper für hässlich oder entstellt zu halten und gedanklich ständig um die empfundenen Makel zu kreisen.

Kourosh: Was ich einmal klarstellen möchte: Der Begriff "Zoom Dysmorphia" soll ein Bewusstsein für das Problem schaffen, er ist keine medizinische Diagnose. Eine Diagnose wie etwa "körperdysmorphe Störung" wird nach bestimmten Kriterien durch einen Psychotherapeuten oder einen Psychiater gestellt.

ZEITmagazin ONLINE: Ausgangspunkt für Ihre Forschung zur "Zoom Dysmorphia" war, dass ab dem vergangenen Sommer auf einmal viele Menschen zu Ihnen in die Dermatologie kamen, weil sie sich Sorgen über ihr Aussehen machten. Was war da bei Ihnen im Krankenhaus los?

Kourosh: Auf dem Höhepunkt der Pandemie hatten wir nur für Notfälle geöffnet. Die meisten Patienten haben wir telemedizinisch behandelt. Manche Menschen hatten Hautprobleme, die mit einer Covid-Erkrankung zusammenhingen, manche wegen des Masketragens. Damit hatten wir gerechnet. Aber nicht damit, dass sich plötzlich viele Menschen meldeten, weil sie ästhetische Behandlungen durchführen lassen wollten, zum Beispiel mit Botox: Sie sagten Dinge wie "Ich sehe schrecklich aus" und bezogen sich dabei häufig auf Videokonferenzen. Als Hautärztin ist mir bewusst, wie verletzlich Menschen in Bezug auf ihr Äußeres sein können.

Doch es hat sogar mich schockiert, dass sich die Leute mitten in einer Pandemie ausgerechnet um ihr Aussehen solche Sorgen machen. Das war ja lange vor Beginn der Impfkampagne – jeder nicht dringend notwendige Aufenthalt in einer Klinik, etwa für einen ästhetischen Eingriff, bedeutete ein Risiko, sich anzustecken. Ich habe dann mit Kollegen und befreundeten Ärzten gesprochen, die mir erzählten, dass sie das Gleiche beobachten. Daraufhin haben wir eine Studie unter Dermatologen durchgeführt, die unsere Eindrücke bestätigt hat.

ZEITmagazin ONLINE: Was war das Ergebnis dieser Studie?

Kourosh: Mehr als die Hälfte der befragten Ärztinnen und Ärzte meldete einen Anstieg von Patientinnen, die aus ästhetischen Gründen zu ihnen kamen. 86 Prozent der Ärztinnen sagten, dass die Patienten ihr Aussehen in Videokonferenzen als einen Grund dafür nannten. Vorstellig wurden Erwachsene jeden Alters, sowohl Frauen als auch Männer. Es waren insgesamt mehr Frauen. Das könnte aber auch daran liegen, dass Frauen bei Problemen eher zum Arzt gehen, während Männer oft still leiden.

ZEITmagazin ONLINE: Die Zahl der Schönheitsoperationen, Botox- und Fillerbehandlungen steigt schon seit Jahren massiv. Sind es tatsächlich allein die Videokonferenzen, die die Nachfrage nach solchen Eingriffen jetzt zusätzlich steigen lassen?

Kourosh: Nicht nur. Zu den Videocalls, in denen sich Menschen oft durch die Kameraeinstellung in einer ungünstigen Perspektive sehen, kam noch die Isolation. Es gab keine Begegnungen mit anderen Menschen, die einem auch mal Komplimente machen. Stattdessen verbrachten viele mehr Zeit auf Social Media, zwischen lauter bearbeiteten, optimierten Bildern anderer Menschen. Es ist der perfekte Mix, um Unsicherheiten über das eigene Aussehen zu entwickeln.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben ungünstige Kameraperspektiven angesprochen. Inwieweit unterscheidet sich das Bild, das man von sich während eines Videocall sieht, vom eigenen Spiegelbild?

Kourosh: Man kann die Unterschiede zum Spiegelbild ganz gut daran zeigen, wegen welcher ästhetischen Sorgen Menschen ärztlichen Rat gesucht haben. Viele waren unzufrieden mit der Haut entlang ihrer Kieferpartie und an ihrem Hals, sie fanden, dass sie zu schlaff sei. Das ist interessant, denn dieser Eindruck lässt sich vielleicht auch damit erklären, dass viele Leute bei Videocalls nach unten in ihr Handy oder ihren Laptop schauen. Die Kameraperspektive von unten ist nicht besonders schmeichelhaft.

ZEITmagazin ONLINE: Alles im Gesicht scheint zu hängen.

Kourosh: Ja. Es ist vorteilhafter, in eine Kamera auf Augenhöhe zu blicken. Dann kamen viele Menschen auch wegen Falten rund um den Augen, zwischen den Augenbrauen oder auf der Stirn. Ich frage mich, ob es nicht auch daran liegt, dass sie in beruflichen Videomeetings mit ihrem konzentrierten Gesichtsausdruck konfrontiert waren. Natürlich hatten diese Menschen dann zu einem gewissen Grad auch tatsächlich Falten, aber die Videokonferenzen könnten das besonders hervorgehoben haben.

Plastische Chirurgen haben uns auch berichtet, dass die Nachfrage nach Nasenkorrekturen gestiegen ist – das wiederum könnte mit einer Verzerrung durch die Frontkameras von Handys und Laptops zusammenhängen: Die Nase erscheint durch diese Kameras breiter und größer, die Augen wirken dagegen kleiner. Je näher sich das Gesicht vor der Kamera befindet, desto stärker ist die Verzerrung. Bei Selfies ist uns das Problem in gewisser Weise bewusst, nicht umsonst wurde der Selfiestick erfunden. Aber bei Videocalls ist vielen nicht klar, dass sie ein verzerrtes Bild von sich sehen.

ZEITmagazin ONLINE: Wie behandeln Sie die Patientinnen und Patienten, die offenbar mit "Zoom Dysmorphia" zu Ihnen kommen und überlegen, einen ästhetischen Eingriff vornehmen zu lassen?

Kourosh: Ich habe inzwischen eine Liste mit Tipps zusammengestellt. Ich empfehle zum Beispiel, vielleicht erst mal eine externe, hochauflösende Kamera statt der Frontkamera zu verwenden und ein Ringlicht zu benutzen: Beides verbessert das Erscheinungsbild. Ein anderer Tipp ist, die Kamera besser zu positionieren, also weiter vom Gesicht entfernt und so, dass sie sich auf Augenhöhe befindet. Und ich rate dazu, seine psychische Gesundheit zu schützen, indem man die Kamera bei Video Calls deaktiviert, in denen es nicht erforderlich ist, sie anzulassen.

Und indem man auch die Zeit einschränkt, die man auf Social-Media-Plattformen verbringt und sich vielen bearbeiteten Bildern aussetzt. Außerdem kann es hilfreich sein, mit einem Psychologen zu sprechen, wenn man sehr mit seinem Aussehen hadert. Denn wenn eine Person an einer körperdysmorphen Störung leidet, dann verschwindet diese nicht durch einen ästhetischen Eingriff. Daher ist es in der ästhetischen Medizin sehr wichtig, sicherzugehen, ob eine solche Behandlung tatsächlich das Richtige für den Patienten ist.

ZEITmagazin ONLINE: Außer mit Ringlichtern und besseren Kameras kann man sich in Videokonferenzen auch ins beste Licht zu rücken, indem man einen Beautyfilter des Konferenzprogramms benutzt.

Kourosh: Wir haben diesen Sommer eine Onlineumfrage mit mehr als 7000 Teilnehmenden durchgeführt, deren Ergebnis dagegen spricht, solche Filter zu nutzen. Die Mehrheit aller Befragten gab an, Stress oder Angst zu empfinden, sich nun wieder in echt mit anderen Menschen zu treffen. Als einen Hauptgrund dieser Angst nannten die Teilnehmenden, dass sie sich über ihr Aussehen sorgen. Diejenigen, die auf Social Media und in Videokonferenzen Filter benutzen, litten noch deutlich häufiger unter solchen Ängsten als jene, die keine Filter verwenden.

ZEITmagazin ONLINE: Nach allem, was Sie aus Ihrem Arbeitsalltag und Ihren Untersuchungen über die negativen Auswirkungen von Videocalls gelernt haben: Wie viel Zeit in Videokonferenzen halten Sie für unschädlich?

Kourosh: Ich denke, das ist individuell verschieden. Aus diesem Grund ist es meiner Meinung nach das Wichtigste, ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen, so dass Menschen die möglichen Auswirkungen der Videocalls kennen und darauf achten können, ob sie bei sich Symptome beobachten. Und dann können sie schauen, was ihnen persönlich dagegen hilft: die Kamera ausstellen, den Laptop auf einen Stapel Bücher stellen oder ihre Social-Media-Zeit reduzieren. Ohne Aufklärung fühlen sich die Leute einfach nur schrecklich und denken, dass es an ihrem Aussehen liegt.

ZEITmagazin ONLINE: Wäre der Mensch glücklicher, wenn er sich nie im Spiegel oder in Webcams sehen müsste?

Kourosh: Ich habe mal gehört, dass es noch Orte auf der Welt gibt, an denen Menschen keine Spiegel haben. Es wäre eine interessante Forschungsfrage, das Glücksempfinden und das Selbstwertgefühl dieser Menschen zu vergleichen mit denen von Menschen aus westlichen Gesellschaften, in denen wir geradezu obsessiv in den Spiegel blicken und ständig mit unserem Anblick auf Bildschirmen konfrontiert sind.

ZEITmagazin ONLINE: Haben die Ergebnisse Ihrer Studien Ihren eigenen Umgang mit Videokonferenzen verändert?

Kourosh: Ja. Wenn es möglich ist, mache ich jetzt eher die Frontkamera aus.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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