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Wenn der Stress nachlässt

Entspannung, Urlaub, Wasser, See, Beine [Quelle: unsplash.com, Autor: Simon Migaj]

Quelle: unsplash.com, Simon Migaj

Endlich Urlaub! Doch statt sich zu erholen, wird man krank: Erkältung, Rückenschmerzen, Migräne. Manche Menschen trifft dieses Phänomen immer wieder. Was steckt dahinter, und vor allem: Wie kann man es verhindern?

Was wünscht sich der erholungsreife Urlauber für die freie Zeit? Vermutlich steht bei den meisten ganz oben auf der Liste: ausschlafen, mit der Familie frühstücken, Sport treiben, in der Sonne faulenzen, in Ruhe lesen – kurzum, die angenehmen Seiten des Lebens genießen und vor allem bitte nicht krank werden. Doch leider sieht die Realität manchmal anders aus. Viele kennen das Phänomen, kaum haben die Ferien begonnen, wird man von einer banalen Erkältung, Magen- oder Rückenschmerzen, Übelkeit, Migräne- oder Asthmaattacken heimgesucht. Und neben den körperlichen Beschwerden treibt einen dann die Frage um: Warum ausgerechnet jetzt?

Auslöser dieser Beschwerden ist – so grotesk es klingt – die zu Beginn des Urlaubs oder auch am Wochenende eintretende Entspannung. Oder, wie es Arne May ausdrückt, Leiter der Kopfschmerzambulanz des Universitätsklinikums Eppendorf: der "Stressentzug".

Für die Weltgesundheitsorganisation ist Stress eine der massiven Gesundheitsgefahren unserer Zeit. In ihrem "Global Health Risks Report" schreibt sie, dass es in Industrieländern immer häufiger evidenzbasierte Nachweise für eine Verlinkung von Stress am Arbeitsplatz mit dem Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und auch Depression gibt. Mediziner der Universität Harvard wiesen 2016 nach, dass Menschen, die unter Dauerstress stehen, ein ähnlich hohes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall haben wie Raucher. Stress kann dabei nicht nur durch einen fordernden Chef und permanente Arbeitsüberlastung ausgelöst werden, sondern auch durch Ausgrenzung oder Geringschätzung, beispielsweise durch Mobbing.

Chronisch aktiviertes Stress-System

Dieser soziale Stress tritt auch im privaten Bereich, in Familien oder bei Beziehungskonflikten, auf. Die Forschungsgruppe "Sozialer Stress und Familiengesundheit" vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften schreibt auf ihrer Website: "Heute ist es die menschliche Neigung, aus rein psychosozialen Gründen Stress zu empfinden, die unser Stress-System chronisch aktiviert und uns in Folge dessen anfällig für stress-assoziierte Erkrankungen macht."

Natürlich haben Diabetes, Herzinfarkt oder Depression andere Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen als punktuell auftretende Infekte oder Magenschmerzen. Trotzdem sind auch diese sogenannten Poststress-Symptome – von einer niederländischen Forschergruppe wurde auch der Begriff "leisure sickness", also Freizeitkrankheit, geprägt – nicht zu unterschätzen.

Was genau sie entstehen lässt, ist in manchen Fällen klar, in anderen nicht. So erläutert Neurologe May zur Migräne: "Es gibt zwei Patiententypen. Die einen bekommen die Attacken unter Stress. Der größere Anteil reagiert jedoch auf dessen Entzug." Laut May könnte eine mögliche Erklärung sein, dass diese Personen unter Anspannung einen relativ hohen Endorphin-Level aufweisen, was Attacken verhindere. Wenn dann die Produktion von Endorphinen, körpereigenen Opioide, die schmerzlindernd wirken, gedrosselt werde, komme die Attacke zum Ausbruch. Dies sei bislang aber nur eine Vermutung.

In der Hamburger Kopfschmerzambulanz, einer der größten des Landes, werden jährlich mehr als 1.000 Patienten behandelt. 14 Prozent aller Deutschen leiden unter Migräne, also unter attackenartigem, pulsierendem Kopfschmerz, der ohne medikamentöse Behandlung zwischen vier und 72 Stunden dauert und mit Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit und teilweise auch Erbrechen einhergeht. Für Migräne gilt, dass sie zum einen genetisch bedingt, gleichzeitig aber eben auch abhängig ist von äußeren Faktoren. Und einer dieser Faktoren ist Stress.

Aber unabhängig von diesen Kopfschmerzen, ist es auch der Stress, der bei anderen zu Urlaubsbeginn oder nach einer längeren Lern- und Prüfungsphase zu einer Erkältung oder zu Magen-Darm-Problemen führt? Hört man Experten zu und schaut sich die Abläufe im Körper an, liegt die Antwort nahe: Ja.

In einer akuten Stresssituation werden auf ein Signal des Gehirns hin zunächst die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin und in einem zweiten Schritt auch Kortisol freigesetzt. Das sympathische Nervensystem arbeitet auf Hochtouren: Der angestiegene Hormonspiegel sorgt dafür, dass sich die Atmung verstärkt, der Herzschlag erhöht, der Blutzuckerspiegel steigt. Dadurch werden Muskeln und Hirn verstärkt mit sauerstoffreichem Blut und somit Energie versorgt. Unsere Urväter konnten so hoch aufmerksam in eine Kampf- oder Fluchtsituation gehen. Für uns heute bedeutet es, dass wir beispielsweise große Mengen an Lernstoff verarbeiten können. Kurzfristiger Stress führt also zu einer gesteigerten Aktivität des Immunsystems.

Ausgebrannt, müde und lethargisch

Nachteil dabei: Der Gegenspieler des hochaktiven Sympathikus, das parasympathische Nervensystem, bekommt zu wenig Spielraum. In einer einsetzenden Ruhephase holt es sich dann, was ihm während der Stressphase nicht möglich war: ein Übermaß an Erholung. Dies äußert sich bei den Betroffenen unter anderem in Abgeschlagenheit. Und gleichzeitig sorgt ein über längere Dauer erhöhter Kortisolwert auch noch dafür, dass der Organismus das Immunsystem herabfährt. Die Anfälligkeit gegenüber Infektionen steigt.

Die Psychologin Sandra Waeldin beschäftigt sich seit Jahren wissenschaftlich, aber auch praktisch mit Poststress-Symptomen. Sie macht die Erfahrung, dass Menschen sehr unterschiedlich auf Stress reagieren. "Einer wird nach Stress krank, der andere nicht. Der eine hat Schmerzen, der andere zeigt eine Reizbarkeit."

Trotz fehlender Muster versuchte Waeldin vor fünf Jahren gemeinsam mit weiteren Forschern festzustellen, welche Menschen unter Entspannung körperliche Beschwerden zeigen. Die Erkenntnis: Besonders ausschlaggebend für die Entstehung von Poststress-Symptomen war die subjektiv wahrgenommene Erschöpfung. So litten 75 Prozent der Menschen, die sich selbst als ausgebrannt, müde und lethargisch empfanden, auch an Poststress-Symptomen. Menschen, die sich als gesund beschrieben, zeigten hingegen so gut wie keine Anzeichen. Deshalb schlussfolgerten die Stressforscher, dass Poststress-Symptome eine Unterform der Erschöpfung sind, die bei bestimmten Fehlregulationen der körpereigenen Stress-Systeme auftreten.

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