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Als Yogalehrerin gestresster als zuvor

Antonia Krausig*, 24

gab ihr Studium und ihren Job im Café auf, um Yoga zu unterrichten. Nach einem halben Jahr war sie gestresster als zuvor.

Im Jahr 2017 beschloss ich: Ich will nicht mehr arbeiten, nur um Geld zu verdienen. Ich wollte etwas tun, das mich erfüllt. Ich legte meine Studienpläne vorerst beiseite, kündigte den Caféjob, der meine Miete zahlte, und meldete ein Gewerbe als Yogalehrerin an. Yoga schien mir als Gegenentwurf zum Schneller-Höher-Weiter, dessen ich müde geworden war, die perfekte Alternative. Das stille, meditative In-Sich-Hineinhorchen und das gemeinsame Singen von Mantras gaben mir Ruhe und Selbstvertrauen – also das, wonach ich mich am meisten sehnte. Dieses Gefühl wollte ich teilen. Doch schon ein halbes Jahr später habe ich genau das Gegenteil erreicht: Ich hatte mein eigenes Gleichgewicht verloren, zweifelte an mir selbst – und erwischte mich immer häufiger dabei, dass meine Gedanken ständig ums Geld kreisten.

Yoga war während einer schwierigen Zeit ein effektives Werkzeug geworden: Nach dem Abitur in Berlin war ich nach Kapstadt gegangen, um dort Kunst zu studieren. Meine Familie kommt ursprünglich aus Südafrika und der Großteil meiner Verwandtschaft wohnt noch immer dort. Doch das Kapstadt meiner Kindheit sah ich nun mit andren Augen. Diese wunderschöne Stadt zwischen Bergen und traumhaften Stränden zeigte mir ihre hässliche Seite aus Verbrechen, Hektik, Gewalt und Armut. Ich war ständig unruhig und fühlte den Stress, der von der Stadt ausging. Obwohl mich meine Eltern nach Möglichkeit unterstützten, arbeitete ich, wie alle Menschen in Kapstadt, ununterbrochen, um Miete und das Studium finanzieren zu können. Ich kellnerte in einem Restaurant und half in einer Smoothie-Bar aus. Zeit und Geld waren immer knapp: Denn trotz der geringen Löhne in Kapstadt sind die Mieten nahezu genauso hoch wie in Deutschland. Viel Zeit, um Menschen kennenzulernen oder mich auf meine Kunst zu konzentrieren, blieb nicht. 

Ich begann, mich immer einsamer zu fühlen, war überfordert und zog mich immer mehr zurück. Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch, doch in Kapstadt lernte ich eine Seite von mir kennen, die traurig, ängstlich und verunsichert ist. Trotzdem sagte ich mir jeden Tag: "Da musst du jetzt durch!" Und: "Du bist schließlich erwachsen!" 

Yoga gab die alte Sicherheit zurück

Was mir in dieser Zeit half, war Yoga – und um ganz präzise zu sein Kundalini, eine spezielle Form von Yoga, die besonders auf Meditation und Atmung setzt. Anfangs machte ich die Übungen für mich allein zu Hause. Nach ein paar Monaten besuchte ich einen Kurs und fühlte mich das erste Mal seit Langem wieder wie ich selbst. Die Meditation gab mir die Sicherheit zurück und öffnete mir neue Perspektiven. Ich konnte mir ehrlich eingestehen, dass Kapstadt nicht mein Zuhause war und ich wieder nach Berlin wollte. Mir wurde auch klar, dass ich nicht weiter studieren möchte, auch wenn ich ein sehr gutes Abitur hatte. Stattdessen wollte ich etwas tun, das mir wirklich etwas bedeutet, und nicht einem Druck von außen folgen, der mir einen Weg vorschreibt.

Zurück in Berlin begann ich eine Yogaausbildung. Damit ich mir das leisten konnte, arbeitete ich wieder in einem Café – und je intensiver ich mich mit dem Kundalini befasste, desto mehr merkte ich, wie gut es mir tat: Ich ging aufrechter, meine Stimme wurde klarer, mein Selbstbewusstsein festigte sich. Um dieses Gefühl an andere weiterzugeben, kündigte ich später den Kellnerjob und machte mich als Lehrerin selbstständig.

Ich mietete mir einen eigenen Raum, kaufte Matten, verteilte Flyer. Meine Klassen waren zwar besucht, jedoch reichte das nicht, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. In Berlin zahlen die Menschen in der Regel nicht mehr als zehn oder zwölf Euro die Stunde. Bei zehn Schülern waren das etwa 100 bis 120 Euro. Abzüglich der 25 Euro Raummiete und dem Geld für die Reinigung.

Ich begann Vertretungsstunden in anderen Yogastudios zu geben. Aber auch das lohnte sich finanziell kaum: Einmal fuhr ich für einen Kurs bis ans andere Ende der Stadt und stand dort vor drei Schülern. Abzüglich meiner Fahrkarte brachte mir der Kurs plus anderthalb Stunden An- und Abfahrt nicht mehr als 25 Euro. Manchmal mietete ich mich auch in andere Yogastudios ein. In solchen Fällen musste ich jedoch eine Provision bezahlen. Selbst wenn der Kurs gut besucht war, blieben für mich am Ende meistens nicht einmal 40 Euro.

Das ist das Schwierige an der Selbstständigkeit als Yogalehrerin: Man weiß nie, wie viele Schüler am Ende zu einem Kurs kommen. An einem Tag sind es zehn oder zwölf, am nächsten nur zwei oder drei. Ich sagte mir immer wieder, dass das nichts mit mir zu tun hat.

Trotzdem fing ich an, an mir zu zweifeln. Langsam veränderte sich meine Perspektive. Ich rechnete während des Unterrichtens aus, wie viel Geld ich am Ende machen würde. Plötzlich ging es nicht mehr darum, Menschen zu helfen, sondern darum, Rechnungen zu bezahlen.

Es war paradox: Ich habe mit dem Unterrichten angefangen, weil ich aus der Berufswelt aussteigen wollte, in der Geld die Hauptmotivation ist, und nun war ich wieder voll drin. Yoga wurde immer mehr zum Geschäft und mit jeder Woche, die verging, drehten sich meine Gedanken immer mehr ums Geld.

Dazu kam der Zwang zur Selbstvermarktung. Yogakurse lassen sich gut über Fotos bei Instagram bewerben, am besten mit solchen, auf denen man im Kopfstand oder Lotussitz lächelnd in die Kamera schaut – wenn möglich bei Sonnenuntergang. Diese zu machen, kostete nicht nur mehr Zeit als gedacht. Dieses Marketing rückte auch von dem ab, was ich mir als Ziel und Perspektive gesetzt habe. Yoga ist schließlich mehr als eine hübsche Pose. Es geht ums Atmen, um Klarheit und um Selbstbewusstsein. Ein Foto neigt dazu, nur auf Äußerlichkeiten zu reduzieren. 

Auch der finanzielle Druck nahm mir das Gefühl der Ausgeglichenheit, das für den Unterricht so wichtig ist. Als ich nach etwa sechs Monaten meine Miete nicht mehr zahlen konnte und meiner Krankenversicherung einige hundert Euro schuldete, entschied ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Außerdem wurde mir klar, dass die Vorstellung, aus dem Leistungsdruck ganz aussteigen zu können, utopisch ist. Zumindest solange man in Deutschland lebt und die Miete und die Krankenversicherung bezahlen muss. Auch Menschen, die ihre Leidenschaft zum Beruf machen, müssen den Gesetzen des Marktes gehorchen. Wer sich als Yogalehrerin selbstständig machen will, sollte sich daher genau überlegen, worum es ihm geht: Will ich Yoga für mich und meine Schüler machen – oder will ich Geld verdienen?

Ich habe beschlossen, dass Yoga für mich kein Business werden soll. Weswegen ich wieder einen zusätzlichen Job angenommen habe. Ich arbeite bei einem Start-up im Bereich Gesundheit im Büro, lege Rechnungen ab, organisiere die Termine des Chefs – allerdings nicht Vollzeit, sondern nur drei Tage in der Woche. Denn auch wenn die Selbstständigkeit mitunter mehr Stress war als Om, ist Yoga etwas, das ich alleine und auch mit anderen weiter praktizieren möchte. Ich unterrichte deshalb auch heute noch. Allerdings nur noch einmal die Woche und ohne finanziellen Druck.

Meinen kurzen Ausstieg bereue ich trotzdem nicht. Er war zwar temporär, dafür habe ich die Ruhe gefunden, um dort anzukommen, wo ich jetzt bin und einen gesunden Mittelweg gefunden. Heute weiß ich: Viel Geld zu haben, ist mir tatsächlich nicht wichtig. Auch einen Bürojob von Montag bis Freitag kann ich mir kaum vorstellen. Aber um Yoga mit ganzem Herzen unterrichten zu können, braucht es doch einen freien Kopf – und keinen voller Geldsorgen.

*Name von der Redaktion geändert, da die Protagonistin berufliche Nachteile fürchtet

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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