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Wer braucht denn hier Selbstdisziplin? Ein Streitgespräch

Erschöpft [Quelle: unsplash.com, Fred Mouniguet]

Quelle: unsplash.com, Fred Mouniguet

Ist Selbstdisziplin eine unverzichtbare Tugend? Oder entspringt sie einem falschen Leistungs-Verständnis? Die e-fellows.net-Redakteure Nicole und Lino tauschen Argumente aus.

Dafür! (Nicole)

Schenk Selbstdisziplin etwas Vertrauen und wisch für sie nach rechts, auch wenn sie dir wie eine langweilige Spießerin vorkommt.

Nicole

Hand aufs Herz: Beim berühmten Marshmallow-Test wäre ich eins der Kinder gewesen, die das Marshmallow nicht sofort verschlungen, sondern brav gewartet und dafür dann eine Extra-Süßigkeit bekommen hätten. Nicht etwa, weil ich schon damals so viel Selbstdisziplin besessen hätte (das hätte mich für den Erfolg prädestiniert – zumindest laut den Erfindern des Experiments), sondern weil ich ein Streberkind war und gern gelobt werden wollte.

In der Tat waren Selbstdisziplin und ich nicht immer Freunde. Lange Zeit hätte ich sie eher als eine entfernte Bekannte beschrieben, die mir alle paar Wochen mal begegnet ist und mir mit ihrem perfekten Leben den proverbialen Tritt in den Hintern verpasst hat, damit ich mein Leben wieder halbwegs in den Griff bekomme.

Uns hat also viele Jahre eher Abneigung verbunden. Doch dann kam irgendwann die Wende.

Mir wurde klar, dass ich meine sporttreibende, frühaufstehende, Kale-Chia-Acai-Smoothie-trinkende Bekannte zwar einerseits als furchtbare Spaßbremse empfand. Aber meist fiel mir während des Naserümpfens auf, dass diese Antipathie vor allem daherkam, dass Miss Disziplin mich dazu brachte, mir an die eigene Nase zu fassen. Denn eigentlich fände ich es ziemlich cool, noch eine Fremdsprache zu lernen, einen Marathon zu laufen oder auch nur meine Wohnung mal wieder gründlich zu putzen. Zwischen mir und diesen Vorhaben lagen meist zwei Dinge: meine guten Freunde Faulheit und Bequemlichkeit.

Faulheit, Bequemlichkeit und ich, wir sind ein goldenes Trio. Gut, auch hier gab es, wie in jeder Freundschaft, Höhen und Tiefen. Während Prüfungsphasen im Studium haben wir uns kaum gesehen, obwohl die beiden ständig versuchten, mich zu einem Treffen zu überreden. Insgesamt haben wir drei aber einen Großteil meiner Freizeit zusammen verbracht – und tun es noch. Sind wir drei beisammen, wird es immer ein angenehmer Abend.

Aber wenn ich ehrlich bin, fehlt mir bei den beiden oft die Herausforderung. Sie geben immer sofort nach und nie richtig Kontra. Viel gebacken kriege ich mit ihnen auf jeden Fall nicht. Manchmal hing ich nur mit ihnen ab, weil es mir zu mühsam war, neue Freunde zu suchen.

Deswegen entschloss ich mich, Miss Disziplin auch einmal auf einen Drink einzuladen. Aus unseren zunächst spärlichen Treffen wurde eine echte Freundschaft.

Eine Freundschaft, von der ich immer wieder profitiere. Zugegeben, manchmal kann mir Selbstdisziplin mit ihren Nörgeleien auch auf die Nerven gehen. Gestern zum Beispiel, als ich mit Faulheit und Bequemlichkeit auf dem Sofa saß und wir versucht waren, auch noch die nächste Folge "Stranger Things" anzuschauen. Miss Disziplin mischte sich sofort mit Bedenken ein: "Wenn du jetzt noch eine Folge guckst, kommst du morgen nicht aus dem Bett und kannst das Fitnessstudio vergessen." Recht hat sie ja. Ich weiß, wie unausstehlich ich bin, wenn ich nicht genug Schlaf bekomme. Und auch, wenn ich anfangs keine Lust darauf habe – nach dem Sport fühle ich mich immer viel besser. Also hat Miss Disziplin diese Diskussion gewonnen und ich habe ihr am nächsten Morgen dafür gedankt.

Ich mag, wie positiv Selbstdisziplin ist. Verbringe ich Zeit mit ihr, scheint mir alles möglich.

Sie ist mir vor allem auch eine gute Freundin, wenn meine Kumpel Faulheit und Bequemlichkeit ihre dunklen Seiten zeigen und mir mit ihren Verwandten Antriebslosigkeit und Melancholie einen Besuch abstatten. Wenn die Welt um mich herum in Grau versinkt und ich Tage unter der Bettdecke verbringen könnte, zwingt mich Selbstdisziplin das Bett zu verlassen, etwas Gesundes zu essen, an die frische Luft zu gehen. Aus Selbstdisziplin wird so also eine Art Selbsterhaltung, Selbstliebe.

Viele würden ihre Art wohl als "Tough Love" bezeichnen, aber da wir beide eigentlich ja dasselbe wollen, ist das für mich in Ordnung. Denn zu etwas bringen, von dem ich nicht überzeugt bin, kann mich Miss Disziplin nun auch wieder nicht.

Alles in allem ist es mit Selbstdisziplin zwar nicht so chillig wie mit Faulheit und Bequemlichkeit. Aber wer sagt denn, dass in meinem Freundeskreis nicht Platz genug für alle drei ist?

Dagegen! (Lino)

Übersteigerte Selbstdisziplin ist etwas für Menschen, denen Selbsterkenntnis fehlt.

Lino

Bei den Navy Seals gilt angeblich die Parole: "Wenn du denkst, es geht nicht mehr, hast du erst 40 Prozent deiner Leistungsfähigkeit erreicht." Klingt beeindruckend? Klingt bekloppt. Selbst wer nur grobe Ahnung vom menschlichen Körper hat, weiß, wie der Satz lauten müsste: "Wenn du denkst, es geht nicht mehr – schickt dir dein Körper Alarmsignale, dass du dir Schaden zufügst, wenn du noch weitermachst." Verständlich, dass die Seals das nicht auf ihre Fahnen schreiben.

Selbstdisziplin, wie sie in der Armee gelebt wird, bedeutet, sich zu zwingen und zu bestrafen. Sie entspricht einem falschen Verständnis davon, wie Menschen mit sich umgehen sollten. Wir sollten versuchen, uns besser zu verstehen, nicht ständig unsere Leistungsgrenzen zu überwinden. Die vielzitierte Inschrift am Apollotempel von Delphi lautet nicht "Mach dich fertig", sondern "Erkenne dich".

Gesteigerte Selbstkontrolle zeichnet sich vor allem durch zwei Dinge aus: durch unrealistisch hohe Ansprüche an sich selbst und durch Handlungen, die einer milden Zwangsstörung ähneln.

Artikel oder Blogbeiträge, die das Hohelied der Selbstdisziplin singen, sagen also vor allem etwas über das persönliche Kontrollbedürfnis des jeweiligen Autors aus – und den Wunsch einer hörigen Leserschaft, sich möglichst in Maschinen zu verwandeln. Maschinen, die ihre Aufgaben zu Ende bringen, seien sie noch so unsinnig oder gar (selbst)schädigend. Damit lässt sich fast jedes Ziel erreichen.

Aber welche Ziele sollen das sein? Ich behaupte: meist die falschen. Solche, die nur dem Selbst nützen.

Disziplinierte Menschen arbeiten oft nur für eigene Ziele, nicht für die ihrer Mitmenschen. Oder hätte man jemals den Satz gelesen: "Thorben R. widmete sich mit verbissener Selbstdisziplin der Aufgabe, Mahlzeiten an Obdachlose auszugeben"? Eben. Selbstdisziplin ist etwas für Menschen, die an oberflächlichen Zielen interessiert sind. Für Materialisten, Statusgläubige, Masochisten, Streamliner, Optimierer, Overachiever, Narzissten und andere Trumps.

Ich brauche nicht mehr Menschen von dieser Sorte. Man kann auch sich selbst kadavergehorsam sein. Was sogar (wissenschaftlich erwiesen) regelrecht ungesund werden kann.

Übersteigerte Selbstdisziplin ist etwas für Menschen, denen Selbsterkenntnis fehlt. Denen Pausen und Techniken fehlen, um zu reflektieren, was ihre tieferen Ziele sind. Wofür sie ihre Energie einsetzen wollen. Was sie wichtig und schützenswert finden.

Wir sollten uns fragen, was für Tätigkeiten das denn sein sollen, zu denen wir Selbstdisziplin aufbringen müssen? Doch wohl solche, die wir eigentlich nicht als nützlich, sinnvoll oder wertvoll erachten. Aufgaben, die unserem Wesen und unseren Überzeugungen entsprechen, werden wir ohne viel Disziplin erledigen; einfach, weil wir uns nicht bestrafen müssen, um zu tun, was wir gerne tun.

Eine Welt, in der weniger Selbstdisziplin eingefordert werden muss, wird eine lebenswertere Welt sein. Eine Welt, in der mehr Menschen leben, die sich nicht zum Sklaven von Zielen machen (müssen), die sie Überwindung kosten. Wer Selbsterkenntnis, Selbstlosigkeit, Selbstgenügsamkeit an die Stelle von Selbstdisziplin setzt, wird sich – und seinen Mitmenschen – einen großen Gefallen tun.

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Kommentare (3)

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  1. Anonym

    Ich habe den Eindruck, Nicole und Lino reden ein bisschen aneinander vorbei bzw. beschreiben die beiden Kehrseiten der Medaille "Selbstdisziplin". Ich stimme beiden zu. Selbstdisziplin in Nicoles Sinn, als Form der Selbstliebe und des Auf-Sich-Achtgebens, des Sich-Nicht-Hängenlassens ist etwas Positives. Übertreibt man es aber mit der Selbstdisziplin, so wie bei Lino beschrieben, wird es ungesund.

  2. Anonym

    Sehr nice, gute Idee dieses Pro-Contra-Format! Und sehr aktuelles Thema...

  3. Anonym

    Einfach nur wahr, Lino. Oder wie Sean Spicer sagen würde: You nailed it. Period!

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