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Dagegen! (Lino)

Übersteigerte Selbstdisziplin ist etwas für Menschen, denen Selbsterkenntnis fehlt.

Lino

Bei den Navy Seals gilt angeblich die Parole: "Wenn du denkst, es geht nicht mehr, hast du erst 40 Prozent deiner Leistungsfähigkeit erreicht." Klingt beeindruckend? Klingt bekloppt. Selbst wer nur grobe Ahnung vom menschlichen Körper hat, weiß, wie der Satz lauten müsste: "Wenn du denkst, es geht nicht mehr – schickt dir dein Körper Alarmsignale, dass du dir Schaden zufügst, wenn du noch weitermachst." Verständlich, dass die Seals das nicht auf ihre Fahnen schreiben.

Selbstdisziplin, wie sie in der Armee gelebt wird, bedeutet, sich zu zwingen und zu bestrafen. Sie entspricht einem falschen Verständnis davon, wie Menschen mit sich umgehen sollten. Wir sollten versuchen, uns besser zu verstehen, nicht ständig unsere Leistungsgrenzen zu überwinden. Die vielzitierte Inschrift am Apollotempel von Delphi lautet nicht "Mach dich fertig", sondern "Erkenne dich".

Gesteigerte Selbstkontrolle zeichnet sich vor allem durch zwei Dinge aus: durch unrealistisch hohe Ansprüche an sich selbst und durch Handlungen, die einer milden Zwangsstörung ähneln.

Artikel oder Blogbeiträge, die das Hohelied der Selbstdisziplin singen, sagen also vor allem etwas über das persönliche Kontrollbedürfnis des jeweiligen Autors aus – und den Wunsch einer hörigen Leserschaft, sich möglichst in Maschinen zu verwandeln. Maschinen, die ihre Aufgaben zu Ende bringen, seien sie noch so unsinnig oder gar (selbst)schädigend. Damit lässt sich fast jedes Ziel erreichen.

Aber welche Ziele sollen das sein? Ich behaupte: meist die falschen. Solche, die nur dem Selbst nützen.

Disziplinierte Menschen arbeiten oft nur für eigene Ziele, nicht für die ihrer Mitmenschen. Oder hätte man jemals den Satz gelesen: "Thorben R. widmete sich mit verbissener Selbstdisziplin der Aufgabe, Mahlzeiten an Obdachlose auszugeben"? Eben. Selbstdisziplin ist etwas für Menschen, die an oberflächlichen Zielen interessiert sind. Für Materialisten, Statusgläubige, Masochisten, Streamliner, Optimierer, Overachiever, Narzissten und andere Trumps.

Ich brauche nicht mehr Menschen von dieser Sorte. Man kann auch sich selbst kadavergehorsam sein. Was sogar (wissenschaftlich erwiesen) regelrecht ungesund werden kann.

Übersteigerte Selbstdisziplin ist etwas für Menschen, denen Selbsterkenntnis fehlt. Denen Pausen und Techniken fehlen, um zu reflektieren, was ihre tieferen Ziele sind. Wofür sie ihre Energie einsetzen wollen. Was sie wichtig und schützenswert finden.

Wir sollten uns fragen, was für Tätigkeiten das denn sein sollen, zu denen wir Selbstdisziplin aufbringen müssen? Doch wohl solche, die wir eigentlich nicht als nützlich, sinnvoll oder wertvoll erachten. Aufgaben, die unserem Wesen und unseren Überzeugungen entsprechen, werden wir ohne viel Disziplin erledigen; einfach, weil wir uns nicht bestrafen müssen, um zu tun, was wir gerne tun.

Eine Welt, in der weniger Selbstdisziplin eingefordert werden muss, wird eine lebenswertere Welt sein. Eine Welt, in der mehr Menschen leben, die sich nicht zum Sklaven von Zielen machen (müssen), die sie Überwindung kosten. Wer Selbsterkenntnis, Selbstlosigkeit, Selbstgenügsamkeit an die Stelle von Selbstdisziplin setzt, wird sich – und seinen Mitmenschen – einen großen Gefallen tun.

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Kommentare (3)

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  1. Anonym

    Ich habe den Eindruck, Nicole und Lino reden ein bisschen aneinander vorbei bzw. beschreiben die beiden Kehrseiten der Medaille "Selbstdisziplin". Ich stimme beiden zu. Selbstdisziplin in Nicoles Sinn, als Form der Selbstliebe und des Auf-Sich-Achtgebens, des Sich-Nicht-Hängenlassens ist etwas Positives. Übertreibt man es aber mit der Selbstdisziplin, so wie bei Lino beschrieben, wird es ungesund.

  2. Anonym

    Sehr nice, gute Idee dieses Pro-Contra-Format! Und sehr aktuelles Thema...

  3. Anonym

    Einfach nur wahr, Lino. Oder wie Sean Spicer sagen würde: You nailed it. Period!

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