Partner von:

Wie eine Fernbeziehung gelingt

Herr Dr. Emrich, ist eine Fernbeziehung gut für die Karriere?

Grundsätzlich und vor allem kurzfristig: ja. Eine Fernbeziehung beschleunigt vor allem am Anfang die Karriere. Wenn beide Partner räumlich getrennt sind, können sie sich voll auf ihren Job konzentrieren, abends auch mal länger arbeiten – ohne schlechtes Gewissen.

Aber macht man das nicht auch in der Nahbeziehung? Dass es ohne Engagement nicht geht, weiß jeder, der nach oben will.

Stimmt. Allerdings hat jeder Mensch nur eine gewisse Menge an Energie pro Tag. Wenn ich weiß, zu Hause wartet niemand auf mich, ich werde heute Abend vielleicht noch ein Stündchen mit meiner Freundin oder meinem Freund telefonieren, aber sonst bin ich frei, dann kann ich meine ganze Energie in den Job stecken. Dann macht es mir nichts aus, ein bisschen länger zu bleiben. Ich stehe nicht permanent vor der Wahl, noch zu arbeiten oder etwas mit meinem Partner zu unternehmen. Das ist vor allem in der Anfangsphase wichtig. Denn da muss ich mich voll einbringen, mir meinen Job auch erkämpfen. Ich sage deshalb: Im Alter zwischen 25 und 35 ist eine Fernbeziehung ideal. Man darf gern einen Partner haben – aber bitte an einem anderen Ort.

Und dann?

Dann hat man im Idealfall die ersten Sprossen der Karriereleiter erklommen, hat sich etwas aufgebaut und muss nicht mehr täglich beweisen, dass man sehr gut ist. Eine Nahbeziehung bringt dann eine gewisse Ruhe ins Leben. 

Ich sitze im Vorstellungsgespräch. Wir kommen auf das Thema Partnerschaft, Familie. Soll ich sagen, dass ich eine Fernbeziehung führe?

Grundsätzlich gilt: Im Bewerbungsgespräch darf nicht nach dem Lebensmodell gefragt werden. Diese Frage ist ebenso unzulässig wie die Frage, ob mein Gegenüber schwanger ist. Ich darf also lügen.

Sollte ich lügen?

Nein. Denn mit einer Fernbeziehung kann ich wunderbar punkten. Wer eine Fernbeziehung führt, zeigt Mobilität, Flexibilität und Aufgeschlossenheit im Denken. Und signalisiert: Mein Beruf ist mir sehr wichtig. Ich bin sogar bereit, dafür privat zurückzustecken.

Wer eine Fernbeziehung führt, ist aber viel unterwegs.

Noch ein Pluspunkt! Man schafft es, Flüge zu buchen, Bahntickets zu bestellen, die Tasche für ein Wochenende zu packen. Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn es zeigt eine gewisse logistische Kompetenz. Letztlich ist es egal, ob ich meinen Partner oder einen Auftraggeber in einer anderen Stadt treffe. In beiden Fällen muss ich mich darauf vorbereiten, organisatorisch, aber auch emotional. Ein wunderbares Training für den Beruf. Denn ohne Geschäftsreisen geht zumindest in den höheren Etagen heute fast nichts mehr.

Doch Reisen ist auch anstrengend. Und es geht ins Geld. Wann frage ich am besten nach Sonderleistungen, einem vom Arbeitgeber bezahlten Heimflug etwa oder der Möglichkeit, am Freitag bereits um 15 Uhr gehen zu können?

Als Jobsucher wäre ich da sehr vorsichtig. Im Vorstellungs- gespräch sollte man sein Privatleben auf keinen Fall zum Problem des Arbeitgebers machen. Anders sieht es aus, wenn ein Unternehmen auf mich zukommt, mich unbedingt haben möchte. Oder meine Firma, für die ich schon längere Zeit arbeite, mir ein Projekt in einer anderen Stadt oder einem anderen Land anbietet. Dann kann ich Forderungen stellen und etwa über regelmäßige Heimflüge oder ein verlängertes Wochenende pro Monat verhandeln. Bin ich ein Bewerber unter vielen, muss ich meine Anfrage gut platzieren: Generell eher ein bisschen später im Auswahlverfahren, wenn der Arbeitgeber schon Blut geleckt hat und ich merke: Der will mich haben. Allerdings sollte ich sehr soft fragen, auf keinen Fall fordernd.

Wie könnte so eine Frage lauten?

Ein idealer Zeitpunkt ist, wenn der Arbeitgeber das Thema Work-Life-Balance anspricht. Seine Frage könnte lauten: "Wie haben Sie es bis jetzt geschafft, ein Gleichgewicht zwischen Privat- und Berufsleben hinzubekommen?" Personaler fragen normalerweise in der Vergangenheit, um daraus Schlüsse über das zu erwartende Verhalten zu ziehen. In so einem Moment kann man sehr gut einhaken und beispielsweise erzählen, dass man bei seinem früheren Arbeitgeber freitags immer um 15 Uhr gegangen ist, um mit dem Partner in der anderen Stadt gemeinsam ins Wochenende zu starten. Natürlich habe man die versäumten Stunden unter der Woche nachgearbeitet.

Und wenn es keinen geeigneten Moment gibt?

Dann sollte ich erst einmal anfangen zu arbeiten und die Probezeit abwarten. Die dauert normalerweise ein halbes Jahr. Das ist eine gute Zeit, um mir über mich selbst klar zu werden. Ich muss erst den Job kennen lernen, die Kollegen und meinen Chef, um zu wissen, welche Lösung ideal wäre. Und ich muss meine Beziehung testen. Was möchte ich, was möchte mein Partner? Vielleicht funktioniert die Fernbeziehung ganz wunderbar, vielleicht aber merke ich auch, dass es mir gut tun würde, erst montags zurück zu fahren.

Was nur geht, wenn ich später zur Arbeit komme.

Ja. Und deshalb heißt es: kreativ sein. Ich muss meinem Chef zeigen, dass ich nachgedacht habe, mir neue Ideen gekommen sind. Ich darf nicht als Bittsteller auftreten, sondern als jemand, der sich Gedanken gemacht hat und deutlich zeigt, dass es ihm mit seinem Vorschlag auch um einen Beitrag zur Wertschöpfung im Unternehmen geht.

Beim Montagsbeispiel ist das noch einfach: Die verlorene Zeit kann ich meist ohne Problem unter der Woche nacharbeiten. Was aber, wenn ich vielleicht den ganzen Freitag frei haben möchte, weil mein Partner sehr weit weg lebt?

Ich würde in so einem Fall über flexible Arbeitszeitmodelle nachdenken und beispielsweise anbieten, die verlorene Freitagszeit am Samstag mit Telearbeit nachzuarbeiten. Doch auch hier gilt: Das Unternehmen kommt an erster Stelle. Ich muss also plausibel erklären können, welche Vorteile meine Firma aus dem Arrangement zieht, dem Chef also beispielsweise verständlich machen, dass ich zu Hause effektiv und schnell arbeite, weil mich keine Anrufe stören und ich meine Arbeit nicht für Meetings unterbrechen muss. Und vielleicht anbieten, dass ich während dieser Zeit ganz bestimmte Aufgaben erledige, die nachvollziehbar und kontrollierbar sind.

Fernbeziehungen nehmen zu. Geht es für jemanden, der vorankommen will, überhaupt noch ohne?

Wenn ich in einer Partnerschaft lebe, ist die Bereitschaft, eine Fernbeziehung einzugehen, die Voraussetzung für eine Karriere. Die besten Jobs sind in den seltensten Fällen an dem Ort, an dem ich gerade lebe. Typisch für "Low Potentials" ist, dass sie sich ihren Job dort suchen, wo sie leben und ihre Beziehung pflegen. "High Potentials" fischen bei beiden Dingen überregional.

nach oben
Neue Jobs im E-Mail-Abo

Alle zwei Wochen

Jobs und Praktika

in dein Postfach

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren