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Wie sehr frustriert es Sie, hochsensibel zu sein?

Hochsensibel zu sein ist per se überhaupt nicht frustrierend. Frustrierend ist, dass anscheinend so wenig andere Menschen mit dem Begriff etwas anfangen können. Aber auf die Hochsensibilität als solche möchte ich nicht verzichten, weil die Wahrnehmung, die damit einhergeht, schon ziemlich cool ist. Ich würde Ihnen gerne ein Beispiel nennen, aber ich weiß ja nicht, wie sich das Leben für "Normalos" anfühlt. Allgemein gesagt habe ich in vielen Situationen das Gefühl, etwas zu bemerken, das anderen entgeht. Durchaus träume ich mal, durchaus übersehe ich mal etwas und mache dämliche Dinge. Aber im Durchschnitt habe ich schon das Gefühl, wacher zu sein und mehr zu bemerken.

Das Problem sind die Situationen der Reizüberflutung und die neurotischen Fehlentwicklungen, die sich einstellen, wenn man nicht weiß, womit man gesegnet ist.

Das klingt, als hätten Sie eine Entwicklung durchgemacht von einer Phase, in der Sie weder von Ihrer Hochsensibilität wussten noch damit umgehen konnten, hin zu Ihrer jetzigen Reflexionsstufe?

Aber sicher! Das Problem in jungen Jahren war, dass ich das falsche Modell gelebt habe. Ich hatte das Gefühl, dass es unausgesprochene Erwartungen gibt, wie man als junger Mensch zu leben hat; dass man zum Beispiel nächtelang in der Disko durchfeiert. Ich dachte mir: Eines Tages stehst du vor der Himmelspforte und Petrus fragt: "Was hast du aus deinem Leben gemacht?" Und dann muss ich sagen: "Ich war zuhause auf der Couch und habe Bücher gelesen." Irgendwie nicht im Sinne des Erfinders, oder?

Aber diese Normen passen nicht zu meiner nervlichen Konstitution. Und weil ich immer versucht habe, ein Leben zu führen, zu dem ich nicht passte, waren meine Batterien permanent leer, ich war permanent überfordert.

Jetzt, wo ich um meine Hochsensibilität weiß, kann ich mit Coping-Techniken Reizüberflutung verhindern und überfordernde Situationen von vornherein vermeiden. Die Idee ist, dass man Frieden schließt mit seiner Empfindlichkeit. In der Praxis mag das alles komplizierter sein, aber das Wissen um die Hochsensibilität ist meiner Erfahrung nach absolut zentral für ein zufriedeneres Leben.

Wie wichtig dieses Wissen ist, erkennt man auch daran, dass Hochsensible den Moment der Erkenntnis, hochsensibel zu sein, als "Gebirgsketteneffekt" beschrieben – ihnen fällt nicht nur ein Stein, sondern eine ganze Gebirgskette vom Herzen.

Die Erkenntnis, hochsensibel zu sein, ist meines Erachtens absolut existenziell. In meinem Fall gab es ein Leben vorher und ein Leben nachher – und das Leben nachher ist wesentlich besser. Deshalb möchte ich auch, dass Hochsensibilität allgemein bekannt wird.

Ahnten Sie schon, bevor Sie den Begriff kannten, was genau Sie an bestimmten Situationen überfordert?

Ein diffuses Gefühl des Andersseins war seit der frühen Pubertät da, baute sich auf, wurde stärker. Gleichzeitig fing ich aber auch an, zu überlegen, woran das liegt. Der Gedanke lag durchaus nah, dass meine Nerven empfindlicher als bei anderen sind, aber dieser Gedanke allein hatte noch keinen Befreiungscharakter. Es musste erst das psychologische Konstrukt hinzukommen, das mir einen potenten Schlüssel in die Hand gab, um zu verstehen, was mit mir los ist.

Sie sprachen schon von Coping-Strategien gegen Reizüberflutung: Trainiert man sich da ein "dickeres Fell", einen "dickeren Filter" an, oder lernt man bloß, mit Reizen umzugehen, die einen aber immer stören werden?  

Letzteres. Sich ein dickes Fell anzutrainieren geht meiner Meinung nach nicht. Eine der wichtigsten Techniken besteht darin, zu verhindern, dass eine Feedback-Schleife entsteht, aufgrund derer sich eine Irritation hochschaukelt. Sprich: Auf einen Reiz folgt Irritation, die auf der Metaebene ebenfalls eine Irritation auslöst, nämlich die Frage: "Warum irritiert mich das jetzt? Die anderen irritiert es doch auch nicht!" So schaukelt sich Nervosität immer weiter hoch.

Nachdem ich erfahren habe, dass ich hochsensibel bin, habe ich gelernt, diesen Prozess zu unterbrechen. Ich sage mir jetzt einfach: "Ah okay, dieser Reiz irritiert mich, alles klar. Cool bleiben. Du weißt, warum das so ist. Alles gut!"

Aber der Reiz ist ja noch da! Sagen Sie sich dann einfach "Da muss ich jetzt durch"?

Ja! Und es gibt ein paar zusätzliche Tricks, zum Beispiel, sich ein Ohr zuzuhalten oder (zumindest) einen Ohrenstöpsel zu tragen. Ich war einmal im Stadion beim BVB. Da habe ich nach einer Dreiviertelstunde ein Ohr zugehalten und eine Viertelstunde später beide Ohren. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal von der berühmten Südtribüne gehört haben …

Ja – nicht der beste Ort für Hochsensible, oder?

Nee! (lacht). In solchen Situationen begebe ich mich dann – bildlich gesprochen – oft in eine totale Passivität. Fragen Sie mich nicht, wie sich das alles neurologisch darstellt, aber es kostet Kraft, einen Reiz wegzudrücken, zu viel Kraft manchmal. Wenn man sich dann bewusst entscheidet, diese Kraft nicht zu investieren, sondern den Reiz widerstandslos durch sich durchfließen zu lassen, hilft das, länger durchzuhalten.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Erwähnt werden hätte noch können, dass Hochsensibilität, wie sie hier beschrieben wird, verbunden mit anderen Symptomen auch auf Autismus oder ADHS hinweisen kann, sodass man bei entsprechenden Anhaltspunkten vielleicht auch mal in diese Richtung nachforschen sollte.

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