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Wie mobil müssen wir sein?

Haus, Wohnen, Gebäude, Immobilie [Quelle: unsplash.com, Autor: Christopher Harris]

Quelle: unsplash.com, Christopher Harris

Viele Variablen im Berufsleben sind Verhandlungssache – eine Konstante aber können Arbeitnehmer kaum beeinflussen: den Unternehmensstandort und damit ihren Arbeitsplatz. Was also tun, wenn der Traumjob fern der Heimat liegt? Wie legitim ist es, seine Priorität auf den Ort und nicht das Unternehmen zu legen? Und wie können Arbeitgeber der Heimatverbundenheit ihrer Mitarbeiter entgegenkommen? Aktuelle Zahlen, Initiativen und vier ganz individuelle Meinungen zum Spagat zwischen Heimat und Karriere.

Heimat ist en vogue: Das erkennt man nicht nur daran, dass die sechs Buchstaben Produkte vom Kochbuch übers Duschgel bis zum Edel-Gin zieren. Auch neue Studien bestätigen, dass die Deutschen sich nicht so leicht aus heimischen Gefilden locken lassen – schon gar nicht von der Karriere. Lediglich 23 Prozent aller Bundesbürger würden für ihren Traumjob innerhalb Deutschlands umziehen, so die Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage des Personaldienstleisters Manpower ("Jobwechsel 2016"). Zum Schritt ins europäische oder außereuropäische Ausland wären nur 12 beziehungsweise 11 Prozent der Deutschen bereit. In einer Forsa-Studie im Auftrag von XING gaben 2014 sogar nur acht Prozent der Befragten an, dass sie sich einen Umzug im gesamten Bundesgebiet (jenseits des 200-Kilometer-Radius um den jetzigen Wohnort) vorstellen könnten.

Heimat: Luxusgut oder Notwendigkeit?

Mit ihrem Hang zur Sesshaftigkeit liegen die Deutschen im internationalen Vergleich weit vorne. Rund um den Globus – ob in China, Spanien oder den USA – ist die Mobilitätsbereitschaft höher als in der Bundesrepublik. Treffen also Arbeitnehmer im Ausland die klügeren Entscheidungen und machen Karriere, während wir uns aus Bequemlichkeit Jobchancen entgehen lassen? Wie erklärt sich die deutsche Tendenz zum Wurzelschlagen? Gibt es gute Gründe, oder stehen wir uns nur unnötig selbst im Weg?

Gut möglich, dass Bewegungsfaulheit die Karriereentwicklung bremst. Psychologen wie Prof. Dr. Beate Mitzscherlich betonen aber auch die Wichtigkeit des "Beheimatetseins" für die emotionale Stabilität eines Menschen – und geben damit indirekt all denen Recht, die vor dem Schritt in die Ferne zurückschrecken. Denn Heimat, Sich-Daheim-Fühlen ist kein Luxusgut, auf das der Mensch problem- und ersatzlos verzichten kann. Wer seine Heimat verliert – und das wissen wir nicht zuletzt aus der Migrationsforschung –, der ist anfälliger für psychische Erkrankungen, von leichten Störungen bis hin zu Depressionen oder Psychosen. Auch emotional sehr stabile Menschen müssen "Beheimatungsstrategien" entwickeln, um den fremden Ort zu ihrem zu machen. Das können neue Routinen sein wie der regelmäßige Gang in die neue Lieblingssauna, oder Reminiszenzen an die alte Heimat, etwa in Form einer regionalen Spezialität.

Beheimatungsstrategien wie diese sind nötig, weil sich Heimat im Erwachsenenalter und gerade nach einem Umzug nicht mehr von alleine einstellt; weil es Stress bedeutet, wenn ein Mensch seine geographische Heimat aufgibt – selbst, wenn dies freiwillig und bei bester körperlicher und seelischer Gesundheit geschieht. Doch wieso eigentlich? Was ist dran an diesem einen Ort, an dem wir uns so wohlfühlen, dass sein Verlust uns Angst macht? Ist er wirklich einzigartig, oder ist unser Festhalten übertrieben?

Nicht nur das Wo, sondern auch das Was entscheidet

Für Psychologen wie Beate Mitzscherlich ist Heimat mehr als geographische Koordinaten. Sie entsteht dort,

  • wo sich ein Mensch der Gesellschaft um ihn herum zugehörig fühlt (sense of community);
  • wo er seine Umwelt beeinflusst und gestaltet (sense of control);
  • und wo er das Gefühl hat, dass sein Lebensumfeld mit seinen Lebenszielen in Einklang steht, dass sein Leben an diesem Ort einen Sinn hat (sense of coherence).

Diese drei Faktoren sind nicht ausschließlich ortsgebunden, aber sie sind ortsbeeinflusst. Denn nicht jedes Dorf macht es jedem Menschen gleich leicht, sich einer Gemeinschaft anzuschließen; nicht an jedem Ort hat jeder Mensch das Gefühl, Herr seiner Lage zu sein; und nicht jede Stadt vermittelt jedem ihrer Bewohner das Gefühl, dass sie zu seinen Lebenszielen beiträgt. Ein introvertierter Mensch zum Beispiel, der in seiner alten Heimat mehr durch Gewohnheit als durch eigene Anstrengung integriert war, wird in einer anonymen Millionenstadt kaum Anschluss finden. Ein geselliger junger Mensch fühlt sich in einem überalterten Fünfzig-Seelen-Ort schwerlich zuhause, da er nichts gegen seine Einsamkeit tun kann. Und ein Mittdreißiger, der sich nach Haus, Hund und Garten sehnt, wird keinen Sinn darin sehen, in einer teuren Großstadt in ein winziges WG-Zimmer zu ziehen – seine Ziele und die Realität sind nicht mehr kohärent.

Ein attraktiver neuer Job mag zwar in allen drei Faktoren zu einem Gefühl von Beheimatung beitragen. Er kann ein soziales Netz bereitstellen (community), gut zu bewältigen sein (control) und sich mit den eigenen Vorstellungen und Wünschen decken (coherence). Doch er alleine kann nicht aufwiegen, was in anderen Lebensbereichen möglicherweise schiefläuft. 

Es ist also doch etwas an ihm dran, an dem einen Fleckchen Erde, das uns magisch anzieht und zurückhält. Es sind nicht die Längen- und Breitengraden, sondern die Bedingungen, die er jedem Menschen und seinen Fähigkeiten und Vorlieben bietet, ein Gefühl von Heimat zu entwickeln. Ist es also unvernünftig, mit einem mulmigen Gefühl im Bauch den Schritt in die Ferne zu verweigern? Unvernünftig wäre es eher, sich nicht zumindest zu fragen, wie wahrscheinlich es denn ist, dass man sich am neuen Ort zuhause fühlt: Die drei Kriterien community, control und coherence können dabei helfen.

Flexible Arbeitsorte bei zeb

Viele Jobchancen lassen sich nicht anders als mit einem Umzug ergreifen – und scheiden daher häufig im Vorfeld aus. Einige Unternehmen jedoch kommen ihren Angestellten entgegen, wenn diese ihren Arbeits- und Wohnort trennen oder sich geographisch verändern wollen. Alexander Kuhn, Consultant "Strategy & Organization", über die flexiblen Arbeitsbedingungen bei zeb.

Herr Kuhn, können Mitarbeiter innerhalb Ihres Unternehmens auf eigenen Wunsch hin den Standort wechseln, zum Beispiel, um in die "alte Heimat" zurückzuziehen?

Berater können sich beim Einstieg frei zwischen allen Offices in Deutschland entscheiden. Auch danach sind Wechsel in ein anderes Office zum Monatsende möglich. Grundsätzlich ist zeb in 13 verschiedenen Ländern mit Offices präsent, sodass unter Umständen sogar ein Wechsel ins Ausland möglich ist. Dafür sollte man allerdings die jeweilige Landessprache beherrschen.

Inwiefern kommt zeb mit reduzierter Präsenzzeit/Home Office dem Wunsch der Mitarbeiter nach einem Lebensmittelpunkt fernab des Arbeitsorts entgegen?

Alle Berater sind grundsätzlich mit iPhone und Firmenlaptop ausgestattet und dadurch in der Lage, von überall aus zu arbeiten. Wer es von zu Hause tun möchte, kann eine Home-Office-Vereinbarung treffen.  Für Berater bietet sich das an Freitagen an, insbesondere wenn die Entfernung vom Wohnort zum nächsten Office sehr groß ist. Je nach Projektsituation kann man nach Rücksprache mit dem Projektleiter auch von Montag bis Donnerstag an einzelnen Tagen von zu Hause arbeiten. Aktuell besitzt knapp die Hälfte unserer Mitarbeiter – darunter auch die internen Mitarbeiter – eine Home-Office-Vereinbarung.

Wie häufig wechseln bei zeb Mitarbeiter auf eigenen Wunsch den Standort? Wie viele Standorte innerhalb Deutschlands stehen prinzipiell zur Wahl?

Dies kommt gar nicht so häufig vor, da bereits beim Einstieg der Office-Standort frei gewählt werden kann. Insgesamt gab es im Jahr 2016 27 Standortwechsel, davon 16 innerhalb von Deutschland. In Deutschland stehen zurzeit Hamburg, Berlin, Frankfurt, München und Münster zur Wahl.

Vier Berufstätige berichten

"Heimat passiert nicht von alleine, denn Beheimatung ist eine alltägliche Aufgabe", sagt die Psychologie. "Wir helfen dabei", sagen Unternehmen und ermöglichen mit individualisierbaren Programmen die Trennung von Lebens- und Arbeitsort. Und die Berufstätigen selbst? Wie geht es ihnen jenseits der grauen Theorie und spezieller Unternehmensprogramme? Welche Abstriche machen sie, und wie konkret bringen sie Heimat und Karriere unter einen Hut? Ein Spagat – vier Wege, ihn zu meistern.

Meine Heimat, das bin ich

Ich lebe mit Frau, Kindern und Eltern in einem Fachwerkhaus mit Weinberg in Franken. New York, London und Frankfurt hießen die Stationen in meinem BWL-Studium – überall habe ich mit fränkischer Hochzeitssuppe mein Heimweg bekämpfen müssen. Meinen Mitbewohnern hat es geschmeckt, aber gegen das Heimweh war die Suppe machtlos.

Für meinen Job nehme ich heute die tägliche Pendelstrecke von 120 Kilometern gerne in Kauf. Ich würde sogar noch weiter fahren, solange ich am Abend wieder zuhause bin. Alle Erinnerungen, die mich ausmachen, sind an diesen Ort geknüpft; meinen Charakter hat die Arbeit in den Reben geformt; meine Wünsche die Hochzeiten, Taufen und anderen Familienfeste, denen ich beigewohnt habe. Nichts hier ist austauschbar, alles hängt mit mir zusammen. Ich kann mir mein Leben nicht anders, und nicht schöner vorstellen.

Sebastian S., 37, Bankfilialleiter

Ich bin meine eigene Heimat

Seit vier Jahren arbeite ich als selbstständige SEO-Beraterin, seit zwei Jahren lebe ich in Brighton. Die beiden ersten Jahre meiner Selbstständigkeit habe ich in Hamburg verbracht, wo ich vorher als Projektmanagerin bei einer großen Zeitung angestellt war. Doch ich trug zu viele unentdeckte Heimaten in meinem Herzen, um ich mich länger per Arbeitsvertrag an eine Stadt zu binden. Heimat ist nur das Abbild von etwas, das ich in mir trage. Heimat ist ein Ort, der mich widerspiegelt und in dem ich mich widerspiegeln kann, in seinen Menschen, Plätzen, Läden, Straßen, in seiner Sprache. Es war Hamburg, jetzt ist es Brighton – aber es könnten auch viele, wahrscheinlich hunderte andere Orte sein. Ich will sie entdecken, und ich will mich durch sie entdecken. Meine Arbeit muss dabei so flexibel sein wie ich.

Laura K., 28, selbstständige SEO-Beraterin

Heimat ist Gewohnheit

Wo meine Heimat ist, weiß ich so genau wie wo mein Magen sitzt. Heimat war, ist und wird immer ein 2.000-Seelen-Ort in Rheinland-Pfalz sein. Nicht, weil er der schönste Ort der Welt wäre, im Gegenteil. Das Einkaufszentrum hat seine besten Jahre hinter sich, das Angebot in den wenigen Lokalen ebenfalls. Und das einzige Kino macht nächstes Jahr zu. Nichts ist wirklich gut, aber alles ist so, wie es immer war. Und deswegen ist es perfekt für mich.

Ich bin nach meinen beiden Prädikatsexamina nicht umgezogen, um in einer Großkanzlei zu arbeiten, sondern habe in ebendiesem Ort in einer winzigen Boutique unterschrieben. In meinem Büro streiten Geschwister um Omas antike Wäschetruhe und Handwerksmeister um verschwundene Leitern. Wenn ich dann abends in besagtem Einkaufszentrum an der Kasse stehe, an der auch schon meine Mutter und meine Großmutter standen, dann stelle ich mir manchmal vor, wie mein Leben, meine Karriere noch sein könnten, anderswo. Dann kaufe ich den Schinken und das Wasser, die meine Mutter und meine Großmutter hier auch schon gekauft haben, und die ich immer kaufe, und höre auf zu spinnen.

Patrizia M., 30, Anwältin

Gewohnheit ist Heimat

Zuhause fühlt sich an wie der Sitz ganz hinten rechts in der Kabine meiner Stamm-Airline. Heimkommen riecht nach Minze und Mandarine wie das Duschgel meiner Stamm-Hotelkette. Daheim schmeckt nach Clubsandwich vom Roomservice. Denn weit über die Hälfte meiner Nächte verbringe ich in Hotelzimmern, an Flughäfen oder in Flugzeugkabinen. Von meiner Wohnung sehe ich hingegen meist nicht viel mehr als das Schlafzimmer. Keine Ahnung, wonach das Duschgel riecht, oder wie das Essen beim Italiener um die Ecke schmeckt. Fühle ich mich deswegen getrieben, ankerlos, verloren? Fehlt mir etwas im Leben? Jetzt noch nicht. Meine Karriere als Regional Director eines großen Chemiekonzerns floriert, ich langweile mich nie, ich verdiene viel Geld. Ich habe meine Homebase in Deutschland. Und ich habe viele Zuhause anderswo – geschaffen durch Rituale, Gewohnheiten und Traditionen. Nur meine Heimat ist momentan nirgendwo. Oder überall. 

Arno L., 45, Regional Director

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