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Ist Stress nicht auch ein Statussymbol?

Aber jenseits von Schuld – ist Stress nicht auch ein Statussymbol? 

Wagner: Natürlich verweist Stress auf ein gewisses Maß an Aktivität und dabei handelt es sich um einen hochgeschätzten Wert in der kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft. Passivität und Antriebslosigkeit sind verpönt und treffen, wenn überhaupt, nur noch im Rahmen medizinischer Diagnosen auf Verständnis. Jemand, der ständig im Stress ist, scheint mir aber dennoch nicht unbedingt mit einem Statusgewinn rechnen zu können, weil er oder sie die Anforderungen an Zeitmanagement, an eigenverantwortliche Grenzziehungen und an wirksame Erholung verfehlt.

Bedeutet das, dass unser heutiger Stress ein anderer ist als der der Siebzigerjahre?

Die Ansprüche an die Flexibilität der Menschen haben sich gewandelt, das zeigt sich zum Beispiel in viel brüchigeren Berufsbiographien. Auch die Digitalisierung verursacht neue Anpassungsprobleme. Insbesondere mehrere Arbeiten gleichzeitig erledigen zu müssen und die Verdichtung der Arbeitszeit werden als Stressoren erlebt. In den Unternehmen haben sich Organisationsformen entwickelt, die sich durch flachere Hierarchien, flexiblere Arbeitszeiten und mehr Eigenverantwortung auszeichnen und in der das kreative Potential der Beschäftigten viel stärker gefragt ist.

Empfinden Frauen eigentlich mehr Stress als Männer?

Frauen übernehmen nach wie vor einen Großteil der Fürsorgearbeit in den Familien und sind damit einer Doppelbelastung ausgesetzt. Aus soziologischen Paarstudien, wie sie beispielsweise an der TU Darmstadt durchgeführt wurden, weiß man, dass der Bereich des Privaten für Frauen viel weniger als Bereich der Regeneration dient als für Männer, die in heterosexuellen Partnerschaften leben. Die Rollenaufteilung in der Care-Arbeit ist noch immer sehr klassisch – und das selbst dann, wenn die Frau in einer Partnerschaft die Hauptverdienerin ist. Das spiegelt sich auch in den Erschöpfungsdiagnosen: Frauen werden häufiger wegen Burn-out krankgeschrieben. Das verweist jedoch nicht auf ihre vermeintliche psychische Labilität, sondern darauf, dass der Bereich des Privaten für sie nicht vorrangig Erholung, sondern auch eine Menge Arbeit birgt.  

Als Patentlösung gegen den Stress gilt neben der bereits erwähnten Achtsamkeit die sogenannte Resilienz: die Idee also, dass man durch die Stärkung persönlicher Ressourcen psychische Widerstandskraft in Krisenzeiten erlangt. Wie ordnen Sie dieses Konzept ein?

Die Resilienzforschung ist in den Fünfzigerjahren entstanden. Man hat versucht, Faktoren zu ermitteln, die eine relativ große psychische Widerstandfähigkeit nach biografischen Katastrophen erklären können. Diese Idee wird auf die Situation moderner Arbeit übertragen und das bedeutet, die subjektiven Ressourcen von Arbeitsnehmerinnen zu stärken, damit sie durch anfallenden Stress nicht krank werden. Sie sollen zum Beispiel die Fähigkeit erlernen, sich in ihrer Freizeit ad hoc entspannen zu können, um in Stressphasen nicht auszubrennen. Die Verbreitung des Konzepts der Resilienz wird zurecht dafür kritisiert, dass es den Fokus ganz im Sinne der Zeit eher auf den Umgang mit Katastrophen legt, anstatt darauf, sie zu vermeiden. 

Aber die Idee, mit Krisen gut umgehen zu können, komme, was wolle, klingt doch erst einmal verlockend?

Ja, und sie trifft die Arbeitsrealität in vielen Unternehmen. In vielen Unternehmen ändert sich alles ständig, Abläufe, Hierarchien, Teams, Projekte. Mitarbeiterinnen klagen darüber, dass es keine Routinen gibt, an die sie sich gewöhnen können. Ich habe einmal vor Führungskräften eines Chemiekonzerns gesprochen. Viele Teilnehmerinnen aus dem Publikum beschwerten sich darüber, dass, sobald sie sich ihre Arbeit zu eigen gemacht hatten, die nächste Organisationsreform bevorstand. Vor diesem Hintergrund erscheint die innere Einstellung, die alles mit Gelassenheit annimmt, für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer attraktiv. Die Frage, wie man Arbeit so gestalten kann, dass sie Gefühle von Überforderung erst gar nicht kreiert, gerät dabei aus dem Fokus. Die Verantwortung liegt also wieder im individuellen Handeln und nicht in der Organisationsstruktur. Dieses kulturelle Muster findet sich in allen Lebensbereichen wieder.

Wie neu ist dieses kulturelle Muster denn?

Es gewinnt seit den Neunzigerjahren an Bedeutung und zeigt sich seit den frühen Tausenderjahren auch in Reformprojekten wie der Agenda 2010: Eigenverantwortung für die Altersvorsorge, Eigenverantwortung für die eigene Gesundheit, Lockerung des Kündigungsschutzes, Einführung der Hartz-IV-Gesetze. Der Umbau der Gesellschaft, in der Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit und Krankheit zunehmend individuell und nicht kollektiv getragen werden sollen, ist das, was man gemeinhin als Neoliberalisierung der Sozialordnung bezeichnet.

Welche Alternative gäbe es denn zum eigenverantwortlichen Umgang mit Stress?

Die Frage scheint mir eher, welche Auslöser von Stress man in einer solidarisch organisierten Gesellschaft vermeiden kann. Institutionen, die die Sicherheit gewähren, nach Schicksalsschlägen, Krankheit oder wenn der Erfolg mal ausbleibt, nicht durch das soziale Netz zu fallen, senken auch das Stressniveau. Nehmen Sie das Beispiel der Gesundheitsversorgung. Ich war gerade für ein Jahr in den USA, wo es keine allgemeine Krankenversicherung gibt und viele Menschen mit der ständigen Angst vor Krankheit oder einem Unfall leben. In einer Gesellschaft, in der Markt und Wettbewerb als Lösung fast aller Probleme favorisiert werden, muss man für den Erhalt und den Ausbau solidarischer Institutionen kämpfen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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