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Geld macht nicht glücklich? Doch!

Kleeblatt, Glück, Zufall, Pflanze [Quelle: unsplash.com, Autor: Irene Dávila]

Quelle: unsplash.com, Irene Dávila

Was prägt unsere Lebenszufriedenheit – und wie wirkt sie sich auf die Wirtschaft aus? Der Schweizer Ökonom Bruno Frey über den Wert der Arbeit, die größten Glückszerstörer und die Heilkraft der Freiheit.

Professor Frey, die Glücksforschung ist eine relativ junge Disziplin der Volkswirtschaftslehre. Hat sie mittlerweile ihren Ruf als nicht ganz ernstzunehmende Orchideenwissenschaft überwunden?

Ja. Ich habe vor einigen Jahren einen Vortrag in Yale über die Ökonomie des Glücks gehalten, da saßen berühmte Professoren in der ersten Reihe und haben ziemlich betreten geguckt. Mittlerweile hat sich das Thema in der Wissenschaft etabliert. Vor allem junge Ökonomen, die sich eine weniger abstrakte Ökonomie wünschen, sind daran interessiert. Klar, es gibt auch noch Skeptiker ...

... zumal Glück ein höchst subjektives Gefühl ist, das jeder Mensch anders definiert. Halten Sie es nicht für vermessen, Glück wissenschaftlich zu entschlüsseln?

Nein. Wenn man Glück als subjektives Wohlbefinden definiert, lässt es sich messen und vergleichen. Wir unterscheiden drei Arten von Glück. Erstens das ganz kurzfristige, etwa wenn die Sonne rauskommt oder uns ein Essen gut schmeckt. Dann gibt es auf der anderen Seite ein tiefes philosophisches Glück im Alter, wenn man auf ein schönes Leben zurückschaut. Beides ist für Ökonomen wenig wichtig. Wir untersuchen, was qualitativ dazwischen liegt. Nahezu alle Studien basieren auf Befragungen, wie zufrieden die Leute mit dem Leben sind, das sie aktuell führen. Das wird dann auf einer Skala zwischen null und zehn abgebildet.

Jüngste Umfragen zeigen, dass die Zufriedenheit der Deutschen steigt. Sie liegen europaweit im oberen Drittel ...

... aber die Zufriedenheit ist in den neuen Ländern niedriger als im Westen. Eine noch größere Spreizung sehen wir beim Alter. Die jungen Leute sind bis etwa 22 Jahre sehr glücklich. Danach kracht es runter, wenn der Stress und die Anforderungen im Berufsleben und die Familiengründung kommen. So etwa ab 55 Jahren geht es wieder steil aufwärts, sofern keine Gesundheitsprobleme auftreten. Die Senioren von heute sind im Schnitt eine ziemlich fröhliche Bande.

Was sind aus Sicht der Ökonomie die zentralen Einflussfaktoren von Glück? Also, das Materielle ist schon enorm wichtig ...

Also doch! Geld macht glücklich! Im Prinzip ja. Je höher das Pro-Kopf-Einkommen, umso höher die Lebenszufriedenheit, das lässt sich klar nachweisen. Allerdings ist der Zusammenhang nicht linear. Ökonomisch ausgedrückt: Der Grenznutzen des steigenden Einkommens nimmt ab. Wer 100.000 Euro verdient, freut sich über eine Gehaltserhöhung von 1.000 Euro zwar noch, aber weniger als jemand, der nur 50.000 Euro erhält. Zudem gibt es Gewöhnungseffekte: Die Menschen betrachten ihr gestiegenes Einkommen und höheres Konsumniveau relativ schnell als Normalität. Selbst der Ferrari ist irgendwann selbstverständlich.

Zu den Leitsätzen der Glücksforschung zählt das "Easterlin-Paradoxon". Danach führen höheres Wachstum und Einkommen ab einer bestimmten Schwelle zu keinem erhöhten Glücksgefühl mehr.

Easterlin sieht die Grenze bei rund 70.000 Dollar, aber es gibt Studien, die das widerlegen. Wichtiger ist, was er aus seinen Erkenntnissen ableitet: dass die relative Einkommensposition wichtiger ist als die absolute. Die Menschen tendieren dazu, sich mit anderen zu vergleichen. Normalverdiener, die in einer Reichensiedlung leben, fühlen sich schlechter als in einer ärmeren Wohngegend. Wenn Sie eine Gehaltserhöhung von 500 Euro bekommen, ihr Kollege aber 1.000 Euro mehr erhält, werden Sie tendenziell unzufriedener, obwohl sich ihre finanzielle Lage objektiv verbessert hat.

Und was zerstört unser Glück?

Einer der größten Zerstörer von Glück ist die Arbeitslosigkeit.

Das ist nicht sehr überraschend.

Mag sein. Der Effekt tritt aber auch auf, wenn das Einkommen konstant bleibt, der Wegfall des Gehalts also durch staatliche Hilfen kompensiert wird. Selbst erwirtschaftetes Arbeitseinkommen hat einen deutlich höheren Stellenwert für Zufriedenheit als Transfereinkommen.

Inwiefern beeinflusst das Glücksniveau einer Gesellschaft die Wirtschaft?

Glückliche Menschen sind sozialer, produktiver und haben weniger Probleme im Job. Interessanterweise sind sie sogar etwas stärker immun gegen ansteckende Krankheiten. Ich hielt das früher für ein Ammenmärchen, es ist aber empirisch nachgewiesen. Für die Arbeitgeber bedeutet dies: Sind die Mitarbeiter zufrieden, arbeiten sie besser und verursachen geringere Kosten. Eine große Rolle für die Zufriedenheit spielt dabei die Autonomie. Arbeitgeber sollten auf die Kraft der Freiheit vertrauen und ihre Arbeitsorganisation noch flexibler gestalten. Sie sollten Ziele vorgeben, bei den Wegen dorthin aber ihren Leuten Spielraum lassen.

Welche Rolle spielen immaterielle Dinge für unser Lebensgefühl?

Persönliche Beziehungen, Familie und Freundschaften sind extrem wichtig, natürlich auch die Gesundheit. Aber es gibt auch hier überraschende Erkenntnisse. Studien zufolge stellt sich selbst bei schlimmen Schicksalsschlägen wie Erblindung häufig nach einem gewissen Zeitraum das vorherige Glücksniveau fast wieder ein. Der Mensch hat eine wunderbare Fähigkeit zur Anpassung. Zu den immateriellen Glückstreibern zählt auch das Heimatgefühl. Hier geht es nicht um dumpfen Nationalismus, sondern um kulturelle Identität. In der Migrationsfrage haben viele Bürger das Gefühl staatlichen Kontrollverlustes. Das ist politisch gefährlich.

Anders ausgedrückt: Auch gute Politik kann glücklich machen?

Ja. Mein Kollege Alois Stutzer und ich konnten etwa nachweisen, dass politische Partizipation glücksfördernd wirkt. Interessanterweise ist dabei die reine Möglichkeit entscheidend, sich zum Beispiel über Volksabstimmungen einzumischen – und nicht die Frage, ob man es tatsächlich tut. Hinzu kommt der Faktor Dezentralisierung. Je kleiner die Einheiten sind, in denen die Leute leben, desto zufriedener sind sie. Weil sie das Gefühl haben, mitbestimmen zu können, was mit ihrem Leben passiert.

Das würde gegen eine verstärkte Integration Europas sprechen.

Ja. Die EU-Verdrossenheit dürfte sinken, wenn die Politik stärker auf das Prinzip der Subsidiarität setzen würde. Die Leute hassen das Gefühl der Fernlenkung und Fremdbestimmung. Das lässt sich auch auf die Gebietskörperschaften übertragen. Ich halte etwa eine höhere Finanzautonomie der Kommunen für nötig, damit sie auf die Präferenzen der Bürger besser reagieren könne n. Es sollte einen Wettbewerb um gute Kitas, Schulen und Verkehrsinfrastruktur geben, auch um die Höhe der Steuern.

Das kleine Bhutan gilt vielen Glücksforschern als Vorbild, weil es analog zum BIP ein "Bruttonationalglück" der Bürger ermittelt. Eine gute Idee?

Ich bin skeptisch. Bhutan verkauft das Projekt hervorragend, es ist aber wohl vor allem ein Marketinginstrument. Vielleicht sollte man in den Umfragen die indischen Gastarbeiter einbeziehen, die unter elendigen Bedingungen die Straßen der glücklichen Bhutaner bauen.  

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