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Die Rückkehr des Hobbykellers

Imker Bienen [Quelle: unsplash.com, Autor: Annie Spratt]

Quelle: unsplash.com, Autor: Annie Spratt

Seit Jahren predigen Managementgurus, die Menschen sollten ihre Passion zum Beruf machen. Dabei macht uns die Trennung von Hobby und Arbeit nicht nur ausgeglichener – sondern auch produktiver.

Bevor Sabine Graf sich ihren Liebsten nähert, muss sich die Unternehmensberaterin erst mal angemessen einkleiden. Ein weißer Ganzkörperanzug, Gartenhandschuhe und eine Art Tropenhelm mit eingebautem Moskitonetz. "So, jetzt bin ich Imkerin", sagt Graf lachend, als habe sich mit der Kleidung auch der Gemütszustand geändert. Sie schreitet zu fünf Bienenstöcken, die mitten auf einer bunt blühenden Wiese am Südhang des Schwarzwalds stehen. "Das ist mein Kindergarten", erklärt Graf, die hier neue Bienenvölker züchtet, die sie später an die aussichtsreichsten Futterplätze umsiedelt. Graf öffnet eine der Styroporkisten, es summt jetzt von allen Seiten. "Schauen Sie sich diesen Stamm an, der baut ja unglaublich gerne", sagt Graf. "Das ist es, was ich am Imkern so liebe, dass jedes Bienenvolk jedes Jahr anders ist."

Dinge tun, die man liebt. Es ist diese Formel, auf die selbsternannte Managementgurus in den vergangenen Jahren besonders gerne verwiesen haben. "Mach dein Hobby zum Beruf, und du musst nie mehr arbeiten", so lautete das Erfolgsgeheimnis, das Heerscharen von Coaches in Seminaren, Ratgebern oder Internetblogs verbreiteten. Die Idee verfängt. Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov aus dem Spätherbst 2018 würden zwei Drittel der Deutschen ihr Hobby zum Beruf machen – zumindest wenn Geld keine Rolle spielen würde. Diese Aussage passt in eine Zeit, in welcher der Job vom schnöden Broterwerb zum Sinnstifter wird. In eine Zeit, in der Influencer suggerieren, mit ihrem Hobby ganz einfach Geld zu verdienen, obwohl hinter den hübschen Videos ganze Produktionsteams und langweiliger Bürokram stecken. In eine Zeit, in der viele auch am Wochenende für den Chef erreichbar sind.

Auch Kevin Eschleman, Psychologieprofessor an der San Francisco State University und Experte für den Zusammenhang zwischen Freizeit und Job, kennt diese Einstellung – und sieht darin ein Problem. In einer seiner Studien schreibt er, Angestellte hätten heute wenig Zeit, "um Aktivitäten nachzugehen, die sie dazu bringen, sich vom herausfordernden Arbeitsumfeld zu erholen und Leistung auf hohem Niveau zu bringen". Das klingt wie die Lebensphilosophie aus einer anderen Zeit. Als es noch zum guten Ton der Mittelschicht gehörte, ein Doppelleben zu führen. Tagsüber im Büro, abends wie Innenminister Horst Seehofer mit der Modelleisenbahn im Keller, bei der Brieftaubenzucht oder im Skatclub.

Diese Beschäftigungen mögen so aus der Mode gekommen sein wie die Fototapete im Hobbykeller, doch nicht nur Eschleman kann der dahinterliegenden Idee noch immer viel abgewinnen: Die Arbeit sollte uns in erster Linie ernähren, wir sollten uns dort menschlich wohlfühlen und unsere Aufgaben gerne erfüllen. Aber sie sollte uns auch die zeitlichen und finanziellen Ressourcen liefern, um uns ohne Druck dem zu widmen, was wir wirklich lieben: unseren Hobbys.

Plötzlich war der Spaß weg

Solche Passionen steigern nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Leistungsfähigkeit. Eine Meta-Analyse von Wissenschaftlern der amerikanischen Purdue-Universität etwa fasste 37 Studien mit insgesamt 11.834 Teilnehmern zusammen und kam zu dem Ergebnis, dass Menschen, die regelmäßig einem Hobby nachgingen, zufriedener waren, was sich positiv auf den Job auswirke. Psychologe Eschleman belegt in einer seiner Studien, dass Menschen mit kreativen Hobbys zum einen besser von der Arbeit abschalten konnten und zum anderen im Job leistungsfähiger waren. Sie konnten etwa eher Lösungen für ein berufliches Problem finden. Kreative Tätigkeiten seien am nützlichsten, sagt Eschleman, der darunter nicht nur Malen oder Musizieren, sondern auch alltägliche Dinge, wie das Dekorieren der Wohnung, versteht. Sie förderten unter anderem Erfolgsgefühle und persönliche Weiterentwicklung in besonderem Maße. All diese Vorteile gelten jedoch nur so lange, wie das Hobby tatsächlich ein Hobby bleibt.

Denn genau diese Unbeschwertheit sei es, die einem Hobby seine positiven Wirkungen verleihe, erläutert Carmen Binnewies, Arbeitspsychologin von der Uni Münster. "Mache ich mein Hobby zum Beruf, schwindet die Selbstbestimmtheit", sagt Binnewies. "Aber genau die trägt dazu bei, dass ich mich erholen kann." Der Zwang, seine Passion regelmäßig auszuüben, da sonst kein Geld reinkomme, oder die Rücksicht auf Kundenwünsche bewirke das genaue Gegenteil. Mit 28 Jahren erkannte das auch Fredun Mazaheri. Der studierte Pianist, heute Risikovorstand bei der deutschen Niederlassung der internationalen Bankengruppe HSBC, hatte nach dem Abitur zunächst beschlossen, seine liebste Freizeitbeschäftigung, seine offensichtlichste Begabung, zum Beruf zu machen. "Ich habe eigentlich immer das gemacht, was mir Spaß gemacht hat." Doch nach einigen Jahren als Konzertpianist war der Spaß vorbei, einfach so. Mazaheri grübelte lange, was ihm die Freude geraubt hatte. Die Erkenntnis: Es war die Aussicht, die weiteren 30, 40 Jahre seines Lebens durch Konzertsäle zu tingeln und sein Repertoire von Chopin bis Schumann zum Besten zu geben. "Das wirkte auf mich schon sehr wie ein Nischendasein", sagt Mazaheri heute. Er wechselte in die Wirtschaft.

Es gibt viele Ursachen dafür, dass Menschen schleichend oder auch abrupt die Begeisterung für eine Tätigkeit verlieren. Oft ist der sogenannte Korrumpierungseffekt schuld. Dieses psychologische Phänomen geht auf den amerikanischen Sozialpsychologen Daryl Bem zurück. Er stellte in den Sechzigerjahren die Theorie auf, dass durch die finanzielle Kompensation eine Neubewertung der eigentlich geliebten Aktivität stattfinde. Die Belohnung wirke wie eine Entschädigung und mache die eigentliche Tätigkeit damit unattraktiv. Die Theorie wurde vielfach belegt, erstmals 1973. Damals unterteilten die Psychologen Mark Lepper und David Greene 51 Vorschulkinder in drei Gruppen und statteten sie mit Buntstiften aus. Die erste Gruppe wusste, dass sie für die gemalten Bilder belohnt würde. Die zweite Gruppe erhielt eine überraschende, die dritte Gruppe überhaupt keine Belohnung. Einige Tage später wurde der Versuch wiederholt. Mit einem klaren Ergebnis: Die Kinder, die eine Belohnung erwarteten, investierten deutlich weniger Zeit in ihre Bilder als diejenigen, die nur aus Spaß malten.

Allein im Wald

Unternehmer Claus Hipp hat sich die Faszination für sein Hobby erhalten können, über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg. Der 81-Jährige verbringt viele Abende in einem kleinen Häuschen im Wald. Dort liegt sein Atelier, in dem er skizziert, wie er die Formen im Bild anordnen möchte, Leinwände grundiert und schließlich die Ölfarbe aufträgt. "Mir gefällt die schöpferische Tätigkeit", sagt der Patriarch. "Ich kann etwas ganz Neues entwickeln, unabhängig von allem anderen." Genau diese Unabhängigkeit hat Hipp vor mehr als 60 Jahren dazu gebracht, den Betrieb seines Vaters zu übernehmen, anstatt sein Hobby zum Beruf zu machen. "Hätte ich meinen Lebensunterhalt mit der Malerei verdienen müssen, hätte ich mich dem Markt anpassen müssen", sagt Hipp. Die Freiheit wäre dahin gewesen.

Dass sich die richtige Freizeitbeschäftigung als Karrieretreiber erweisen kann, davon ist auch Ciara Kelly überzeugt, die an der britischen Universität Sheffield Arbeitspsychologie lehrt. Gemeinsam mit Kollegen rekrutierte sie 128 Studienteilnehmer mit unterschiedlichen Interessen – vom Kletterer über die Sängerin bis hin zum Brettspielenthusiast. Von ihnen wollten die Forscher wissen, wie ernsthaft sie ihr Hobby betreiben und ob die Freizeitbeschäftigung dieselben mentalen und physischen Anforderungen stellt wie der Job. Im Anschluss dokumentierten die Studienteilnehmer sieben Monate lang, wie viele Stunden sie ihrem Hobby widmeten. Außerdem bewerteten sie ihre Arbeitsleistung im Job.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass diejenigen, die überdurchschnittlich viel Zeit in ihre Hobbys investierten, auch ihre Leistung im Job als überdurchschnittlich gut einschätzten. Das galt allerdings nur dann, wenn die Hobbys ernsthaft betrieben wurden und nicht ihrem Job ähnelten. Sobald Freizeit und Beruf dieselben Ressourcen binden, erläutert Kelly, erschwert das die Regeneration. Je ernsthafter ein Hobby betrieben wird, desto mehr neue Fähigkeiten und Wissen werden dabei erworben. Das stärke die Zuversicht, bei der Arbeit abzuliefern. Das mache uns "gesünder, produktiver und glücklicher", resümiert Kelly.

Leidenschaft zahlt keine Miete

Das gilt nicht nur für Unternehmer oder Dax-Vorstände, sondern auch für Menschen wie Niklaus Locher, Vertriebsmanager bei EMU Electronic, einem mittelständischen Anbieter für Geräte zur smarten Energiemessung. Er kümmert sich um die internationale Geschäftsentwicklung, spricht ständig mit potenziellen Partnern. Und sucht am Wochenende vor allem eines: Stille. Um die zu finden, fliegt er mit seinem Flugdrachen über grüne Wiesen, kleine Ortschaften, das Alpenpanorama fest im Blick. "Dann ist das Büro so weit weg wie der Boden", sagt er.

Dieser Abstand hat Locher vor allem geholfen, als er um die Jahrtausendwende als Geschäftsführer eine Technologiefirma sanieren musste. Das ständige Grübeln über strategische Entscheidungen und das Wissen, dass ein Fehler viele Arbeitsplätze kosten könnte, "ging an die Substanz", erinnert er sich. 980 Flüge hat der studierte Physiker in den vergangenen 30 Jahren absolviert. Trotz dieser Intensität bleibt das Hobby ein Hobby. Keinen Gedanken hat er je daran verschwendet, Rundflüge für Touristen anzubieten oder auf andere Weise Kapital aus seinen Flugkünsten zu schlagen. Auch weil Locher sich nicht, wie andere, in ein wirtschaftliches Abenteuer stürzt, nur um zu merken, dass Leidenschaft nicht reicht, um die Miete zu bezahlen. "Damit könnte ich nicht mal meine monatlich anfallenden Fixkosten decken", sagt er.

Genau dieser realistische Blick fehle vielen, kritisiert Arbeitspsychologin Carmen Binnewies: "Sie durchdenken den Schritt in die Selbstständigkeit nicht ausreichend." Lästige Aufgaben wie Steuererklärungen, Kalkulationen oder Kundenakquise würden schlicht vergessen. "Das eigentliche Hobby ist nur ein kleiner Teil des Geschäfts."

Imkerin Sabine Graf kann auf Kommando durchrechnen, unter welchen Bedingungen sich ihr Handwerk hauptberuflich betreiben ließe. Deswegen hat sie sich stets dagegen entschieden. "Der Hitzesommer im vergangenen Jahr war für mich ein Desaster", sagt sie. Nur gut ein Zehntel dessen, was die Bienen in guten Jahren an Honig hinterlassen, konnte Graf 2019 in Gläser abfüllen. "Wäre ich davon finanziell anhängig, wäre das ein großes Problem", sagt die studierte Biologin, die seit 25 Jahren Bienen züchtet.

Bienische Denke

Vor zehn Jahren hat Graf ihren Job beim Pharmaunternehmen Roche aufgegeben und sich als Organisationsberaterin selbstständig gemacht. "Je länger ich das mache, desto mehr fällt mir auf, wie viel Imkerei und Menschenführung miteinander zu tun haben." In beiden Disziplinen gehe es darum, "bienisch zu denken", wie Graf das ausdrückt. "Man muss sich in den anderen hineinversetzen und ihm auch zugestehen, Dinge anders zu gestalten, als man selbst das vielleicht machen würde", erläutert Graf, die gerne zwischen Bienenhaltern und Imkern unterscheidet. "Bei den Bienen ist es oft so, dass ich mir anschaue, was da im Stock so vor sich geht und mich manchmal frage: Warum macht ihr das denn jetzt so? Der Bienenhalter würde sofort eingreifen, wenn die Tiere mal nicht wie im Lehrbuch agieren", erzählt Graf. "Der Imker fragt sich, ob es ein Problem ist, wenn die Bienen sich mal nicht so verhalten, wie er es kennt. Wenn nichts dagegen spricht, dann lässt er sie einfach machen. So klappt es auch bei Menschen!"

Auch Unternehmer Claus Hipp sieht durchaus nützliche Parallelen zwischen Beruf und Hobby. Zum Beispiel die Herangehensweise an neue Projekte: "Etwas Neues sollten Sie mit Verve beginnen, mit Begeisterung und ohne alles tausendfach abzuwägen und zu planen." Das gelte für ein Gemälde ebenso wie für eine Produkteinführung. Nach diesen schnellen Entscheidungen zu Beginn folge die "zähe Feinarbeit" – sowohl auf der Leinwand als auch im Betrieb.

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