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"Junge Menschen können sich dieses Verhalten leisten"

Frau Herz Wiese [Quelle: Unsplash.com, Aki Tolentino]

Quelle: Unsplash.com, Aki Tolentino

Sie wollen weniger arbeiten als ihre Eltern, trotzdem haben junge Angestellte hohe Ansprüche an den Job. Ist das unverschämt? Nein, nur vernünftig, sagt ein Forscher.

Wenig Überstunden, am liebsten eine Vier-Tage-Woche, dazu enorme Flexibilität – junge Arbeitnehmende fordern viel und verunsichern Unternehmen. Das neueste Phänomen? "Quiet Quitting", also nur noch so viel arbeiten wie dringend nötig und das Privatleben priorisieren. Klaus Hurrelmann forscht zur Generation Y und Z, er verantwortet die Studie Jugend in Deutschland und arbeitete an der Shell-Studie mit. Er weiß, wie junge Menschen tatsächlich arbeiten wollen – und wieso sie Angst vor einem Burnout haben.

ZEIT ONLINE: Wollen die meisten jungen Menschen lieber weniger arbeiten? 

Klaus Hurrelmann: Ja, auf viele Menschen, die heute unter 40 Jahre alt sind, trifft das zu. Das heißt aber nicht, dass sie am liebsten gar nicht mehr arbeiten wollen. Den passenden Beruf auszuüben ist ihnen immer noch wichtig. Aus unseren Studien wissen wir, dass Schulabgänger sehr gerne ihre Ausbildung starten und sich auf ihren ersten Job freuen. Aber die Motivation, sich im Beruf zu verausgaben und die Arbeit über alles andere zu stellen, ist bei den meisten nicht mehr so groß, wie die Arbeitgeber das seit Jahrzehnten gewohnt sind.

ZEIT ONLINE: Was genau hat sich verändert?

Hurrelmann: Besonders deutlich wird der Unterschied, wenn wir zum Vergleich die Arbeitnehmenden angucken, die älter als 50 Jahre sind. Das ist die Generation, die in den meisten Firmen immer noch die Kultur prägt, weil sie die leitenden Positionen besetzt. Für diese zählt: Durchhalten, auch wenn es keinen Spaß mehr macht, Vereinbarungen einhalten, steile Hierarchien akzeptieren. Der eine kann ansagen, der andere muss ausführen. In dieser Generation geht die Arbeit im Zweifelsfall vor, ein erholsamer Urlaub und die Zeit mit der Familie und Freunden sind zweitrangig. Da sagen die jüngeren Leute jetzt: Das mache ich nicht mehr mit! 

ZEIT ONLINE: Wieso denken die jungen Menschen so anders als ihre Eltern?

Hurrelmann: Viele Menschen aus der Generation Y und Z merken, dass sie ihre Karriere nicht mehr planen können. Sie sind durch die vielen existenziellen Krisen einfach verunsichert, die Zukunft erscheint ihnen ungewiss. Sie glauben, nicht so wohlhabend wie die eigenen Eltern werden zu können. Deswegen wollen sie sich nicht an den Arbeitsplatz verkaufen und unbedingt verhindern, dass ihre Lebensqualität unter dem Job leidet. Das ist ein Mentalitätswandel, den die Unternehmen dringend ernst nehmen sollten. Der Arbeitsmarkt hat sich enorm gedreht, in vielen Branchen fehlen Fachkräfte. Diese Jahrgänge der unter 30-Jährigen sind zahlenmäßig nur halb so groß wie der über 50-Jährigen. Besonders die gut Ausgebildeten aus der jungen Generation können deshalb vom Arbeitgeber viel fordern.

Viele haben sich in der Pandemie gefragt: Was zählt eigentlich im Leben?

Klaus Hurrelmann, Bildungsforscher

ZEIT ONLINE: Hat die Pandemie diese Veränderung beschleunigt?

Hurrelmann: Ja, das sehen wir in unser Studie Jugend in Deutschland, die wir gerade im Halbjahresrhythmus durchführen, sehr deutlich. In der Pandemie erlebten junge Menschen einen Kontrollverlust, ein Ohnmachtsgefühl. Sie konnten sich nicht so entfalten, wie das in ihrer Lebensphase sinnvoll und natürlich gewesen wäre: Reisen war fast unmöglich, gegen Restriktionen zu verstoßen ebenfalls – und beides gehört nun mal zu den Entwicklungsjahren dazu. Viele haben sich gefragt: Was zählt eigentlich im Leben? Der Angriffskrieg in der Ukraine und die damit verbundene Unsicherheit haben diese Gedanken verstärkt. Unsere Befragungen zeigen, dass die meisten da sehr realistisch sind und glauben, dass dieser Krieg noch lange nicht zu Ende ist. Aus diesem Ohnmachtsgefühl wollen sie raus und ihr Leben wieder aktiv gestalten – oft bedeutet das, klare Grenzen bei der Arbeit zu ziehen und die Freizeit zu genießen.

ZEIT ONLINE: Derzeit wird viel über das Phänomen Quiet Quitting gesprochen. Gemeint ist, dass man nur noch so viel arbeitet, dass einem gerade nicht gekündigt wird. Ist diese Haltung weit verbreitet?

Hurrelmann: Der Begriff Quiet Quitting ist missverständlich. Wenn wir ihn ins Deutsche mit "Stille Kündigung" übersetzen, könnte man das so verstehen, dass derzeit viele Menschen kündigen wollen und dies innerlich bereits getan haben. Das stimmt so aber nicht. Was allerdings zutrifft – und so sollte es verstanden werden – ist die Redewendung "Dienst nach Vorschrift". Den Begriff kennen wir ja seit Längerem: Ich mache das, was ich am Arbeitsplatz unbedingt machen muss, aber nicht mehr. Das heißt nicht, dass ich keine Ideen und keine Leidenschaft einbringe. Aber eben nur in Maßen und in weniger Stunden. Bei den meisten ist das keine Arbeitsverweigerung, sie wollen sich nur nicht vom Job kaputtmachen lassen. 

ZEIT ONLINE: Woher kommt die Befürchtung, dass das passieren könnte? 

Hurrelmann: Wir reden hier von Menschen, die digital groß geworden sind. Sie wissen, dass man theoretisch 24 Stunden am Tag erreichbar ist, an sieben Tagen in der Woche. Sie fürchten, dass der Arbeitgeber permanent etwas fordern kann. Und sie haben große Angst, dass sie in einen Burn-out hineinrutschen. Denn viele von ihnen haben im Umfeld, manchmal sogar bei den eigenen Eltern, erlebt, wie schnell das geht. Im Job nur das Nötigste zu tun, ist oft wie ein übertriebener Schutz gegen eine mögliche Überforderung, quasi eine Burn-out-Sperre. Deswegen wollen sie nur noch so viel arbeiten, dass sie davon leben können. Sie wollen keine Überstunden machen, freitags früher gehen und an manchen Tagen gar nicht arbeiten. Viele aus den älteren Generationen der über 50-jährigen Babyboomer können das einfach nicht verstehen und finden diese Haltung unverschämt.

"Viele junge Menschen müssen nicht sofort ganz viel Geld verdienen"

ZEIT ONLINE: Ist es denn tatsächlich so unverschämt, nur so viel arbeiten zu wollen, wie es der Vertrag verlangt und nur dann erreichbar zu sein, wenn man wirklich arbeitet?

Hurrelmann: So ist nun mal gegenwärtig der Arbeitsmarkt. Moralische Kategorien helfen hier nicht. Die jungen Menschen können sich dieses Verhalten leisten, denn sie werden überall dringend gebraucht. Die Mitarbeitenden vieler Personalabteilungen müssen lernen, hiermit umzugehen.  

ZEIT ONLINE: Wie sollten Arbeitgeber darauf reagieren?

Hurrelmann: Über Jahrzehnte konnten die Unternehmen die Arbeitsbedingungen vorgeben. Das ist jetzt vorbei, das sollten Führungskräfte akzeptieren. Sie müssen jetzt nicht nur darauf achten, dass die Arbeit in den vertraglich vereinbarten Stunden erledigt werden kann, sondern ihre Mitarbeitenden in Entscheidungen einbinden und erläutern, warum die Arbeit sinnvoll ist. Es lohnt sich nicht, sich darüber aufzuregen, etwa nach dem Motto: Die jungen Leute lade ich ab sofort nicht mehr zum Vorstellungsgespräch ein, die boykottiere ich, denn die hören ja alle nach wenigen Stunden auf zu arbeiten und wollen dann zum Yoga. Damit tun sich die Unternehmen keinen Gefallen. Sie sollten lieber ein ernstes Gespräch führen, genau hinhören und auf die Bedürfnisse eingehen. Ansonsten haben sie spätestens dann ein Problem, wenn alle geburtenstarken Jahrgänge in Rente sind.

ZEIT ONLINE: Wie häufig wechseln junge Menschen den Job im Vergleich zu älteren? 

Hurrelmann: Dreimal so häufig.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist es ihnen, dass sie viel verdienen?

Hurrelmann: Das Gehalt war eine Zeit lang sehr unwichtig, zumindest für gut ausgebildete Arbeitnehmende. Viel wichtiger war es ihnen, genügend Freizeit zu haben. Durch die Inflation, das zeigt unsere aktuelle Jugend-in-Deutschland-Studie, hat sich das wieder etwas verschoben. Geld ist wieder wichtig, für junge Männer mehr als für junge Frauen. 

Die Eltern sind oft die wichtigsten Karriereberater ihrer Kinder.

Klaus Hurrelmann, Bildungsforscher

ZEIT ONLINE: Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts leben aktuell 71 Prozent der 15- bis 24-Jährigen auf Kosten ihrer Eltern oder anderer Angehöriger. Sind sie nicht auf ein großes Einkommen angewiesen, weil ihre Eltern genug haben und sie finanziell unterstützen?

Hurrelmann: Ja, ganz eindeutig. Viele junge Menschen müssen nicht sofort ganz viel Geld verdienen. Aus unseren Studien wissen wir außerdem, dass heute jede Bildungs- und Berufsentscheidung zusammen mit den Eltern getroffen wird. Es gibt tausende Studiengänge, etliche Ausbildungswege, da blickt niemand mehr durch, auch die klassischen Berufsberatungen nicht. Deswegen sind die Eltern oft die wichtigsten Karriereberater für ihre Kinder. Viele schicken sogar ihre Mütter und Väter zu Informationsveranstaltungen, die meisten Hochschulen bieten mittlerweile auch eine Sprechstunde für Eltern an. 

ZEIT ONLINE: Eine verwöhnte Generation also?

Hurrelmann: Einige Eltern sind tatsächlich sehr fürsorglich, sie pampern ihre Kinder auch noch im Erwachsenenalter. Ja, man kann sagen, dass sie ihre Töchter und Söhne verwöhnen. Aber so ist es nun einmal und auch das können die Unternehmen nicht ändern. 

ZEIT ONLINE: Wollen viele von ihnen auch deswegen weniger arbeiten, weil sie es besser machen wollen als ihre Eltern?

Hurrelmann: Ich vermute es, aber es gibt keine Untersuchung, die das belegt. Was wir aber aus Studien wissen: Die jungen Leute beobachten sehr genau, wie ihre Eltern sich verhalten oder verhalten haben. Viele klagen darüber, dass ihre Mütter und Väter sich durch übermäßiges Engagement im Beruf kaputtgemacht und zu wenig in ihr Privatleben investiert haben. Es ist naheliegend, dass sie es anders machen wollen und sich nicht mehr so stark über den Job definieren.

ZEIT ONLINE: Es klingt paradox, dass sie der Elterngeneration vorwerfen, so viel gearbeitet zu haben – obwohl sie sehr von den erarbeiteten Privilegien ihrer Eltern profitieren. 

Hurrelmann: Das ist richtig, aber die eigenen Eltern unterstützen die jungen Leute meist in ihrer Haltung.

Für die Jungen ist Wertschätzung im Job besonders wichtig.

Klaus Hurrelmann, Bildungsforscher

ZEIT ONLINE: Seit der Pandemie arbeiten vor allem gut ausgebildete Arbeitnehmer oft im Homeoffice. Wie hat sich dadurch das Verhältnis zum Job und dem Arbeitgeber verändert?

Hurrelmann: Das schafft natürlich nicht die Bindung, die es für eine gute Zusammenarbeit braucht. Unsere Studien zeigen, dass gerade Berufsanfänger sehr gerne im Büro arbeiten wollen. Es kann für die Unternehmen eine Chance sein, wenn sie das jetzt anbieten. Denn Mitarbeitende aus der Generation Y und Z sind es gewohnt, ständig Feedback zu bekommen, von den Eltern, aus der Schule, aus dem Sportverein. Das ist für sie eine Art Wertschätzung, die ihnen auch im Job besonders wichtig ist.

ZEIT ONLINE: Durch die aktuelle Energiekrise planen viele Unternehmen, Stellen abzubauen. Was passiert, wenn die Arbeitgeber wieder mehr Macht haben als die Angestellten, weil es weniger Jobs gibt?

Hurrelmann: Aktuell sieht es nicht danach aus, dass Unternehmen im Fall einer großen Wirtschaftskrise ausgerechnet die Jungen kündigen. Das wäre jedenfalls kurzsichtig, denn diese brauchen sie auch, wenn die Krise wieder vorbei ist.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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