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"Mitarbeiter prahlen mit dem Aspirin-Pulver in der Schublade"

Krank, Erkältung, Taschentuch, Nase, Mann [Quelle: unsplash.com, Autor: Brittany Colette]

Quelle: unsplash.com, Brittany Colette

Immer mehr Deutsche gehen krank zur Arbeit. Warum das oft mit einer Macho-Kultur im Unternehmen zusammenhängt, erklärt ein Arbeitspsychologe.

Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland gehen trotz Krankheit zur Arbeit. Die Zahl der Angestellten, die krank arbeiten, ist laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund auf 76 Prozent gestiegen. Und die Deutschen gehen nicht nur häufiger, sondern auch immer länger angeschlagen zum Arbeitsplatz. Ein Viertel tut dies an mindestens 15 Tagen im Jahr. Weitere 20 Prozent waren 10 bis 14 Tage lang trotz Krankheit im Dienst. Der Arbeitspsychologe Tim Hagemann erklärt, welche Menschen besonders anfällig dafür sind, weshalb der sogenannte Präsentismus auch Unternehmen schadet und wie Führungskräfte gute Vorbilder sein können.

Wann waren Sie das letzte Mal krank arbeiten, Herr Hagemann?

Tim Hagemann: Das passiert mir manchmal. Ich bin aber auch in einem der typischen Berufsfelder unterwegs, in denen das häufig vorkommt. Berufe mit vielen sozialen Kontakten, personenbezogenen Tätigkeiten und dem Gefühl, unersetzlich zu sein. Ich bin Hochschullehrer und da fällt es einem schwer, eine Vorlesung ausfallen zu lassen. Vor allem auch, wenn man weiß, dass viele berufsbegleitende Studierende extra anreisen. Deshalb kommt es auch hin und wieder vor, dass ich erkältet Vorlesungen halte, was eigentlich nicht vernünftig ist.

Dann gehören Sie zu den 76 Prozent aller Angestellten, die laut einer neuen Studie in Deutschland im letzten Jahr trotz Krankheit zur Arbeit gegangen sind. Wieso tun das so viele?

Man muss sagen, dass die Forschungslage schwierig ist, all die Studien beruhen immer auf Selbsteinschätzungen. Diese zeigen: Immer dort, wo eine hohe soziale Verantwortung herrscht, gehen Angestellte häufiger krank zur Arbeit. Dann sprechen sie von einem Pflichtgefühl. Einerseits den Kolleginnen gegenüber, aber auch den Menschen, die von ihrem Dienst abhängig sind.

Gibt es Berufsgruppen, die besonders anfällig dafür sind?

Es sind vor allem die sozialen Berufe betroffen. Also Angestellte im Gesundheitswesen, wie Pflegekräfte oder Ärztinnen, aber auch Lehrer und Erzieherinnen. Dort trifft ein starkes Pflichtgefühl auf die Tatsache, dass diese Angestellten aufgrund des Fachkräftemangels schwer zu ersetzen sind. Die Personalschlüssel sind schon ohne Krankheit oft schlecht. Wer dann krank wird, hat ein schlechtes Gewissen, weil die Kollegen unterbesetzt sind oder andere aus ihrer Freizeit gerufen werden.

Also können wir nicht von der Volkskrankheit Präsentismus sprechen. Ist das alles nur ein Phänomen der sozialen Berufe? 

Nein. Sie sind besonders stark betroffen, aber das zieht sich durch alle Berufsgruppen. Das kommt auch vermehrt bei Führungskräften aller Art vor, weil diese eine hohe Verantwortung oder einen besonderen Konkurrenzdruck spüren. Ebenfalls lässt sich der Präsentismus auch bei Berufsanfängerinnen oder Angestellten mit befristeten Verträgen beobachten. Da herrscht dann vor allem die Sorge, dass sie berufliche Nachteile fürchten müssen, wenn sie sich krankmelden.

Andererseits kennt auch jeder die Kollegen, die sogar damit prahlen, dass sie krank zur Arbeit kommen.

Die gibt es natürlich auch. Vor allem in Betrieben, in denen noch immer eine Macho-Kultur herrscht. Frei nach dem Motto: In unserem Unternehmen wird hart geackert. Mitarbeiter prahlen mit dem Aspirin-Pulver in der Schublade und damit, dass sie trotz Krankheit Einsatz zeigen. Sie können ihre eigenen kleinen Heldengeschichten erzählen und ihr Selbstwertgefühl steigern. Das ist alles eine Frage der Unternehmenskultur.

Ist das nicht auch eine generelle kulturelle Frage? Sind wir in Deutschland besonders anfällig für Präsentismus? 

Dazu gibt es, meines Wissens, noch keine konkrete Forschung, aber sicherlich ist das Phänomen in industriellen Leistungsgesellschaften wie Deutschland oder Japan vertreten. In Japan gibt es mit dem Karoshi-Syndrom sogar einen eigenen Fachbegriff dafür, wenn Arbeitnehmer sich zu Tode schuften – also ununterbrochen arbeiten, wenig essen und trinken und erst recht nicht zur Ärztin gehen. In solchen Ländern ist das eine kulturelle oder strukturelle Frage. In den USA zum Beispiel gibt es so viele unsichere Arbeitsverhältnisse, dass sich viele Menschen aus der Not heraus krank zur Arbeit schleppen.

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