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Den inneren Kritiker besiegen

Yoga, Entspannung, Selbstfindung [Quelle: unsplash.com, Autor: Marion Michele]

Quelle: unsplash.com, Marion Michele

Ein Gespräch unter Journalisten, kurz vor Feierabend. Ein Kollege stöhnt, er muss heute Abend noch 200 Zeilen zu Hause schreiben, morgen früh ist Abgabeschluss. Der Schreiber erntet ein paar Mitleidsbekundungen. "Na ja, geht schon", sagt er. "Ich trinke ein Bierchen, dann geht es schneller." Der Blick einer Kollegin verändert sich, sie schaut ihn an wie einen Alkoholiker. Der Journalist verteidigt sich: "Ich bin dann doch nicht betrunken, ich denke nur halt nicht zehnmal über jede Formulierung nach – und der Text ist immer noch gut." Die Kollegin empfiehlt ihm Yoga, das sei gesünder.

Schwierigkeiten damit, einen Text einfach mal runterzuschreiben, hat allerdings nicht nur dieser eine Arbeitnehmer. Eine kleine Umfrage im Freundeskreis bestätigt, dass viele Berufstätige sich schwer damit tun, eine Arbeit effizient zu erledigen. Die Lehrerin grübelt ewig darüber, wie sie eine Klausurfrage formulieren muss, damit sie auch der dümmste Schüler nicht mehr missverstehen kann. Der befreundete Unternehmensberater sucht einen brillanten Abschluss für seine Präsentation, damit sie auch den mäkeligsten Vorstand überzeugt. Es ist nicht so, dass beiden nichts einfällt, ihre Ideen sind meist gut. Sie verwerfen ihre Entwürfe nur immer wieder, weil die Lösungen nicht perfekt sind.

Dadurch vernachlässigen sie das Pareto-Prinzip, auch bekannt als 80:20-Regel. Sie besagt, dass 80 Prozent der Arbeit mit 20 Prozent des Gesamtaufwands erledigt werden kann. Die Wohnung schnell durchzuwischen, damit der grobe Dreck weg ist, geht viel schneller als ein perfektionistischer Hausputz, der das letzte Stäubchen auch noch beseitigen will.

Schneller zufrieden sein

Das Pareto-Prinzip gilt auch für geistige Arbeit: Wer sich mit einer guten Klausurfrage und einem schönen Präsentationsabschluss zufriedengibt, ist in 20 Prozent der Zeit durch. Wer hingegen nach Brillanz strebt, muss für den höheren Perfektionsgrad wesentlich mehr Zeit investieren.

Manchmal lohnt sich das, manchmal muss die volle Perfektion sein. Ein Pilot, der nur zu 80 Prozent sicher landet, wird sein Rentenalter nicht erreichen. Unter Piloten kursiert deshalb ein Bonmot: "Es gibt mutige Piloten und alte Piloten - aber es gibt keine mutigen alten Piloten." Für die meisten Berufe und Arbeiten, die im Alltag anfallen, sind 80 Prozent Qualität indes völlig ausreichend. Trotzdem fällt es vielen Berufstätigen schwer, ihre Ansprüche zu reduzieren, um effizienter zu werden. Sie sind zu streng mit sich, ihr innerer Kritiker ist zu stark.

Werner Jung kennt das Phänomen. Der Psychologe arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Coach von Führungskräften. Angesprochen auf das Thema "innerer Kritiker", antwortet er spontan: "Ah, Sie reden von meiner Klientel!" Jung kennt das Thema schon von früher, als er in einer Beratungsstelle an der Universität Studenten half, die mit ihren Hausarbeiten nicht fertig wurden. "Das waren oft grandiose Kenner ihres Fachs, die aber überzogene Ansprüche an sich selbst stellten." Das Problem sei offensichtlich: "Jeder erste Satz geht besser - aber so bekommen Sie nie einen Text zusammen."

Falsche Vorbilder aus dem Internet

Der Psychologe ist überzeugt: Was den inneren Kritiker so mächtig werden lässt, ist der Anspruch, stets perfekt sein zu müssen. Die falschen Vorbilder dazu kommen zu Tausenden aus dem Internet, wo sich auf den Businessplattformen Xing und Linkedin ungezählte Anzugträger mit optimalem Lebenslauf und zig angeblichen oder tatsächlichen Fähigkeiten und Kontakten brüsten. Auf Plattformen wie Instagram und Facebook zeigen ungezählte Schönheiten ihre perfekten Körper und Kleidungsstücke, Hobbybäcker ihre stets makellosen Torten. Wissenslücken, Augenringe und verunglücktes Gebäck gibt es in den sozialen Netzwerken kaum zu sehen.

"Wir leben in einer Welt der Perfektionisten und Selbstoptimierer, in der nichts gut genug ist", sagt Jung. Das zeige sich in Sprüchen wie "Das Bessere ist der Feind des Guten" oder auch ganz offensichtlich in Bars. "Gehen Sie abends mal in einen Club, wo junge Leute sind: Da staunen Sie, wie kontrolliert alles ist. Jeder Augenaufschlag, jeder Griff nach dem Handy ist mehr oder weniger optimiert."

Mit steigendem Alter werde es leider nicht besser. Die Führungskräfte, die ihn in seiner Praxis aufsuchen, seien meist Ende 40 oder schon in den Fünfzigern. "Die übernehmen den Perfektionsanspruch häufig aus dem technischen Bereich, wo es teils um Nanometer geht, und übertragen ihn auf sich." Das zeige sich dann oft in einem starken Kontroll- und Ordnungszwang. Die Betroffenen wollten jede Situation kontrollieren - und hätten meist einen top aufgeräumten Schreibtisch.

Zweifellos hat ein starker innerer Kritiker einen Vorteil: Er kann zu unglaublich guten Leistungen (ver-)führen. Viele der bekanntesten Unternehmenslenker haben ihre Karriere einem starken inneren Kritiker zu verdanken, der sie immer wieder zu neuen Höchstleistungen und zum Erfolg treibt. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs, dessen extreme Leidenschaft für Perfektion seine Mitarbeiter und Familie in den Wahnsinn trieb, Apple aber zwischenzeitlich zum wertvollsten Unternehmen der Welt machte. Allerdings bringt ein starker innerer Kritiker auch Nachteile mit sich, in erster Linie Stress. Bei chronischem Stress entsteht zu viel Cortisol, was zu gravierenden körperlichen und psychischen Schäden führen kann. Ferner neigen Menschen mit sehr hohem eigenen Anspruch dazu, sich kritische Stimmen anderer zu sehr zu Herzen zu nehmen und tagelang darüber nachzudenken. Nicht zuletzt leiden sie häufiger als andere an Burnout, Angststörungen und Depressionen.

Was wirklich glücklich macht

Wie aber hilft Psychologe Jung seinen perfektionistischen Kunden? In einem ersten Schritt sucht er mit ihnen nach Ereignissen, als sie glücklich waren, ohne perfekt zu sein. Das kann das Tischtennisspiel mit dem Bruder sein oder der Pokerabend mit Freunden. Diese Erlebnisse führen den Betroffenen vor Augen, dass nicht allein die Vollkommenheit innere Erfüllung bringt. Und dass viele Menschen sie mögen, obwohl oder gerade weil sie nicht perfekt sind. "Leben Sie mal mit einem Perfektionisten zusammen, das halten Sie kaum aus", sagt Jung.

Im zweiten Schritt stellt er seinen Klienten eine kleine Aufgaben: Schreiben Sie einen Text in 30 Minuten runter, machen Sie die Rede in einer Stunde fertig. Das Ergebnis reiche meist völlig aus, und die Kunden seien zufriedener, weil sie ein gutes Ergebnis in einer guten Zeit hinbekamen. Nicht ohne Grund wird in der Physik die Leistung als Quotient aus Arbeit und Zeit definiert. "Es geht nicht darum, seine Ansprüche aufzugeben. Ansprüche zu haben ist gut. Es geht nur darum, überzogene Ansprüche fallenzulassen", sagt Jung. Ein Lernprozess.

Auch kleine Tricks können helfen

"Am stärksten ausgeprägt sind solche Selbstblockaden bei denen, die etwas leisten wollen", sagt auch Stefan Grötecke, der die Personalabteilung des Metallbauunternehmens Howden in Deutschland leitet. Neu ist das Phänomen nicht. Schon in der Antike war es so, dass die stärksten Selbstzweifel gerade die Besten befielen. Der griechische Philosoph Platon zitiert seinen Lehrmeister Sokrates mit den Worten: "Jener glaubt, etwas zu wissen, weiß aber nichts. Ich weiß zwar auch nichts, glaube aber auch, nichts zu wissen." Dieses Zitat aus der Verteidigungsrede des Sokrates wird meist verkürzt zu "Ich weiß, dass ich nichts weiß". Die Botschaft bleibt in beiden Fällen gleich: Gerade die Erkenntnis über das eigene Nichtwissen lässt die Zweifel an der eigenen Arbeit steigen. Personalchef Grötecke formuliert es plakativer: "Diejenigen, die nicht so helle sind, haben das Problem nicht. Deshalb sind sie ja nicht so helle."

"Gerade bei den Klugen bleibt das Blatt Papier zu lange weiß"

Das Ergebnis ist damals wie heute ebenfalls gleich: Gerade bei den Klugen bleibt das Blatt Papier zu lange weiß. "Das ist definitiv ein Thema, aber leider keines, wo viel drüber geredet wird", sagt Grötecke. In den vielen Unternehmen, die er als Interimsmanager kennengelernt hat, habe es Anti-Stress-Trainings gegeben, Kreativitäts-Workshops, Entspannungskurse und Führungskräfte-Seminare. "Aber ich habe nie von einem Unternehmen gehört, in dem der Umgang mit dem inneren Kritiker strategisch und auf breiter Basis angegangen wurde."

Wahrscheinlich ist das ein Fehler. In der "Stressstudie 2016" der Techniker Krankenkasse nennen 43 Prozent aller Befragten, die selten oder häufig Druck empfinden, "hohe Ansprüche an sich selbst" als Ursache für ihren Stress. Das sind deutlich mehr, als diejenigen, die "zu viele Termine" (33 Prozent) oder "ständige Erreichbarkeit" (28 Prozent) klagen. Was auch auffällt: Frauen leiden deutlich häufiger unter ihren eigenen Ansprüchen als Männer. Während unter den Gestressten fast jede zweite Frau (48 Prozent) mit einem zu starken inneren Kritiker kämpft, ist es bei den Männern nur etwas mehr als jeder dritte (37 Prozent).

Wenn Architekten zu lange untätig vor ihrem Computer sitzen oder Journalisten vor der Tastatur erstarren, sinkt die Produktivität. Dann ist es nur logisch, dass ein Unternehmen mehr Personal braucht, um die Bauzeichnung fertigzustellen und die Zeitung zu füllen. Gröteckes Tipp, um den Kopf frei zu bekommen: Sport machen - oder, wie er selbst es praktiziert, Motorrad fahren. "Wenn ich mich auf den Punkt konzentrieren muss, voll auf die nächste Kurve, dann bleibt kein Raum für Zweifel."

Auch kleine Tricks können helfen

Tatsächlich lässt sich die Menschheit viel einfallen, um mental runterzukommen. Wer kein Motorrad hat und sich keinen Coach leisten kann, macht vielleicht Yoga. Andere stellen sich unter die Dusche, spazieren eine große Runde um den Block oder sprechen mit ihrer Mama. Manche nutzen kleine Psycho-Tricks. Der eine oder andere stellt sich seinen Chef nackt vor, um die Angst vor ihm zu verlieren. Allerdings hat alles seine Grenzen: "Was nützt ein Yogakurs in der Mittagspause, wenn die Führung oder die Teamarbeit im Unternehmen nicht stimmen?", fragt die Beraterin Ulrike Michels, die sich als Stressexpertin einen Namen gemacht hat.

Ohnehin ist es bisweilen eine ziemlich schlechte Idee, den inneren Kritiker durch ein Bierchen zu betäuben oder durch Yoga zu verdrängen. "Solche Kontrolldinge sind mit Vorsicht zu genießen", warnt der Therapeut Michael Mary. Er ist Autor von mehr als 30 Büchern, darunter auch der "Anleitung zum Erfolg". "Ängste haben ja eine Funktion, sie wollen einen vor Schaden bewahren", gibt Mary zu bedenken. "Wenn Ihr innerer Kritiker sagt: Wenn du das schreibst, wirst du entlassen - und Sie denken darüber nach und geben ihm recht, dann sollten Sie Ihren Text tatsächlich nicht veröffentlichen."

Statt den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen, sollte man sich mit ihm auseinandersetzen, rät Mary. Dazu müsse man seine Ängste bis zum Ende hinterfragen. "Wenn Sie sich unsicher sind, ob Ihre Arbeit gut genug ist, fragen Sie sich: Was passiert denn, wenn sie nicht perfekt ist?" Eine Antwort könnte lauten: Dann meckert der Chef. Dann müsse man weiterfragen: Was passiert, wenn der Chef meckert? Je nachdem, wie die Antwort ausfällt (kleiner Rüffel oder Entlassung), kann man sich dann bewusst dafür entscheiden, das Risiko einzugehen - oder lieber tatsächlich nachzubessern. "Nehmen Sie die Bedenken Ihres inneren Kritikers ernst", empfiehlt Mary. "Setzen Sie sich bewusst mit ihm und den dahinter stehenden Ängsten auseinander. Aber lassen Sie sich nicht von ihm beherrschen."

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