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Das sagt die Forschung

Die Flexible

Christa Stienen, die Personalchefin von DB Schenker, ist schon ihre ganze Karriere auf Achse. Während ihrer Zeit beim Großhändler Metro fuhr sie jeden Tag von Duisburg nach Düsseldorf. Als Europa-Personalleiterin eines japanischen Pharmaherstellers war sie sechsmal im Jahr auf der anderen Seite der Welt. Auch als sie zuletzt bei der Catering-Tochter der Lufthansa in Frankfurt arbeitete, pendelte sie regelmäßig nach Berlin und Duisburg, um ihren Mann zu sehen. Dass sie drei Orte ihr Zuhause nennt, ist für sie "Lebenskonzept". Und dass sie dafür die 1,6 Kilometer zum Bahnhof in Duisburg um 6.30 Uhr zu Fuß geht, weil sie sonst gar keine Bewegung an dem Tag hat? Gehört dann wohl auch dazu.

Warum das Ganze? Stienen, die auch Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Personalmanager ist, will gestalten. "Und je mehr ich herumkomme, desto besser kann ich das tun." Klar sei das anstrengend. Doch wenn die Bahn ausfalle oder der Stau unerwartet lang sei, könne sie das sowieso nicht ändern. "Also lasse ich mich davon nicht stressen." Bei wichtigen Terminen fährt die Managerin am Vorabend los. Und wenn sie zu spät kommt, gibt sie rechtzeitig Bescheid und versucht, die Zeit anders zu nutzen: mit Telefonaten übers Auto-Headset oder Mails in der Bahn. Nur einen Wunsch hat sie: häufiger mit ihrem Mann zu Abend zu essen. Heute schließt Stienen ihr Büro um 8.59 Uhr auf. Der ICE war auf die Minute pünktlich. Nur ihr Gesprächspartner ist noch nicht da.

Das sagt die Forschung

Mobilitätsforscher Heiko Rüger vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) kann einerseits verstehen, dass die meisten Fach- und Führungskräfte pendeln. "Die unmittelbaren Kosten erscheinen zunächst geringer." Der Partner bleibt vor Ort, der Lebensmittelpunkt auch, das Kind in der Schule. Doch diese Argumentation sei andererseits unvollständig: "Gerade Fernpendler mit besonders langen Arbeitswegen verbringen weniger Zeit zu Hause und fühlen sich häufiger erschöpft. Darunter können die Beziehungen innerhalb der Familie leiden."

Auch für die Gesundheit ist Pendeln riskant. Verpasst ein Pendler seinen Anschlusszug oder steht unerwartet im Stau, kann sein Stresspegel höher sein als der eines Kampfpiloten im Einsatz, hat der britische Forscher David Lewis einmal herausgefunden. Menschen, die sich diesem Druck über Jahre aussetzen, können am Pendeln zusammenbrechen. Diese Fälle landen bei Steffen Häfner. Der Chefarzt der MediClin Baar Klinik in Königsfeld im Schwarzwald kümmert sich seit Jahrzehnten um gestresste Fach- und Führungskräfte. "Viele Pendler sind Ärztemuffel", sagt der Facharzt. Sie haben nicht die Zeit, zum Doktor zu gehen. Dabei ist die Liste der Leiden lang, die Berufspendler häufiger treffen als andere: Magenbeschwerden, Rücken- und Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Alkoholkonsum. "Viele Pendler kommen nicht wirklich zur Ruhe, sind reizbar, nicht so belastbar und leiden unter Schlafstörungen", sagt Häfner. Doch auch ein Umzug kann belastend sein. Die gewohnte Umgebung zurücklassen, alles organisieren, sich am neuen Standort zurechtfinden. "Ein Umzug ist oftmals ein kritisches Lebensereignis", sagt BiB-Direktor Norbert Schneider. Noch bis zu anderthalb Jahre nach dem Umzug steige der Stresspegel an. Doch hier liege der Unterschied zum Pendeln: Wer umzieht, ist nur temporär belastet. Wer dauerpendelt, ist ebenso dauerhaft gestresst.

Das wissen auch die Unternehmen und bevorzugen oft Führungskräfte, die mit ihrer Familie in die Nähe des Arbeitsplatzes ziehen, sagt Immo Futterlieb, Partner bei Heidrick & Struggles. "Ab einem gewissen Level sollen Manager Einfluss nehmen und den Kulturwandel vorantreiben. Das geht nur, wenn die Person voll und ganz vor Ort ist." Häufig schon hatte der Personalberater geeignete Kandidaten für seine Klienten gefunden. Die wollten aber nicht umziehen – und bekamen den Job deshalb nicht. Ausnahmen machen Firmen nur dann, wenn Kandidaten seit vielen Jahren pendeln, sagt Futterlieb. Auch Wochenendpendeln löst die Probleme nicht: Zwar arbeiten solche Führungskräfte tendenziell länger, weil sie sich am Zweitwohnsitz weniger stark integriert haben. Das Risiko, dass sie in der Nähe ihrer Heimat einen anderen Job finden, ist aber nicht zu unterschätzen. Und stressfrei ist das Leben der Wochenendpendler auch nicht: Die Samstage und Sonntage sind häufig überladen, weil all das erledigt werden soll, was die Woche über nicht möglich war. Fazit: "Wenn man alle Faktoren vergleicht, ist ein Umzug oft empfehlenswerter als langjähriges Fernpendeln", sagt BiB-Soziologe Schneider.

Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass sich alle Pendler einen neuen Wohnsitz suchen sollten. Wichtig ist aber, sich regelmäßig zu hinterfragen. Was Pendeln zumindest erträglicher macht: Musik im Auto, Dehnübungen in der Bahn und klare Absprachen mit der Familie, wenn es mal wieder zu Verspätungen kommt. Und: ab und an von zu Hause arbeiten. "Schon ein Tag im Homeoffice ist für Pendler extrem entlastend", sagt Schneider. Und was womöglich ebenfalls hilft: sich nicht über jeden umgekehrt gereihten Zug aufregen.

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