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"Wir Narzissten verwechseln Bestätigung mit Liebe"

Mädchen, Spiegel, Wald, Selbstliebe, Narzissmus [Quelle: pixabay.com, Autor: prinzesskathrin]

Quelle: pixabay.com, prinzesskathrin

Toxischer Narzissmus ist zerstörerisch. Der Psychiater Pablo Hagemeyer erklärt, wie man Narzissten erkennt und aushebelt. Er muss es wissen: Er ist selbst Narzisst.

Der Psychiater Pablo Hagemeyer hat sich in seiner Arbeit auf die narzisstische Persönlichkeitsstörung spezialisiert, er behandelt viele Menschen, die darunter leiden. Das falle ihm leicht, sagt er. Schließlich sei er selbst Narzisst.

ZEIT ONLINE: Woran erkennen Sie, dass Sie einen Narzissten oder eine Narzisstin vor sich haben?

Pablo Hagemeyer: Die Antwort als Laie wäre: Wir können das intuitiv erspüren. Irgendwas stimmt bei diesem Menschen nicht. Er wirkt beispielsweise ein bisschen zu besonders, zu außergewöhnlich. Also zu wichtig für den tatsächlichen Kontext. Narzissten sind extrem selbstbezogene Personen. Was auch geschieht, wird so hingedreht, selbst besser, klüger, wichtiger, schuldlos oder hübscher als andere zu wirken. Und wenn das objektiv nicht der Fall ist, halten sie trotzdem daran fest. Fachlich geschulte Menschen, wie zum Beispiel Psychologen, gehen im Kopf dann die klassischen Persönlichkeitsstörungen und deren Diagnosekriterien durch. Und da gibt beim Narzissmus klare Kriterien, wie zum Beispiel: arrogantes Auftreten, Verlangen nach Bewunderung, ausbeuterisches Verhalten, Verweigerung von Empathie oder Unfähigkeit zur kritischen Reflexion über sich.

ZEIT ONLINE: Wie lange brauchen Sie, um zu merken, dass einer Ihrer Patienten narzisstisch ist?

Hagemeyer: In der Regel merke ich es schnell, manchmal sogar nach nur wenigen Minuten. Schon die kleinsten Dinge sind entlarvend. Ich habe zum Beispiel ein Schild an meiner Tür zur Praxis, auf dem "Bitte nicht klopfen" steht. Für die meisten Menschen ist klar, dass sie dann nicht stören sollen. Allerdings nicht für Narzissten. Die kommen einfach rein. Sie haben kein Gespür für den persönlichen Bereich anderer Leute. Vor ein paar Tagen hatte ich einen Termin mit einem neuen Patienten, der sich schon im Vorfeld als Narzisst angekündigt hat. Und was macht der? Er kommt einfach rein. Ich meinte: "Hey, da steht 'Bitte nicht klopfen' dran." Er antwortete nur, dass er jetzt bereit sei. "Sehen Sie", sagte ich zu ihm, "genau für Sie habe ich eigentlich das Schild aufgeklebt." Da musste er dann lachen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen von sich selbst, Sie seien ein Narzisst, aber ein netter. Was unterscheidet den netten von dem nicht so netten? 

Hagemeyer: Pauschal zu sagen, der ist Narzisst und der nicht, greift zu kurz. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist ein Spektrum einer psychiatrischen Störung. Es gibt eine Abstufung der Schweregrade bis zum Psychopathischen. Ich selbst habe keine ausgeprägte Form des Narzissmus, ich verorte mich eher im subklinischen Mittelfeld. Ich neige zum Beispiel zum arroganten Auftreten, was ich als selbstbewusst wahrnehme, bin manchmal kritikunfähig und habe einen gewissen Mangel an Empathie. Ich nerve, zerstöre aber nicht. Ich würde also nicht einfach durch eine Tür gehen, an der "Bitte nicht klopfen" steht. Es sei denn, ich wäre in einer echten Notlage, zum Beispiel, wenn meine Tochter schnell einen Arzt bräuchte und einer dahinter wäre. Aber das ist der Punkt: Menschen mit ausgeprägter narzisstischer Störung befinden sich quasi immer in einer Notlage. Psychopathische Narzissten denken sogar, die Regeln der Gesellschaft gelten für sie nicht.

ZEIT ONLINE: Wie weit geht ein nicht so netter Narzisst?

Hagemeyer: Ein toxischer Narzisst geht schlicht über alle möglichen Grenzen, die eine kulturimmanente Moral so aufgestellt hat. Nichts ist ihm heilig. Er zerstört. Mit Worten, mit einem abfälligen Tonfall in der Stimme, mit unablässigen, herablassenden Kommentaren und mit Taten. Er ist ein Emotionsvampir, saugt die Emotionen des anderen auf. Und macht sich damit größer als sein Gegenüber. Ist der ahnungslose Interaktionspartner gefügig gemacht, kommt er in die Sammlung zu den anderen Opfern. So baut sich ein toxischer, narzisstischer Mensch seine Welt und manchmal ist er damit auch erfolgreich.

Der Narzisst kann zu einem gewissen Grad steuern, was er fühlt, aber er bezieht es gleich auf sich.

Pablo Hagemeyer, Psychiater

ZEIT ONLINE: Sie sagen von sich, dass Sie einen Mangel an Empathie haben. Dennoch versuchen Sie als Therapeut Menschen zu helfen, denen es psychisch nicht gut geht. Klingt nach einem Widerspruch.

Hagemeyer: Ich kann mich durchaus in Menschen einfühlen. Aber, und das ist der Unterschied zu anderen, ich kann das Mitgefühl auch ausknipsen. Ich kann sagen: "Das interessiert mich jetzt nicht." Die Psychologie unterscheidet hier die emotionale und die kognitive Empathie. Die letztere ist eine Empathie, die situationsbezogen, wenn nützlich, eingeschaltet wird. Sie ist schon echt, aber hallt kaum nach. Sie ist mehr gedacht als tief gefühlt. Die haben Narzissten. Ein Beispiel: Ein Film zeigt, wie sich jemand mit dem Messer in den Finger schneidet. Die meisten Menschen erschrecken und fühlen intuitiv den Schmerz mit. Der Narzisst kann zu einem gewissen Grad steuern, was er fühlt, aber er bezieht es gleich auf sich. Er leidet dann durchaus mit, allerdings nur, weil er sich selbst in der Person sieht, die sich geschnitten hat. Er tut sich dann quasi selbst leid, wenn er darüber nachdenkt, wie es sich anfühlen würde. Sieht er in dem anderen nur einen Fremden und ist er nicht bereit, sich einzufühlen, denkt er womöglich: "Ganz schön blöd, diese Person, sie kann nicht mal richtig Gemüse schneiden." Er lacht darüber. So wie man über jemanden spontan lacht, der stolpert. Das ist höchst unempathisch. Die bewusste Entscheidung zur oder gegen Empathie ist typisch narzisstisch. Empathische Menschen sind es einfach. Sie würden sich schämen, wenn jemand ausgelacht wird. 

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Sie ein Narzisst sein könnten?

Hagemeyer: Diese Erkenntnis kam eher schleichend. Ich habe ja beruflich viel mit Narzissten zu tun. Dennoch habe ich diese Störung lange nicht mit mir in Verbindung gebracht, bis ich selbst mehr und mehr Merkmale entdeckt habe, die darauf hinweisen. Und bis mir das jemand gesagt hat: Du bist ein Narzisst, aber ein netter. Narzissten übertragen gerne die eigenen negativen Eigenschaften auf andere. Projektion nennt man das. Wenn sie in ihrem Gegenüber etwas Negatives sehen, ein Verhalten, das sie vielleicht selber haben, fangen sie an, es anzugreifen und die Person dafür extrem abwertend zu behandeln. Ich habe mich beispielsweise oft über arrogante Menschen geärgert. In dem Moment habe ich mich aber selbst überheblich verhalten. Das wurde mir irgendwann bewusst. 

"Der Narzisst verfehlt oft seine eigenen Ziele"

ZEIT ONLINE: Was hat diese Erkenntnis in Ihnen ausgelöst?

Hagemeyer: Wir Narzissten haben in der Regel ja ein recht positives Selbstbild von uns. Wir wollen alles möglichst gut machen, soziale Wesen sein. Zumindest wir netten Narzissten. Den offen zerstörerisch agierenden Narzissten ist das egal. Mir nicht. Und wenn man merkt, dass man gar nicht so sozial ist, sondern doch leicht arrogant, dann erschrickt man erst mal. Ich musste mir auch in jungen Jahren von anderen anhören, dass ich passiv bin, nicht mitmache, eitel bin oder sogar verletzend. Als junger Mann fiel es mir immer leicht, Beziehungen zu beenden. Aber selbst verlassen zu werden, war immer eine herzzerreißende Tragödie für mich. Der Narzisst ist extrem empfindlich, auch wenn er versucht, das zu verbergen. Er reagiert höchst sensibel auf Zurückweisung, auch auf Kritik, und er vermeidet, negative Dinge bei sich zu suchen. Was er eigentlich will, ist, absolut bestätigt zu werden. Das ist die Charakterschwäche. Er verbirgt das mit Wut und Ärger. In einer Therapie muss man an diesen Ärger herankommen und dann untersuchen: Was steckt dahinter?

ZEIT ONLINE: Wie macht man das?

Hagemeyer: Die Selbstempathie fördern. In einer Therapie stellt man sich vor, dass ein Anteil des Selbst bedürftig, verlassen, verletzt und in dunkler Vorzeit zu wenig geliebt und ihm nicht passend begegnet wurde. Und dann gilt es, diesen Selbstanteil zu erkennen, zu trösten und zu ermutigen, sich zu zeigen. Der Kontakt mit einem selbst, mit dem abgespaltenen, sensiblen Selbstanteil, wird so wiederhergestellt. Das ist ein sehr berührender Vorgang, auch für mich als Therapeuten. Der Narzisst lernt, sich selbst anzunehmen und all seine negativen Gefühle. Das ist notwendig, damit Ärger und Frust verfliegen können. Zerstörung wird unnötig. Wer für sich begreift, wie Empathie funktioniert, kann sie auch für seine Mitmenschen neu lernen. 

ZEIT ONLINE: Narzissmus ist heilbar?

Hagemeyer: Nicht unbedingt. Zwei Dinge sind entscheidend, ob eine Therapie erfolgreich ist. Zum einen muss mein Gegenüber bereit sein, etwas zu verändern. Zum anderen muss ich als Therapeut mit meinen Ansprüchen sehr weit runtergehen. Für mich ist es zum Beispiel schon ein Erfolg, dass dem Klienten bewusst wird, wie schnell er in narzisstische Muster kippt. Wie schnell er unangenehm für die anderen wird und wie schnell er sich selbst seine eigenen Ziele verbaut. Wir sehen nur die Narzissten, die erfolgreich sind. Aber eine Mehrzahl erfolgloser Narzissten, die depressiv sind und häufiger deswegen in psychiatrischer Behandlung sind, bleiben in der Sehnsucht und im Neid gefangen. Freude und Anerkennung mögen sie kennen, aber es bleibt nie beständig. Ein Narzisst, der versteht, dass er unglaublich viele Anstrengungen auf sich nimmt, um bedeutungslose Ziele zu erreichen, nämlich seine eigene Wichtigkeit zu unterstreichen, hat schon einen großen Schritt gemacht. Wenn die Narzissten den Mechanismus der irrsinnigen Selbstbestätigung kapieren, dann reicht mir das schon als Therapieerfolg. Aber das dauert oft Jahre.

Kinder sind von Natur aus narzisstisch, das muss ja auch so sein, sie müssen an sich glauben und von sich überzeugt sein.

Pablo Hagemeyer, Psychiater

ZEIT ONLINE: Wie entsteht Narzissmus überhaupt?

Hagemeyer: Es gibt zwei Modelle. Zum einen hat vielen Narzissten etwas in der Kindheit gefehlt, das wichtig für ein gesundes Aufwachsen ist. Beispielsweise haben sie wenig Herzlichkeit durch den Vater oder die Mutter erlebt. Oder sie sind in einem Umfeld aufgewachsen, das ihre Bedürfnisse nicht wahrgenommen hat. Durch diesen Mangel elterlicher Wärme entsteht eine Sehnsucht nach dem, was gefehlt hat, nach einem passenden Ersatz. Eine Illusion wird geboren. Das restliche Leben besteht dann aus der Jagd nach dieser Illusion. Einer perfekten Liebe etwa, wobei Narzissten Anerkennung und Bestätigung mit Liebe verwechseln. Zum anderen kann aber auch genau das Gegenteil davon passiert sein: Das Kind hat zu viel von etwas bekommen. Zum Beispiel durch eine sehr bemühte Mutter, die stets versucht hat, sehr viel zu geben. Und dennoch hat sie vielleicht knapp das verfehlt, was das Kind gebraucht hat – nämlich in seiner subjektiven Not erkannt zu werden. Kinder brauchen Zeit und Raum für die Entwicklung eigener Talente. Sie brauchen jemanden, der mitfühlend mit ihnen spricht, wenn sie etwas falsch gemacht haben, und keine Strafen wie Liebesentzug. Sie brauchen keine Eltern, die sie manipulieren. Oder die sie irreal idealisieren, eine Vorstellung, aus der das Kind nicht mehr herausfindet. Es ist dann eher verwöhnt und behält das elterliche Anspruchsdenken. Der Ärger entsteht, wenn dieses extreme Umsorgen nicht mehr da ist und das Umfeld dazu weniger bereit ist. 

ZEIT ONLINE: Was können Eltern tun, um keine kleinen Narzissten heranzuziehen?

Hagemeyer: Es ist wichtig, dass sie in der Erziehung ihrer Kinder eine Balance finden. Im Leben gibt es Zustände des Mangels, die gilt es auch mal auszuhalten und das müssen auch Kinder lernen. Mal angenommen, dass wir uns als Familie finanziell nicht alles leisten können: In einem liebevollen Kontext ist das okay, dann werden wir keine Narzissten. Werden wir hingegen lieblos erzogen und haben keine finanziellen Sorgen, was uns übermütig macht, etabliert sich dieser emotionale Mangel und bleibt ein Leben lang. Wobei Kinder von Natur aus narzisstisch sind, das muss ja auch so sein, sie müssen an sich glauben und von sich überzeugt sein. Aber das Übertriebene daran sollte sich bis zur Adoleszenz noch korrigieren lassen. Danach ist es gesetzt.

"Interaktionen mit Narzissten können sehr mitreißend sein"

ZEIT ONLINE: Wie wichtig sind die Gene bei dieser Persönlichkeitsstörung?

Hagemeyer: Sehr wichtig. Temperament wird bis zu 50 Prozent vererbt. Und auch bei diesen etwas bösartigen Tendenzen wie Narzissmus liegt die genetische Komponente meines Erachtens hoch. Man sollte sich die Eltern eines potenziellen Partners also sehr genau anschauen.

ZEIT ONLINE: Man kann doch auch anders sein als die eigenen, eventuell narzisstischen Eltern.

Hagemeyer: Schon. Aber wenn zusätzlich zu den genetischen Faktoren ein amoralisches, unsoziales Verhalten gefördert wird, stehen die Chancen hoch, dass jemand später zerstörerisch und sogar kriminell wird. Besteht ein kreatives oder gebildetes Umfeld, dann kann auch ein Arzt dabei herauskommen oder ein Kampfpilot. In dem Fall kommen die positiven Seiten des Narzissmus zum Vorschein: abgebrüht sein, Empathie ausschalten, um handlungsfähig zu bleiben, keine Angst verspüren, diese Dinge können ja auch von Vorteil sein.

ZEIT ONLINE: Schwer vorstellbar.  

Hagemeyer: Die Personen, die Empathie ausschalten können, behalten ihre Entscheidungsfähigkeit auch bei emotionaler Hochspannung und hohem psychischen Druck. Herzchirurgen brauchen das zuweilen. Hochrangige Politiker auch. Wenn ich für mich weiß, jetzt wäre es besser, abgebrüht zu handeln, etwa in einem medizinischen Notfall oder einer Naturkatastrophe, macht mich das ja handlungsfähig. Empathie wird in der Medizin beispielsweise abtrainiert. Es klingt paradox, aber das Studium beginnt damit, dass man erst mal eine menschliche Leiche aufschneiden soll. Ich sollte aber als Mensch und Arzt wissen, wann es wichtig ist, wieder empathisch sein. Psychopathischen Narzissten hingegen fehlt diese Fähigkeit gänzlich. 

Unter narzisstischen Vorgesetzten kann man gar nicht anders, als zu leiden.

Pablo Hagemeyer, Psychiater

ZEIT ONLINE: Wo finden sich Narzissten?

Hagemeyer: Eigentlich in allen gesellschaftlichen Bereichen. Vor allem auch dort, wo die Macht ist, in der Politik und in den Vorstandsetagen. Aber auch in den unteren Ebenen, beim gierigen Nachwuchs. Wir sprechen in dem Zusammenhang vom sogenannten narzisstischen Dreieck. Dabei gibt es einen toxischen Anführer, der auch narzisstische Gefolgsleute braucht. All das in einem Umfeld, das Narzissmus ermöglicht und fördert. Wir kennen das aus Unternehmen. Dort gibt es Führungspersönlichkeiten, die sich zum Kult erheben und erhoben werden. Die Unternehmen korrumpieren sich dann oft selbst. Psychopathische Narzissten nehmen Betrug und Lüge bewusst in Kauf. Wenn sich jemand in solchen Systemen kritisch äußert, also mal ausschert, wird er sofort sanktioniert und rausgeschmissen. 

ZEIT ONLINE: Was macht das mit einem?

Hagemeyer: Unter narzisstischen Vorgesetzten kann man gar nicht anders, als zu leiden. Und das tun auch viele meiner Patientinnen und Patienten. Das Unternehmen strahlt nach außen, es wirkt groß und macht einen Mörderumsatz. Aber nach innen erodiert es. Dort herrscht eine Stimmung von Terror und Angst. Es kommt ständig zu Konflikten mit einem wütenden Chef.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie diesen Patientinnen und Patienten?

Hagemeyer: Das ist schwer. Denn die Teams in solchen Unternehmen sind oft zerstört. Ein narzisstischer Chef spielt sie gegeneinander aus. Eigentlich müssten die Mitarbeitenden zusammenstehen und ihm sagen: "So nicht. Wir kündigen geschlossen, dann stehst du nämlich allein da." Für den Chef wäre das fatal, er kann ohne sein Team nichts machen. Aber wir leben nun mal in einer narzisstischen Gesellschaft, in der jeder für sich ist. Und daher ist die Angst bei den Mitarbeitern groß, dass am Ende doch nur die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen mitmacht und jeder versucht, für sich selbst das Beste rauszuholen. Dieses Misstrauen ist in den kaputten Teams stark verankert. Daher wird das mit der Solidarisierung auch schwer. Mein Rat wäre, zu kündigen und sich was anderes zu suchen. 

"Betroffene müssen selbst narzisstischer werden"

ZEIT ONLINE: Sie schlagen in Ihrem Buch vor, Narzissten zu testen, also auch zu provozieren. Warum?

Hagemeyer: Nur so kann man sie erkennen. Den narzisstischen Selbstbezug kann man leicht hervorlocken durch eine provokante Aussage, wie zum Beispiel "Na ja, so wichtig bist du ja auch nicht" oder "So wichtig ist das Thema ja auch nicht". Manchmal reicht aber einfach auch, nur abzuwarten und zu beobachten. Selbstbezogene Kommentare, abfällige Bemerkungen und überhöhte Selbstannahmen sprudeln irgendwann aus dem Narzissten heraus. Man sollte beobachten, wenn sich der Narzisst dominant zeigt und einem Angst einjagt oder unter Druck setzt, wie er nach einer Provokation reagiert. Man sollte das aber nicht völlig naiv machen. Also nicht mit irgendetwas provozieren. Man muss schon wissen, was leicht irritierend wirkt und was heftigen Ärger auslöst. Ich würde also nur mit einer harmlosen narzisstischen Irritation provozieren, zur eigenen Beweisführung. Das reicht schon. 

ZEIT ONLINE: Was wäre dann der nächste Schritt?

Hagemeyer: Man sollte ganz neutral reagieren und erkennen: Ah okay, jetzt habe ich da diesen Knopf gefunden. Ich verstehe nun, wie der andere tickt, und kann dadurch Distanz aufbauen zu ihm. Und dann gibt's da noch die Nummer mit dem Lob. Die funktioniert immer grandios. Man kann in einer anderen Situation mal ein authentisches und ernst gemeintes Kompliment anbringen. Das sollte man bei einem noch umgänglichen Narzissten aus rein taktischen Gründen. Lob lässt ihn geschmeidig werden, er wird formbar und es schützt, denn es hemmt seine Angriffslust. Ausnahme sind die psychopathischen Narzissten. Diese Spielchen, auch die lobenden, wird man mit ihnen immer verlieren.

ZEIT ONLINE: Und Kritik, wie formuliert man die, ohne zu provozieren?

Hagemeyer: Es gibt ja Regeln, wie man möglichst gut Feedback gibt. Sie funktionieren auch bei Narzissten. Demnach sollte man zum Beispiel erst etwas Positives sagen, in Lob gebettet, und dann das Negative. Und danach vielleicht noch mal etwas Positives. Aber Kritik anzubringen, ist bei Narzissten sehr schwierig. Sie sind extrem kritikunfähig und hochsensibel dafür. Daher muss man sich an die Kritik sehr langsam herantasten. 

Ich hatte mal eine Patientin, die lachte alles weg, bei ihr kam ich als Therapeut nicht in die Tiefe.

Pablo Hagemeyer, Psychiater

ZEIT ONLINE: Wie könnte das konkret aussehen?

Hagemeyer: Erstens: das Lob anbringen. "Das, was Sie bisher hier aufgestellt haben, ist wunderbar, Herr Müller, wirklich!" Zweitens: das Problem beschreiben. "Mit der Implementierung dieses Ablaufes in den laufenden Prozess werden wir aber an dieser Stelle Schwierigkeiten bekommen." Drittens: das Negative einbeziehen. "Und das Resultat wird vermutlich schlecht sein und auf uns, auch auf Sie, Herr Müller, negativ zurückfallen. Wollen Sie das?" Dann Denkpause lassen, damit der Chef die Kritik verarbeitet und eine Entscheidung trifft. Das funktioniert meistens im Sinne des Kritikers, denn dem narzisstischen Vorgesetzten fehlt oft die Sachkenntnis und er vermeidet unbedingt, selbst schlecht wegzukommen. Der entscheidende Hebel bei dieser Korrektur ist es, den Chef auf die Außenwirkung hinzuweisen, die ein bestimmtes Handeln haben wird – und darauf, was das mit seiner Person macht. Sie holen den Chef mit ins Boot und deuten aufs Leck. Darauf wird er immer reagieren.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie als netter Narzisst, wie Sie sich bezeichnen, selbst mit Kritik um?

Hagemeyer: Als ersten Impuls rege ich mich innerlich erst mal ein wenig auf. Es trifft mich schon. Doch ich drücke das weg und versuche ein Pokerface. Da das meistens nicht gelingt, weil die Mimik so viel verrät, parodiere ich es oder überzeichne es humorvoll. Humor ist eine gute Art, mit Kritik zurechtzukommen. So machen wir das bei uns in der Familie. Wir lachen über uns selbst. Aber das ist antrainiert. Man darf das nicht übertreiben. Es muss auch Kritik möglich sein und die Korrektur hieraus. Ich hatte mal eine Patientin, die lachte alles weg, bei ihr kam ich als Therapeut nicht in die Tiefe. Dadurch konnte ich ihr nicht immer helfen. Es ist auch eine Bürde, wenn man über alles nur lachen kann.

ZEIT ONLINE: Was ist denn eigentlich das Gegenteil von narzisstisch?

Hagemeyer: Da sprechen wir mittlerweile von Echoismus oder den Echoisten. Personen, die sich – nur wie ein Echo – vor lauter Selbstaufgabe an einen starken, dominanten Narzissten hängen. Oder eine Existenz ohne Selbstwertgefühl fristen. Vermutlich haben sie Probleme mit der Autonomie, der Identität – das macht sie zu abhängigen Menschen. Die Empathen fallen mir hier auch ein. Solche hochsensiblen Menschen, die alles Feine wahrnehmen und für die ein grober Umgangston bereits zerstörerisch sein muss. Ob sie in einer narzisstischen Welt bestehen können, ist fraglich. Sie sind eine gefährdete Spezies, wenn man so will, stehen sich selbst im Weg, weil sie empathisch überall kleben bleiben, während der Narzisst längst entschieden hat und weiter ist. Auf die Empathen und Echoisten müssen wir besonders achten.

ZEIT ONLINE: Gibt es ein paar Tricks, wie sie sich vor den Machenschaften der Narzisstinnen und Narzissten schützen können?

Hagemeyer: Es klingt komisch, aber die Betroffenen müssen selbst narzisstischer werden. In dem Fall nicht auf Kosten eines anderen, nicht zerstörerisch, sondern nur für sich selbst. Sie müssen besser verstehen, was sie selbst wollen: Was sind ihre Werte, die sie abgrenzen müssen von dem Narzissten, der ihre Bereiche erobert? Dieser Selbstschutz ist extrem wichtig. Es kann nicht nur wirtschaftliche, sondern auch messbare seelische Schäden verursachen, von einem Narzissten manipuliert zu werden. Beispielsweise durch sexualisierte und körperliche Gewalt. Oder durch emotionalen Missbrauch, der durch abfällige Bemerkungen auch unfassbar brutal ist. "Du bist so dumm. Du bist hässlich, lass dich operieren. Du kannst nichts, verblödetes Huhn. Du bist Müll." Im Privaten sind die Schäden oft noch viel größer als im Beruflichen. Das wissen aber oft nur die Anwälte von Ehefrauen, die sich scheiden lassen.

ZEIT ONLINE: Spricht auch etwas dafür, sich bewusst mit Narzissten zu umgeben?

Hagemeyer: Klar, sie sind oft kreativ und visionär. Ich hatte mal einen Klienten, der einen Pferdestall bauen wollte. Er sagte mir: Ich sehe schon, wie ich die Pferde füttere. Dabei musste er noch seine Frau von dem Plan überzeugen, das Bauamt, die Nachbarn. Aber er hatte den Geruch der Pferde schon in der Nase. Außerdem bemühen sich Narzissten sehr, Ideale zu erreichen. Das ist eine starke Triebfeder. Interaktionen mit Narzissten können sehr belebend und mitreißend sein. Und sie sind garantiert nicht langweilig. Man muss allerdings verstehen, mit wem man es zu tun hat. Und man muss sich womöglich schützen, indem man dem Narzissten ganz klar Grenzen aufzeigt.

ZEIT ONLINE: Wie macht man das?

Hagemeyer: Mit einem Bild vom Raubtier und Beutetier. Narzissten sind Raubtiere. Ein Prädator, der sich nach seinem Gusto aus der Schafherde ein Stück schnappt. Wenn wir uns mit einem Prädator einlassen, müssen wir damit rechnen, dass er irgendwann zuschnappt. Es nutzt einem, solange die Allianz mit ihm die Herde der anderen angreift. Und man kann sich vor der Selbstzerstörung schützen, mit einem Zaun etwa. Man kann also eine Grenze ziehen und Fehlverhalten deutlich sanktionieren. Man kann jede Form von Korruption, von Manipulation und Einflussnahme stoppen. Misstrauisch bleiben. Keinen Spielraum geben, auch nicht aus Nettigkeit oder aus dem empathisch wohlmeinenden Gedanken, dass sich der Prädator geändert hat. Das macht er nämlich nicht. Der psychopathische Narzisst in Gestalt des Raubtiers hat nur gelernt, sich besser zu tarnen, und wendet sich trotzdem gegen einen. Sollten die Beutetiere sich also solidarisieren und Mittel gegen das Raubtier nutzen? Ja. Das Rechtssystem und die Strafanzeige sind solche Mittel. Aber auch Aufklärung. Wir brauchen viel mehr verpflichtende Lehrgänge über Narzissmus für Anwälte, Jugendämter und Richterinnen. Nur so können sich die Opfer wirksam schützen und Beziehungen zu zerstörerischen Menschen meiden.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels) 

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