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Raus aus der Robe - Rein in die Wirtschaft

Anwalt Richter Hammer Gericht Recht Jura (Quelle: freeimages.com, creationc)

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Jeder von ihnen könnte eigentlich schon das Staatsexamen machen. Alle Scheine haben sie in der Tasche, manche Vorlesung haben sie besucht, in manchem Seminar mitgeredet. Im Großen und Ganzen sollten sie also einen Überblick über das haben, was von ihnen im Staatsexamen verlangt wird. Doch weit gefehlt. Die Uni fordert Selbstständigkeit im Lernen und liefert kaum Lernhilfen. Viele Studenten sind auf sich gestellt und überfordert. Statt sich in besonderer Eigenständigkeit zu üben, steht dann der Gang zum privaten Repetitor an - der gegen viel Geld immer wieder Fall auf Fall mitsamt Lösung vorexerziert. Sich ausschließlich an der Uni auf das Staatsexamen vorzubereiten, ist einfach nicht machbar.

Ein beliebtes Studienfach

Dennoch - die Juristerei ist nach wie vor ein beliebtes Studienfach. Fast 100.000 Studienanfänger entschieden sich im Wintersemester 2002/2003 für ein Studium der Rechtswissenschaft. Doch fängt der Arbeitsmarkt die große Zahl an Jura-Absolventen auf? Dass kein deutliches "Ja" auf diese Frage erwidert werden kann, ist den meisten Jungjuristen klar. Aber welche für Möglichkeiten haben Juristen, die nicht in der Justiz oder in der Rechtsabteilung von Unternehmen Fuß fassen wollen? 

Sorgenkind Studium

Am Aufbau des Studiums hat sich in den letzten Jahren wenig geändert. Schon lange werden sinnvolle Reformen gefordert. Die Hauptkritikpunkte: Das Studium ist zu weit von der Praxis entfernt und zu sehr auf das Richteramt ausgerichtet. Erste Reformen haben die anstehenden Probleme nur teilweise gelöst. Die zweistufige Ausbildung blieb erhalten. Um näher an der Praxis zu sein, wurde die Referendarszeit in einer Anwaltskanzlei verlängert. Außerdem fließen nun in die Staatsexamnsnote zu 30 Prozent Leistungen während des Studiums ein. Es ist also in Zukunft nicht mehr vollkommen egal sein, was Jura-Studenten bis ein Jahr vor dem großen Examen leisten. Ob das die Schwierigkeiten wirklich aus der Welt schafft, muss sich zeigen. 

Brotlose Kunst?

Viele Jura-Absolventen zieht es nach wie vor in den juristischen Staatsdienst. Dort haben sich die Einstiegschancen aber in den letzten Jahren stark verschlechtert. Der Staat ist knapp bei Kasse und neue Stellen sind rar. Auch der Markt für Anwälte sieht nicht mehr allzu rosig aus. Im Jahr 2001 stieg die Zahl der Anwälte in Deutschland laut Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) auf über 116.000, Tendenz steigend. Für viele bleibt also nur die Privatwirtschaft als Ausweg. Dabei scheinen Unternehmen Juristen gegenüber noch immer eher misstrauisch zu sein. Vielen fällt nur der klassische Einstieg in die Rechtsabteilung ein, wenn es um Einsatzgebiete für Jura-Absolventen geht.

Alternative Wirtschaft?

Wenn du schon früh an eine Karriere in der Wirtschaft denkst, solltest du dein Interesse deswegen untermauern. Freiwillige Praktika in studienfernen Bereichen sind da oft Gold wert. Auch wenn sich wenige Praktika explizit an Juristen richten: So manche Initiativbewerbung hat schon zur ersehnten Stelle geführt. Praxisferne, Theorielastigkeit? Gegen diese Einwände wirst du so schnell immun. Das sagen auch Experten wie Bernhard Hohn von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung. 

Gerade verkehrt herum

Rosig sehe es in den klassischen Arbeitsfeldern für Juristen überhaupt nicht aus, sagt Hohn. Die Zahl der Stellen ging 2002 im Vergleich zum Vorjahr zurück - während die Zahl der arbeitslosen Juristen laut Arbeitsagentur um etwa 26 Prozent anstieg. Es läuft also gerade anders herum, als die vielen frischen Studienanfänger es gebrauchen könnten. Gute Karten hat da nur, wer dieses Problem frühzeitig erkennt. "Praktika, die sich nicht mit den Stationen im Referendariat doppeln, sind sehr empfehlenswert", so Hohn.

Existenzformen des gemeinen Juristen

Wo genau liegen die Möglichkeiten für Juristen, auch außerhalb des juristischen Dienstes Fuß zu fassen? Neben Anwaltskanzleien sind es gerade Versicherungen, Industrieunternehmen und Verbände. Juristen sind eben doch vielseitig einsetzbar. Zumindest wenn sie über das richtige Profil verfügen. 

Auf zur Großkanzlei

Ein Job in einer großen Kanzlei steht für die meisten Jura-Absolventen immer noch ganz oben auf der Karriere-Wunschliste. Das zeigt eine Studie, die e-fellows.net Anfang 2002 in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut trendence durchgeführt hat. Insgesamt kamen im Jahr 2001 etwa ein Drittel der juristischen Stellenangebote von Kanzleien. Die Großen der Branche krallen sich natürlich zuerst die allerbesten Absolventen. Für viele bleibt somit nur der schwierige Weg in die Selbstständigkeit - oder eben eine vollkommene Umorientierung.

Finanzdienstleister

Aber nicht nur Anwaltskanzleien brauchen Juristen. Finanzdienstleister wie Versicherungen und Banken haben sogar einen ziemlich großen Bedarf an Juristen. Fast 30 Prozent der Stellenangebote für Juristen, die beim Arbeitsamt im Jahr 2001 ankamen, stammten aus dieser Branche. Besonders Kandidaten mit entsprechenden Vorkenntnissen haben hier gute Karten. Letztere können aus einer Banklehre kommen - oder eben aus Praktika. Interesse an der Branche und wirtschaftliche Grundkenntnisse sind das A und O. 

Verbände

Eine weitere Alternative für Juristen sind Verbände und Organisationen. Mit immerhin zehn Prozent der Stellenangebote im Jahr 2001 ist das eine nicht zu vernachlässigende Nische. Auch hier gilt: Früh übt sich, wer etwas werden möchte. Die richtigen Schwerpunkte im Studium gehören natürlich dazu. Gute Chancen auf ein Praktikum hast du mit Wirtschafts- und Steuerrecht. 

Industrie

Auch die Industrie braucht Juristen. Von Arbeitsrecht über Produkthaftung bis Zivilrechtsstreitereien - für all diese Bereiche will sich ein Industrieunternehmen abgesichert wissen. Wenn du dazu noch kaufmännisch denken kannst, darfst du auch auf einen Aufstieg ins Management spekulieren.

Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung

Jonglieren mit Paragraphen allein genügt für Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung nicht. Mit Zahlen solltest du schon fast genauso gut hantieren können. Das obligatorische Steuerberatungs-Examen hält weniger Passionierte auf Distanz. Wenn du jedoch ein Ass in Steuerrecht bist, stehen deine Chancen gut. Gesellt sich dazu noch Wissen in Handels- und Gesellschaftsrecht - noch besser. Ahnung von Betriebswirtschaft und kaufmännischer Sachverstand erhöhen deine Erfolgsaussichten zusätzlich.  

Alles nichts? Zeig Initiative

Damit nicht genug. Die Arbeitswelt bietet noch zahlreiche Nischen für Juristen auf Orientierungssuche. Ob in der Unternehmensberatung, in der Immobilienbranche oder als Fachredakteur, Möglichkeiten gibt es viele. In erster Linie ist es wichtig, dass du dich schon während des Studiums mit verschiedenen Gebieten vertraut machst und deine wirklichen Interessen herausfindest. Falls es dann mit der ganz großen Karriere in einer Kanzlei nicht klappt, hast du immer noch ein paar Trümpfe im Ärmel. Wie überall geht auch hier nichts über Eigeninitiative.

Welche Qualifikation bringt mehr Chancen?

Fundiertes Wissen über alles, was Recht ist, schön und gut. Aber der Job in der Wirtschaft, für den du keine Ahnung von Wirtschaft zu haben brauchst, muss erst noch erfunden werden. "Zusatzqualifikationen" ist also das Zauberwort. Doch was wählen? Eine ganze Branche lebt vom Weiterbildungsdrang junger Arbeitswilliger in Deutschland. Und auch die oft so verschlafen wirkende Hochschulwelt scheint den Trend erkannt zu haben. Mehr und mehr Aufbaustudiengänge und Zusatzausbildungen sind das Resultat. Aber was kommt in Personalabteilungen wirklich an? 

Sprachkurse

Das Juristensprech ist nicht nur im Deutschen eine ganz spezielle Angelegenheit. In aller Herren Länder haben sich die Rechtsgelehrten ihren ganz eigenen Code erdacht - Mitreden für Laien ausgeschlossen. Abhilfe schaffen spezielle Sprachkurse für Juristen. Die bieten mittlerweile fast alle Universitäten an. Englisch ist als internationale Vertragssprache besonders wichtig - du dürftest kaum Chancen haben, wenn du in dieser Sprache nicht auf juristischem Vordermann bist. Andere Sprachen sind zunächst einmal Beiwerk. Dennoch bieten einige Universitäten eine fachspezifische Fremdsprachenausbildung an. So besteht die Möglichkeit, sich an der Universität Trier zusätzlich in anglo-amerikanischen, französischen, italienischen, japanischen, portugiesischen oder spanischen Recht ausbilden zu lassen. Besonders wichtig wird diese Qualifikation, wenn dein künftiger Arbeitgeber auf bestimmte Länder spezialisiert ist. Ganz unabhängig von Sprachkursen lohnt sich ein längerer Auslandsaufenthalt natürlich immer. 

Zusatzzertifikate

Und auch Zertifikate in anderen Fächern schaden nicht. Denk dran: Punkten kannst du später vor allem mit dem, was dich betriebs- oder volkswirtschaftlich kompetent macht. Denn damit beweist du schon mal, dass du keine Angst vor Zahlen hast. Der Spruch "judex non calculat" ist nämlich inzwischen genauso tot wie die Sprache, in der er geschrieben steht.
 
Ein Beispiel: An der Universität Bayreuth kannst du an einer wirtschaftswissenschaftlichen Zusatzausbildung teilnehmen. Diese umfasst Klausuren, eine Hausarbeit und endet mit einer mündlichen Prüfung. Als Absolvent darfst du dann den stolzen Titel Wirtschaftsjurist/in (Univ. Bayreuth) führen. 

Aufbaustudiengänge

Wem das nicht reicht, sollte über einen der zahlreichen Aufbaustudiengänge nachdenken. An der Uni Bremen zum Beispiel kannst du nach dem ersten Staatsexamen den Master of Laws in Europäischem und internationalem Recht (LL.M.Eur.) erlangen. Die Universität des Saarlandes in Saarbrücken bietet ein deutsch-französisches Doppelstudium an. Am Ende stehen deutsches Staatsexamen und ein französischer Abschluss. Wenn du an eine Karriere mit Frankreichbezug denkst, ist das zu empfehlen. Vergiss aber nicht, dass Englisch die internationale Vertragssprache schlechthin ist. Mit Top-Französisch kannst du daher mäßiges Englisch nicht ausgleichen.

Auch die Unis in Niedersachsen machen inzwischen einen wirtschaftlichen Schwerpunkt möglich: Wenn du das erste Staatsexamen bestanden hast, kannst du den Titel Diplom-Wirtschaftsjurist erwerben. Noch früher setzen freilich Alternativen zum klassischen Jura-Studium an.

Alternative Studiengänge

An Universitäten entstehen langsam Magisterstudiengänge - Deutsch-Französische Rechtswissenschaften in Köln und Paris sind da ein Paradebeispiel. Je zwei Jahre verbringst du dabei in den beiden Städten. Außer dem Magister (LL.M.) erwirbst du auch die französische Maîtrise. Aber Achtung: Magister ist nicht gleich Staatsexamen. Anwalt oder Richter in Deutschland kannst du mit diesem Abschluss also nicht werden.
 
Und auch Fachhochschulen haben den Bedarf erkannt und gehen bei den Juristen mit ihren Stärken ins Rennen - kürzere Studienzeiten und deutlich mehr Praxisbezug. Das Manko: Noch ist nicht bis in alle Personalabteilungen durchgesickert, dass es so etwas wie FH-Wirtschaftsjuristen überhaupt gibt. Einige Personalverantwortiliche gehen aber davon aus, dass sich das in ein paar Jahren geändert haben wird - und du dann mit deiner kompakten Ausbildung gut da stehst. An welchen FHs du Wirtschaftsrecht studieren kannst? Die FH Pforzheim beispielsweise bietet 35 Studienplätz pro Semester an.

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