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Beim Sex nicht telefonieren!

Es gilt, Grenzen zu ziehen, "dass wir nicht den Fehler machen, auch wenn wir nach Hause gehen, noch Herr oder Frau Wichtig zu sein", beschreibt es Dogs. "Wir können nur mit unseren Emotionen gegen das Digitale vorgehen. Wir müssen zu Hause unsere Gefühle auftanken und da wirklich versuchen, wieder uns selbst zu entdecken." Dogs hat sogar schon Manager erlebt, die nicht verstehen konnten, warum es "sie" stört, wenn "er" während des Sex ans Telefon geht. Die Menge der miteinander verbrachten Zeit ist dabei gar nicht so entscheidend. "Oft wird gar nicht erkannt, dass gute Beziehungen nichts mit Quantität zu tun haben", so Prieß. Bei gelingenden Beziehungen gehe es "um guten Dialog, um Interesse, Empathie, Augenhöhe, Wertschätzung". Und zwar im Beruf wie zu Hause, egal zwischen welchen Ebenen: "Augenhöhe ist keine Frage von Hierarchie, sondern von Respekt." Gibt der Chef seinen Druck ungefiltert nach unten weiter, setzt das eine Stressspirale in Gang, die immer mehr Hierarchieebenen tangiert. Die sogenannten Mittelmanger sind es denn auch, die am häufigsten von Erschöpfungszuständen bedroht sind. Sie können es oft weder den Chefs über ihnen noch den Mitarbeitern unter ihnen recht machen. Bei Adesso werden deshalb alle Führungskräfte sensibilisiert, mögliche Überforderungen ihrer Mitarbeiter zu erkennen.

"Es gibt Schulungen, damit jeder zumindest ein paar Handreichungen hat, wie man bei Mitarbeitern solche Situationen erkennt und wie man sich dann verhält", erzählt Rüdiger Striemer. "Gerade in unserer Branche ist es so schwer, gutes Personal zu finden. Dadurch entsteht ein wahnsinniger Druck auf die Unternehmen, mit ihren Mitarbeitern gut und vernünftig umzugehen." Ende März ist Adesso beim Wettbewerb "Great Place to Work" zu Deutschlands bestem Arbeitgeber im Segment der Informations- und Kommunikationstechnologie gekürt worden. Zur neuen Ehrlichkeit im Umgang mit Stress gehören auch solche Arbeitgeber, die das Thema selbst adressieren. SAP lädt seine Mitarbeiter zu zweitägigen Achtsamkeitsseminaren, Titel: "Search inside yourself ". EnBW hat mit externen Partnern eine unternehmensweite Stressanalyse durchführen lassen. Die Allianz hat sich vor einigen Jahren Leitlinien zum Umgang mit arbeitsbedingtem Stress auferlegt. Hervorgegangen ist aus denen ein Programm für den Abbau von Stressbelastungen. In einem eigens entwickelten Work-Well-Index geben die Allianz-Mitarbeiter jedes Jahr an, welche arbeitsbedingten Belastungen sie empfinden. Thyssen-Krupp bietet ein siebenmonatiges Programm an, in dem die Führungskräfte in mehreren Modulen geschult werden: Erkenntnisse aus der Hirnforschung zur nachhaltigen Leistungssteigerung, Achtsamkeit, Umgang mit Emotionen, Sport/Ernährung/Schlaf im Berufsalltag.

"Ziel ist die nachhaltige Verhaltensänderung, um fokussierter zu arbeiten, seine beste Leistung zeigen zu können und dabei eine effektivere Führungskraft zu sein", sagt Janin Schwartau, Leiterin der Thyssen-Krupp Academy. Zum Programm gehört auch ein Brain-Food-Workshop, bei dem es in den Pausen natürlich keinen Kuchen, sondern Gesundes zu essen gibt. Teilnehmer berichten nach diesen Kursen, dass sie konzentrierter sind, empathischer, besser schlafen und etwa chronische Kopfschmerzen verschwinden. Auch die neuen Seminare zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion sind sehr gefragt. Das Team der Academy selbst meditiert jeden Tag um 11.45 Uhr eine Viertelstunde lang gemeinsam. Doch selbst innerhalb solch fortschrittlicher Konzerne scheint es eine Zweiteilung zu geben. "Immer mehr Unternehmen öffnen sich für die Prävention und bemühen sich um ein aktives Gesundheitsmanagement", beobachtet Expertin Prieß. "Auf der anderen Seite, wenn es um die eigene Person geht, wird geschwiegen. Je höher die Managementebene, umso länger wird verdrängt und abgewartet – meist, bis die Symptome so stark sind, dass gar nichts mehr geht." Das Eingestehen von eigenen Grenzen passe nicht zum Selbstbild eines erfolgreichen Managers – sowohl sich selbst als auch anderen gegenüber.

Per Mertesacker hat angekündigt, ein Buch über den Druck im Profifußball zu schreiben. Er will nicht jammern, sondern aufklären. Damit kommende Generationen besser lernen, mit solchen Situationen umzugehen. Aber auch Mertesacker traut sich erst jetzt, wo seine aktive Karriere zu Ende geht, wo der Anschlussjob als Leiter des Nachwuchszentrums bei Arsenal London schon sicher ist. Zu groß war vielleicht auch bei ihm die Sorge, dass ein Eingeständnis von Stress bei einem Mannschaftskapitän als Schwäche ausgelegt würde. Zur neuen Ehrlichkeit würde auch gehören, nicht erst nach dem Job über den Stress zu reden, der damit einherging, sondern währenddessen.

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