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Kind und Karriereknick

Mann Frau Kind Laptop Handy Arbeiten Couch [Quelle: Pexels.com, Autor: Tima Miroshnichenko]

Quelle: Pexels.com, Tima Miroshnichenko

Neue Zahlen zeigen, wie sehr Eltern in der Krise um ihre Leistungsfähigkeit im Job fürchten. Drei Herausforderungen für Beschäftigte mit Kindern – und wie sie diese bewältigen können.

Wie stark Eltern in der Krise zwischen Beruf und Privatleben jonglieren müssen, das konnte man bei Axel Hefer neulich live im Fernsehen verfolgen. Ende Januar war der Chef der Hotelsuchmaschine Trivago beim CNN-Wirtschaftsformat "Quest Means Business" aus dem Homeoffice zugeschaltet. Doch noch bevor der Moderator seine erste Frage zu den Pandemie-Auswirkungen im Reisegeschäft stellen konnte, kam Hefers siebenjähriger Sohn Victor im "Super Mario"-Schlafanzug ins Bild geschlurft. Der Trivago-Chef reagierte souverän und führte das Interview mit Victor auf dem Schoß weiter. Der Moderator jauchzte: "Das ist ja noch besser."

Hefer hat Übung mit solchen Situationen. Das sieht man in dem Video, das inzwischen ein Internethit ist. Unter der Woche ist der Manager in der Pandemie oft allein mit seinen vier Kindern. Seine Frau ist für ihren Job weitestgehend ans Büro gebunden. Doch auch wenn Hefer und seine Kinder – 17, 14, zwölf und sieben Jahre alt – ein eingespieltes Team sind, findet der Manager dennoch: Lockdown, Homeschooling, Kita-Notbetreuung – "das kann auch gerne bald alles ein Ende haben". In seinem Umfeld beobachtet er: "Diejenigen, die Kinder haben, sind mit ihren Kräften inzwischen komplett am Ende." Ein Satz, dem die meisten Väter und Mütter müde nickend zustimmen dürften.

Ein Jahr lang wurschteln sich berufstätige Eltern bereits als Aushilfslehrer, Ersatz-Erzieherinnen und Familien-Krisenräte in der Pandemie durch – und das neben ihren eigentlichen Jobs. Eine internationale Auswertung der Boston Consulting Group (BCG), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, zeigt nun, wie hoch die Belastung unter Beschäftigten mit Kindern in der Coronakrise tatsächlich ist. Danach sagten mehr als die Hälfte der befragten Eltern, ihre Verantwortung zu Hause sei in der Pandemie extrem gewachsen, während ihre Leistungsfähigkeit im Job abgenommen habe.

Gerade in Deutschland fürchten viele Eltern, gegenüber kinderlosen Kollegen karrieretechnisch ins Hintertreffen zu geraten. So ist der Umfrage nach die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern ihren Arbeitgeber in den kommenden Monaten verlassen, aktuell in keinem anderen Land so hoch. Insgesamt hat BCG 14.100 Beschäftigte in fünf europäischen Ländern sowie den USA befragt – davon 1500 in Deutschland. "Wir erwarten in diesem Jahr einen ziemlichen Kampf auf Arbeitgeberseite, um gute Arbeitskräfte zu halten, die sich in der Pandemie um Kinder oder Angehörige kümmern", sagt BCG-Europachef Christoph Schweizer. Doch wie können Arbeitgeber, aber auch Eltern bewirken, dass sich etwas verbessert? Dies sind die drei größten Baustellen für Eltern in der Krise.

Grafik HB Eltern in der Coronakrise [Quelle: Handelsblatt, Autor: BCG Global Diversity and Solution Survey]

Baustelle 1: Der eigene Arbeitsplatz

Was die BCG-Studie zeigt: Nur die wenigsten Mütter (30 Prozent) und Väter (43 Prozent) in Deutschland fühlen sich von ihrem Arbeitgeber in der aktuellen Lage unterstützt. Zudem haben die meisten Eltern das Gefühl, dass ihre Vorgesetzten nicht richtig nachvollziehen können, wie es ihnen geht. "Viele Unternehmen und Manager tun immer noch zu wenig, um Eltern in der aktuellen Situation zu unterstützen", sagt BCG-Europachef Schweizer. Fest steht: Auch Manager haben in der Pandemie mit erhöhtem Stress zu kämpfen. Nicht selten stehen sie zu Hause vor ähnlichen Problemen wie ihre Angestellten. "Umso mehr gilt, dass Vorgesetzte Empathie und Verständnis zeigen sollten", sagt Schweizer.

Viele Firmen haben in der Krise das mobile Arbeiten oder Überstundenregelungen ausgeweitet – was gut ist, aber nur ein erster Schritt sein kann. Echte Entlastung bringt das nur, wenn Beschäftigte auch unkompliziert die Möglichkeit haben, kurzfristig ihren Stundenumfang zu reduzieren oder sich für die Kinderbetreuung freizunehmen. Bei Volkswagen etwa konnten sich zu Beginn des Jahres Eltern zur Betreuung ihrer Kinder für drei Tage freistellen lassen – bei weiter laufendem Gehalt.

Trivago-Chef Hefer ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen und hat im August unter dem Schlagwort "Tri-Vacation" für eine Woche den Betrieb komplett in einen Ruhezustand versetzt. "Bis auf wenige Ausnahmen waren alle Systeme aus, keine Mails, kein Slack, nichts", erklärt Hefer, dessen Unternehmen hart mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen hat. Ähnliches plant der Softwarekonzern SAP für Ende April. Dann soll der Betrieb weltweit für einen Tag weitestgehend ruhen. "Wir sind Menschen, keine Roboter", sagt Cawa Younosi, Personalchef in Deutschland. "Es ist uns wichtig, in der Krise diese Botschaft an die Belegschaft zu senden – auch und gerade an Eltern."

Baustelle 2: Die Überlastung von Müttern

Corona hat gezeigt: In der Krise sind viele Familien in traditionelle Rollenmuster zurückgefallen. Das hat vor allem den Druck auf die Mütter erhöht. So gaben bei einer repräsentativen Studie der Bertelsmann Stiftung vom Dezember 69 Prozent der Frauen an, dass sie den Großteil der Hausarbeit erledigen. Bei den Männern waren es gerade einmal elf Prozent. Ähnlich verhielt es sich bei Kinderbetreuung und Homeschooling.

Was hilft: die lästigen To-dos mithilfe von Aufgaben- oder Organisationstafeln sichtbar machen und so gerechter verteilen. Eingängig ist etwa die Kanban-Methode, die von Toyota entwickelt wurde. Die Technik zur Prozesssteuerung unterteilt Aufgaben in drei Bearbeitungszustände: "zu erledigen", "in Bearbeitung", "erledigt". Fürs Familienleben heißt das: Alle Aufgaben auf Klebezettel schreiben, unter den Familienmitgliedern verteilen und die Zettel anschließend auf einem Brett in die jeweilige Kategorie einsortieren.

Am Ende sind dann hoffentlich möglichst viele To-dos in der Spalte "erledigt" gelandet. Bei jugendlichen Kindern kann die ganze Familie mitmachen, bei Kleinkindern müssen sich die Partner untereinander abstimmen, welche Aufgaben in nächster Zeit zu Hause anstehen.

Baustelle 3: Die fehlenden Perspektiven

"Das Schlimmste", sagt Christina Sontheim-Leven, "ist die Unplanbarkeit." Seit November fiebert die Managerin, die zuletzt Chefin des Ingenieurbüros Spiekermann war, von einem Bund-Länder-Treffen zum nächsten, um am Ende immer wieder festzustellen: "Für Eltern hat sich in diesem einen Jahr Corona verhältnismäßig wenig geändert." Auch die zusätzlichen Kind-krank-Tage, die die Politik verabschiedet hat, bringen der Managerin kaum etwas – wie so vielen berufstätigen Eltern auf verantwortungsvollen Posten. Das frustriert – und kann auch auf den Job abstrahlen.

Sontheim-Leven hat deshalb direkt im ersten Lockdown eine Petition mit einem Forderungskatalog an die Regierung gestartet, schnell war die nötige Unterstützerzahl gefunden. Es ging um konsistente Öffnungsregeln und alternative Formen der Betreuung: "Ich hatte das Gefühl, dass ich irgendetwas in dieser Situation tun muss, damit sich etwas ändert." Und das ist psychologisch genau richtig, denn: "Die Umstände kann niemand verändern", sagt Coaching-Unternehmerin Insa Klasing mit Blick auf die Corona-Maßnahmen, "aber den Blick darauf schon."

Warum also nicht schauen, was die Krise Positives fürs Familienleben gebracht hat? So wie Katharina Peterwerth, Chefin der Organisationsentwicklung bei VW und Mutter von drei Kindern. Sie sagt: "Klar ist und bleibt: Diese Zeit ist anstrengend." Aber: "Ich bin viel mehr zu Hause als früher, reise weniger und bin zur Freude meiner Familie fast jeden Tag beim Abendessen dabei." Das sei früher in ihrer Position nur selten der Fall gewesen, sagt die VW-Managerin.

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