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Keine Angst vor Kollege Roboter

Roboter, Hand, Kollege, Technik, KI [Quelle: unsplash.com, Autor: Franck V.]

Quelle: unsplash.com, Franck V.

Für Unternehmenslenker gehört Digitalisierung zum Standardwortschatz. Doch die Umsetzung scheitert oft an den Mitarbeitern. Dabei muss das nicht so sein. 

Mit einer Geschwindigkeit von 400 Kilometern pro Stunde wickelt die Walzstraße im österreichischen Donawitz den glühend heißen Draht auf Hunderte Kilogramm schwere Bünde auf. Auf dem Weg dorthin heben riesige Roboterarme die vorproduzierten Stahlknüppel in den Ofen. Anschließend werden die Drahtbünde verpackt und für ihre Weltreise markiert, bevor der Stahlkonzern Voestalpine, der das Werk betreibt, sie an Automobil- und Energieproduzenten in der ganzen Welt verschickt.

Menschen sucht man in der Fabrikhalle über weite Strecken vergeblich. Denn seit gut einem Jahr läuft der Prozess vollautomatisch. Gut 2.000 Sensoren werten in Echtzeit mehr als 15.000 verschiedene Signale aus, ein Algorithmus steuert die verschiedenen Maschinen. Die verbliebenen Arbeiter sitzen währenddessen im Steuerstand vor dem Bildschirm: willkommen in der volldigitalisierten Produktion.

Es ist ein Horrorszenario, das wohl jedem durch den Kopf spukt, wenn von der Digitalisierung die Rede ist: ein massiver Arbeitsplatzabbau, an dessen Ende Kollege Roboter den Menschen völlig ersetzt hat. Und auch wenn in vielen Chefetagen die Digitalisierung oft zum verheißungsvollen Zauberwort geworden ist, herrscht weiter unten in der Hierarchie häufig pure Angst: Digitalisierung, automatisierte Prozesse und Künstliche Intelligenz verunsichern Berufstätige stärker als bislang vermutet, fand das Marktforschungsinstitut Rheingold im Auftrag der Randstad Stiftung heraus. Digitalisierung kann in Unternehmen trotzdem funktionieren.

Dass die Belegschaft von Voestalpine bei der Umstellung auf die digitale Produktion ohne größeren Widerstand mitgemacht hat, ist auch auf das behutsame Vorgehen des Managements zurückzuführen. Um der Angst vor einem drohenden Arbeitsplatzverlust in der Belegschaft erst gar keinen Raum zu geben, hat das Unternehmen schon vor der Grundsteinlegung für das Werk damit begonnen, seine Mitarbeiter in Weiterbildungen auf ihre neuen Aufgaben vorzubereiten: In mehr als 3.500 Schulungstagen lernten die Mitarbeiter die neuen Prozesse in Computer-Simulationen kennen und übten, die Daten auszuwerten.

Terabyte statt Handarbeit

Heute werden zwar deutlich weniger Leute in der eigentlichen Produktion benötigt. Dafür wuchs der Bedarf im Backoffice: Datenspezialisten und Software-Entwickler bauen dort die nötigen Modelle für die Anlage und werten die Terabyte an Daten aus, die beim Drahtwalzen anfallen. Rund fünf Jahre lang bildete das Unternehmen seine Mitarbeiter in Schulungen weiter – auch, um den Bedarf an diesen derzeit in allen Branchen heiß begehrten Arbeitskräften zu großen Teilen selbst zu decken. Für Unternehmen und Mitarbeiter eine Win-win-Situation.

Voestalpine-Chef Wolfgang Eder hält die Digitalisierung für eine "zentrale Voraussetzung" für Technologieführerschaft. Doch anders als viele fürchten, stehe am Ende dieser Entwicklung "nicht das menschenentleerte, sich selbst steuernde Unternehmen", so der Manager. Die Rolle der Arbeitnehmer verändere sich allerdings: "Während manuelle Arbeit heute immer mehr in den Händen von Robotern oder Maschinen liegt, nimmt der Bedarf an wissenden, hochqualifizierten Menschen rasant zu." Lebenslanges Lernen laute da das Stichwort.

Digitale Aufspaltung

Rheingold-Mitbegründer und Psychologe Stephan Grünwald hat verschiedene Fehler ausgemacht, die das Thema Digitalisierung gemeinhin in Unternehmen begleitet: "CEOs reisen ins Silicon Valley, kommen beseelt nach Hause und wollen das auch alles für ihr Unternehmen – das endet dann meist sehr schnell, ist also nicht sehr nachhaltig", meint Grünwald. Oft würden Teams gegründet, die als digitale Speerspitze das Thema vorantreiben würden, erklärt der Psychologe: "Die werden dann aber häufig von bestehenden Strukturen aus Angst zum Beispiel vor einem Arbeitsplatzverlust ignoriert oder gar sabotiert." Auch die Auslagerung in externe Thinktanks schaffe zwar hohe Freiheitsgrade, drohe aber zu- gleich das Unternehmen in "modern" und "alt" aufzuspalten, beobachtet Grünwald: "Am Ende sollte es keine separate Entwicklung geben, sondern alle sollten im Austausch miteinander stehen, jeder sollte wissen, was der andere tut."

Das führt nach Bochum: Für Daniel Schütt ist der Streamingdienst Netflix ein Lieblingsbeispiel, wenn es um Digitalisierung des eigenen Geschäftsmodells geht: "Die haben mit dem Versand von DVDs angefangen, waren selbst ein völlig analoges Unternehmen. Aber sie haben die digitale Disruption erkannt, als Chance begriffen und sich neu erfunden." Das ginge eben nicht nur, wenn man ein Startup sei. Geht es nach Schütt, kann Netflix als Beispiel für jedes Unternehmen aus egal welcher Branche gelten.

Dabei wollen er und sein Mitgründer Stefan Peukert Hilfestellung leisten. Die beiden Bochumer sind die Gründer von Masterplan, einer Plattform, auf der Onlinekurse abgerufen werden können. Darauf vertrauen bereits die Otto Group und Siemens.

Der erste verfügbare Grundkurs beschäftigt sich mit der Digitalisierung – in all ihren Facetten: "von den notwendigen Skills über die Kultur bis hin zur IT-Sicherheit". Es geht den beiden um das "Mindset", weniger darum, dass jeder zum digitalen Experten werde: "Wir bilden keine Social-Media-Marketer oder Coder aus, es geht um das Öffnen einer Tür in die digitale Welt und um das Ermutigen von Mitarbeitern, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen – wer gestalten will, muss verstehen." Auch Psychologe Grünwald meint: "Digitalisierung wird zu oft noch runtergebrochen oft Wundertüte oder Schreckgespenst – das hilft aber niemandem."

Das Untergangsszenario, das gerne mal lautstark und eindrucksvoll über die Digitalisierung verbreitet werde, nervt die Gründer Peukert und Schütt: "In Deutschland hört es sich immer so an: 'Da kommt die Welle und reißt alles weg, und nix ist mehr übrig.' Dabei bietet die Digitalisierung für so viele Menschen Chancen." Wer die Digitalisierung aber wirklich vorantreiben wolle, müsse im Unternehmen anfangen, bei der Mentalität der Mitarbeiter. Der Fehler beginne oft schon dabei, dass Chefs die Digitalisierung als Wert oder Versprechen an sich kommunizieren, kritisiert Grünwald: "Das lässt viele im Unklaren darüber, was das eigentlich bedeuten soll. Wenn ich über Digitalisierung spreche, muss ich auch erklären, was ich damit beabsichtige." Alles müsse zudem in die Unternehmensphilosophie eingebunden werden, führt Grünwald aus: "Erst dann wird aus der Digitalisierung ein Zweck und gibt ihr Mehrwert."

Wegen der guten Erfahrungen hat Voestalpine beschlossen, ein weiteres Werk zu digitalisieren, das Edelstahl herstellt. Die Weiterbildungen laufen schon, der Konzern richtet dafür ein eigenes Schulungszentrum ein. Gleichzeitig entsteht dort ein eigenes Kompetenzzentrum für Digitalisierung, das die Mitarbeiter in den Bereichen Robotik, Sensorik und Datenanalytik weiterbilden soll – als Vorbereitung für die nächste Stufe der Disruption.

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