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Mann Anzug Stadt Laptop Gewinnerpose Freude [Quelle: Pexels.com, Autor: Andrea Picquadio]

Quelle: Pexels.com, Andrea Picquadio

Wer in der Schule schikaniert wurde, empfindet das auch später noch als enorme Belastung. Dennoch kokettieren Manager und Prominente immer wieder mit ihrer schweren Kindheit. Was ist also dran an dem alten Spruch "Was dich nicht umbringt, macht dich härter"?

Wenn Carsten Stahl ein Klassenzimmer betritt, ist es innerhalb weniger Sekunden still. Er ist ein bulliger Typ, tätowiert bis zum Hals, Bodybuilder-Arme, ernster Blick. In einem Film würde er für Prügeleien besetzt werden. Und nicht für den Part, der auf die Mütze bekommt. Dabei wurde Stahl einst bespuckt, geschlagen, gedemütigt.

Als Kind, erzählt Stahl, hatte er Angst, in die Schule zu gehen, wo immer wieder Witze über seine roten Haare gemacht wurden. Einmal schubsten ihn Mitschüler in eine tiefe Grube, aus der er nicht mehr hinausklettern konnte. Stundenlang musste er auf Hilfe warten. Eine Demütigung, die er nie vergessen hat. Und die in ihm den Willen festigte, sich nie wieder so etwas gefallen zu lassen – und andere davor zu bewahren. Deshalb die Muskelberge. Deshalb tourt Stahl, der mit jeder Faser seines Körpers Selbstsicherheit ausstrahlt, nun durch die Schulen der Republik, berichtet Kindern von seinem Schicksal. Und davon, wie sie einem ähnlichen entgehen können.

Dass Menschen, die so selbstbewusst durchs Leben schreiten, die weder die große Bühne noch die Auseinandersetzung scheuen, einst Mobbing erfahren haben, mag zunächst überraschen. Auch die Schüler, denen Stahl gegenübertritt, können seine Geschichte meist gar nicht glauben.

Unermüdlicher Eifer

Dabei gibt es auch diverse prominente Beispiele: Elon Musk, der mit Tesla die Automobilbranche und mit SpaceX die Raumfahrt revolutioniert, FDP-Chef Christian Lindner, Mathias Döpfner, der Chef des Springer-Konzerns, Kate Middleton, die dem britischen Königshaus mit der Hochzeit von Prinz William neuen Glanz gab, oder der gerade gewählte US-Präsident Joe Biden. Sie alle haben nicht nur Macht, Geld und Prestige. Sie haben auch Erfahrungen mit der Ausgrenzung und sprechen darüber inzwischen offen. Deshalb werfen solche Fälle grundlegende Fragen auf: Welche Rolle spielt diese Erfahrung für ihre späteren Erfolge? Folgt besonderer Ehrgeiz, unbedingter Machthunger, unermüdlicher Eifer wirklich so oft aus dem Wunsch, es all denen zu zeigen, die sich einst über einen lustig gemacht haben? Oder kokettiert auch manch einer mit einer solchen Erfahrung, um den eigenen Aufstieg noch heroischer erscheinen zu lassen?

Etwa 30 Prozent der deutschen Jugendlichen und Kinder sagen, dass sie schon einmal beleidigt, schikaniert, benachteiligt oder ausgegrenzt wurden, wie die Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie erhoben hat. In zahlreichen WhatsApp-Gruppen und anonymen Foren sind Hass und Hetze trauriger Alltag. Laut Landesanstalt für Kommunikation in Baden-Württemberg haben 37 Prozent der 12- bis 19-Jährigen bereits miterlebt, wie jemand online fertiggemacht wurde.

Solche Erfahrungen wirken ein Leben lang nach, sowohl im Privat- als auch im Berufsleben. "Mobbing ist ein Geschwür unserer Gesellschaft", gehört zu den Sätzen, die der Anti-Mobbing-Coach Stahl mantrahaft wiederholt. Der 48-Jährige kennt mittlerweile alle Brennpunktschulen in Berlin. Er ist einer, vor dem die Schüler augenblicklich Respekt haben. Wenn er vor eine Klasse tritt, wird es sofort still. Seine Methoden sind nicht unumstritten. Manchmal wird er aggressiv, und stets ist er hochemotional. Wissenschaftliche Ansätze? Nicht sein Ding.

"Ich brauche kein Studium, ich kann etwas Wichtigeres: Ich bringe die Schüler zum Lachen, zum Nachdenken, zum Weinen", sagt Stahl. "Ich halte ihnen einen Spiegel vor, indem ich meine Geschichte erzähle."

Seine Geschichte geht so: Als er vom Kind zum Teenager wird, wird er auf einmal größer und kräftiger als die anderen. Stahl gehört zu den Menschen, die rasch Muskeln aufbauen. Für ihn die Chance schlechthin, die Opferrolle zu verlassen. Mehrmals die Woche geht er ins Fitnessstudio und stemmt Gewichte. Auf einmal haben andere Angst vor ihm. "Ich war stärker als andere und merkte, wie viel Kraft ich hatte." Bis heute pflegt er dieses Image des Muskelprotzes. "Mein größter Antrieb war es, nie wieder Opfer zu werden. Alle Gedanken drehten sich nur um dieses Ziel: nie wieder Schwäche!", so Stahl. Er ist davon überzeugt, dass seine heutige Stärke ausschließlich auf dieser Entwicklung beruht. "Jeder, der eine solche Demütigung übersteht und daraus wächst, wächst über sich hinaus", sagt Stahl. Angriff als Verteidigung? Gegenwehr als Karrierebooster?

Rückzug aus dem Kollegenkreis

Rückzug aus dem Kollegenkreis

Ganz so einfach ist die Sache nicht: In einer der umfangreichsten Langzeitstudien zum Mobbing, der 2010 abgeschlossenen Great Smoky Mountains Study aus North Carolina, befragten Forscher über 20 Jahre immer wieder eine Gruppe von 1420 Jugendlichen nach ihren Erfahrungen mit Ausgrenzung und untersuchten ihre psychische Verfassung im Erwachsenenleben. Einer der daran beteiligten Wissenschaftler war Dieter Wolke. Der Pädagoge, 63 Jahre alt, Hornbrille und Kinnbart, zählt zu den renommiertesten Mobbing-Experten weltweit. Der Deutsche spricht mit britischem Akzent, so lange lebt Wolke mittlerweile im Ausland. Inzwischen lehrt und forscht er an der Universität im englischen Warwick. "Es ist ganz klar nachgewiesen, dass Mobbing-Erfahrungen zu einem höheren Risiko von Angststörungen und Depressionen führen", sagt der Wissenschaftler. Jeder dritte junge Erwachsene mit Depressionen, so zeigte eine britische Untersuchung, wurde in der Schule gemobbt. Auch im Berufsleben hallen die Erfahrungen nach.

"Menschen mit Mobbing-Erfahrung finden es meist schwierig, im Team zu arbeiten", sagt Wolke. "Sie haben weniger Vertrauen in andere und fühlen sich schnell angegriffen." Aus gehänselten Kindern werden Kollegen, die Rückzug suchen. "Schon vor Corona wären die meisten am liebsten im Homeoffice geblieben. Viele arbeiten oft in Berufen, die nicht viel sozialen Kontakt erfordern", sagt der Wissenschaftler. Auffällig häufig sei das in der Technologiebranche der Fall. Computern ist der soziale Status schließlich gleichgültig – und zum Programmieren braucht es eher Logik und Ausdauer als rhetorische Brillanz und Charisma.

Einer, dessen Erfolg ebenfalls eher auf Ersterem statt Letzterem beruht, ist Elon Musk. Inzwischen einer der zehn reichsten Menschen der Welt. Heute gilt der 49-Jährige vielen als Vorbild. Zu Schulzeiten aber war er ein Außenseiter. Er wuchs in Südafrika bei seinem Vater auf. Sie zogen oft um, der junge Musk war ein stilles Kind. Eine Eigenschaft, mit der seine Mitschüler nicht zurechtkamen. Sie verspotteten und verprügelten ihn. Einmal schubsten sie Musk derart gewaltsam eine Treppe hinunter, dass er ins Krankenhaus musste.

Sein Plan: so schnell wie möglich weg! Kaum hatte er die Schule beendet, zog er zu seiner Mutter nach Kanada. Dort konnte er seine Leidenschaft für Codes und Computer ausleben. Musk hatte bereits als Kind angefangen zu programmieren. Mit ein paar anderen gründete er Ende der Neunzigerjahre den Onlinebezahldienst PayPal. Es sollte der Auftakt zu einer der bemerkenswertesten Unternehmerlaufbahnen in der Technologiebranche sein. "Viele Mobbing-Opfer überwinden ihre traumatische Erfahrung dadurch, dass sie eine besondere Stärke ausbauen. Sie beginnen, sich über ihre Talente zu behaupten", sagt Wissenschaftler Wolke.

In gewisser Weise waren die Computer für Musk das, was für Stahl die Muckibude war. Und manch einer macht aus dieser so wichtigen Erkenntnis, die Dinge selbst in der Hand zu haben, später sein Lebensmotto – so wie FDP-Chef Christian Lindner. Der Politiker gilt als begnadeter Rhetoriker, der jedem Gegenüber schlagfertig begegnen kann. Diese Eigenschaft hat sich Lindner erarbeitet. So erzählte er in einem Interview, dass er als Kind stark übergewichtig war und dadurch zur Zielscheibe für seine Mitschüler wurde. "Ich habe fast 100 Kilo gewogen, war jedoch mindestens zehn Zentimeter kleiner als heute", so Lindner. Das Äußere zählt zu den häufigsten Angriffsflächen, an denen Mitschüler ihre fiese Seite zeigen. Eine kleine Abweichung von der Norm genügt, um ins Visier zu geraten.

Lindner begegnete diesen Hänseleien schon mit 14 Jahren als überzeugter Neoliberaler – oder deutet seine damalige Haltung zumindest 27 Jahre später so: "Mein Äußeres hat mir Nachteile bei den Mädchen gebracht. Und über Dinge, die man ändern kann, darf man nicht jammern, sondern muss die angehen." So joggte Lindner also jeden Tag durch den Wald, oft aß er nur Knäckebrot. Binnen vier Monaten habe er 30 Kilo abgenommen. "Die Phase hat mich geprägt. Ich habe gelernt, du kannst Dinge ändern, aber du musst zäh sein", sagt Lindner rückblickend.

Auch Mathias Döpfner, Chef und Anteilseigner des Axel-Springer-Verlags und damit eine der wichtigsten Figuren im europäischen Mediengeschäft, deutet die Ausgrenzungen zu Schulzeiten im Nachhinein als Erweckungsmoment: Schon damals war er außergewöhnlich groß. "Ich empfand das als Anomalie und fragte mich: Warum bin ich nicht wie alle anderen", erzählte Döpfner vor einigen Jahren. Im Sport wurde er immer als Letztes gewählt, das habe ihn getroffen. Heute erachtet er diese Erfahrungen als maßgeblich für seinen Erfolg. "Ich habe gelesen, dass beruflicher Erfolg die Konsequenz von Zurückweisung in der Kindheit ist. So gesehen mag es einen Zusammenhang gegeben haben", sagt er.

Öffnung aus der Position der Stärke

Doch damit ist Döpfner eher die Ausnahme als die Regel. "Erfolgreiche Menschen sagen das immer aus einer Position der Stärke", betont der Pädagoge Wolke. "Sie stehen oft erst dann zu ihren Mobbing-Erfahrungen, wenn sie es beruflich geschafft haben." Wolke schätzt, dass jeder fünfte Deutsche schon einmal Demütigung durch andere erfahren hat. Die Zahl derer, die dies auch später noch als belastend empfinden und eben nicht darüber sprechen, ist weitaus größer, als es die Erzählungen von Döpfner, Lindner oder Musk nahelegen. Von den vielen Mobbing-Opfern, die ihr Leben lang leiden, erfährt die breite Öffentlichkeit nie. Christine Harzheim ist Psychologin und arbeitet seit 30 Jahren mit Jugendlichen und Erwachsenen zusammen. Sie weiß um die Unterschiede. "Manche Jugendliche sind verletzlicher, andere wiederum widerstandsfähiger als andere. Sie entwickeln einen starken Antrieb, sich nicht unterkriegen zu lassen. Aber belastend ist es für beide", sagt die Psychologin.

Eine Eigenschaft aber teilen viele Mobbing-Opfer: "Nicht alle, die gemobbt werden, bekommen psychische Problem. Viele finden Strategien, um damit umzugehen", sagt Wolke. Sie suchen sich Freunde, denen sie vertrauen können. Mitunter sogar ganz ohne bedrohliche Tätowierungen und Muskelberge.

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