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Jobs in Deutschlands kleinster Boombranche

Quelle: pixabay.com, Michal Jarmoluk

Biotechfirmen wachsen in der Pandemie besonders schnell, auch personell. Welche Jobs vakant sind, wie Sie als Nichtbiologe quereinsteigen können – und was Beschäftigte in der Spezialistenbranche verdienen.

CVnCoV ist der Grund, warum Andreas Bieber im Stress ist. Der Personalchef von Curevac muss Bewerbungsgespräche führen, neue Kollegen einarbeiten, die Laborplanung weiterentwickeln. Wegen der Arbeit an dem Corona-Impfstoff CVnCoV ist die deutsche Biotechfirma nun weltbekannt – auch unter Bewerbern. "Die Arbeit an dem Impfstoff hat sich direkt auf unsere Sichtbarkeit als Arbeitgeber ausgewirkt", sagt Bieber.

So zählte Curevac vergangenes Jahr 13.000 Initiativbewerbungen – doppelt so viele wie sonst. Die Anschreiben sind in Tübingen willkommen, der Personalbedarf ist groß: 2020 ist Curevac um 100 Mitarbeiter gewachsen. 2021 soll es weitere 300 Stellen geben – im Labor und in allen anderen Abteilungen. Für einen Betrieb, der 580 Beschäftigte zählt, sind das beeindruckende Zahlen.

Das gilt auch für Curevacs bekannten Konkurrenten Biontech: 2020 hat sich der Vakzinentwickler auf 2100 Mitarbeiter fast verdoppelt. Vor allem in den Bereichen Forschung und Entwicklung sowie Produktion und Vertrieb wurden neue Mitarbeiter eingestellt, um schnell Impfdosen liefern zu können. Trotzdem ist der Bedarf an neuem Personal noch immer nicht gedeckt.

Curevac und Biontech mögen in der Pandemie rasant gewachsen sein. Und doch haben fast alle hiesigen Biotechfirmen gerade deutlich mehr Stellenangebote geschaltet als vor der Pandemie. Die Jobbörse Stepstone zählte für die Branche im vierten Quartal 2020 knapp 40 Prozent mehr Ausschreibungen als im Vorjahreszeitraum. Die Suchanfragen von Bewerbern im Bereich Impfstoffentwicklung haben sich sogar mehr als versiebenfacht.

Mit 34.000 Beschäftigten in knapp 700 Firmen mag die Biotechbranche für Jobsuchende und Volkswirtschaft nicht annähernd so bedeutend sein, wie es etwa die Automobilindustrie ist. Klar ist aber auch: Biontech, Curevac und Co. – Firmen, die vor einem Jahr nur Fachleuten bekannt waren – profitieren wie kaum sonst jemand von der Krise. Und das kurbelt auch den Jobmarkt an: Nicht nur Laborspezialisten und Wissenschaftler sind gefragt, auch Quereinsteiger aus anderen Branchen haben Chancen.

Siegfried Bialojan ist Biotechexperte der Beratung EY. Er sagt, dass die Branche das Momentum nutzen und über das Ende der Pandemie hinaus Arbeitsplätze schaffen dürfte. "Was Innovationen angeht, sind Biotechfirmen so etwas wie das Tesla der Pharmabranche", so Bialojan. "Mit dem Unterschied, dass Tesla auf die Autoindustrie beschränkt ist, während Biotechfirmen in verschiedenen Bereichen zukunftsträchtig sind." Doch welche großen Arbeitgeber gibt es in der Boombranche Biotech? Welche Stellen sind ausgeschrieben? Und was kann man verdienen? Ein Überblick.

Das sind die größten Arbeitgeber

Biontech und Curevac mögen die bekanntesten Biotechfirmen sein. Doch die Liste mit den meisten Beschäftigten (siehe Grafik) führt Qiagen mit weltweit 5300 Mitarbeitern an. Allein am Stammsitz in Hilden bei Düsseldorf hat Qiagen in den vergangenen vier Monaten über 120 Personen eingestellt – so viele wie sonst in einem Jahr. Mehr als 3000 Angestellte zählen der Hamburger Wirkstoffspezialist Evotech oder Miltenyi Biotec aus Bergisch Gladbach.

Solche Zahlen sind allerdings untypisch für die Branche. Im Schnitt beschäftigen die Betriebe weniger als 50 Mitarbeiter. "Viele Biotechfirmen sind typische Start-ups", sagt Oliver Schacht, Vorstandsvorsitzender des Branchenverbands Bio Deutschland. Die Inhaber hätten nach ihrer Doktorarbeit gegründet und "betreiben ausschließlich Forschung und Entwicklung mit einer Handvoll Wissenschaftlern".

Biotechbranche Größte Arbeitgeber [Quelle: Handelsblatt, Autor: Bio Deutschland]

Dass sich die Branche in viele kleine und wenige große Firmen teilt, zeigt schon die Finanzierung: Zwar sammelten deutsche Biotechfirmen 2020 mit drei Milliarden Euro eine Rekordsumme ein, doch mehr als die Hälfte davon ging an zwei Firmen: Biontech und Curevac. Weil die breite Masse nicht so üppig finanziert ist, haben die meisten Biotechfirmen keine vollständige Medikamentenproduktion, sondern entwickeln Tests – etwa um Corona-Infektionen zu erkennen. Viele fungieren auch als Zulieferer und sorgen beispielsweise dafür, dass der Wirkstoff in Medikamenten umhüllt wird.

55 Prozent der Biotechfirmen arbeiten im Medizinbereich, doch die Anwendungsbereiche sind weitaus vielfältiger. So entwickelte die hessische Brain AG etwa für Waschmittel von Henkel ein Enzym, mit dem Wäsche bei 40 Grad genauso sauber wird wie vorher bei 60 Grad.

Diese Quereinsteiger werden gesucht

"Wenn Betriebe durch die Arbeit am Impfstoff wachsen, werden auch in anderen Bereichen Jobs geschaffen", sagt Verbandschef Schacht. Auch der Mittelständler R-Biopharma aus Darmstadt teilt mit: "Es gibt keinen Bereich, für den wir gerade keine Mitarbeitenden suchen." Der Weltmarktführer bei Testsystemen im Bereich Allergenanalytik hat 49 offene Stellen – etwa als Vertriebler, Projektmanager oder Recruiter, um die Personalsuche zu beschleunigen.

Branchenprimus Biontech braucht Controller, Personaler, Mitarbeiter im Einkauf, im Marketing und der Kommunikationsabteilung. Und Curevac hat Stellen als Einkäufer, Gehaltsbuchhalter oder kaufmännischer Leiter ausgeschrieben.

Gute Chancen für den Quereinstieg haben Ingenieure. Diese Stellen wurden zuletzt besonders oft ausgeschrieben, zeigen Stepstone-Daten. Biontech sucht Prozessingenieure, und Qiagen hat Vakanzen für Betriebs-, Elektro- oder Automatisierungsingenieure. Qiagen entwickelt medizinische Testverfahren, derzeit etwa PCR-Tests zur Erkennung einer Corona-Infektion.

Die Hildener Firma beschäftigt bereits Ingenieure, die vorher in der Automobilbranche gearbeitet haben, erzählt Personalerin Miriam Engels. "Es gibt durchaus Ähnlichkeiten: Wir orientieren uns an Qualitätsstandards und arbeiten in einem regulierten Umfeld." Auch Beschäftigte aus der Chemie- oder Lebensmittelindustrie seien denkbar. Biologische Fachkenntnisse sind für Quereinsteiger keine formale Voraussetzung, sagt Engels. Aber: "Wer sich gar nicht für biologische Vorgänge interessiert, tut sich bei uns schwer."

Branchenweit gefragt sind auch Produktionsplaner, Logistikleiter oder Lieferkettenspezialisten, die die Produktion überwachen und optimieren. Rentschler Biopharma aus der Nähe von Ulm sucht Prozessmanager, die an der Schnittstelle zwischen Produktion und Kunden arbeiten. Der Mittelständler, der Biontech und Curevac bei der Herstellung der Covid-19-Impfstoffe unterstützt, plant 2021 mit 80 neuen Mitarbeitern und stockte bereits vergangenes Jahr 150 Stellen auf. Die Firma versichert, dass die Mitarbeiter auch nach dem Ende der Pandemie gebraucht werden: "Es handelt sich um einen langfristigen Stellenaufbau."

Und: Wie überall ist auch im Biotechbereich der Bedarf an IT-Spezialisten groß. "Daten spielen eine extrem große Rolle – sei es bei der Analyse von Studienergebnissen, in der Herstellung oder bei der Optimierung von Abläufen", sagt EY-Experte Bialojan. Branchenkenner Schacht ergänzt: "Bio-Informatiker sind besonders gesucht, aber der Markt ist umkämpft." Auch Qiagen braucht solche Spezialisten, die biologisches Verständnis und Programmierkenntnisse haben. Chancen haben auch Informatiker oder Softwareingenieure.

Diese Stellen gibt es für Spezialisten

Die Biotechbranche ist gerade für Wissenschaftler eine Karriereoption. "Sie bietet für Menschen, die aus einem akademischen Umfeld kommen und mit ihren Innovationsideen ein Unternehmen voranbringen wollen, ein attraktives Beschäftigungsfeld", sagt Berater Bialojan. Viele Biotechfirmen rühmen sich damit, dass das Gros der Beschäftigten einen akademischen Hintergrund hat.

Besonders gesucht werden laut Stepstone Biologen und Chemiker. Im vierten Quartal 2020 zählte die Jobbörse in der Biotechbranche doppelt so viele Ausschreibungen für Biologen wie im Vorjahreszeitraum. Die Nachfrage nach Chemikern stieg um 46 Prozent. Auch Biotechnologen, Biomediziner oder Biochemiker sind gefragt.

So sucht Curevac "erfahrene Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Disziplinen", die Expertise in der pharmazeutischen oder biotechnologischen Industrie haben, sagt Personalchef Bieber. Die Biotechfirmen verlangen neben einem abgeschlossenen Studium in Chemie, Biologie, Pharmazie oder verwandten Naturwissenschaften auch mehrjährige Berufserfahrung. "Neue Mitarbeiter sollen auch getrieben sein von Neugierde und der Lust, etwas Neues auf den Weg zu bringen", heißt es bei Biontech. Und Teamfähigkeit ist gefragt: "Wir brauchen keine eigenbrötlerischen Experten, die nur ihr eigenes Projekt, ihre Ziele und Aufgaben sehen", sagt Qiagen-Personalerin Engels. In der Industrie seien Abstimmungen über alle Abteilungen gefragt.

Biotechbranche Tätigkeitsfelder deutsche Biotechfirmen [Quelle: Handelsblatt, Autor: Unternehmen]

Viele Biotechfirmen suchen gerade auch Produktionsmitarbeiter, Laborleiter, Laboranten, Pharmakanten und CTA, BTA oder MTA – das sind chemisch-, biologisch- beziehungsweise medizinisch-technische Assistenten. Während diese Stellen vergleichsweise einfach zu besetzen sind, ist der Fachkräftemangel in der Qualitätskontrolle und bei regulatorischen Fragen wie der Produktzulassung am größten. Diese Mitarbeiter sichern die Qualität in der Herstellung von Arzneimitteln und planen, dokumentieren und kontrollieren klinische Prüfungen an Menschen.

Das sind die Gehaltsaussichten

Für die Biotechbranche gibt es keinen eigenen Tarifvertrag. Die Verdienstmöglichkeiten lassen sich also nur schätzen. Sie variieren nach Unternehmensgröße und Position. Laut Stepstone verdienen Biologen gut 50.000 Euro brutto im Jahr und damit weniger als der Durchschnittsdeutsche, der auf rund 57.000 Euro kommt. Chemiker liegen mit 62.000 Euro darüber. Ein Laborleiter kommt auf 71.000 Euro. Und Betriebsingenieure können mit mehr als 80.000 Euro rechnen. "Viele Biotechfirmen bieten Nebenleistungen wie eine betriebliche Altersvorsorge an", sagt Verbandsvorstand Schacht. Dass Betriebe sowohl Urlaubs- als auch Weihnachtsgeld zahlen, sei allerdings selten.

Die Firmen halten sich bei der Frage nach Verdienstmöglichkeiten bedeckt. "Unsere Kompensation ist marktgerecht", heißt es etwa bei Curevac. Marktgerecht heißt aber auch: Mit dem Salär in der Chemie- und Pharmabranche, die traditionell sehr gut zahlen, können Biotechbetriebe oftmals nicht mithalten. Experte Bialojan sagt: "Üblicherweise treffen Bewerber, die zu Biotechfirmen wollen, ihre Entscheidungen weniger über das Gehalt, sondern mehr über Faktoren wie wissenschaftlicher Anspruch oder direktere Möglichkeiten, die Firmenentwicklung mitzugestalten."

Biotechbranche Bruttodurchschnittsgehälter [Quelle: Handelsblatt, Autor: Stepstone]

Das sind die Arbeitsbedingungen

Bei den vielen kleineren Biotechbetrieben können "Mitarbeiter sehr viel früher mehr Verantwortung übernehmen und die Firma mitgestalten oder gar mitaufbauen", sagt Schacht. Beschäftigte kleinerer Betriebe müssen dafür allerdings ein Risiko in Kauf nehmen: "Wenn sich kein neuer Wagniskapitalgeber findet oder die Firma nur Verluste einfährt, weil Medikamente in Studien nicht den gewünschten Erfolg zeigen, drohen Mitarbeitern auch Entlassungen." Größere Firmen bieten hingegen mehr Jobsicherheit und in der Regel eine bessere Bezahlung. Allerdings können Beschäftigte in Konzernen meist weniger bewegen.

Das Thema Homeoffice hat pandemiebedingt zwar einen Schub erfahren – auch in der Biotechbranche. Doch Laboranten und Wissenschaftler sind weiter an ihren Arbeitsplatz gebunden. Bei Qiagen etwa können diese die Dokumentationen und die Planung der Projekte aber vom heimischen Schreibtisch machen.

Tobias Zimmermann, Arbeitsmarktexperte bei Stepstone sagt, dass der Bereich Biotech oft spannende Aufgabenfelder damit verbindet, "den Menschen den Sinn ihrer Arbeit täglich vor Augen zu führen" – also das, was im Managementjargon gern als Purpose bezeichnet wird. "Bewerber suchen derartige Tätigkeiten", heißt es bei Biontech.

Curevac-Personaler Bieber drückt es so aus: "Unsere Mitarbeiter haben die Möglichkeit, an einer medizinischen Revolution mitzuwirken, deren Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist." Und tatsächlich mag es derzeit wohl kaum eine bedeutsamere Tätigkeit geben, als in einer Firma zu arbeiten, die hilft, eine globale Pandemie zu bekämpfen.

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