Partner von:

Lockruf des Lebens

Ins Ausland ziehen [Quelle: pexels.com, Autor: TheDigitalWay]

Quelle: pexels.com, TheDigitalWay

Die Karriere beschleunigen, an Top-Unis forschen, Steuern sparen – es gibt viele Gründe für einen Wechsel ins Ausland. Am meisten profitiert, wer seinen Aufenthalt gut plant – und vor seiner Auswanderung viel Zuneigung für sein Zielland entwickelt. 

Als sie sich damals bewirbt, stellt sie sich das ganz toll vor, sagt Valerie Mocker: der erste Vollzeitjob nach dem Masterabschluss und das gleich bei einem Dax-Unternehmen. Die Hamburgerin hat in Oxford Anthropologie und Verhaltensökonomik studiert, sie zieht nach Deutschland zurück und fängt in Essen als Analystin beim Energiekonzern E.On an. Gute Bezahlung. Prima Karrierechancen. Ein perfekter Start ins Berufsleben.

Doch Valerie Mocker ist bald ernüchtert: "In Deutschland ist man in einer großen Firma nur ein kleines Rädchen." Vor allem die Arbeitskultur schreckt sie schnell ab. Das Denken in Hierarchien. Die ungeschriebene Hackordnung. Die Erwartungshaltung der Älteren, dass sich die Jüngeren, zumal junge Frauen, hinten anzustellen hätten. Wer darf an welchen Meetings teilnehmen, sich wie laut und selbstbewusst zu Wort melden? Für Mocker sind das Fragen von vorgestern. Sie weiß: "In Großbritannien braucht man nicht erst einen Titel, bevor man Ideen beisteuern darf."

Also verlässt sie den Konzern nach neun Monaten. Und das Land gleich mit. Mocker heuert beim gemeinnützigen britischen Stiftungsfonds Nesta in London an, der mit Geld der staatlichen Lotterie soziale und innovationsfähige Unternehmen fördert. Sie leitet mit 23 Jahren ihre ersten Teams, baut mit 26 Fonds in Millionenhöhe auf, verhandelt innerhalb von fünf Jahren drei Mal ihr Gehalt nach – und ist überzeugt: "Ein so schneller Aufstieg wäre in Deutschland nicht möglich gewesen."

Heute ist Valerie Mocker 31. Sie hat vor gut einem Jahr ein Digitalunternehmen gegründet, das Trainingsprogramme für junge Menschen anbietet, die ambitioniert und aufstiegswillig sind, die führen und Verantwortung tragen wollen – Firmensitz ist Großbritannien. Mockers Geschichte klingt nach einer "Goodbye Deutschland"-Story auf High-Potential-Niveau, nach einem interessanten, aber nicht typischen Einzelfall – ist es aber nicht.

Zwischen 1991 und 2018 sind 3,3 Millionen Deutsche aus der Bundesrepublik weggezogen, zeigen Zahlen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB). Menschen wie Valerie Mocker, die im Ausland ihre Karriere beschleunigen wollen. Die dort ein besseres Forschungsumfeld vorfinden, weniger bürokratische Gängelung, bessere Karrierechancen oder auch nur weniger Steuern zahlen möchten.

Gewiss, die meisten dieser "Auswanderer" sind "Auslandstätige", die das Land nur vorübergehend verlassen: 2,5 Millionen kehrten bald wieder zurück. Und doch hat die Bundesrepublik in den vergangenen knapp drei Jahrzehnten jährlich gut 27 000 Deutsche an andere Länder verloren – in der Mehrheit hoch qualifizierte Fachkräfte, die nun in Singapur oder den USA forschen, die Wirtschaft in der Schweiz oder in Frankreich ankurbeln.

"Nicht mehr mein Land"

Bekräftigt die Bundestagswahl den Trend? Kommt eine Koalition aus SPD, Grünen und Linken zustande, "würde ich mir schon sehr genau überlegen, ob ich nicht auswandere", sagt Investor Frank Thelen. Er sei hier verwurzelt und liebe das Rheinland, aber eine links geführte Republik, die hätte nicht nur "verheerende Folgen", die wäre auch "gefühlt nicht mehr mein Land", sagt Thelen, der mit anderen Gründern eine halbe Million an die FDP gespendet hat. Nicht jeder aber könnte so einfach gehen. Unternehmer unterliegen einer Wegzugsbesteuerung.

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sagte kürzlich der WirtschaftsWoche (WiWo 38/21), sollte er Deutschland verlassen wollen, würde er mehr als die Hälfte seines Vermögens verlieren. Ein Wegzug sei für ihn aber ohnehin kein Thema. Er lebe und arbeite gern in Deutschland und habe auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Viele Deutsche, die aus beruflichen Gründen das Weite suchen, stehen noch am Beginn ihrer Karriere.

Sie sind ungebunden, wollen ihren Lebenslauf optimieren und ihr Privatleben bereichern: "Es gehört heute dazu, dass Menschen Auslandserfahrungen sammeln", sagt der Soziologe Nils Witte, der mit Kolleginnen und Kollegen am BiB eine repräsentative Gruppe von Auswanderern wissenschaftlich begleitet: rund 10 000 Deutsche zwischen 20 und 70 Jahren, die zwischen Juli 2017 und Juni 2018 ins Ausland gezogen oder nach Deutschland zurückgekehrt sind – und die bis 2022 regelmäßig befragt werden für die "German Emigration and Remigration Panel Study" (GERPS).

Wer also wissen will, welche Menschen Deutschland verlassen, muss nur Wittes Datenschatz ausbeuten. Danach ist die Hälfte der kürzlich ausgewanderten Deutschen 32 Jahre alt oder jünger; gut 40 Prozent leben allein. Etwa drei Viertel der Befragten haben ein Studium absolviert, fast die Hälfte hat einen Masterabschluss. 13 Prozent wurden promoviert. Kurzum: Es geht die junge Elite. Übrigens auch aus finanziellen Gründen. Der Nettostundenlohn der Emigranten auf Zeit steigt im Mittel von 14 Euro auf 21,50 Euro. Und mehr als die Hälfte der Auslandstätigen empfindet (und genießt) im Zielland einen höheren Lebensstandard.

Das liegt auch an den Ländern, für die sich die Auswanderer bevorzugt entscheiden: Schweiz, Österreich, USA, Großbritannien, auch die Türkei, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Es sind Länder, in denen die Sprachbarriere für deutsche Arbeitskräfte niedrig ist, die kulturellen Unterschiede gering sind, zu denen familiäre Bande bestehen (siehe Seite 22). Aber es sind auch Länder, in denen die digitale Infrastruktur als fortschrittlicher und die Karrierechancen als besser wahrgenommen werden, so eine Studie der Münchner Firma InterNations, die eigenen Angaben zufolge das größte weltweite Netzwerk von Menschen bereitstellt, die längere Zeit im Ausland arbeiten.

Ein Sprungbrett für junge Forscher

Lukas Althoff haben die "außergewöhnlichen Ressourcen" US-amerikanischer Universitäten bewegt, Deutschland den Rücken zuzukehren. Er verbrachte ein Auslandsstudienjahr in Harvard, als er realisierte: "Wer in der ökonomischen Forschung Erfolg haben will, profitiert von diesen Ressourcen und den vielen Inspirationen." Also stellte er nach seiner Rückkehr in München schnell die Weichen, um es wieder an eine US-Eliteuni zu schaffen. Er beendete sein Studium (technologische BWL und VWL) und absolvierte an der Londoner Wirtschaftsuni LSE den für seine hohen Anforderungen berüchtigten Masterkurs für Ökonometrie und mathematische Ökonomie – ein ideales Sprungbrett für die Doktorandenprogramme in den USA.

Dann bewarb sich Althoff an 13 Top-Universitäten. Vier sagten zu, unter anderem die Universität Princeton, wo der Ökonom nun seit drei Jahren lebt. Althoff ist ein zielstrebiger Mann, der an seine Fähigkeiten glaubt. Auch das, sagt er, lasse sich auf eine internationale Erfahrung zurückführen: "Auslandsjahr in Ecuador" stand auf einem Plakat, das er als 15-Jähriger entdeckte. Und für Althoff, damals Teenager im bayrischen Städtchen Landsberg am Lech, klang das nach einer günstigen Gelegenheit, aus dem heimischen Umfeld auszubrechen.

Er wechselte, ohne auch nur ein Wort Spanisch zu sprechen, in der 11. Klasse für ein Jahr nach Südamerika – und kam verändert zurück, so beschreibt er es heute: "Der Gedanke, auch in Zukunft wieder mal im Ausland leben zu wollen, ließ mich danach nicht mehr los." Trotzdem, sagt Althoff, wolle er schon gerne nach Deutschland oder Europa zurückkehren. Irgendwann. Denn noch hält es ihn in Princeton. "Für die nächsten Jahre sind die Aussichten hier besonders vielversprechend aus meiner Sicht."

Tatsächlich finden sich unter den hoch Qualifizierten, die Deutschland verlassen, viele junge Forscher. Menschen, die die Bundesregierung versuchen sollte zu halten – zumal sich Universitäten und Forschungseinrichtungen seit Jahren bemühen, Spitzenforscher aus dem Ausland anzuwerben. Doch auch in diesem Bereich bleiben die Ausreisewilligen weitgehend unbeachtet von der Politik: Der Bundesregierung liegen keine Daten zu ausgewanderten Akademikerinnen und Akademikern vor, antwortete das Bundesbildungsministerium gerade auf eine kleine Anfrage des FDP-Abgeordneten Thomas Sattelberger.

Präzise Vorstellungen gibt es dafür über benötigte Fachkräfte aus dem Ausland. 400 000 Zuwanderer im Jahr brauche es, um die Lücken auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu schließen, sagt der Chef der Arbeitsagentur (BA), Detlef Scheele: Studierte Ingenieure und Programmiererinnen, auch Pflegerinnen, Klimatechniker, Logistiker. FDP und Grüne wollen ein einfaches Punktesystem einführen, um mehr Menschen fürs Arbeiten in Deutschland zu gewinnen. Wie aber die hoch qualifizierten Auswanderer im Land gehalten werden könnten – dazu gibt es keine klaren Vorstellungen.

Natürlich bleiben nicht alle forschungsaffinen Auswanderer der Wissenschaft treu, aber klar ist: Viele internationale Karrieren beginnen mit einer Station an einer ausländischen Universität. Ein wichtiger Grund: Als Student oder Nachwuchsforscher ist es relativ leicht, beispielsweise in den USA oder Kanada eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Und auch wer sich als Absolvent einer örtlichen Universität auf Jobsuche begeben kann, hat es deutlich einfacher. Alle anderen benötigen für ihre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis fast immer den Nachweis eines festen Arbeitsverhältnisses.

Marlis Tiessen, Geschäftsführerin des Hamburger Unternehmens Expat Consult und staatlich anerkannte Auswandererberaterin, rät daher allen Interessierten, sich im ersten Schritt über die Visaarten ihres Wunschlands zu informieren. Generell gelte: Ohne Sponsor (also ohne ein Unternehmen, das einen im Zielland beschäftigt) sei es schwer, die erforderlichen Genehmigungen zu erhalten. Oder teuer. Wer in der Schweiz leben will und keinen Arbeitsvertrag vorlegen kann, muss ein Vermögen von 50 000 Franken im Jahr sowie eine Kranken- und Unfallversicherung nachweisen, sagt Tiessen.

Ansonsten wird es nichts mit einer Niederlassungsbewilligung. In den USA wiederum sei ein Vermögen von mehr als 100 000 US-Dollar Voraussetzung, um im Land ein Unternehmen gründen zu können, das noch dazu gute Aussichten haben sollte, reichlich Arbeitsplätze zu schaffen. Und selbst in diesem Fall sei das entsprechende Visum zeitlich begrenzt, auf zwei bis fünf Jahre. Ansonsten, so Tiessen, blieben die Möglichkeit eines begrenzten Arbeitsvisums oder der auf Dauer angelegten Green Card, um in den USA zu leben und zu arbeiten. Und "in Großbritannien zielt das neue punktebasierte Einwanderungsgesetz ganz klar auf hoch Qualifizierte", sagt Tiessen: Verpflichtend seien ein Jobangebot, das den Qualifikationen der Bewerber entspreche, sowie gute Sprachkenntnisse; ein Doktorgrad PhD bringe zusätzliche Punkte und erhöhe die Chancen.

Üblich sind Entsendungen

Bei all diesen Hürden verwundert es nicht, dass Menschen, die nicht über einen Universitätsaufenthalt ins Ausland ziehen, meist von einem deutschen Unternehmen entsendet werden. Die Umfrage von InterNations bestätigt es. Zwar fanden 17 Prozent der befragten Deutschen selbst einen Job, 11 Prozent wurden international angeworben. Entsendungen seien bei den deutschen Befragten allerdings viel üblicher als im weltweiten Durchschnitt, so das Ergebnis. 21 Prozent der deutschen Expats wurden von ihrem Arbeitgeber ins Ausland geschickt – verglichen mit 13 Prozent weltweit.

Es sind Menschen wie Engin Aslan, Referent des Vorstandsvorsitzenden des Energieunternehmens EnBW in der Türkei. Als der Konzern 2009 eine Niederlassung in Ankara aufbaute, sah Aslan das als "Riesenchance, in jungem Alter für ein großes Unternehmen Auslandserfahrung zu sammeln", erinnert er sich. Aslan ist in Gaggenau bei Karlsruhe aufgewachsen, seine Familie stammt aus der Türkei, er spricht Türkisch.

Trotzdem sei der Schritt auch für ihn eine große Umstellung gewesen, sagt er. Das Herkunftsland seiner Familie habe er nur als Urlaubsziel gekannt. Aslan ist nicht der klassische Expat: Er hat seinen Vertrag immer wieder verlängert und lebt mittlerweile seit mehr als zehn Jahren in der Türkei, die meiste Zeit in der Wirtschaftsmetropole Istanbul. Typischerweise ist es so, dass eine Entsendung nach drei, fünf, vielleicht auch sieben Jahren endet – und die vorübergehenden Auswanderer nach Deutschland zurückkehren.

Das liegt auch daran, dass ihr Aufenthaltsstatus meist unmittelbar an den Job geknüpft ist: Sobald ein Mitarbeiter zurückbeordert wird, läuft die Genehmigung aus. Zudem sind viele Expats kaum in die lokalen Gesellschaften integriert. Das hat auch Aslan beobachtet: Manche Kollegen, kluge Experten, hätten sich schwergetan, sagt er. Weil sie sich nicht auf Türkisch unterhalten konnten, nicht in die fremde Kultur eingetaucht seien. Daher hält Aslan soziale Kompetenz, die viel beschriebenen Soft Skills, für besonders bedeutsam.

Im Gastgeberland richtig einzutauchen trage zum Gelingen eines Auslandsaufenthaltes mehr bei als eine noch so herausragende Fachkenntnis. Aslan, 40, sagt, er habe immer wieder abgewogen, ob er weiter in Istanbul bleiben solle. "Für meine Karriere wäre es besser gewesen, nach drei bis fünf Jahren nach Deutschland zurückzugehen", glaubt er rückblickend. Er hätte in der Karlsruher Zentrale neue Aufgaben übernehmen, aufsteigen, auf höherer Ebene in andere Länder weiterziehen können. Aber er fühlt sich wohl, erledigt seinen Job gern, sagt Aslan – und profitiert auch von den niedrigeren Lebenshaltungskosten in der Türkei. Zumal: "Als Lediger ist mein Leben in Istanbul angenehmer", so empfindet er es.

Mehr Netto im Ausland

Dass ein Wechsel ins Ausland sich auch finanziell lohnen kann, zeigen zwei Beispiele, die die Unternehmensberatung Mercer für die WirtschaftsWoche durchgerechnet hat. Danach hat eine alleinstehende, 31-jährige Computermathematikerin nach Abzug von Einkommensteuer, Sozialabgaben, ortsüblicher Kaltmiete und der Differenz in den Lebenshaltungskosten nach einem Umzug von München nach Seattle netto fast 12 000 Euro jährlich mehr zur Verfügung (siehe Grafik Seite 18). Für einen kaufmännischen Leiter, 45, verheiratet, zwei Kinder, der mit seiner Familie von Stuttgart nach Zürich auswandert, sind es sogar gut 24 000 Euro netto mehr.

Große Summen. Allerdings sei vorausgesetzt, dass man das mögliche Gehalt in der Zielstadt auch realisieren könne, sagt Christof Ternes, Berater bei Mercer. Ob eine Familie beispielsweise Kindergeld beziehen könne, hänge in manchen Ländern vom Aufenthaltsstatus ab. Und: "Wenn das Netto in einem Land bei identischem Bruttogehalt höher ist, heißt das in der Regel auch, dass die staatlichen Vorsorgesysteme weniger umfangreich ausfallen als in Deutschland." Konkret bedeutet das: Für Krankenversicherung oder Altersvorsorge müssen Auslandstätige in Ländern wie den USA und der Schweiz möglicherweise zusätzlich privat vorsorgen, um eine Absicherung zu genießen, wie sie sie aus Deutschland gewohnt sind. Ein Extremfall sei Dubai.

Das Land verzichte zwar sehr weitgehend auf das Erheben von Steuern. Allerdings müsse man seinen Lebensunterhalt und seine Lebens - risiken auch fast komplett aus dem eigenen Nettoeinkommen begleichen. Familien sollten auch die Kosten für Kinderbetreuung und Bildung nicht vergessen, mahnt Ternes: "Je nach System und Land müssen hohe Kosten für einen Kindergartenplatz oder sogar Privatschulen beziehungsweise internationale Schulen berücksichtigt werden." Julia Troll muss sich über diese Ausgaben bislang keine Gedanken machen. Sie hebt vor allem drei Dinge hervor, die ihr das Leben in der Schweiz und besonders in Zürich so lebenswert erscheinen lassen: das Gehalt, die Internationalität und die lebendige Techbranche. Troll, 33, arbeitet in der Produktentwicklung des Technologiekonzerns Google.

Sie verließ Deutschland, wie Valerie Mocker und Lukas Althoff, um eine ausländische Hochschule zu besuchen, absolvierte an der Universität in Sankt Gallen ein PhD-Programm, lebte währenddessen schon in Zürich. Und entschied kurz vor Weihnachten 2018, bald zurück nach Deutschland zu gehen. Denn wirklich angekommen fühlte sie sich damals nicht in der Stadt. Viele Leute, die sie dort kennenlernte, waren von ihren Unternehmen entsendet und verließen die Stadt immer dann, wenn echte Freundschaften hätten entstehen können.

Doch dann ergab sich aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit Google plötzlich ein Jobangebot – für Troll der Anfang dessen, was sie ihren persönlichen "point of no return" nennt: "Der Job hat bewirkt, dass ich mich sozusagen unbefristet für die Schweiz entschied." Damit repräsentiert Troll viele deutsche hoch Qualifizierte: Die wenigsten planen den Wegzug aus Deutschland als Entscheidung fürs Leben. Doch je mehr Vorzüge gegenüber Deutschland sie vor Ort bemerken, desto mehr rückt der Plan für eine Rückkehr sukzessive in den Hintergrund – bis er zuletzt verworfen wird.

Troll konzediert, Zürich sei keine perfekte Stadt. Auch hadert sie oft mit der politischen Stimmung in der Schweiz, mit der nicht vorhandenen Familienförderung. Aber derzeit überwögen die Vorteile – etwa der hohe Freizeitwert des Landes: "Ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann den Schweizer Pass beantrage, um meine Wahlheimat auch mitgestalten zu können."

Jobsuche steht an erster Stelle

Auch wenn eine Auswanderung also eher selten ein geplantes und unumkehrbares Projekt ist, vielmehr davon abhängt, in welcher Lebensphase man sich gerade befindet, welche Karrierechancen sich eröffnen, wie beiläufig sich der erste Job im Ausland ergibt, wie sich das familiäre Umfeld entwickelt, wie schnell man Fuß fasst – einige Ratschläge, wie man es ins Ausland schafft und dort erfolgreich ankommt, gibt es durchaus.

Der wichtigste ergibt sich aus den Visaregeln: Entweder man bewegt sich innerhalb der Europäischen Union – oder man sucht sich seinen Job am besten vor der Auswanderung. Beraterin Tiessen empfiehlt beispielsweise, sich über die Auslandshandelskammern mit Unternehmen in Verbindung zu setzen. Ein Weg nämlich, der auf den ersten Blick attraktiv erscheinen mag, ist in der Regel versperrt: Mit einem Touristenvisum einreisen und sich innerhalb der meist dreimonatigen Frist einen Job suchen – das funktioniert nicht. Denn ein Arbeitsvisum stellen in der Regel nur die Botschaften im Heimatland aus.

Gerade deshalb sind PhD-Programme wie bei den Auswanderern Althoff und Troll ein typischer Weg: Sie sind meist international ausgeschrieben – und Bewerbungen aus anderen Ländern werden wohlwollend begutachtet. Anders sieht es bei ausgeschriebenen, über Plattformen beworbene Jobs aus: Einwanderungsinteressierte ohne persönliche Kontakte haben es schwer, sich im Zielland gegen die einheimische Konkurrenz durchzusetzen, besonders, wenn sie noch keine Berufserfahrung vorweisen können.

Bleibt die Entsendung wie bei Engin Aslan. Sein Beispiel zeigt, dass es gelingen kann, das vorübergehende Expat-Dasein in einen langfristigen Aufenthalt, vielleicht auch in eine Auswanderung zu überführen – sofern man besondere Fähigkeiten mitbringt für das Land, in das man geht, und bereit ist, auch bei Schwierigkeiten zu bleiben. Aslan etwa lebt seit Jahren mit dem erhöhten Erdbeben- und Terrorrisiko in der Türkei. Wer seine "Station" gezielt als Ausgangspunkt nutzen möchte, um dauerhaft auszuwandern, sollte möglichst früh darauf drängen, seinen Entsendungsvertrag in einen lokalen Arbeitsvertrag umzuwandeln, denn dann erledigen sich auch die Visumsorgen. Der Nachteil: Der Weg zurück in die Heimat wird schwieriger.

Nicht alle Engländer inspirierend

Digitalunternehmerin Valerie Mocker empfiehlt Menschen, die ins Ausland gehen möchten, sich vor allem drei Fragen zu stellen. Erstens: Was ist mir wichtig? Ihr selbst geht es darum, im Job mutig und frei handeln zu können. Und das sei in Großbritannien nun mal leichter als in Deutschland. Zweitens: Was will ich lernen? Um ihr Unternehmen aufzubauen, habe sie etwa Impulse vor allem aus den USA empfangen. Und drittens: Treffe ich an dem Ort, wo ich gern arbeiten würde, auf Menschen, die mich inspirieren? "Natürlich sind nicht alle Engländer inspirierend", sagt Mocker: "Aber ich habe hier ein Umfeld gefunden, das Menschen hochheben, nicht kleinmachen will."

Wird sie also im Ausland bleiben? Oder doch irgendwann mal wieder nach Deutschland zurückkommen? "Man soll nie nie sagen", sagt Mocker. Für Deutschland sprächen sein Gesundheitssystem, die Kinderbetreuung, sprächen die guten öffentlichen Schulen. Und auch EnBW-Manager Aslan sagt: Sollte er eine Familie gründen, kehrt er nach Deutschland zurück. Seine Kinder sollen aufwachsen wie er, findet Aslan: "In Deutschland ist es sicherer und schöner."

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben
Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren