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Absprung geschafft

Hobby, Beruf, glücklich, Frau, lachen [Quelle: Pexels.com, Autor: Andrea Piaquadio]

Quelle: Pexels.com, Andrea Piaquadio

Einen beruflichen Neustart zu wagen braucht Mut. Hier erzählen sechs Menschen, wie sie ihn aufgebracht haben – und warum sie nach ihrer Kündigung zufriedener sind als je zuvor.

Strategischer Wechsel: "Bin jemand, der eine Vision braucht"

2016 fing ich nach meinem Studium einen Job in einer mittelständischen Unternehmensberatung an. Dort arbeitete ich mich zum Senior Consultant hoch. Es war herausfordernd und anstrengend: Ich reiste quer durch Deutschland, schlief monatelang in Hotels. Auch wenn ich dankbar für die Erfahrungen bin: Die Identifikation mit meinem Job fiel mir schwer. Ich hatte kein festes Team, auch meine Projekte, Themen und Kunden wechselten ständig. Oft fühlte ich mich nicht als Mensch, dessen Stärken und Schwächen geschätzt werden. Sondern wie eine Mitarbeiterin, die zu einem Tagessatz "X" abgerechnet wird. Ich bin jemand, der immer einen Plan braucht, eine Vision davon, wo er hinwill. 2019 hatte ich mein persönliches Ziel dann definiert: Ich wollte weg aus der Beratung – und auf die Kundenseite wechseln. Mit dieser Erkenntnis begann ich berufsbegleitend ein Immobilienstudium. So gingen meine Wochenenden anderthalb Jahre lang für Vorlesungen und Lernen drauf. Parallel dazu führte ich mindestens zwanzig Bewerbungsgespräche. Ohne Druck, nur voller Neugier, was mir die Unternehmen bieten konnten. Mitten in dieser Phase lernte ich einen jetzigen Kollegen kennen, der kurz zuvor in einer jungen Investmentgesellschaft für Immobilien angefangen hatte. Er erzählte mir strahlend von dem ersten Deal, den sie dort gerade abgeschlossen hatten. Seine Begeisterung steckte mich an. Ich kündigte noch in derselben Woche und wechselte kurze Zeit danach zu seinem Arbeitgeber. Heute, zweieinhalb Jahre später, sind wir von vier auf 22 Mitarbeiter gewachsen. Der Teamzusammenhalt ist stark, ich reise nicht mehr ständig herum und bin stolz auf meine Arbeit. Ich finde, dass jeder sich jeden Tag aufs Neue fragen sollte: Macht mich meine Arbeit glücklich? Ein Job, bei dem die Antwort kein eindeutiges Ja wäre, käme für mich nicht mehr infrage. 

Zu hohe Arbeitslast: "Liege deutlich unter meinem alten Gehalt"

Mit 25 Jahren war ich für 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich. Ein Auszug aus meiner Aufgabenliste: Kennzahlenkontrolle, Qualitätsmanagement, Filialumbauten beaufsichtigen, Neueinstellungen und Kündigungen abwickeln. Ich stand jeden Tag gegen halb sechs auf, war um halb acht im Büro und – je nachdem, wie viel los war – zwischen 20 und 21 Uhr zu Hause. Auch jeden zweiten Samstag arbeitete ich. Mein Privatleben quetschte ich um diesen Joballtag herum. Sonntags war ich in der Regel einfach nur fertig. Dabei war das der einzige Tag in der Woche, an dem ich etwas hätte unternehmen können. Dieser emotionale Stress kam auf den Jobstress noch obendrauf: Ich wusste, ich musste mich erholen, wollte aber gleichzeitig meinem Partner und meinen Freundschaften gerecht werden.

Im September 2021, nachdem ich den Job drei Jahre lang gemacht hatte, waren mein Freund und ich im Urlaub. Da stellte ich fest, dass ich mich nicht mehr entspannen konnte. Meine Gedanken kreisten nur noch um die Arbeit. Ich überlegte. Ja, der Job war ein Bombeneinstieg in meine Karriere gewesen und ich würde mich immer wieder dafür entscheiden. Aber es war der Punkt gekommen, an dem mir meine Arbeit nicht mehr guttat. Meine damalige Arbeit war keine, die man einfach "runterschrauben" konnte. Ganz oder gar nicht, lautete die Devise. Ich entschied mich für: "gar nicht" – und kündigte.

Seit Juni bin ich jetzt als Business Analyst und Consultant in einer IT-Beratungsfirma. Hier kann ich genau das machen, was mir Spaß macht: Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen, Kennzahlenanalysen, Digitalisierungsberatung. Es ist ein Job, von dem ich glaube, dass ich ihn noch lange mit Freude machen werde. Aber: Ich liege jetzt deutlich unter meinem alten Gehalt, habe aktuell weder Firmenwagen noch Personalverantwortung. Doch das ist es mir wirklich wert, denn ich arbeite mittlerweile weniger. Selbst wenn ich mal 50 Stunden im Dienst bin, liege ich damit noch deutlich unter meinem alten Pensum. Deswegen kann ich nebenbei noch studieren: Ich mache seit Januar dieses Jahres einen zweiten Master in Data Science. Aktuell arbeite ich häufig von zu Hause, auch das war in meinem früheren Job quasi unmöglich. Das hat meinem Freund und mir einen lang gehegten Traum möglich gemacht: Nach meiner Kündigung haben wir uns einen Hund angeschafft. 

Zwei Jobs statt einen: "Es geht so viel mehr"

Als ich im Herbst 2019 meine jetzige Freundin kennenlernte, eine Malerin, arbeitete ich Vollzeit als Führungskraft in einer Mediaagentur. Sie nahm mich mit in die Künstlerszene, eine Welt, die mir bis dato unbekannt war. Wir feierten in der Düsseldorfer Kunstakademie, wo sie studierte, besuchten Vernissagen – und schmiedeten Pläne für eine eigene Ausstellungsfläche. Ich war beeindruckt davon, wie viel Freiheit und Begeisterung sie und ihr Umfeld ausstrahlten. Und fragte mich: Warum nahm ich mir diese Freiheit nicht auch öfter? Mitten in diese Phase platzte die Coronapandemie. Kurzarbeit und Homeoffice entfernten mich mental immer weiter von meinem Job.

Die Lust auf ein anderes Projekt wurde größer: Mit meiner Partnerin wollte ich rein in den Kunstmarkt. Nicht weil ich auf einem Selbstfindungstrip war, sondern weil ich die Idee auch wirtschaftlich spannend fand. Also versuchte ich, meine Freundin mit meinen Stärken zu unterstützen, strukturierte zum Beispiel unseren Businessplan. Später werkelte ich auch bei Ausstellungen mit, schrieb Einladungen, strickte Content-Pläne für Social Media. In den zweieinhalb Jahren, die seitdem vergangen sind, war ich zweimal kurz davor, in der Agentur zu kündigen. Doch ich blieb, auch weil man mir ermöglichte, meine Arbeitszeit zu reduzieren. Jetzt arbeite ich vier Tage pro Woche und sehe mein Agenturgehalt als eine Art Basiseinkommen, mit dem ich zum Erfolg unseres Business beitragen will. Was ich aus meinem Schritt gelernt habe: Es ist möglich, beruflich mehreren Interessen gleichzeitig nachzugehen. Ich kenne viele Menschen, die wirklich wahnsinnig intelligent sind, aber für ihren Job nur einen Bruchteil ihres Verstands nutzen. Dabei geht doch so viel mehr. 

Vom CEO zum Coach: "Sehe Früchte meiner Arbeit deutlicher als früher"

Ob beim Zeitungenaustragen, als Kellnerin oder als Führungskraft im Konzern – eine Erfahrung machte ich in all meinen Jobs: Ich traf auf viele unglückliche Menschen, die sich über ihre Vorgesetzten beschwerten. Anfang 2020 war ich Geschäftsführerin in einem Unternehmen mit zehn Mitarbeitern. Auch damals bekam ich viel Frust mit. Da wurde mir endgültig klar: Ich möchte meinem Umfeld nicht länger beim Jammern zuhören, sondern Wege finden, Mitarbeiter zufriedener zu machen.

Ich widmete mich dem Thema Mitarbeiterbindung, machte weitere Coachingausbildungen und beschäftigte mich mit Arbeitspsychologie. Mit der Zeit sprach sich herum, dass ich gut darin war, Menschen zu motivieren. Kunden, Bekannte, sogar Mitglieder meiner Social-Media-Community fragten mich immer häufiger um Rat. "Rebekka, wie schaffe ich es, meinen Mitarbeitern mehr zu vertrauen?" "Rebekka, wie spreche ich als Führungskraft Konflikte an?" Ich gab meine Tipps – und bekam die Rückmeldung, dass sie wirkten. Dieses Feedback berührte mich. Ich wünschte mir, noch mehr Veränderung in Unternehmen zu bewirken. Ein Wunsch, der so mit meinem Job nicht vereinbar war, denn ich hatte andere Kernaufgaben: Sales und Marketing koordinieren, Strategiemeetings leiten, Arbeitsverträge aufsetzen. Alles Dinge, für die ich nicht mehr brannte. Es musste eine Entscheidung her – und ich kündigte im April 2020.

Obwohl die Pandemie gerade begonnen hatte und es an sich verrückt war, meinen Job jetzt aufzugeben, wusste ich: jetzt oder nie. Mein nächster Schritt stand für mich fest. Ich würde mich selbstständig machen und Führungskräfte professionell dabei unterstützen, ihre Teams zu begeistern. Heute kann ich die Früchte meiner Arbeit viel deutlicher sehen als früher: Bei meinen Kunden sinken Fluktuation und Krankenstände, der Zusammenhalt wächst, die Motivation auch. Zum ersten Mal in meinem Arbeitsleben fühlt sich das, was ich tue, zu 100 Prozent richtig an. 

Selbstständigkeit: "Auf dem Zehnmeterbrett"

Die Geburt meiner Tochter im März 2019 war für mich ein Einschnitt. Nach meiner Elternzeit merkte ich: Es würde schwer werden, meine Vorstellung von einem guten Familienleben mit meinem Job zu vereinbaren. Ich war abends oft lange im Büro und bekam zu wenig von meiner Tochter mit. Und ich wünschte mir mehr Flexibilität, um auf all das reagieren zu können, was eine eigene Familie mit sich bringt. Der Gedanke an die Selbstständigkeit kam nicht plötzlich. Er entwickelte sich und wurde immer präsenter. Ich glaube insgesamt, dass eine Kündigung etwas ist, worüber viele Menschen nachdenken – und es am Ende doch nicht tun.

Ich persönlich wusste Ende 2020, dass ich so weit war. Es fühlte sich an wie auf dem Zehnmeterbrett: Ich hatte lange genug oben gestanden, um mir zu überlegen, wie sich ein Sprung wohl anfühlen würde. Jetzt war es Zeit, zu springen. Heute, gut zwei Jahre später, macht es mich glücklich, dass ein normaler Tag in meinem Leben nicht mehr von acht bis 20 Uhr geblockt ist. Ich arbeite von zu Hause aus. Ich kann meine Tochter jeden Tag von der Kita abholen. Und manchmal spontan ins Freibad gehen. Seit meiner Kündigung mache ich mir auch mehr Gedanken über das Verhältnis von Zeit und Geld. Im ersten Jahr meiner Selbstständigkeit habe ich mehr verdient als zuletzt in meiner Festanstellung. Aber mein Erfolg ist kein Zufall: Ich habe viel und hart gearbeitet. Mein Job macht mir Spaß und ich möchte mit meinem Business weiter so erfolgreich bleiben. Manchmal habe ich deswegen auch Phasen, in denen ich mich selbst "einfangen" und daran erinnern muss, dass Arbeiten und Geldverdienen zwar schön ist – aber die Zeit mit meiner Familie unbezahlbar. 

Wechsel nach 40 Jahren: "Ich stehe niemals mehr vor sieben auf"

Meine Lehre bei der Lufthansa habe ich 1981 begonnen, 40 Jahre lang blieb ich danach im Unternehmen. Mein Job als Flugzeugmechaniker hat mir immer Spaß gemacht. Aber irgendwann wurde ich müde. Wenn Sie so viele Jahre am selben Ort arbeiten, ändert sich ständig etwas auf der Managementebene. Teilweise haben Sie dann plötzlich Chefs vor sich, die nie an einem Flugzeug geschraubt haben. Irgendwann haben diese Manager aufgehört, sich die Expertise von uns Jungs "da unten" zu holen. Große Neuerungen wurden nicht mehr mit uns geplant, sondern einfach gemacht. Das frustriert. Als Vormann war es zehn Jahre lang meine Aufgabe, meine Leute trotzdem zu motivieren und unpopuläre Entscheidungen durchzusetzen – ziemlich anstrengend.

Dann kam Corona und damit die Kurzarbeit. Ich machte keine Wartungen mehr, sondern mottete an vielen Tagen bloß noch Flugzeuge ein. Es war unbefriedigend. Im April 2021 legte die Lufthansa dann ein Abfindungsprogramm auf. Ich rechnete aus, was ich bekommen würde, und beschloss: Ich höre auf. Das war zu einem Zeitpunkt, an dem ich mir nebenbei schon einen 450-Euro-Job als Neuradmonteur in einem Fahrradladen gesucht hatte. Nicht des Geldes wegen, sondern um meinen Tag mit Sinn zu füllen. Mein Vorgesetzter ist aus allen Wolken gefallen, als ich gekündigt habe. Man glaubte dort verständlicherweise, ich wäre mit meinem Job verheiratet. Mittlerweile arbeite ich vier Tage die Woche in einem anderen Fahrradladen, einem Familienbetrieb. Der Job gefällt mir: Ich fahre seit den 80er-Jahren Mountainbike und habe immer gern an meinen Rädern gebastelt. Insgesamt bin ich heute viel entspannter als zu meinen Lufthansa-Zeiten. Ich stehe niemals mehr vor sieben Uhr auf. An meinem freien Tag gehe ich oft wandern oder fahre Fahrrad. Außerdem lasse ich regelmäßig in einem professionellen Zentrum meine Rückenprobleme behandeln. Das hatte die Schichtarbeit vorher quasi unmöglich gemacht. Flugzeugmechaniker ist ein toller Beruf. Meine Lizenz ist noch bis 2025 gültig – ich könnte jederzeit wieder einsteigen. Aber als ich vor Kurzem am Flughafen war, um in den Urlaub zu fliegen, habe ich gemerkt: Ich bin nicht wehmütig. Ich habe damit abgeschlossen. 

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