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Frust nach den Ferien

Sonnenbrille Strand Ferien Urlaub [Quelle: Unsplash.com, Autor: Sai Kiran Anagani]

Quelle: Unsplash.com, Sai Kiran Anagani

Raus aus dem Pool, zurück in die Mühle: Zwei Drittel der Arbeitnehmer leiden unter dem Blues nach dem Urlaub. Warum dieses Gefühl normaler ist, als viele glauben – und ab wann es zum Signal für einen überfälligen Jobwechsel wird.

Entspannt das brasilianische "Antarctica"- Bier am klebrigen Tresen der Strandbar an der Copacabana trinken. Dabei dem Meeresrauschen zuhören, das immer wieder von Polizeisirenen übertönt wird: Brasilien-Fan Martin Schneider genießt seinen Urlaub bei Freunden in Rio. Als der Ingenieur nach zwei Wochen zurück ins Ford-Entwicklungszentrum nach Köln-Merkenich kommt, warten mehr als 900 ungelesene Mails auf ihn. Die Urlaubsentspannung? Schon nach dem Starten des Computers dahin. Genervt sitzt der 32-Jährige in seinem Cubicle im vierstöckigen Gebäude, in dem alle Etagen gleich aussehen. Seit fünf Jahren ist er einer von 60 Kollegen, die für den Automobilhersteller Klimasysteme konstruieren. Nach dem Brasilienurlaub wird ihm klar: "So kann das nicht weitergehen." Das ist sechs Jahre her. Mittlerweile hat Schneider seine Festanstellung gekündigt, in Köln den Boxklub "Guts & Glory" eröffnet und damit sein Hobby zum Beruf gemacht. "Ich wollte mehr Sinn und Selbstbestimmung", sagt Schneider. "An dem Frust darüber, meine Lebenszeit für Geld an einen Arbeitgeber zu verkaufen, hätte sich nichts geändert – egal, ob ich nun Klimaanlagen oder Sitze konstruiert hätte oder im Unternehmen aufgestiegen wäre."

Dass ein gut qualifizierter Ingenieur gleich seinen Job aufgibt, weil Hunderte ungelesene Mails oder scheinbar endlose Jobroutinen drohen, mag zwar ein extremes Beispiel sein. Doch dass die Arbeit gerade an den ersten Tagen nach dem Urlaub mühevoll ist, die Stunden nicht vergehen wollen, die Konzentration schwerfällt, dafür aber Erschöpfung und die Sehnsucht nach Sonne und Strand oder Bergen und Seen umso größer sind – das ist hierzulande weit verbreitet. Studien zeigen: Zwei Drittel der Mitarbeiter befinden sich nach der Rückkehr aus dem Urlaub im Stimmungsjetlag. Forscher bezeichnen das Grauen nach den Ferien als Post-Holiday-Syndrom.

Großraumbüro statt Strandkorb, Anzugschuhe statt Flipflops, Meeting statt Hängematte – Manager und Mitarbeiter kennen die Situation in diesen Wochen nur zu gut. Die Ferien im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen sind gerade zu Ende gegangen, und bis auf Bayern und Baden-Württemberg ist ganz Deutschland wieder zurück im Job. Eine YouGov-Umfrage im Auftrag des Handelsblatts kommt zu dem Ergebnis, dass fast jeder zweite Urlauber nur "ungern" oder "sehr ungern" an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt ist.

Dabei sollte es doch genau umgekehrt sein: Frisch erholt sollte man sich mit neuer Tatkraft und Freude wieder in den Job stürzen. Das ist schließlich der Sinn von Urlaub, oder? Zeugt das Resultat womöglich davon, dass viele Deutsche den falschen Job gewählt haben? Ab wann wird das Post-Holiday-Syndrom zum Alarmsignal? Und welche Strategien helfen am besten dagegen?

Der Blues nach dem Urlaub ist völlig normal, sagt Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig: "Viele Mitarbeiter erleben zwischen Urlaub und Arbeitsleben einen starken Kontrast." Im Urlaub sei schließlich Zeit für Menschen und Aktivitäten, die man mag, während der Handlungsspielraum auf der Arbeit oft eingeschränkt sei, so der Arbeitspsychologe. Körper und Geist bräuchten eben ein paar Tage, um den gewohnten Rhythmus wieder aufzunehmen.

Gerade wer im Urlaub besonders gut abschalten konnte, ist zwar erholter als seine Kollegen, ihm fällt es allerdings auch schwerer, wieder in den Arbeitsalltag zurückzufinden. Was Erholung konkret bedeutet, kommt auf jeden Einzelnen an: Das kann der Surfkurs in Griechenland sein, der Urlaub am Pool oder einfach viel Zeit mit dem Partner.

Die Dauer des Urlaubs hat auf die Erholung übrigens kaum Auswirkungen. Egal ob Kurzurlaub in den Bergen oder vier Wochen Auszeit in Australien – schon nach einer Woche zurück im Job fühlen sich alle wieder gestresst, zeigt eine Studie der Erholungsforscherin Jessica de Bloom, die an der Universität Tampere in Finnland lehrt. "Ein Urlaub hat weder die Arbeit noch die persönliche Situation verändert. So gesehen ist es auch nicht überraschend, dass Urlauber sich dann wieder genauso fühlen wie davor", sagt de Bloom. Sie und andere Experten raten deshalb zu mehreren kürzeren Erholungstrips anstatt zu einem ausgedehnten Jahresurlaub.

Hilfreich: Im Urlaub an Arbeit denken

Nicht nur durch die Urlaubsfrequenz und -dauer, auch durch eine Reihe anderer Tricks lässt sich das Post-Holiday-Syndrom minimieren (siehe die Tipps unten): Die Vorbereitung fängt schon vor dem Urlaub an. So helfen klare Vertretungsregelungen, dass sich die Arbeit am ersten Tag nicht aktenweise auf dem Schreibtisch stapelt. Doch in der Realität sieht es oft anders aus: Studien zeigen, dass Überstunden gerade nach dem Urlaub häufig vorkommen "und die schönen Urlaubsgefühle wieder verpuffen lassen", so de Bloom.

Während des Urlaubs sollten Manager und Mitarbeiter nicht sämtliche Arbeitsaufgaben verbannen. Beispiel E-Mails-Beantworten: Generell raten Experten zwar davon ab, ständig die neusten Nachrichten zu checken, sonst fällt es schwer, sich vom Arbeitstrott zu befreien. Aber: "Manche Personen können viel besser entspannen, wenn sie ihre Mails im Urlaub lesen, weil sie der Gedanke an Hunderte unbeantwortete Nachrichten nach der Rückkehr zu sehr stresst", sagt Arbeitspsychologe Zacher. Wichtig sei allerdings, dass man sich selbst zur E-Mail-Lektüre entschließt und über Zeitpunkt und Dauer entscheidet – zum Beispiel eine halbe Stunde nach dem Frühstück.

Mitarbeiter sollten sich nicht erst auf dem Weg zur Arbeit wieder mit ihrem Job befassen, sondern bereits am letzten Urlaubstag: Wer sich darüber im Klaren ist, was am ersten Arbeitstag ansteht und welche Aufgaben zuerst erledigt werden müssen, wirke falschen Erwartungen entgegen, so Zacher. "Die gedankliche Vorbereitung der Arbeit im Urlaub steigert das Wohlbefinden im Job."

Zum Wohlbefinden kann auch der Vorgesetzte beitragen: Experten raten Managern dazu, ihre Mitarbeiter nicht gleich am ersten Tag nach dem Urlaub mit längeren Terminen und komplexen Aufgaben zu überfordern. Auch Druck und Deadlines helfen den Mitarbeitern nicht, aus dem Motivationsloch herauszukommen, sondern verstärken eher den Wunsch, gleich wieder wegzufliegen. Besser: die Mitarbeiter in einem kurzen Begrüßungsgespräch nach den Urlaubserlebnissen fragen und über Neuigkeiten auf der Arbeit berichten.

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