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Mit Rückenwind vom Chef

Quelle: unsplash.com, Max Bender

Das Verkehrsmittel Fahrrad ist einer der großen Gewinner der Coronakrise. Selbst Autopendler denken um. Zur Massenbewegung aber wird das erst, wenn die Arbeitgeber umdenken.

Auf seinem Weg zur Arbeit begegnen Sebastian Heidtkamp mehr Pferden als Menschen – dabei durchquert er das Essener Stadtgebiet. Das ist nur eine der vielen erstaunlichen Erkenntnisse, die gewinnt, wer den beim Energiekonzern E.On beschäftigten Juristen beim Pendeln zur Arbeit begleitet. Denn Heidtkamp fährt mit dem Fahrrad, bei fast jedem Wetter, also auch an diesem regnerischen Julitag.

Deutschland, das war bisher ein Land der Autopendler: Fast 70 Prozent der Erwerbstätigen brauchen laut dem Statistischen Bundesamt zwischen 10 und 60 Minuten für ihren Weg zur Arbeit, zwei Drittel nutzen dazu das Auto. Die Zahlen verändern sich über die Jahre kaum. Doch in diesem Jahr könnte erstmals Bewegung in die Sache kommen. Die Coronapandemie hat vieles auf den Kopf gestellt, auch die Pendelgewohnheiten der Deutschen. Darunter leidet vor allem der öffentliche Nahverkehr, aber es profitiert, stärker noch als das Auto: das Fahrrad. So zeigte zuletzt eine Untersuchung des ADAC, dass gut ein Fünftel (21 Prozent) aller Deutschen sich vornimmt, nach der Coronakrise häufiger das Rad zu nutzen, nur 16 Prozent wollen öfter ins Auto steigen. Immerhin acht Prozent sind in den vergangenen Monaten bereits aufs Fahrrad umgestiegen.

Sakko aus dem Spint

Die Frage ist nur: Werden aus den Vorsätzen auch Taten, wenn die Angestellten im Herbst aus dem Homeoffice wieder in die Büros wechseln – und wenn nach den sonnigen Tagen die Zeit der Regenschauer, der dunklen und kalten Morgenstunden anbricht? Das dürfte auch davon abhängen, wie sich die Unternehmen in den kommenden Monaten verhalten. Ob die aktive Förderung von Fahrradpendlern, die es in einigen Großkonzernen bereits gibt, sich herumspricht und Schule macht.

E.On-Manager Heidtkamp ist den Winter durchgefahren – egal, ob es regnete, fror oder die Sonne schien: "Bei schlechtem Wetter kosten die ersten 500 Meter Überwindung, danach geht es aber", erzählt er, nachdem er die Pferdekoppeln am Hang des Ruhrtales hinter sich gelassen hat. Als er sich dem E.On-Gebäude nähert, bricht sogar die Sonne durch die Wolken. Etwas durchnässt sind Radlerhose und Jacke, als er sein Fahrrad am Fahrradständer in der Tiefgarage abschließt. Er geht vorbei an einem laminierten Zettel, der darauf hinweist, dass die Mitarbeiter beim Sicherheitsdienst einen Reparaturkoffer finden, falls ihr Rad kaputt ist. Einige Meter weiter betritt er die Umkleide. An den Wänden und in der Mitte des Raumes reihen sich Spinde aneinander. In Heidtkamps weißem Schrank stapeln sich oben im Fach ordentlich gefaltete Anzughosen, darunter hängen Hemden, am Boden liegen Bürste, Deo und Kontaktlinsendose. "Wenn ich hier nicht duschen, mich umziehen und meine nassen Sachen trocknen könnte, würde ich nicht mit dem Rad kommen", sagt er – und bestätigt damit, was auch Mobilitätsforscher beobachten: Es sind die praktischen Hilfestellungen, mit denen Unternehmen ihren Mitarbeitern helfen, den inneren Schweinehund zu überwinden – oder eben nicht.

Dass sich dieses Engagement lohnt, legt eine aktuelle Studie nahe. Anhand von fast 400.000 Pendlerdaten aus England und Wales von 1991 bis 2016 zeigten Wissenschaftler der Cambridge University und des Imperial College London, dass diejenigen, die mit dem Fahrrad zur Arbeit unterwegs waren, in diesem Zeitraum eine 20 Prozent geringere Sterblichkeit im Vergleich zur Autofahrern aufwiesen. Die Mobilitätsberatung "EcoLibro" fand zudem gemeinsam mit einem Team der Universität Frankfurt heraus, dass Fahrradpendler im Durchschnitt zwei Tage seltener pro Jahr wegen Krankheit fehlen. "Für die Unternehmen liegt darin das ureigene Motiv, möglichst viele Mitarbeiter zum Fahrradfahren zu bewegen", sagt der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin.

Schlauchomat und Trockenschrank

Immerhin einen ersten Schritt gehen inzwischen viele Unternehmen und beteiligen sich an der Finanzierung eines Dienstrades. Entweder übernimmt der Arbeitgeber die Kosten eines Fahrrads zusätzlich zum bisherigen Lohn. Dann darf das Rad allerdings nicht in den Besitz des Mitarbeiters übergehen. Seit Anfang 2019 müssen Angestellte dann nichts extra versteuern. Oder der Angestellte beteiligt sich an den Kosten; meist kann er es dann am Ende gegen Einmalzahlung auch in sein Eigentum übernehmen. Allerdings muss er bei diesem Modell und allen seit Anfang 2019 überlassenen Rädern 0,25 Prozent des Fahrradpreises monatlich als "geldwerten Vorteil" versteuern.

Doch um den Umstieg aktiv voranzutreiben, genügt das meist nicht, sagt Mobilitätsforscher Knie, der etwa dazu rät, für die Wintermonate zusätzlich ein Jobticket zu sponsern. Bei E.On, vom Fahrradclub ADFC jüngst als besonders fahrradfreundliches Unternehmen ausgezeichnet, lud im vergangenen Jahr Finanzvorstand Marc Spieker zu einer Tour mit Kollegen, um für das Verkehrsmittel zu werben. Spieker ist selbst passionierter Radler, der sich für den Weg von seiner Wohnung in Düsseldorf nach Essen gerne mal aufs Mountainbike schwingt. Philipp Meyer, Referent im Vorstands- und Aufsichtsratsbüro, hat die Gelegenheit genutzt. Er würde nicht mehr bei einem Arbeitgeber anfangen, wenn der ihm die Pendelei per Fahrrad nicht erleichtern würde. Die knapp sechs Kilometer von Mülheim verlängert er gerne mit einem ausufernden Schlenker durch das Ruhrtal, denn die Strecke ist seine tägliche Sporteinheit.

Und so ist E.On längst nicht mehr allein mit seinem Engagement für Fahrradpendler. Beim Technologiekonzern Bosch gibt es an vielen Standorten Reparaturstationen, auf einer internen Plattform finden Mitarbeiter von Kollegen empfohlene Strecken zur Arbeit. Am Dresdener Standort des Halbleiterherstellers Infineon können die Radpendler ihre nasse Kleidung in speziellen Schränken trocknen, der Sportausrüster Vaude ebenso wie der Flughafenbetreiber Fraport haben Schlauch-Automaten installiert, falls das Fahrrad unterwegs einen Platten hat. An der Berliner Niederlassung des Elektronikkonzerns Sony können die Angestellten überprüfen lassen, ob ihr Fahrrad verkehrssicher ist, oder an geführten Touren teilnehmen, um die Radwege in Berlin kennenzulernen.

Um Fahrradfahren zum selbstverständlichen Teil des Unternehmensalltags zu machen, spielen oft vermeintlich kleine Dinge die entscheidende Rolle. Zu diesen gehört etwa die orangene Warnleuchte in der Tiefgarage von E.On. Um zu den Fahrradständern zu gelangen, müssen die Radler eine Autospur kreuzen, die zunächst hinter einer Wand verborgen und daher schlecht einzusehen ist. Nähert sich ein Auto, leuchtet die Lampe auf. Und signalisiert damit zugleich: Fahrradfahrer sind hier gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer, um deren Sicherheit und Komfort wir uns genauso wie bei den Autofahrern bemühen.

Aufgepoppte Radwege

Als Motivation für den Umstieg allein genügt das aber nicht. Laut dem Fahrradclub ADFC wünschen sich die meisten Noch-Nicht-Radpendler vor allem mehr und besser ausgebaute Radwege. Auch Fahrradfreund Heidtkamp schließt sich diesem Wunsch an: Das letzte Stück seines Arbeitsweges nämlich muss er auf einer dicht befahrenen Straße zurücklegen. Die vorgeschriebenen anderthalb Meter Abstand halten dabei die wenigsten Autofahrer ein. In manchen Städten tut sich aber langsam etwas. Dort, wo sonst Autos fahren, wurden gelbe Markierungen auf die Fahrbahn gemalt und Poller aufgestellt: In Berlin, Stuttgart, Nürnberg, München und Düsseldorf sind solche Pop-up-Bike-Lanes bereits entstanden. In der Hauptstadt hat man sich bereits entschieden, sie dauerhaft zu erhalten. Der ADFC fordert "Radschnellwege, die die Umlandgemeinden mit den Stadtzentren und großen Gewerbegebieten verbinden". Von Bedingungen wie in den Niederlanden, wo sich breite Fahrradwege durch das ganze Land ziehen und es eigene Parkhäuser für die Räder gibt, ist Deutschland dennoch weit entfernt.

E.On-Manager Heidtkamp fühlt sich spätestens auf seinem Rückweg trotzdem in der Wahl seines Transportmittels bestätigt: wenn rechts von ihm die Sonne allmählich hinter dem Hügel verschwindet und er den Blick in die Ferne schweifen lassen kann. Nur manchmal würde er dann die Hügel lieber hinaufstrampeln, statt sich hinabrollen zu lassen. Die Anspannung nach besonders stressigen Tagen würde dann noch schneller verschwinden.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Wer kann mir bitte die Original-Quellen der Studie aus England/Wales und der Studie mit Kooperation der Uni Frankfurt nennen? Danke.

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