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Eltern, Bewerbung, Karriere, Mann, Frau [Quelle: unsplash.com, Autor: Haley Phelps]

Quelle: unsplash.com, Haley Phelps

Ist das bloß pragmatisch oder ein Zeichen freiwilliger Selbstentmündigung? Auf jeden Fall spielen Eltern bei der Karriereplanung ihrer Kinder eine immer größere Rolle. Was vernünftig erscheinen mag, führt nicht immer zu guten Ergebnissen.

Es gäbe an diesem unerträglich heißen Sommertag viele tolle Dinge, die man als junger Mensch in Neubrandenburg im südlichen Mecklenburg tun könnte. An einem der vielen Badeseen die Zeit vertrödeln. Das Fusion-Festival bei Neustrelitz besuchen. Oder einfach ein Eis essen. Wenn da nicht Mutti wäre.

"Alleine", gibt der 17-jährige Edgar unumwunden zu, "wäre ich hier sicher nicht hingegangen." So ist er aber doch da, auf der vielleicht ungewöhnlichsten Jobmesse des Landes. Parentum heißt die Veranstaltung im Haus der Kultur und Bildung am Marktplatz von Neubrandenburg. Drinnen sieht es auf den ersten Blick aus wie auf vielen Jobmessen: eine große Halle, viele bunte Aufstellwände, dazwischen Luftballons, Gläser voller Kugelschreiber und freundliche Personaler. Ungewöhnlich sind die Bewerber: Denn die sind hier mit Begleitung geladen beim "Eltern- und Schülertag für die Berufswahl", wie es auf einem lila Banner am Eingang steht. In genau dieser Reihenfolge.

Die Messe in Neubrandenburg, einem der wenigen wirtschaftlichen Zentren zwischen Berlin und der Ostsee, ist Ausdruck eines Trends, von dem die Personalverantwortlichen im Land immer häufiger berichten: Der Einfluss der Eltern auf die Karriereplanung ihrer Kinder steigt. Das gilt vor allem für den Berufseinstieg direkt nach der Schule, setzt sich aber auch später fort. Bei der Kurswahl in der Uni, dem Thema der Bachelorarbeit, der Bewerbung ums Traineeprogramm: Ohne meine Mutti sag ich gar nichts.

Papa schreibt an Bewerbungen mit

Aus den Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), der mit über 60.000 Befragten größten Langzeitstudie, die das deutsche Bildungswesen je gesehen hat, ergibt sich, dass 80 Prozent aller Jugendlichen die Eltern als wichtige Richtgröße für ihre Berufswahl betrachten. Sie sind damit wichtiger als alle anderen Ratgeber wie Lehrer oder Freunde. 45 Prozent aller Eltern übernehmen dabei teilweise die Suche nach freien Stellen für ihre Kinder, 44 Prozent schreiben an der Bewerbung mit. Und 17 Prozent der Jugendlichen gaben gar an, ihre Eltern auch mal zum Vorstellungsgespräch mitzunehmen. Ob die Eltern für diese wachsende Rolle überhaupt geeignet sind, darüber gehen die Meinungen von Karriereberatern auseinander. Zudem zeigen wissenschaftliche Untersuchungen: Je größer der Einfluss der Eltern, desto stärker reproduziert sich die Arbeitswelt der Vergangenheit, was wiederum Innovationen hemmt und die Chancengleichheit schwächt.

Es sind erstaunliche Zahlen, die das Bildungspanel da erbringt. Schließlich wird doch gerade der Übergang von der Schule an die Uni oder in den Beruf mit dem entscheidenden Schritt in die Selbstständigkeit gleichgesetzt: Jahrelang habe ich nur gemacht, was andere von mir wollen – jetzt entscheide ich. "Es ist gerade die Entscheidungsfreiheit, die viele Jugendliche verunsichert", sagt Roderich Stintzing, Chef und Gründer des Instituts für Talententwicklung in Hannover. Mit seinem Institut veranstaltet er bereits seit zwei Jahrzehnten Berufsmessen für Schüler, bietet außerdem individuelle Beratung an. Seit 2011 tourt er zudem mit dem Parentum-Konzept durchs Land. Den Anstoß dafür bekam er aus der Personalabteilung der Deutschen Bank. Den Mitarbeitern dort war in den Einstellungsrunden für Auszubildende aufgefallen, dass ihnen immer häufiger Eltern gegenübersaßen. "Deshalb kamen sie auf mich zu und fragten, ob wir nicht auch mal etwas für Eltern und Schüler gemeinsam machen könnten." Geboren wurde aus diesem Wunsch das, was Stintzing heute seinen "Publikumshit" nennt.

Bei Edgar Bauer und seiner Mutter Jana kommt das Konzept an. Und das liegt nicht nur an der gut ausgesteuerten Klimaanlage in der Neubrandenburger Halle. "Meine Mutter ist für mich ohnehin die wichtigste Ratgeberin, da finde ich es logisch, mich mit ihr hier umzuschauen", sagt der Jugendliche. Offenbar führt die elterliche Karriereberatung zumindest dazu, sich früher mit der beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen. Bei Edgar steht die Abiturprüfung erst im Sommer 2020 an. Trotzdem weiß er schon heute recht genau, wo es danach für ihn hingehen soll. "Ich glaube etwas Handwerkliches wäre gut für mich, vielleicht auch bei der Polizei." Ein kurzer Blick auf die breiten Schultern des jungen Mannes lässt das gleich wie eine plausible Entscheidung erscheinen.

Mamas Ambitionen entscheiden

Seine Entschlossenheit in Sachen Berufswahl stimmt zudem mit dem überein, was die Wissenschaft über den Einfluss von Eltern auf die Karriere ihrer Kinder herausgefunden hat. Insgesamt ist dies kein besonders intensiv untersuchtes Gebiet, das sich oft in einer simplen Erkenntnis erschöpft: Eltern spielen eine große Rolle. Und sie werden tendenziell wichtiger. Zumindest die Eltern scheinen sich auch wohlzufühlen in der Position: Laut einer Studie der Universität von Minnesota sind in den USA nur vier Prozent aller Eltern der Ansicht, sie sollten keinerlei Einfluss auf die berufliche Laufbahn ihrer Kinder nehmen, in Deutschland dürften es nicht wesentlich mehr sein. Und dieser Einfluss wirkt offenbar: Die Schweizer Wissenschaftler Markus Neuenschwander und Tina Malti konnten vor einigen Jahren gar nachweisen, dass die beruflichen Ziele der Eltern besser als jeder andere Indikator wie etwa Noten geeignet sind, um vorherzusagen, wie die Karriere eines Jugendlichen tatsächlich verläuft. Top-Manager wird nicht der Abiturient mit den besten Noten, sondern der mit den ehrgeizigsten Eltern.

Wie genau dieser Prozess abläuft, hat die Wissenschaftlerin Latashia Joseph von der Universität Central Florida untersucht: Sie befragte Studenten und Schüler verschiedener Altersklassen nach dem Einfluss ihrer Eltern auf berufliche und akademische Entscheidungen – und stieß dabei auf einen interessanten Zusammenhang: "Je größer der Einfluss von Eltern auf berufliche Entscheidungen ist, desto früher legen sich die Kinder fest." Meist ist das im Sinne der Kinder, weil sie es etwa vermeiden, Zeit und Elan in ein Studienfach zu investieren, bei dem sich dann erst nach Jahren herausstellt, dass es doch nicht den eigenen Interessen entspricht. Aber darin liegt eben auch eine Gefahr: Die Erkenntnis, dass ein bestimmter Weg der falsche war, kommt unter Umständen erst, wenn die Karriere bereits so weit vorangeschritten ist, dass ein grundlegender Wechsel nur noch zu immensen Kosten machbar ist.

Denn die Wissenschaft zeigt auch: Die Ratschläge, die Eltern ihren Kindern geben, sind nicht über jeden Zweifel erhaben. "Eltern kennen die Stärken und Schwächen ihrer Kinder zwar sehr gut", bilanziert Andreas Frey von der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim, "aber es fehlt ihnen sowohl an einer objektiven Perspektive als auch an Wissen über den Arbeitsmarkt."

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