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Wie retten wir unsere Konzentration in der digitalen Welt?

Quelle: pexels.com, Andrea Piacquadio

Die digitale Reizüberflutung zehrt an unserer Aufmerksamkeitsspanne. Dabei können wir den Fortschritt nutzen, um uns besser zu konzentrieren. Dafür müssten wir umdenken.

Der folgende Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Konzentration. Warum sie so wertvoll ist und wie wir sie bewahren", das am 7. Oktober 2021 erschienen ist.

"Vergangene Ostern kauften meine Nachbarn ihrer Toch­ter zwei Kaninchen. Ob Absicht oder Zufall: eines männ­lich, das andere weiblich. Nun wohnen wir in einer ka­ninchenreichen Welt." Über diese Begebenheit aus seiner Straße berichtete der Sozialwissen­schaftler und spätere Träger des Wirtschaftsnobelpreises Herbert A. Simon in einem berühmt gewordenen Vortrag. Die Kaninchen hatten sich offenbar vermehrt, und eine kaninchenreiche Welt sei eine salatarme Welt, denn: Steigender Reich­tum bei einer Sache erzeugt Knappheit bei einer anderen.

Viele Kaninchen fressen viel Salat. Nicht anders sei es in einer "informationsreichen Welt". Sie erzeuge eine Knappheit an dem, was Information ver­schlingt. Und Information, so Simon, "frisst die Aufmerksamkeit ih­rer Empfänger". Für eine Zeitung bezahlten ihre LeserInnen nicht nur Geld, sondern auch mit der Zeit, sie zu lesen.

Je mehr Quellen um sie buhlen, desto schwerer fällt es uns, unsere Aufmerksamkeit zu bündeln und aufrechtzuerhalten – das, was die Psychologie "Konzentration" nennt. Zwischen Lockdowns und Reizüberflutung des normalen Alltags war in den vergangenen Monaten besonders erlebbar, welch fragile Kostbarkeit die Konzentration geworden ist. Unsere Zeit nämlich ist informationsreicher denn je.

Früher verbreitete man Neuigkeiten, wenn es welche gab, durch Bänkelsänger oder Extrablätter. Der Rundfunk integrierte Nachrichten in ein wiederkehrendes Sendeschema. Heute kommen Informationen un­unterbrochen über viele Kanäle: Messengerdienste, soziale Medien. Eilmeldungen, Liveblogs, Bücher, Kinofilme, Twitter-Hashtags – alles bleibt gefühlt immer kürzer neu, unsere "kollektive Aufmerksamkeit" sinkt, wie Forscher nachgemessen haben (Natur Communications: Lorenz-Spreen et al., 2019). 

Studien legen nahe, dass elektronische Medien einen Einfluss auf uns und unser Verhalten haben. So können sich womöglich unsere neuronalen Gehirnstruk­turen verändern (zum Beispiel: World Psychiatry, Firth et al., 2019). Ein Experiment deutet auf einen Effekt hin, den die Forscher "Brain Drain" nennen (Journal of the Association for Consumer Research: Ward et al., 2017): Ein Smartphone verbraucht schon geistige Ressourcen, wenn es nur in Sichtweite liegt – selbst wenn es ausgeschaltet ist.

Denn wir müssen der Versuchung wider­stehen, uns mit dem Gerät zu beschäftigen, daran zu denken, welche Nachrichten eingehen könn­ten. "Ringxiety", die Angst, ein Klingeln zu verpassen, kann sogar "Phantomvibrationen" auslösen: Taktile Halluzinationen, die einen Vibrationsalarm vortäuschen, obwohl man gar kein Handy am Körper trägt.

Berufswunsch: Berühmt sein

Ist also wieder einmal die Digitalisierung schuld? So einfach ist es nicht. Schon vor 140 Jahren beschrieb der New Yorker Nervenarzt George Miller Beard in seinem Buch American Nervousness die "Neurasthenie", die Ner­venschwäche. Verantwortlich sei die "moderne Zivilisation", gekennzeichnet durch Dampfkraft, Telegrafen, Tageszeitungen, Wissenschaften.

Damals erleuchtete die elektrische Revolu­tion erst die Straßenzüge und kribbelte dann durch die restliche Gesell­schaft. Viele trugen plötzlich Taschenuhren mit sich, auf die sie ständig blickten, um sich nicht zu verspä­ten. Das Leiden verbreitete sich auch in Europa; ein prominenter Patient war Robert Musil.

Eine Sache allerdings ist heute anders als vor hundert Jahren: Im Zeitalter der sozialen Medien ist es nicht nur wichtig, Aufmerksamkeit zu geben, sondern auch zu bekommen. Mit Rhetorik, der Kunst, fremde Aufmerksamkeit zu fesseln, beschäftigte man sich zwar schon im antiken Griechenland.

Doch zum Massenphänomen wurde das tätige Streben nach individueller Aufmerksamkeit erst mit dem Internet, über das jede Person ihre Texte, Fotos, Filme, Musikwerke weltweit veröffentlichen kann. Der Anteil der 14- bis 21-Jährigen mit dem Lebensziel "berühmt werden" stieg zwischen 2009 und 2019 von 14 auf 30 Prozent. Die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit veröffentlichte 2019 sogar einen eigenen Eintrag zum "Berufswunsch: Berühmt sein".

Die neuen Möglichkeiten haben neue Messmethoden hervorgebracht: Follower, Likes, Retweets und sonstige Reaktionen sind mit Zählern versehen. Die Aufmerksamkeit, die wir bekommen, ist zu einer Währung geworden, wie es der Stadtplaner und Softwareentwickler Georg Franck in seinem Buch Ökonomie der Aufmerk­samkeit beschrieb. Neben die Sorge, nicht genug Konzentration für das moderne Leben aufbringen zu können, ist eine zweite ge­treten: selbst nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen.

Weil Konzentration gesteuerte Aufmerksamkeit ist, ist die Anstrengung heute eine doppelte. Denn es kostet auch Konzentration, die Konzentration der ande­ren auf sich zu ziehen. Es kann helfen, sich das bewusst zu machen, und eine Entscheidung zu treffen, wie man seine geistigen Ressourcen auf die Bereiche verteilen möchte.

Wir produzieren Fotos von Erlebnissen, die wir nicht erlebt haben

Für die Selbstinszenierung hat der technische Fortschritt die Rahmenbedingungen geschaffen. Musste sich Albrecht Dürer für ein Selbstbildnis erst im Spiegel studieren, dann die Konturen aus dem Gedächtnis zu Papier bringen, eröffnen Handys mit Frontkamera die Möglichkeit, sich im selben Augenblick zu betrachten und zu dokumentieren. Und auch, was oder wer um sie herum ist. Manche Menschen konzentrieren sich nicht auf das, was sie erleben, sondern darauf, wie sie die Kamera halten. Das kann lebensgefährlich sein. 

Dieses Jahr sperrte die Behörde den Selfie-Hotspot Infinity-Pool am Königssee, an dem zwei Männer ertrunken waren. Auf der A 24 bei Hamburg wurde ein Mann überfahren, als er sich fotografierte. Die Liste von Selfie-Todesfällen wächst. Bei flüchtigen Spektakeln müssen wir uns heute entscheiden, ob wir uns auf das Geschehen konzentrieren oder darauf, es festzuhalten.

Beides gleichzeitig ist kaum möglich. Ein Sonnenaufgang am Ayers Rock, ein Filmstar, der auf dem roten Teppich vorbeihuscht – anders als zu Dürers Zeiten ist es heute verlockend, Fotos von Erlebnissen zu produzieren, die wir nicht erlebt haben. Dabei kann auch die Konzentration scharfe Erinnerungsbilder schießen: Wer den spektakulären Sonnenaufgang unabgelenkt verfolgt, wird ihn nicht vergessen.

Die Digitalisierung liefert aber nicht nur Ablenkungen, son­dern auch Lösungen. Die Stavanger-Erklärung zur Zukunft des Lesens fasste zusammen, wie wir im digitalen Umfeld andere Fähigkeiten trainieren als im analogen: Auf längere Sachtexte konzentrieren wir uns besser im gedruckten Zustand, der visuelle Eindruck einer starren Buchseite hilft der Orientierung. Digitale Inhalte hingegen schärfen die Fähigkeit zu Auswahl, Navigation und Personalisierung. Es ist deshalb wichtig, beides zu trainieren.

Individuelle Filter

Herbert Simon hielt seinen berühmten Vortrag im Jahr 1971. Schon damals skizzierte er eine Anforderung an Technik, die unserer Konzentration hilft: Sie muss mehr Informationen auf­nehmen, als sie produziert. Wir brauchen Technik, sagte er, die "mehr hört und denkt, als sie spricht". Das könnte heute noch mehr als damals ein Qualitätsmerkmal für neue Anwendungen sein.

Eine App, die Nachrichten zu persönlichen Interessengebieten findet, ein Algorithmus, der uns Kontakte, Jobs, Wohnungen oder Produkte vorschlägt – all das arbeitet nicht dann gut, wenn es uns besonders viele Informationen vorlegt. Sondern besonders wenige.

Dafür müssten wir umdenken: Erstrebenswert ist dann nicht mehr der endlose Newsfeed, sondern eine Auswahl relevanter Handverlesenheiten. Das allerdings macht die Filterkriterien noch wichtiger, als sie ohnehin schon sind. Um uns nicht selbst zu entmündigen, sollten wir Anwendungen bevorzugen, in denen wir die Filterkriterien so weit wie möglich selbst bestimmen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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