Partner von:

"Dienst nach Vorschrift ist gesund"

Start-up [Quelle: pixabay.com, Autor: SnapwireSnaps]

Quelle: pixabay.com, SnapwireSnaps

Die meisten Beschäftigten in Deutschland sind laut einer neuen Studie höchstens mittelmäßig motiviert im Job. Arbeitssoziologe Falk Eckert sieht darin kein Problem.

Seit 2001 befragt das Beratungsunternehmen Gallup Angestellte in Deutschland zu ihrer Motivation am Arbeitsplatz. Vergangene Woche meldete Gallup, 71 Prozent der Befragten machten nur noch Dienst nach Vorschrift. Beunruhigt Sie das als Arbeitssoziologe?

Falk Eckert: Dienst nach Vorschrift hat einen schlechten Ruf, aber ich erkenne nichts Negatives darin, Arbeit als Pflichterfüllung zu sehen. Wenn Menschen also sagen: Ich tausche meine Arbeitskraft und -zeit gegen mein Gehalt, aber Feierabend ist Feierabend. Etwas anderes steht ja auch nicht im Arbeitsvertrag. Ich finde es gut, dass Menschen eine klare Grenze zwischen Arbeit und ihrem Leben ziehen. In diesem Sinn ist Dienst nach Vorschrift sogar gesund. Diese Zahl zeigt auch, dass der Anspruch, sich in der Arbeit selbst zu verwirklichen, nicht auf alle Berufsgruppen zutrifft. Auch heute macht die Hauptzahl der Beschäftigten jeden Tag dasselbe und hat nicht viele Gestaltungsmöglichkeiten. Eine pragmatische Haltung zur Arbeit zu haben, ist in diesem Fall weniger frustrierend.

Das heißt, Sie halten es für gesund, dass eine Kassiererin bei einem Discounter sich nicht mit ihrem Arbeitgeber identifiziert?

Genau. Natürlich ist der Arbeitgeber interessiert daran, motivierte Arbeitnehmer zu haben, die sich mit der Firma identifizieren. Sie sind produktiver und erzeugen mehr Gewinn. Das kann manchmal eine Win-Win-Situation sein: Der Beschäftigte kann Bestätigung daraus ziehen, dass er mit seinem Einsatz und seinen Fähigkeiten seinem Unternehmen zum Erfolg verhilft. Aber das kann man nicht von allen erwarten.

Angestellte müssen sich ihrem Arbeitgeber also nicht unbedingt emotional verbunden fühlen.

Ja. Das heißt ja nicht, dass sie nicht gern zur Arbeit gehen – oder sie nicht als nützlich sehen. Aus der Erwartung, dass Menschen ihrem Arbeitgeber nicht nur ihre Arbeitskraft schuldig sind, sondern auch ihre Emotionen, höre ich die Haltung heraus, dass Arbeit für alle ein zentraler Ort der Selbstentfaltung sein muss. Dieses Verständnis der Arbeit trifft aber nicht auf alle zu – und ist vergleichsweise auch gar nicht so alt.

Wann entwickelte sich diese Vorstellung?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Arbeit noch überwiegend als Notwendigkeit. Der engagierte Arbeiter war ein Widerständler, der für bessere Bedingungen und weniger Arbeit kämpfte. Inzwischen ist ein engagierter Arbeiter ein Unternehmer seines Selbst oder auch der Unternehmer seiner eigenen Arbeitskraft – jemand, der von innen angetrieben ist und die Arbeit als sein eigenes Projekt begreift.

Das kann man durch zwei Entwicklungen erklären: Zum einen haben sich die Arbeitstätigkeiten verändert. Zu Beginn des Jahrhunderts bedeutete Arbeit meist Routinetätigkeit in Hitze und Dreck. Mit der Zeit erkämpften sich die Arbeiter bessere Arbeitsbedingungen, Arbeitsschutz und Absicherung. Gleichzeitig stieg das Qualifikationsniveau – und mit ihm die Ausbildungszeit. Anders als ein Industriearbeiter am Anfang des letzten Jahrhunderts haben Sie wahrscheinlich lange darüber nachgedacht, wer Sie werden wollen, haben studiert, wahrscheinlich noch eine journalistische Ausbildung gemacht. Noch bevor Sie angefangen haben, zu arbeiten, mussten Sie viel Eigenmotivation aufbringen.

Und sehe die Arbeit daher viel mehr als Teil meines Selbst?

Ja. Unsere Biografien werden heute immer mehr um die Arbeit herum organisiert, wir definieren uns viel mehr durch sie. Aber das ist nur ein Teil der Erklärung. Auch die Arbeitsorganisation hat sich verändert: Seit den Siebzigern und Achtzigern wurde der Anspruch stark, dass Arbeitnehmer selbstständiger agieren und sich einbringen sollen – in der Hoffnung, dass sie dadurch zufriedener und innovativer werden. Außerdem wurde mit den 68ern der Zeitgeist liberaler.

Der Anspruch, auch bei der Arbeit man selbst zu sein und nicht dominiert zu werden, wurde größer. Direkte Steuerung ist in vielen Berufen heute der Selbststeuerung gewichen. Auch ohne, dass der Chef sie direkt überwacht, machen sich heute viele Menschen Sorgen, ob sie gut genug arbeiten und die vorgegebenen Ziele erreichen. Stark vereinfacht heißt es: Die Arbeiter lassen sich heute viel besser ausbeuten, wenn sie es selbst tun.

nach oben

Wer weiß, was seine Qualifikationen wert ist, hat beim Gehaltspoker bessere Karten. In unserer großen Gehaltsdatenbank kannst du nachsehen, was andere e-fellows in deiner Position verdienen.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren