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Sag ich meinem Chef, dass ich chronisch krank bin?

Chronische Krankheit, Corona, Frau, Laptop, Arbeit, Maske [Quelle: pexels.com, Autor: Edward Jenner]

Quelle: Pexels.com, Edward Jenner

Mehr als jeder zweite Mensch hat eine chronische Krankheit. Wann es sinnvoll ist, seinen Vorgesetzten ins Vertrauen zu ziehen, um den Arbeitsplatz zu sichern.

Corona bringt ans Tageslicht, was manche ihrem Chef bisher lieber verschwiegen haben: dass sie unter einer chronischen Krankheit leiden. Nun stellen Betroffene fest, dass sie als Risikopersonen gelten. Stecken sie sich mit Sars-CoV-2 an, verläuft die Krankheit womöglich viel schlimmer. Am liebsten würden viele dieser Risikopersonen noch weiter im Homeoffice arbeiten, aber mehr und mehr Führungskräfte beordern die Belegschaft zurück ins Büro. Was tun?

Soll man von seiner Krankheit berichten und damit Gefahr laufen, bei der Arbeit künftig als Schwächling zu gelten? Oder sollte man besser nichts erzählen und mit dem Risiko leben, schwer an Covid-19 zu erkranken? "Es gibt hier kein Pauschalrezept", sagt Bernhard Rosenberger, Chef der Unternehmensberatung Rosenberger und Company in Wiesbaden. "Es kommt darauf an, was für eine Stimmung in der Firma herrscht." Er rate eher dazu, offen mit der Erkrankung umzugehen. "Das zahlt sich langfristig für beide Seiten aus."

Chronische Krankheiten haben psychische Folgen

Vier von zehn Menschen in Deutschland leben mit einer chronischen Krankheit. Frauen sind häufiger betroffen als Männer und ältere öfter als jüngere. Es sind solche Erkrankungen, die lange dauern, die der Arzt nicht vollständig heilen kann und wegen derer der Patient immer wieder zum Arzt muss. Zum Beispiel koronare Herzkrankheit, Diabetes, Krebs, Asthma, Rheuma, Depressionen, Migräne oder multiple Sklerose. Kein Arbeitnehmer ist verpflichtet, dem Chef von seiner Krankheit zu berichten. Er kann dem Betriebsarzt davon erzählen, und der kann den Chef über die Einschränkungen informieren, ohne die Diagnose zu nennen. Etwa dass der Betroffene wegen einer Krankheit öfter zu einer Therapie muss und wie man das organisieren könnte. Der Arzt unterliegt der Schweigepflicht. Anders sieht es bei Covid-19 aus: Erkrankt ein Mitarbeiter, muss der Chef das wissen, um die Kollegen zu schützen.

Chronische Krankheiten sind oft dann besonders schlimm, wenn die Betroffenen mitten im Berufsleben stehen und Karriere machen möchten. Wie frustrierend muss das sein, wenn einen eine Migräneattacke ausgerechnet dann außer Gefecht setzt, wenn man eine wichtige Präsentation halten soll? Oder wenn wieder mal ein Schub von Rheuma oder multipler Sklerose einen zwingt, sofort zum Arzt zu fahren, statt zum Kongress? In Studien ist beschrieben, was für Konsequenzen chronische Krankheiten auf den Einzelnen und das Unternehmen haben: Die Betroffenen leiden nicht nur unter körperlichen Beschwerden wie Schmerzen oder Erschöpfung, sondern auch unter den psychischen Folgen.

Die Sorge, nicht zu wissen, wie sich die Krankheit entwickelt, lähmt ebenso wie die Angst, den Job zu verlieren. Betroffene verlieren häufig ihr Selbstbewusstsein, fühlen sich diskriminiert und ausgeschlossen. Viele haben Schuldgefühle gegenüber ihren Kollegen, weil sie meinen, diese müssten ihre eingeschränkte Leistungsfähigkeit kompensieren. Menschen mit chronischen Krankheiten arbeiten im Schnitt weniger und nicht so produktiv. Sie sind öfter arbeitslos, haben mehr Schwierigkeiten, wieder eine Stelle zu finden, sind häufiger auf eine Berufsunfähigkeitsrente angewiesen und gehen eher vorzeitig in Rente. Doch weiter zu arbeiten könnte vielen gut tun: In Studien besserten sich Gesundheitszustand und Lebensqualität deutlich, wenn arbeitslose chronisch Kranke wieder eine bezahlte Stelle bekamen.

Kristin Hupfer, Arbeitsmedizinerin in der BASF in Ludwigshafen, plädiert für Offenheit: "Viele chronisch Kranke sind darauf angewiesen, dass sie von Chef und Kollegen unterstützt werden", sagt sie. Kenne man die private Situation des Mitarbeiters, verstehe man die Probleme, die sich aus dessen Krankheit ergeben, und könne darauf eingehen. Abgesehen davon, lassen sich die Auswirkungen chronischer Krankheiten oftmals nicht verheimlichen. Der Asthmatiker wird von Hustenattacken geschüttelt, ein Mensch mit Rheuma kann seine Hände nicht gut bewegen. Doch selbst wenn man die chronische Krankheit von außen nicht sehe, wie etwa bei Rückenschmerzen, lohne es sich, darüber zu sprechen, sagt Hupfer. "Auch wenn der Betroffene tapfer sein und seinen Schmerz unterdrücken will, fällt doch meist den Kollegen auf, dass er ,anders' ist." Manche wirken schweigsam, andere drücken sich um Aufgaben herum, die ihre Schmerzen verstärken könnten. "Das kann zu Fehlinterpretationen führen."

Den Fokus auf die Arbeit legen

Von seinen (vermeintlichen) Schwächen zu erzählen ist generell schwierig. Wie sieht das erst aus, wenn man eine chronische Krankheit hat? Läuft man dann nicht Gefahr, dass der Chef einem nichts mehr zutraut? "Im Gespräch den Fokus auf die Arbeit richten", rät Jessica Lang, Professorin für Betriebliche Gesundheitspsychologie an der Uniklinik Aachen. Zum Beispiel so: "Sie wissen, dass ich motiviert bin und meine Arbeit gut machen möchte, aber ich habe diese oder jene Einschränkung. Es würde mir helfen, wenn Sie regelmäßige Arztbesuche akzeptieren würden oder ich öfter Homeoffice machen könnte, damit ich weiterhin engagiert für Sie arbeiten kann."

Schwieriger wird es, wenn man eine psychische Krankheit hat - rasch kann beim Gegenüber das Gefühl aufkommen, der Betroffene habe einen "Knacks" und man könne ihm keine Verantwortung übertragen. Hier sei es oft besser, die Krankheiten zu umschreiben, rät Betriebsärztin Hupfer. Im Fall von Schizophrenie zum Beispiel so: "Ich erlebte einmal einen seelischen Ausnahmezustand, in dem ich mich völlig schutzlos und von allen Seiten bedroht gefühlt habe. Dank ärztlicher Behandlung geht es mir aber wieder gut."

Es hapere aber oft noch am Verständnis der Arbeitgeber, sagt Unternehmensberater Rosenberger. "Insbesondere Führungskräfte, aber auch Personalabteilungen, sind oft unsicher, wie sie mit chronisch kranken Mitarbeitern umgehen sollen. Viele kümmern sich erst dann darum, wenn der Betroffene aus Kosten- und/oder Organisationgründen zu einem echten Problem für das Unternehmen geworden ist." Angst vor einer sofortigen Kündigung wegen ihrer Krankheit brauchen Betroffene übrigens nicht zu haben. Der Arbeitgeber könnte kündigen, wenn in "absehbarer Zeit" - etwa zwei Jahre - nicht mit Genesung zu rechnen ist oder wenn der Mitarbeiter in den vergangenen zwei bis drei Jahren jeweils mehr als sechs Wochen krank war und davon auszugehen ist, dass er auch in Zukunft so häufig nicht arbeiten kann. Ob die Kündigung zulässig ist, hängt aber vom Einzelfall ab.

Betriebliches Eingliederungsmanagement

Kann ein Arbeitnehmer während eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt nicht arbeiten, muss der Arbeitgeber ihm per Gesetz ein betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) anbieten. Das kann helfen, einen Weg zurück aus der Krankheit ins Berufsleben zu finden. Wie das BEM aussieht, ist im Gesetz nicht geregelt; jeder Betrieb muss dafür eine individuelle Lösung finden. Eingeschaltet werden oftmals Personal- oder Betriebsrat, Betriebsarzt oder das Integrationsamt. Ziel ist, zu überlegen, mit welchen Maßnahmen der Betroffene seinen Job weiter ausüben kann und dass er nicht so häufig krankgeschrieben werden muss.

Welche Strategien Menschen mit chronischen Krankheiten im Beruf helfen, ist bisher kaum systematisch untersucht. In einer Analyse von 21 Studien aus neun europäischen Ländern von Carla Sabariego von der LMU München und mehreren weiteren Autorinnen und Autoren erwies sich zum einen als wirksam, wenn die Betroffenen nur zeitweise krankgeschrieben waren und für die Fehlzeiten einen Lohnausgleich bekamen. Sie konnten öfter in ihren Job zurück und bekamen seltener eine Erwerbsminderungsrente als diejenigen, die komplett krank zu Hause blieben. Ein Lob gab es in der Studie auch für multidisziplinäre Maßnahmen. Also zum Beispiel, dass der Betroffene durch Rehabilitationsarzt und Physiotherapeut beraten wird und dass ein "Case Manager" einen Rehabilitationsplan aufstellt und Treffen zwischen Arbeitnehmer und Fachleuten organisiert.

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