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Die digitale Kluft überwinden

Digitale Weiterbildung [Quelle: unsplash.com, Autor: Simon Abrams ]

Quelle: unsplash.com, Simon Abrams 

Unternehmen setzen für ihre Mitarbeiter zunehmend Online-Lernformate ein. Doch längst nicht alle Angebote erreichen die gesamte Belegschaft.

E-Mail-Adresse eingeben, Passwort festlegen – und schon geht’s los. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen nur ganz wenig Vorbereitung, um am kostenlosen Online-Lehrgang "Grundlagen der Künstlichen Intelligenz" teilzunehmen. 40 Industrie- und Handelskammern haben diesen Kurs für ihre Unternehmen lizenziert, um sie bei der Weiterbildung von Mitarbeitern zu unterstützen. Die Teilnehmer lernen, was neuronale Netze sind, und erhalten Einblicke in die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für die Arbeitswelt. Vorkenntnisse braucht es für all das nicht.

Zudem können die Teilnehmer ihr eigenes Lerntempo festlegen. Wann, wo und wie oft sie sich durch den Lehrgang klicken, bleibt ihnen selbst überlassen. Wer am Ende 90 Prozent der Übungen bewältigt und mindestens die Hälfte der gestellten Fragen korrekt beantwortet, erhält obendrein ein Zertifikat. Das Angebot kommt gut an: Nach Angaben des DIHK, des Dachverbands der Kammern, haben bereits 45.000 Menschen in Deutschland am Kurs teilgenommen – 5000 mit Abschluss.

Niederschwellige Konzepte

Wenig bürokratischer Aufwand, freie Zeiteinteilung, eigenes Lerntempo – niederschwellig konzipierte E-Learning-Modelle zielen auf Beschäftigte, die in der Regel digitale Angebote ausschlagen. So können Unternehmen verhindern, dass diese Mitarbeiter abgehängt werden. Denn generell gewinnt E-Learning in der Aus- und Weiterbildung stark an Bedeutung. Das zeigt eine aktuelle Erhebung des Sozialwissenschaftlichen Instituts Schad (SWI). Dort geben 86 Prozent der Befragten in 2400 Unternehmen an, dass der Trend zu digitalen Schulungen auch nach der Coronakrise deutlich zunehmen wird.

In der vom Handelsblatt beauftragten Studie zeichnet das Hamburger Beratungshaus zudem Unternehmen aus, die bei Aus- und Weiterbildung führend sind. Generell erreicht Weiterbildung nicht alle Mitarbeiter gleich gut – das zeigt der Ende September veröffentlichte Regierungsbericht "Weiterbildungsverhalten in Deutschland 2020". Zwar werden die Angebote von 81 Prozent der Führungskräfte wahrgenommen.

Mit etwas Abstand folgen darauf Fachkräfte mit 70 Prozent. Doch nur 55 Prozent der an- und ungelernten Arbeitskräfte beteiligen sich. Mit Blick auf die Digitalisierung kommentierte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek: "Wir müssen uns bewusst sein, dass der Wandel bei vielen Menschen für Unsicherheit sorgt. Es gilt daher, durch gute Begleitung und passende Angebote diese Unsicherheit zu minimieren."

Lehrvideos als Startpunkt

Aber wie konzipieren Unternehmen ihre Angebote niederschwellig? Möglich sei, beispielsweise mit dem Anschauen eines Videos auf Youtube zu beginnen, sagt Anja Olsok, Geschäftsführerin der Servicegesellschaft des Digitalverbands Bitkom. "So können Mitarbeiter ganz allmählich an umfangreichere Angebote herangeführt werden." Wichtig sei, dass keine Zugangshürden bestehen. Ein einziger Klick sollte idealerweise ausreichen, um das Angebot zu starten, sagt Olsok.

Die Qualität des ersten Erlebens legt die Basis für die weitere Nutzung", bestätigt SWI-Geschäftsführer Marcus Schad – er betont dabei die Bedeutung des Miteinanders. "Gerade bei Nutzern, die weniger digitalaffin sind, haben wir festgestellt, dass die Tool-Einführung erfolgreicher verläuft, wenn E-Learning mit einer Präsenzveranstaltung verbunden wird." Anwender könnten sich dann über das E-Learning-Tool austauschen. Der Lernerfolg einfacher Module wie Lehrvideos ist freilich begrenzt. "Für die Verbesserung der Arbeitsleistung sollten Teilnehmende auf Lerngeschwindigkeit und Lerninhalte Einfluss nehmen können", rät Expertin Olsok.

Sie empfiehlt Anbietern, individuell konfigurierbare Lernangebote mit passenden Tools und Methoden zu entwickeln. Diese sollten auch den Austausch der Teilnehmer fördern. Doch aufwendigere Werkzeuge einzuführen dürfte ausgangs der Pandemie vielerorts schwerer fallen.

Eine Reihe von Unternehmen leidet noch unter den wirtschaftlichen Folgen der Krise. Mit Blick auf die Kosten kommen deshalb auch Weiterbildungsangebote auf den Prüfstand. Nur jede vierte Führungskraft rechnet für die kommenden Jahre hier mit einem wachsenden Budget. Das hat eine aktuelle Bitkom-Umfrage unter 700 Managern ergeben.

Schon jetzt werden bei digitalen Schulungen kostenlose Inhalte bevorzugt: Nur knapp jede dritte E-Learning-Maßnahme wird laut der Erhebung bezahlt. Das Manko: je günstiger das Angebot, desto weniger zufrieden sind die Teilnehmer damit – so lautet ein weiteres Ergebnis der Bitkom-Studie.

Zwar sind immerhin 62 Prozent der Teilnehmer mit kostenlosen Angeboten "voll und ganz zufrieden". Doch bei Kursen, die mehr als 1000 Euro kosten, sind es 84 Prozent. "Kostenlose E-Learning-Angebote gehen weniger in die Tiefe. Wer mit zu hohen Erwartungen an sie herangeht, wird enttäuscht", erläutert Olsok.

Zusätzliches Potenzial für die Unternehmen bieten Angebote an Auszubildende. Wer hier auf Qualität achtet, sendet zugleich Signale an den Arbeitsmarkt: "Bei einer abnehmenden Zahl von Auszubildenden können und werden E-Learning-Angebote die Arbeitgeberattraktivität steigern", sagt SWI-Geschäftsführer Schad. Er empfiehlt besonders für jugendliche Zielgruppen spielerische Elemente – in Fachkreisen Gamification genannt. Dies könne "die Akzeptanz der Angebote steigern". Dabei werden etwa Fragen in eine fiktive Geschichte eingebettet.

Oder statt einfacher Checkboxen klicken Anwender etwa verschiedene Türen an, die sich bei einer richtigen Antwort öffnen. Auch ein Wettbewerbscharakter kann die Attraktivität eines E-Learning-Tools steigern. So ermöglichen einige Anwendung eine anonymisierte Auswertung von Tests. So können einzelne Auszubildende zwar kontrollieren, wie gut sie sich im Vergleich zu den anderen geschlagen haben. Doch es wird nicht kommuniziert, welcher Kollege besser oder schlechter abgeschnitten hat. "Auszubildende erwarten einfache Anwendungen und didaktisch gut aufbereitete, multimediale Lerninhalte", sagt Schad.

"Die Möglichkeit zur Selbstkontrolle steigert den Anwendungsnutzen." Tatsächlich haben die jungen Arbeitskräfte sehr klare Vorstellungen davon, was sie vom digitalen Lernen erwarten. So geben in einer Befragung des Portals Azubi-Plus 89 Prozent der Auszubildenden an, dass innerhalb einer E-Learning-Plattform ein Angebot zur Prüfungsvorbereitung besonders wichtig sei. Als zweitwichtigstes Merkmal nennen 84 Prozent das orts- und zeitunabhängige Lernen. Auf die Frage, was ihnen am digitalen Lernen denn besonders gut gefalle, nennen 78 Prozent die Möglichkeit, Aufgaben jederzeit wiederholen zu können.

77 Prozent schätzen besonders, dass sie ihr Lerntempo selbst bestimmen können. Und 74 Prozent verlangen, dass eigene Lernfortschritte angezeigt werden. Unternehmen können laut den Studienautoren ihren Fachkräftenachwuchs digital offenbar sehr gut erreichen: "Gerade leistungsschwächere Jugendliche verlieren schnell den Anschluss. E-Learning kann hier offenbar eine wichtige Ausgleichsfunktion übernehmen."

Top-Unternehmen Aus- und Weiterbildung 2021 [Quelle: Handelsblatt]

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