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Sind die Jüngeren immun gegen die Arbeitssucht?

Wer ständig zu viel arbeitet, kann psychosoziale Störungen davontragen. Arbeitssüchtige ziehen sich zurück, meiden soziale Kontakte, weil sie dadurch in der Arbeit behindert werden, sie fokussieren sich auf Sachthemen, reißen Aufgaben an sich; schon ein Plausch in der Kaffeeküche erscheint ihnen überflüssig. Kein Wunder, dass Workaholics keine guten Teamarbeiter sind. Bedrohlich wird das, wenn sich dieses Rückzugsverhalten privat etabliert, Familie und Freunde vernachlässigt werden. Workaholics schlägt beruflich wie privat Unverständnis entgegen. "Sie sind verschroben, gelten als komisch, das soziale Umfeld zieht sich zurück. Viele sind dann irgendwann Patienten", sagt Poppelreuter und erinnert: Der sogenannte Social Support gilt als einer der wichtigsten Unterstützungsfaktoren dafür, was Menschen eigentlich gesund hält.

Außenstehende fühlen sich machtlos. Cornelia van den Hout erklärt: "Kein Kollege traut sich, zu sagen: 'Du siehst müde und erschöpft aus.' Stattdessen betonen alle, wie hervorragend das Projekt läuft." Partner sollten eine beschreibende Rückmeldung ihrer Wahrnehmung geben: "So wirkst du auf mich ..." Das sei besser, als sich in Vorwürfen darüber zu ergehen, dass der andere sich nicht kümmert, erst um 22 Uhr heimkehrt, um komatös aufs Sofa zu sinken.

Betroffene gelobten Besserung, das seien aber häufig Lippenbekenntnisse. Einsicht zu haben sei trotzdem, wie bei allen Süchten der erste Schritt, erklärt van den Hout und rät zu positiver Akzeptanz. "Sich dann fertigzumachen hilft nicht, so geht es weiter abwärts. Besser ist der Ansatz: Es ist, wie es ist, ich kümmere mich jetzt darum."

Sind die Jüngeren immun gegen die Arbeitssucht?

Schon kleine Schritte helfen, etwa gegen Schlafstörungen. "Vor dem Einschlafen drei Sachen suchen, die am Tag gelungen sind und nichts mit der Arbeit zu tun haben. Schlafen Sie mit dem Gedanken an Vogelgezwitscher ein, arbeitet das Gehirn damit weiter, und das Unterbewusstsein geht mit dem Gedanken an etwas Schönes schlafen", sagt die Psychologin. Sie rät zudem, während der Arbeit Pausen einzuhalten, zwischendurch tiefe Atemzüge am Fenster zu machen. Oft geht es allerdings nicht, ohne sich professionelle Unterstützung zu holen, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen oder bei einer Therapie. Van den Hout fasst die zwei Wege zusammen.

Erstens: Ursachenforschung betreiben. Wo kommt das her, dass ich verzweifelt versuche, durch Leistung Anerkennung zu bekommen? Haben mich meine Eltern nur liebgehabt, wenn ich eine Eins hatte? Jetzt bin ich erwachsen und brauche das nicht mehr! Oder zweitens ein systemischer Ansatz: Was kann ich konkret verändern, wie kann ich mein Umfeld einbeziehen, das mich unterstützt, wie halte ich Zeitpläne ein und lerne, nein zu sagen? "Aus meiner Erfahrung weiß ich: Wenn ich einem Menschen etwas wegnehme, muss ich etwas Positives dagegenstellen. Musik machen, malen, ohne gleich wieder ein Beethoven oder Rembrandt sein zu wollen. Es geht nur um das Tun im Hier und Jetzt."

Und die Jüngeren, die angeblich arbeiten, um zu leben, und nicht leben, um zu arbeiten? Die Generation, der ein hoher Anspruch an eine freizeitfreundliche Arbeitswelt nachgesagt wird, müsste doch immunisiert sein gegen Arbeitssucht? Dem ist nicht so, sagt Poppelreuter, der das mit zwei Fachkolleginnen untersucht hat. "Diese Generation hat zwar einen anderen Anspruch, aber die Realisierung ist etwas anderes. Das sind viele blumige Reden. Das Arbeitszeitgesetz ist eines der am häufigsten gebrochenen Gesetze."

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