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Alltagsjob Astronaut

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© ESA–Sabine Grothues 

Bis Matthias sich Astronaut nennen durfte, musste er sich gegen 8.500 hochqualifizierte Bewerber durchsetzen. Bei e-fellows.net spricht er über die Herausforderungen des Auswahlverfahrens und darüber, welche Hoffnungen sich Quereinsteiger mit hochfliegenden Plänen machen dürfen.

Als vor zwanzig Jahren das Raumschiff Enterprise über den Röhrenfernseher meiner Eltern donnerte, begann für mich die Zukunft. Ich wollte die unendlichen Weiten des Weltraums erkunden, auf dem Holodeck Mordfälle lösen und in Tribbles baden – ich war zwar ein Nerd (und bin’s immer noch), aber Hand aufs Herz: Wer hat als Kind nicht davon geträumt, Kontakt mit kleinen, grünen Männchen aufzunehmen?

Raumfahrt ist natürlich mehr als Science-Fiction. Bevor im Weltraum geforscht und entdeckt werden kann, muss am Boden eine Menge Vorarbeit geleistet werden. Seit 1975 mischt auch Europa mit der European Space Agency (ESA) im Weltall mit. Ein Budget von 5,6 Milliarden Euro finanziert dort in diesem Jahr rund 2.200 Arbeitsplätze. Und auch nicht jeder ESA-Mitarbeiter muss beruflich auf dem Boden der Tatsachen bleiben – manche dürfen wirklich abheben.

So auch Matthias Maurer, frischgebackenes Mitglied des ESA-Astronautenkorps. Matthias hat vor Kurzem seine Astronautengrundausbildung abgeschlossen – und wartet jetzt auf seinen ersten Flug ins All. Ob er sich noch bis 2019 oder 2022 gedulden muss, weiß er noch nicht. Zuerst frage ich ihn, ob er Angst vor dem Start hat.

"Wir sind alle sehr ungeduldig"

"Als Astronaut hast du höchstens Angst davor, keinen Platz in der Rakete zu bekommen", entgegnet er. "Wir sind alle sehr ungeduldig und wollen, dass es endlich losgeht."

"Außenstehenden mag es wie ein Riesenschritt vorkommen, in eine Rakete zu steigen und ins All geschossen zu werden", ergänzt er. "Aber wir trainieren das jahrelang und spielen jedes Detail dreißig Mal durch: Wir simulieren die Beschleunigung der Rakete in Zentrifugen und üben schwereloses Arbeiten mit Tauchübungen unter Wasser. Die ganzen Trainings sind wie Puzzleteile. Der richtige Flug ist dann nur das letzte Stück."

Ich spüre in der Stimme meines Gesprächspartners dieselbe Begeisterung, die ich vor zwanzig Jahren vor dem Bildschirm empfand. In meinem Kopf surren bereits Bilder von Astronauten umher, die an der Außenwand der ISS herumschrauben. Wie ist es Matthias gelungen, so weit zu kommen, dass dieser Traum bald für ihn wahr wird?

(K)ein Platz für Quereinsteiger

Leicht war es nicht. Der Astronaut hat einen einjährigen Bewerbungsprozess hinter sich, in dem er sich gegen 8.500 andere Bewerber durchsetzen musste. "Als ich die anderen getroffen habe, war ich beeindruckt, mit was für außergewöhnlichen Lebensläufen ich da konkurrierte", sagt Matthias. "Da waren unglaubliche Sprachtalente dabei, aber auch Leute, die als Ingenieur und Pilot gleichzeitig arbeiteten. Aber ich dachte mir: Diese Chance hast du nur einmal im Leben. Das hat mich motiviert, dranzubleiben."

Das letzte Auswahlverfahren der ESA fand 2008 statt – das nächste ist noch nicht in Sicht: traurige Realität für all diejenigen, die davon träumen, europäischer Astronaut zu werden. Auch für Matthias gehörten gutes Timing und eine Portion Glück dazu.

"Mein Studium hat mir sicher einen Vorteil verschafft", sagt er. Matthias hat Materialwissenschaften und Werkstofftechnik in ganz Europa studiert und dann promoviert. "Ulf Merbold, der erste westdeutsche Astronaut, war Physiker mit einem Schwerpunkt auf Werkstoffwissenschaften. Und auch mein Kollege Alexander Gerst ist Physiker und Vulkanologe. Dieses Profil zieht sich durch viele Auswahlverfahren."

"Gibt es dann überhaupt Platz für Quereinsteiger?", frage ich im Namen eines Jura-Studenten aus der e-fellows.net community. "Grundsätzlich sind bei der ESA Ingenieure, NaturwissenschaftlerMediziner und Piloten gefragt."

Damit wird mein Kindheitswunsch leider endgültig Fiktion.

16 Tage unter Wasser

Matthias’ Beruf ist aufregend und führte ihn in Trainingslager in China und Russland, Japan und den USA. Er tauschte sich mit ehemaligen Astronauten aus und übte zukünftige Reparaturarbeiten für das Leben auf einer Raumstation. Gemeinsam mit anderen Astronauten simulierte er 2016 eine 16-tägige Marsmission in einer Unterwasserkapsel. Arbeiten auf engstem Raum und Probensammeln in der Schwerelosigkeit machten ihn zum Allrounder.

Aber trotz der aufregenden Reisen und Experimente, die ihm sein Beruf bietet, legt Matthias Wert auf Ausgleich. "Die Work-Life-Balance muss schon stimmen", sagt er. "Bereits im Studium habe ich autogenes Training gemacht und viel Sport getrieben. Das hilft mir bis heute, gezielt abzuschalten."

"Belastungsfähigkeit ist ein wichtiges Kriterium für Astronauten. Das wurde mir zum Glück von Kindesbeinen an mitgegeben. Im Auswahlverfahren musste ich unter Zeitdruck Englisch- und Matheaufgaben lösen, Erinnerungstests bestehen und mein räumliches Vorstellungsvermögen beweisen. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass manche Aufgaben gar nicht ausgewertet wurden, sondern nur dazu dienten, mein Stresslevel zu erhöhen. Bei einer solchen Dauerbelastung ist es wichtig, gezielt zu entspannen."

Ein ganz normaler Job?

Während mir Matthias von den Tai-Chi-Sitzungen seiner Astronautenkollegen aus China berichtet, fühle ich mich immer weniger an die Weltraummissionen von Kirk, Picard & Co. erinnert. Stattdessen denke ich plötzlich an das Poster mit praktischen Dehnübungen für den Büroalltag, das in unserer Redaktion hängt.

Ich merke: Auch Astronauten haben einen ganz normalen Berufsalltag. Auch Matthias sitzt oft stundenlang am Schreibtisch und verfasst Berichte. Auch er muss mit unterschiedlichen Kollegen zusammenarbeiten und auf seine Work-Life-Balance achten – oder einfach nur büffeln: aktuell Russisch und Chinesisch, um irgendwann auf einer Sojus-Kapsel oder einer Shenzhou eingesetzt werden zu können. Oft hätte er aber auch nur eine 40-Stunden-Woche, erzählt er. Und über die Zeit danach denkt er natürlich nach: Er kann sich gut vorstellen, an Universitäten sein Wissen an Studenten weiterzugeben.

Zum Schluss unseres Gesprächs stelle ich Matthias die Frage eines weiteren Community-Mitglieds: Wie soll die Raumfahrt auch in Zukunft die Menschen begeistern? Selbstsicher antwortet er: "Die Raumfahrt muss sich heute mit vielen anderen Angeboten messen, und es ist schwierig, den Mehrwert für die Forschung zu vermitteln. Aber genau deswegen trete ich und tritt die ESA so viel medial auf. Die Menschen können sich weiterhin für die Raumfahrt begeistern – wir müssen unsere Erkenntnisse nur ansprechend gestalten."

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