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Die neuen Stadtverwalter

Mann schreibt auf Papier [Quelle: Unsplash.com, Helloquence]

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Chaos bei Asylanträgen, überforderte Arbeitsämter, verschuldete Museen – in Behörden gibt es viele Probleme. Können Unternehmensberater sie lösen?

Wenn Hendrik Koch eine Idee hat, kann das den Alltag von Millionen Menschen verändern. 50 von ihnen sitzen an einem schwülen Junitag in einem Konferenzraum in Köln: grauhaarige Männer, ein Jüngerer mit Dreadlocks, eine Frau in Schlangenleder-Pumps. Hendrik Koch – sauber gestutzter Vollbart, dunkelbrauner Anzug, blaue Krawatte – hat sie zum Bürgerdialog eingeladen. "Hier wird jeder gehört, der etwas sagen will", sagt er. Die Meinung der Bürger sei wichtig für seine Arbeit. Wie sie in Zukunft ins Büro kommen oder ihre Kinder zur Schule bringen, könnte sein Konzept beeinflussen. Hendrik Koch ist Unternehmensberater. Gerade entwickelt er ein umweltfreundliches Verkehrskonzept für das Rheinland. Für bis zu vier Millionen Menschen. Beauftragt wurden seine Kollegen der Beratung Mobilité und er vom NVR, einem Zusammenschluss der öffentlichen Nahverkehrsbetreiber. Vollgestopfte Busse, verspätete Bahnen und stinkende Autokolonnen soll es mit Kochs Konzept im besten Fall nicht mehr geben. Nur: Wie sollen sich die Menschen stattdessen fortbewegen? Wollen sie ihre Gewohnheiten ändern? Kann ein Berater wie Koch Lösungen für solche strukturellen Probleme finden?

Seit einiger Zeit arbeiten immer mehr Unternehmensberater wie Koch im öffentlichen Sektor. Doch haben Berater, die vor allem auf die Zahlen schauen, überhaupt ein Gespür für die weichen Faktoren, die sozialen Ziele der Behörden, die sich nicht in Excel-Tabellen darstellen lassen? Das bezweifeln viele. Die Berater übernehmen trotzdem immer wichtigere Aufgaben: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beauftragte vor Kurzem McKinsey damit, die Verwaltung von Asylanträgen effizienter zu gestalten. Die Bundesagentur für Arbeit lässt sich beraten und sogar der Bundesnachrichtendienst bat kürzlich die Beratung Roland Berger, die Arbeit der Abteilung "Technische Prüfung" zu optimieren.

"Seit den neunziger Jahren hat das ökonomische Denken Einzug in die öffentliche Verwaltung gehalten", sagt Norbert Kersting, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft, Kommunal- und Regionalpolitik an der Uni Münster. Klimawandel, Digitalisierung oder die Integration von Flüchtlingen, solche Themen stellen Kommunen und Behörden vor große Herausforderungen. Berater sollen helfen, sie zu bewältigen. Das verleiht ihnen Macht: Werden ihre Vorschläge umgesetzt, bestimmen sie mit, wie unsere Gesellschaft in Zukunft funktioniert.

In dem Kölner Konferenzraum hat Koch seine Gäste in Gruppen eingeteilt: vier Themen, acht Tische. "Alle Ideen sollen auf den Tisch", sagt ein Berater, und das ist wörtlich gemeint: Auf bunte Tischdecken schreiben die Bürger ihre Wünsche. Jemand schaltet den CD-Player ein, langsamer Jazz beginnt zu spielen – Tischwechsel.

Kinderbetreuung, saubere Straßen, Kulturangebote: Eine Stadt muss in allen Bereichen gut funktionieren, damit ihre Bürger zufrieden sind. Die Realität sieht oft anders aus. Viele Kommunen sind verschuldet, die Beamten überlastet. Einige Experten sind überzeugt: Berater fehlen in Institutionen oft. "Natürlich muss genau überprüft werden, ob ihr Einsatz wirklich notwendig ist", sagt Kersting, der Professor aus Münster. Aber gerade bei größeren Umstrukturierungen habe ein kritischer Blick von außen Vorteile.

Ähnlich sieht das Martin Brüggemeier, Professor für BWL und Public Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Die Berater seien nicht nur wichtig, um Missstände aufzudecken, sondern hätten auch eine Legitimationsfunktion: Insbesondere bei sehr umstrittenen Entscheidungen habe es für die politischen Akteure einen Vorteil, wenn sie sich auf ein externes Gutachten berufen könnten.

"Direktverbindung ohne Umsteigen", "Sitzplätze für alle", "Kostenloser Nahverkehr". Die Wünsche der Bürger, die Hendrik Koch eingeladen hat, stehen inzwischen als Schlagworte auf buntem Papier. Doch werden sie später im Konzept auftauchen? "Es gibt eine große Heterogenität der Vorschläge", sagt Koch. Auch Unsinn ist dabei, könnte man weniger diplomatisch sagen.

Egal ob Verwaltungsmitarbeiter oder Politiker, Vereine oder Unternehmen, viele Menschen haben eine Meinung zu politischen Vorhaben. Bei öffentlichen Projekten steigt die Zahl derer, die sich beteiligt fühlen, schnell. "Deshalb nützt es nichts, wenn man schlaue Ideen im stillen Kämmerlein erarbeitet", sagt Hendrik Koch. "Man muss möglichst früh alle Beteiligten miteinbeziehen." Mit verschiedenen Menschen zu reden gehört zum Arbeitsalltag von Beratern dazu. Doch egal, ob in einem Unternehmen oder einer Behörde, am Ende zählen vor allem die Zahlen. Andere Faktoren lassen sich in ihren Konzepten nur schwer berücksichtigen. Viele halten die Berater deshalb nicht für die geeigneten Problemlöser.

Die Bundesagentur für Arbeit wird häufig als Vorzeigebeispiel für den Einsatz von Beratern in der Verwaltung genannt. Vor rund zehn Jahren galt sie als eine der größten Baustellen der damaligen Bundesregierung. Auf den Schreibtischen der rund 100.000 Mitarbeiter stapelten sich Aktenordner. Anträge warteten manchmal Wochen auf ihre Bearbeitung. Fünf Beratungen wurden beauftragt, die Behörde zu reformieren: McKinsey etwa sollte das Rechnungswesen überwachen. Die Berater von Roland Berger sollten bei der Umsetzung der Hartz-IV-Reformen helfen. Innerhalb weniger Jahre schaffte es die Behörde so aus den roten Zahlen; und insbesondere das IT-System der Bundesagentur für Arbeit gilt anderen Behörden heute als Vorzeigemodell.

Genauso laut wie das Lob ist auch die Kritik: Der Bundesrechnungshof etwa befand den Einsatz der Berater für zu teuer, die Opposition kritisierte die Monopolstellung einzelner Beratungen bei der Auftragsvergabe. Kaum eine Reform ist heute so umstritten wie die Hartz-IV-Gesetze. Sie beschönigten die Arbeitslosenzahlen, förderten Armut, sagen ihre Gegner. Der Streit um die Berater wird schnell grundsätzlich: Ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung bei sozialen Fragen sinnvoll? Sollte Geld das wichtigste Kriterium sein? Wie viel Einfluss dürfen sie haben? Hendrik Koch hat BWL an der privaten European Business School in Oestrich-Winkel studiert, forschte zu Nachhaltigkeit und Unternehmertum, er kennt sich aus. Obwohl er nicht von den Bürgern gewählt wurde, könnte er ihr Leben verändern.

Besonders gut lässt sich diese Diskussion zurzeit in Leverkusen beobachten. Rund 20 Kilometer entfernt von der Kölner Innenstadt, wo Hendrik Koch seinen Bürgerdialog organisierte, steigt Marc Adomat die Treppenstufen zum Museum Morsbroich hinauf, einem gelben Barockschloss mit weißen Fensterläden. Der 47-Jährige mit blau-weiß kariertem Hemd ist Kulturdezernent der Stadt Leverkusen. Als er die Eingangshalle des Museums durchquert, kommt eine Frau auf ihn zu. "Stimmt es, dass dieses Museum geschlossen werden soll?", fragt sie. "Ich bin entsetzt!"

Die Stadt Leverkusen ist verschuldet. Die Kommunalaufsicht hat die Stadtverwaltung daher verpflichtet, ihre Ausgaben zu prüfen. Eine Unternehmensberatung wurde beauftragt, den Kulturbereich zu untersuchen. Ihr Fazit: Um die zwei Millionen Euro, die dort jedes Jahr fehlen, reinzuholen, sollte man das Museum schließen.

Für Marc Adomat ist dieser Vorschlag schwer nachzuvollziehen. "Klar: Wenn man die nackten Zahlen anschaut, kann man das so machen", sagt er. Öffentliche Kulturangebote seien immer ein Zuschussgeschäft. "Aber wir haben auch einen Bildungsauftrag und Museen gehören dazu", sagt Adomat. Weltbekannte Werke wie das Gemälde Tiger von Gerhard Richter hängen im Museum Morsbroich. Regelmäßig finden hier Lesungen statt. Kinder dürfen die Ausstellungen umsonst anschauen.

Ob die Stadt den Vorschlag tatsächlich umsetzen wird, darüber wird der Stadtrat in den nächsten Monaten abstimmen. Auch wenn Berater wie Koch Konzepte entwerfen, am Ende entscheiden die Politiker in den Landtagen, Stadträten und anderen Parlamenten, ob sie auch umgesetzt werden.

"Berater können helfen, frische Ideen in die Behörden zu bringen und komplizierte Verwaltungsstrukturen zu entzerren", sagt Gerhard Hammerschmid, Professor für Public and Financial Management von der Hertie School of Governance. Die Politiker müssten stets in der Lage bleiben, einzugreifen: "Die Kommunen müssen genug eigenes Know-how behalten, um beurteilen zu können, ob die Vorschläge der Berater tatsächlich dem Gemeinwohl dienen."

In Köln packt Hendrik Koch seine Sachen zusammen, die Tischdecken mit den Wünschen der Bürger nimmt er mit. In ein paar Monaten wird er seinen Vorschlag für das umweltfreundliche Verkehrskonzept an den NVR übergeben. Die Kommunen und die Verkehrbetriebe werden dann entscheiden, wie sie es umsetzen wollen.

Es könnte sein, dass Koch dann mitbestimmt, wie Millionen Bürger sich in Zukunft fortbewegen. Es könnte aber auch sein, dass seine Ideen verworfen werden und er den Bürgerdialog in Köln umsonst organisiert hat. Aber nur so funktioniert Demokratie.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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