Partner von:

Herr der Zweifel

Stress, Scheitern, Versagen [Quelle: pixabay.com, Autor: andreas160578]

Quelle: pixabay.com, andreas160578

Oft plagen gerade die Tüchtigsten heimliche Versagensängste. Nach dem Motto: Wenn andere wüssten, wie wenig ich eigentlich kann. Es gibt aber Wege, das schiefe Bild zu korrigieren.

In der Stellenanzeige wurden gute bis ausbaufähige Englischkenntnisse verlangt. Das passte prächtig zum Profil der Diplomkauffrau. Die 47-Jährige war nie längere Zeit im Ausland gewesen, hatte sich aber durch Volkshochschulkurse passables Englisch erarbeitet. Die Leichtigkeit, mit der sich Jüngere international verständigen, schüchtert sie jedoch ein. Lange zögerte die Münchnerin, den Karrieresprung zu wagen. Ihre Geschichte hat ein Happy End: Die Wirtschaftswissenschaftlerin überwand ihre Skepsis, wurde genommen und meistert die Kommunikation mit Geschäftspartnern in Asien. Rein äußerlich. Nagende Zweifel, dass sie nicht qualifiziert genug ist, halten sich hartnäckig. "Wenn eine Telefonkonferenz anberaumt ist, zittere ich jedes Mal, ob ich ihr folgen kann", sagt die Frau, die es zur Abteilungsleiterin gebracht hat.

Die sportliche Oberbayerin ist eine klassische Repräsentantin für das, was Eva Wlodarek in der Berufswelt als sogenanntes Scharlatan-Syndrom beobachtet. Gemeint ist das Gefühl, zwar eine ordentliche Position erreicht, nicht aber verdient zu haben, nach dem Motto, wenn die anderen wüssten, wie wenig ich eigentlich kann. Die Hamburger Psychologin erklärt: "Scharlatane geben vor, bestimmte Fähigkeiten oder Wissen zu besitzen, ohne dass es der Fall ist. Wer unter dem Scharlatan-Syndrom leidet, denkt insgeheim: Ich bin nicht gut genug. Hoffentlich bekommt das keiner heraus. Allerdings glaubt er fast immer zu Unrecht, er würde seine Umgebung täuschen." Denn das ist das Tragische an diesem Phänomen. "Gerade besonders tüchtige Menschen zweifeln oft an sich. Sie führen ihren meist beachtlichen Erfolg nur zum Teil auf eigene Anstrengungen zurück und meinen, sie seien überwiegend durch Glück oder Wohlwollen anderer in ihre Position gelangt", sagt die Kommunikationsexpertin.

In ihrem Buch "Selbstvertrauen stärken und ausstrahlen" beschreibt Wlodarek das Scharlatan-Syndrom und Wege, eigene Möglichkeiten zu erkennen und sich an Erfolgen zu erfreuen, statt sie kleinzureden. In ihrer Wahrnehmung kennen zwar auch erfolgreiche Männer das Gefühl, "Wenn die wüssten, wie unsicher ich oft bin", aber der große Unterschied bestehe darin, dass sie damit anders umgehen als Frauen. "Sie kompensieren es mit forschem Auftreten." Die weibliche Sozialisation führe dagegen zu einem anderen Verhalten: "Frauen streben perfektionistisch Bestleistungen an, die sich kaum erreichen lassen, und sind besonders kritisch mit sich selbst. Dadurch sind sie in puncto Scharlatan-Syndrom gefährdeter als Männer." Bei vielen Männern sei das anders, sagt die promovierte Psychologin. Wird ihnen ein interessantes Projekt angeboten, von dem sie bisher wenig verstehen, greifen sie zu im Vertrauen, das schon irgendwie hinzubekommen. "Während eine Frau eher zögert: Ich bin noch nicht so weit, und sich erst einmal zur Fortbildung anmeldet. Das ist gewiss kein Klischee, auch wenn Ausnahmen die Regel bestätigen."

Blind für das, was man am besten kann

Mit dem Hochstapler-Syndrom ist auch Karriereberaterin Madeleine Leitner immer wieder konfrontiert. Die Münchener Diplompsychologin berät bei Veränderungsprozessen und erlebt häufig, "dass Menschen für das, was sie am besten können, blind sind". Sie nennt das unbewusste Kompetenz. "Das, was Menschen am besten können, erledigen sie ganz automatisch und ohne nachdenken zu müssen. Das ist symptomatisch für die größten Naturtalente eines Menschen. Weil es ihnen aber so leichtfällt, erscheint es den Betreffenden ganz selbstverständlich zu sein. Sie gehen davon aus, dass das auch jeder andere kann. So erkennen sie es nicht als Talent im eigentlich Sinne."

Die eigenen Fähigkeiten falsch zu attribuieren sei typisch für Hochbegabte, sagt Leitner. So wie der promovierte Physiker einer Strategieberatung, den Ängste vor Arbeitslosigkeit plagten, weil er bemerkte: "Ich habe nur für drei Stunden zu tun, die anderen brauchen länger." Von Zweifeln nicht geplagt sind dagegen andere Typen. "Die Dummen halten sich für schlau. Sie wissen noch nicht einmal, was sie nicht wissen und dass sie einen beschränkten Horizont haben. Daher treten sie auf, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gegessen." Jedenfalls sind sie für Selbstzweifel nicht anfällig.

Das Hochstapler- oder Impostor-Syndrom macht auch vor bekannten Persönlichkeiten nicht halt. Eva Wlodarek nennt Beispiele, die Moderatorin Christine Westermann, die einmal über sich bekannt hat, sie träume gelegentlich davon, dass ihr der Grimme-Preis wieder aberkannt werde. Aber auch die Schauspielerin Maria Furtwängler - eine von Selbstzweifeln geplagte Quotenkönigin. "Doch in welchem Beruf auch immer, der gemeinsame Nenner lautet: Ich bin nicht gut genug", sagt Wlodarek. "Diese Einstellung kann durch äußere Erfolge nur schwer aufgelöst werden, eben weil man sich am eigenen, überhöhten Maßstab misst. Man ist sicher: die anderen irren sich und halten einen fälschlicherweise für fähig. Womit wir wieder beim Hochstapler-Syndrom sind. Ein Teufelskreis."

Die Selbstwahrnehmung, sich klein zu fühlen, betrifft auch die Welt der Wirtschaft und Wissenschaft. Verständlicherweise versuchen die Betroffenen, ihre heimlichen Versagensängste zu verbergen. Auf ihre Spur kann Folgendes führen, erklärt Eva Wlodarek: "Wenn eine bekannte Persönlichkeit sagt: Meinen Erfolg verdanke ich vor allem dem Glück, sollte man hellhörig werden."

nach oben

Im e-fellows.net wiki kannst du dein Wissen teilen und von den Erfahrungen anderer Stipendiaten profitieren.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren