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Wenn das Weltbild von der Wand fällt

Superheld Businessman schlägt Faust in Beton (© lassedesignen - Fotolia.com)

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Drei McKinsey-Berater haben ein Buch über das 21. Jahrhundert geschrieben. Demnach müssen Manager und Politiker sich von ihren Gewissheiten verabschieden und neu denken. Torsten Riecke hat die Autoren in London getroffen.

Die menschliche Intuition ist wie ein Autopilot, der es uns ohne nachzudenken erlaubt, die Welt zu verstehen. Meistens jedenfalls. Was aber, wenn sich die Welt so radikal verändert, dass unser Autopilot versagt und wir gezwungen sind, uns völlig neu zu orientieren? "Das ist genau die Situation, in der wir uns befinden", sagt Richard Dobbs, "wir müssen unsere Intuition auf null stellen und neu programmieren."

Dobbs ist Direktor des McKinsey Global Institute (MGI) in London, der Denkfabrik der Beratungsgesellschaft. Zusammen mit seinen beiden Kollegen Jonathan Woetzel und James Manyika hat der Brite ein Buch geschrieben, das unser Weltbild ziemlich erschüttern dürfte: "No ordinary Disruption" - "Keine gewöhnliche Störung" - lautet der Titel.

"Wer ist heute die führende Raumfahrtnation?", fragt Dobbs mit provokativem Unterton. Nein, nicht die USA. Es sei Indien. Die Inder hätten gerade eine Raumsonde in die Umlaufbahn des Planeten Mars geschossen - und zwar für nur 75 Millionen Dollar. 

"Der Hollywood-Film 'Gravity' hat fünf Millionen Dollar mehr gekostet", sagt der McKinsey-Mann und freut sich über den verstörten Ausdruck in den Gesichtern seiner Zuhörer. Der große Hörsaal der London School of Economics ist überfüllt. Neben Wissenschaftlern sind auch etliche Manager gekommen. "Die Welt verändert sich rasant vor unseren Augen", sagt Nick Pendleton, der für Strategie und Innovation bei der britischen Post Royal Mail verantwortlich ist. Fast so, als sei unser Weltbild plötzlich von der Wand gefallen. 

Dobbs und seine Mitautoren machen für die ungewöhnliche Erschütterung vier globale Megatrends verantwortlich, die sich gegenseitig verstärken: Die wirtschaftliche Macht verlagert sich in Schwellenländer wie China und dort in 440 Städte, die bislang kaum jemand kennt, aber die bis 2025 rund die Hälfte des globalen Wirtschaftswachstums generieren werden. Beispiel: Die Stadt Tianjin liegt 120 Kilometer von Peking entfernt. In den nächsten zehn Jahren wird die Wirtschaftsleistung dort von jetzt 130 auf über 600 Milliarden Dollar pro Jahr explodieren.

Das ist etwa so viel, wie die Marktforscher von McKinsey für ganz Schweden erwarten. Welcher multinationale Konzern, welche staatliche Wirtschaftsförderung hat diese tektonische Machtverschiebung auf ihrem Radar, fragt Dobbs. "Dieser Schock ist 3.000-mal so stark wie die industrielle Revolution", schätzt der Ökonom. Eine abstrakte Zahl jenseits unserer Vorstellungskraft. "Etwa so, als ob ein Asteroid auf die Erde treffen würde", hilft Co-Autor Jonathan Woetzel nach. Auch das vermittelt kein klares Bild von dem, was da auf uns zukommt. Es sorgt aber für ein ungutes Gefühl in der Magengegend.

Aber das ist noch nicht alles. Zugleich verändert die digitale Revolution unser Leben von Grund auf. Das Radio brauchte 38 Jahre, um weltweit 50 Millionen Menschen zu erreichen. Der iPod brauchte dafür nur noch vier Jahre, und Twitter schafft das in nur neun Monaten. Das ist schöpferische Zerstörung in Höchstgeschwindigkeit. "Technologische Umbrüche hat es schon oft gegeben", sagt Dobbs, "das Neue heute ist das unglaubliche Tempo des technischen Fortschritts und das Ausmaß, in dem er unser ganzes Leben durchdringt."

Der dritte Megatrend ist der demografische Wandel. Die Welt ergraut immer schneller. Ein Drittel der globalen Erwerbstätigen wird in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand gehen. Wer soll sie ersetzen, wer soll für ihre Altersversorgung bezahlen? Bereits heute leben 60 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, in denen die Geburtenrate geringer ist als die Sterberate. Neben China und Japan ist Deutschland davon besonders betroffen. Bis 2060 wird die Zahl der Bundesbürger um ein Fünftel schrumpfen.

Abgerundet wird das neue Weltbild durch die zunehmende Vernetzung von Menschen, Informationen, Kapital und Gütern rund um den Globus. In den vergangenen 30 Jahren hat sich der Welthandel verzehnfacht. 1,3 Milliarden Menschen sind über Facebook miteinander verbunden. Zwei Drittel der Weltbevölkerung haben Zugang zu Mobiltelefonen. Diese Vernetzung macht die Welt aber auch anfälliger: Dass im Moment alle auf Griechenland starrten, habe vor allem damit zu tun, dass Hellas Mitglied des Euros sei. "Griechenland war während der Hälfte der Zeit seit seiner Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich zahlungsunfähig", erklärt Dobbs, "aber erst durch den Beitritt zur Währungsunion ist daraus eine globale Gefahr geworden."

Das Buch ist ein lesenswertes Beispiel dafür, wie man mit gut aufbereiteten Zahlen und kluger Analyse spannend Zeitgeschichte erzählen kann. Dobbs und seine Kollegen geben der oft abstrakten Debatte über die größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts eine solide empirische Grundlage. Die Dramaturgie des Buches ähnelt ein wenig dem Beratermodell von McKinsey: Erst wird das alte Weltbild zerstört, dann ein neues entworfen, und schließlich folgen die Handlungsanleitungen für die verdutzten Kunden. Dobbs & Co. geben ihren verstörten Lesern drei Ratschläge mit auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. "Wer erfolgreich sein will, muss die Veränderungen in der Welt wahrnehmen und darf nicht mit sich selbst beschäftigt sein. Er muss so flexibel wie die indischen Billigraumfahrer sein, und er muss optimistisch bleiben", zählt der Mann von McKinsey auf. 

Auf die Nachfrage, ob das nicht doch etwas vage sei, legt er nach: "Im Grunde muss sich die Welt an Deutschland ein Beispiel nehmen, das durch radikale Reformen innerhalb einer Dekade vom kranken Mann Europas zum weltweiten Vorbild geworden ist." Eine Frage, die Jean-Claude Juncker in diesem Zusammenhang einmal gestellt hat, kann allerdings auch McKinsey nicht beantworten: "Wir wissen zwar alle, was zu tun ist", sagte der EU-Kommissionschef einmal, "wir wissen nur nicht, wie man hinterher wiedergewählt wird."

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