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Charisma gesucht

Steve Jobs Laptop Figur [Quelle: Pixabay, ToomaCZ]

© ToomaCZ - Pixabay.com

War Steve Jobs ein Charismatiker? Na klar! Manche Führungskräfte haben Charisma – andere überhaupt nicht. Aber ist das eine angeborene Eigenschaft? Oder kann man das lernen?

Charisma zu erlangen, das kostet. Der Kurs der etablierten Akademie im Münchener Süden schlägt für zwei Tage mit gut eineinhalbtausend Euro zu Buche. Ja, die Journalistin könne teilnehmen, vorausgesetzt, der Bericht werde den Veranstaltern vorgelegt, vor dem Druck, versteht sich. Die Teilnehmer legten Wert auf höchste Diskretion. Nein, danke. Dann wird es eben nichts mit der eigenen charismatischen Ausstrahlung. Aber lässt sich das überhaupt lernen?

Das Wort stammt aus dem Griechischen, ursprünglich bedeutet Charisma Gnadengabe und wird mit Gott in Verbindung gebracht. Der Soziologe Max Weber hat den Begriff später auf Herrschaft übertragen und spricht von einem charismatischen Führungsstil. Überspitzt formuliert: Kann ich mir einen Hauch Kennedy-Aura einverleiben, wenn ich ein im Kern staubtrockener, gleichwohl tüchtiger Jurist bin? Täusche ich dann nicht mich und die anderen? Wirkt das nicht aufgesetzt? Die Hamburger Psychologin Eva Wlodarek ist da weniger skeptisch. "Denken Sie an Steve Jobs. Er galt als verklemmt, hat hart an sich gearbeitet, später hingen ihm die Menschen an den Lippen. Oder Lady Di, aus der scheuen Kindergärtnerin ist die Königin der Herzen geworden." Dass es etwas bringt, an seiner Wirkung auf andere zu arbeiten, um sie in seinen Bann zu ziehen, sei wissenschaftlich belegt.

Die Amerikanerin Olivia Fox Cabane hat untersucht, inwieweit Spitzenmanager an ihrem Charisma arbeiten können, analysiert Methoden aus der Verhaltensforschung und testet sie für ihre Coachings. In ihrem Buch "Das Charisma-Geheimnis" räumt sie mit dem Mythos auf, dass Charisma eine naturgegebene Eigenschaft sei. John Antonakis von der Universität Lausanne hat Tests mit Führungskräften gemacht und kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass Charisma erlernbar ist. Und der amerikanische Psychologe Ronald Riggio hat einen Fragebogen entwickelt, mit dem man überprüfen kann, wie charismatisch man ist.

Autorität, Empathie, Präsenz

Diese ganz besondere Wirkung auf andere setzt drei Kernkompetenzen voraus: Autorität, Empathie, Präsenz. Eva Wlodarek überträgt das ins Berufsleben: "Es geht also um selbstbewusstes Auftreten, um Warmherzigkeit und Interesse an anderen Menschen." So stünden beispielsweise Persönlichkeiten wie Gandhi oder Mandela für den Schwerpunkt Autorität, Bill Clinton hingegen habe mit großer Empathie und Zugewandtheit gepunktet. "Von ihm sagen Menschen auf Empfängen, sie hätten gedacht, sie seien die einzigen im Raum", erklärt die Psychologin.

Die Basis, um Charisma zu entfalten, sei die eigene Persönlichkeit und Individualität, darauf könne man diese Kompetenzen entwickeln. "Mir geht es um Selbstentfaltung statt Selbstoptimierung, das ist mir zu wenig", betont sie und formuliert den Schlüsselsatz: "Wir strahlen aus, was wir von uns denken." Hier zeige sich, wie entscheidend die Sozialisation sei. "Nicht nur die Eltern, alle, die daran beteiligt sind, schneiden uns bestimmte Dinge ab. Wir möchten geliebt werden und passen uns an." Der Preis dieser Anpassung kann hoch sein. "Wir nehmen viel auf an Urteilen, wie wir gesehen werden, und werden durch unsere Erziehung auch beeinträchtigt, so dass wir teilweise unser Licht unter den Scheffel stellen." Damit muss sich aber niemand abfinden, beharrt Eva Wlodarek: "Über unsere Gedanken und Gewohnheiten können wir zu demjenigen werden, der wir sind." Die Psychologin ermuntert zum Üben, auch weil sie davon überzeugt ist: "Charisma ist das trojanische Pferd. Wenn jemand wirklich übt, Empathie und Präsenz zu zeigen, dann wirkt das auf ihn zurück. Da bin ich optimistisch."

Mit ähnlichen Thesen ist der Österreicher Georg Wawschinek unterwegs und sagt ein wenig blumig: "Heuchler versuchen, Verhalten nachzuahmen - Charismatiker hingegen brennen von innen." In seinen Seminaren versucht er, Techniken zu entwickeln, damit Menschen ihre Außenwirkung verbessern, "ohne stupide Verhaltensschablonen zu verwenden und zu Persiflagen ihrer selbst zu werden". Der Philologe und langjährige Rundfunkmoderator betont: "Wenn man einen Langweiler authentisch auf eine Bühne stellt, dann steht ein Langweiler auf einer Bühne." Charisma habe sicherlich Authentizität als Grundlage, reiche aber einen Schritt weiter. "Um charismatisch zu sein, muss jemand mit sich im Reinen sein. Charismatische Menschen reflektieren sich selbst häufig und arbeiten viel an ihrer Persönlichkeit." Authentisch könne eben auch ein Langweiler oder ein Rüpel sein.

Mit sich im Reinen sein

Julia Sobainsky aus Rheinberg bei Düsseldorf ist Schauspielerin mit Coaching-Ausbildung und nennt sich "Expertin für das Thema Charisma, Auftreten und Wirkung". Zu ihr kommen oft Informatiker, Maschinenbauer, Ingenieure oder auch Finanzvorstände, die eines eint: "Sie bekommen nach Präsentationen das Feedback: Ihre Worte kommen nicht richtig rüber." Ihnen erklärt Sobainsky, dass es sich bei der Wirkung auf andere um einen soziologischen Prozess handelt. "Menschen schreiben anderen Menschen Charisma zu, wenn bestimmte Faktoren erfüllt sind, und die sind beeinflussbar."

Sie zählt auf: Charismatiker sind gute Zuhörer und Redner, mit sich im Reinen, vertrauen auf ihre Stärken, sind authentisch, verbiegen sich nicht und kopieren niemanden, denken regelfremd und sind von der Meinung anderer unabhängig. Sie haben Ziele und dümpeln nicht durchs Leben. Und sie sind einfühlsam. "Gerade für Führungskräfte ist es wichtig zu wissen, was die eigenen Leute umtreibt, und Antworten darauf zu haben." Die Referentin fordert viel: "Auch wenn sich das seltsam anhört, es geht darum, eine Mutter- oder Vaterrolle zu erfüllen. Wir halten Eltern für unfehlbar, die haben Lösungen, fungieren als Förderer. Das sind Momente, in denen sich der Mitarbeiter extrem geschätzt fühlt." Charismatische Menschen glaubten an andere "auch in Momenten, in denen diese nicht selbst an sich glauben". Dieses Vorschussvertrauen habe eine große Kraft.

In ihre Coachings spielt ihre Schauspiel- und Tanzausbildung hinein. "Man kann seine Persönlichkeit kontinuierlich entwickeln, kommt in den Raum und füllt den, das ist Technik. Wir nennen das im Schauspieltraining Präsenz, sonst wird ein Schauspieler nicht angeguckt." Ihre Tipps für schnelle Effekte? "Bewegungen, die man macht, bewusst im Raum ausführen. Stellen Sie sich vor, die Luft als Widerstand zu haben und mit geringfügiger Kraft dagegen anzuarbeiten. Mental stellen Sie sich vor, durch eine Masse von Kaugummi zu gehen, das erzeugt Körperspannung. Das ist eine hohe Konzentration im Augenblick." Haltung zeigen, ganz konkret, also aufrichten und Schultern zurücknehmen. "Das ist das Erste, was ich den Leuten beibringe, man geht dann anders durch die Welt."

Sprachlich wenig Gewandte könnten gute Rhetoriker werden - "darin kann sich jeder verbessern, das ist Disziplin und Übungssache". Auch sie nennt den verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs, der seine zum Kult gewordenen Präsentationen vor dem Spiegel geübt und Folien unzählige Male neu gestaltet hat. Frei nach dem Bonmot von Mark Twain, dass eine dreiminütige Stegreifrede drei Wochen Vorbereitung benötigt.  

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