Studentische Unternehmensberatung

Studentische Unternehmensberatungen werden an deutschen Universitäten zusehends heimisch. Sie beraten Unternehmen oder uniinterne Institutionen.

Idee

Studenten beraten Unternehmen. Was auf den ersten Blick ungewohnt erscheint, verbreitet sich in Deutschland schnell. Die ersten studentischen Unternehmensberatungen wurden bereits in den 60er und 70er Jahren in Frankreich gegründet, von dort trat die Idee ihren Weg in die Welt an. Die Kurzform JE (Junior Entreprise), die sich einfach schneller spricht als der etwas umständliche Begriff „studentische Unternehmensberatung“ zeugt vom Ursprungsland der beratenden Studenten.

Bereits während des Studiums Praxiserfahrungen zu sammeln ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Wie der einzelne Student dies gestaltet, über Praktika, Tätigkeiten als studentische Hilfskraft oder Werkstudent oder in einem Verein, ist jedem selbst überlassen. In einer studentischen Unternehmensberatung kann man sowohl viel über Vereinstätigkeit lernen als auch studienbegleitend oder in den Semesterferien Unternehmen beraten.

Die Unternehmen profitieren dabei vom aktuellen Theoriewissen der Studenten, von günstigeren Preisen im Vergleich zu „professionellen Beratungen“ und von den oft unkonventionellen Herangehensweisen der Studenten.

Organisation

Die meisten JEs sind als Vereine (e.V.) organisiert, es gibt jedoch auch Ausnahmen, die in Form einer GmbH aufgestellt sind. Die typische Vereinsstruktur ist eine grobe Einteilung aller Beteiligten in Anwärter oder Interessenten, Vereinsmitglieder und Vorstände bzw. Verantwortliche für bestimmte Bereiche.

Aufgaben innerhalb des Vereins sind zum Beispiel die Projektakquise, Öffentlichkeitsarbeit, die Werbung von neuen studentischen Beratern, Schulung der Mitglieder, Pflege der Vereins-IT, Wissensmanagement oder die Verwaltung der Vereinsfinanzen. Viele studentische Unternehmensberatungen sind darüber hinaus in einem bundesweiten Netzwerk eingebunden. Davon gibt es derzeit zwei, den BDSU (Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberater) sowie das JCNetwork e.V. (Junior Consultant Network). Diese Dachverbände vereinfachen den Austausch mit anderen studentischen Beratern und vergeben ein Qualitätssiegel.

Zudem steht manchen Vereinen noch ein Kuratorium, das aus Ehemaligen, Professoren oder Unternehmern bestehen kann, beratend und unterstützend zur Seite.

Projekte

Die Inhalte der durchgeführten Projekte sind vielfältig. Auch die Größe der auftraggebenden Unternehmen variiert von sehr klein bis zu DAX-Unternehmen.

Mögliche Projektinhalte sind zum Beispiel Marktanalysen, Kundenbefragungen, Standortanalysen, Prozessoptimierungen, Strategieentwicklung, Erstellung von Datenbanken und Webseiten, Imageanalysen und vieles mehr. Dabei setzen viele JEs Schwerpunkte je nach den Interessen ihrer Mitglieder.

Der typische Projektablauf ist der Folgende: Zuerst werden Projekte akquiriert. Dafür hat jede JE ihre eigenen Akquisekonzepte, im Normalfall werden aber Unternehmer auf Unternehmensmessen oder anderen Angelegenheiten angesprochen. Bei länger bestehenden JEs kommt es auch öfter vor, dass die Unternehmen selbst auf die Berater zugehen, weil sie ihre Arbeit aus früheren Projekten schätzen oder von anderen Unternehmern von den studentischen Beratern gehört haben.

Nach dem Erstkontakt gibt es ein Gespräch, in dem die zu lösenden Probleme sowie Projektumfang und sonstige Inhalte besprochen werden. Auf Grundlage dieses Gespräches sowie möglichen weiteren Informationen erstellt eine Gruppe interessierter Studenten ein ausführliches Angebot, das Vorgehensweise, Inhalte, Form der abgegeben Ergebnisse sowie Projektzeitraum, Projektumfang und Projektkosten beinhaltet.

Gleichzeitig bildet sich das Projektteam. Typischerweise besteht das Team aus einem Projektleiter, der für den organisatorischen Teil des Projektes sowie auch die inhaltliche Arbeit verantwortlich ist, sowie aus einem oder mehreren Projektmitarbeitern. Zudem steht dem Team häufig noch ein Projektcoach zur Seite, der bereits mehrere andere Projekte geleitet hat und bei Fragen und Problemen helfen kann.

Wenn das Angebot vom Auftraggeber angenommen wird, beginnt die eigentliche Projektarbeit gemäß dem im Angebot geplanten Vorgehen. Nach erfolgreichem Projektabschluss werden die Ergebnisse dokumentiert und sowohl dem Auftraggeber als auch dem Verein präsentiert.

Einige studentische Unternehmensberatungen sind ISO 9001:2000 zertifiziert. Die erste ISO-zertifizierte studentische Unternehmensberatung in Deutschland war delta studentische Unternehmensberatung Karlsruhe.

Für wen geeignet?

Ursprünglich waren die Mitglieder von studentischen Unternehmensberatern hauptsächlich Wirtschaftswissenschaftler, vor allem Wirtschaftsingenieure. In den letzten Jahren hat sich das jedoch geändert und die Studienrichtungen der Berater werden immer vielfältiger. Durch das breite Projektspektrum finden auch Juristen, Geisteswissenschaftler, Informatiker und Naturwissenschaftler viele Möglichkeiten, sich in der Praxis auszuprobieren. Zu welchem Zeitpunkt im Studium man studentischer Berater wird ist unterschiedlich. Viele Studenten kommen bereits im ersten Semester, sammeln Erfahrungen in der Vereinsarbeit und werden durch Schulungen zur Projektdurchführung, aber auch zu spezifischen Projektinhalten auf ihre ersten Projekte mit Unternehmen vorbereitet. Aber auch Studenten aus höheren Semestern, die oft bereits etwas Praxiserfahrung sowie breiteres Theoriewissen mitbringen, sind immer willkommen.

Zeitaufwand und Vergütung

Wie viel Zeit er in die Arbeit bei der studentischen Unternehmensberatung steckt, kann jeder selbst entscheiden. Wer sich in der Vereinsarbeit sehr engagiert, verbringt damit häufig fünf bis 10 oder gar mehr (z.B. bei Vorstandsarbeit) Stunden in der Woche. Dafür lernt man sehr viel und wird häufig bevorzugt in Projektteams aufgenommen, weil Vereinsarbeit honoriert werden soll.

Wie viel Zeit die Projekte an sich in Anspruch nehmen, ist sehr unterschiedlich. Berechnet werden die Zeiten in Mitarbeiter-Arbeitstagen (MAT), die jeweils 8 oder 10 Stunden dauern. Projekte können einen Umfang von zwei bis drei bis hin zu über 100 MAT haben. Werden Projekte in den Semesterferien durchgeführt, arbeitet man häufig Vollzeit. Projekte, die während des Semesters durchgeführt werden, werden häufig am Wochenende oder am Abend bearbeitet, so dass das Studium nicht (zu sehr) darunter leidet.

Die Vergütung der Projekte ist vereins- und projektabhängig. Viele studentische Unternehmensberatungen führen auch pro bono-Projekte für gemeinnützige Einrichtungen durch. Der Tagessatz in regulären Projekten schwankt stark von JE zu JE. Ein grober Richtwert ist ein Tagessatz zwischen 150 und 300€. Zusätzlich sind natürlich auch die umfangreichen gesammelten Praxiserfahrungen sowie die erlernten Softskills, Softwarekenntisse und vieles mehr ein unbezahlbarer Lohn für die Arbeit.

Weblinks

Spezielle JEs:

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