Schummeln mit ChatGPT: "Meine Strategie war, die Mitleidsschiene zu fahren"

Autor*innen
Paul Weinheimer
Mann mit weit aufgerissenen Augen und pinker Sonnenbrille sitzt vor einem Laptop und rauft sich die Haare.

Mit ChatGPT kann man schummeln ohne aufzufallen. Oder nicht? Zwei Studierende und ein Journalist erzählen, warum sie aufgeflogen sind – und was die Strafe war.

e‑fellows.net präsentiert: Das Beste aus ZEIT Campus

Lies bei uns ausgewählte Artikel aus ZEIT Campus, dem Magazin der ZEIT für alle Abiturient:innen, Studierenden, Absolvent:innen und Young Professionals.

Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe: Generation GPT - Künstliche Intelligenz verändert die Welt. Wie junge Menschen an Unis und in Start-ups jetzt an der Zukunft arbeiten

Masterarbeit, Konzeptpapier oder Kochrezept: der Chatbot ChatGPT hat immer die passende Antwort und schreibt daraus auch noch einen schönen Text. Nur ist der Inhalt nicht immer richtig. Das liegt daran, dass ChatGPT mit Wortwahrscheinlichkeiten arbeitet. Wir haben mit drei jungen Menschen gesprochen, die ein bisschen zu sehr auf die Maschine vertraut haben.

„Wirklich Angst davor, aufzufliegen, hatte ich nicht“

Alex*, 26, hat mit ChatGPT eine Hausarbeit geschrieben

Ich saß vor meinem Laptop und starrte auf den Cursor meines Schreibprogramms. Kein Wort wollte mir in den Kopf kommen: totale Blockade. Da entschied ich mich, meine Biologie-Hausarbeit mit ChatGPT zu schreiben.

Ich tastete mich langsam heran: erst die Gliederung, dann Stichpunkte und zum Schluss die Quellen. Langsam entstand ein Text, den ich nur noch zusammenfügen musste.

Wirklich Angst davor, aufzufliegen, hatte ich nicht. Wieso auch? Der Text las sich super. Wochen nach der Abgabe kam eine E-Mail von meiner Professorin: Sie würde sich gerne mit mir über meine Arbeit unterhalten. Ich bekam Panik.

„Meine Betreuerin sagte, ich solle bitte aufhören, sie zu verarschen“ – Alex.

Am Tag des Gesprächs war ich sehr aufgeregt. Es fand in einem alten und großen Gebäude meiner Universität statt. Als ich feststellte, dass noch eine zweite Professorin anwesend war, dachte ich: Scheiße, das geht in eine ganz falsche Richtung.

Mir schossen zig Gedanken in den Kopf: Die sagen das bestimmt meiner Masterarbeitsbetreuerin. Ich werde exmatrikuliert. Ich muss die Arbeit noch mal schreiben. Äußerlich war ich ruhig, innerlich war Chaos.

Meine Strategie war, die Mitleidsschiene zu fahren, mich möglichst kleinzumachen und nichts zuzugeben. Die Professorinnen konfrontierten mich sofort. Sie seien sich ziemlich sicher, dass ich meine Arbeit mit ChatGPT geschrieben hätte. Zu viele Quellen seien fehlerhaft, außerdem habe ein KI-Detektor angeschlagen. Ich stritt alles ab. Meine Betreuerin sagte, ich solle bitte aufhören, sie zu verarschen.

Da ist mir ein Satz rausgerutscht, der vielleicht alles änderte: ‘Ich weiß aber nicht, was hier auf dem Spiel steht’, sagte ich. Ich hatte Angst um mein Studium. Das war wie ein Wendepunkt. Meine Betreuerin änderte ihren Ton. Sie versicherte mir, dass sie mich nicht exmatrikulieren wolle, sondern versuche, eine Lösung zu finden. Ich gab alles zu. Interessiert und ein bisschen belustigt fragten mich beide Professorinnen, wie ich denn genau vorgegangen sei, mit ChatGPT.

Ich hatte Glück. Weil es an meiner Universität noch keine offizielle Leitlinie zu KI-Verstößen gab, musste ich die Arbeit nur wiederholen. Hätte sich das Ganze ein halbes Jahr später ereignet, wäre ich exmatrikuliert worden.

„Wir kamen uns sehr schlau vor“

Charlotta*, 27, hat ihre Masterarbeit mit ChatGPT geschrieben

Chatty, wie wir ChatGPT liebevoll nannten, schrieb den Theorieteil unserer Masterarbeit. Ich schrieb meine Abschlussarbeit in Psychologie gemeinsam mit einer Kommilitonin. Perfekt sortierte Literatur und Quellen, sogar mit Zusammenfassung. Teils prüften wir die Quellen, aber eigentlich hatten wir keinen Zweifel an Chatty. Ich vertraute ihr manchmal mehr als mir selbst, immerhin kann ChatGPT auf das gesamte Internet zugreifen.

Mittlerweile hasse ich das Tool. Zu einer Masterarbeit gehört ein theoretischer Teil, der aus meiner Sicht der langweiligste ist. Und weil unser Themenbereich kaum erforscht war, war die Literaturrecherche aufwendig. Deshalb benutzten wir einfach ChatGPT. Vor der Masterarbeit hatte ich ChatGPT schon ein paar Mal eingesetzt, für kleine Abgaben in der Uni, E-Mails und Suchanfragen. In meinem Jahrgang machten das alle so. Angst, dass uns jemand erwischen könnte, hatten wir nicht. Das Tool war relativ neu und zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt.

Wir kamen uns sehr schlau vor und waren beflügelt von dem Gedanken, dass es keinen besseren Zeitpunkt hätte geben können, um eine Masterarbeit zu schreiben. Aber als wir unseren Betreuern den Zwischenstand der Arbeit präsentierten, waren wir doch aufgeregt. Nur waren die so begeistert wie wir!

Bis ich fünf Tage vor der Abgabe eine E-Mail bekam: "Super interessante Quellen, viele habe ich aber nicht gefunden. Können Sie mir die Links dazu schicken?" Absender war unser Professor. Panik. Was jetzt?

Wir fragten die Einzige, die uns helfen könnte: ‘Chatty, kannst du uns die Links zu den Quellen geben?’ Chatty antwortete: "Nein, das waren nur exemplarische Beispiele." Wir waren geschockt. 70 Prozent unseres Theorieteils: frei erfunden. Die Zusammenfassungen von ChatGPT hatten so gut geklungen, wir konnten es einfach nicht fassen. Wäre ich alleine gewesen, ich hätte wahrscheinlich sofort geheult.

Meine Kommilitonin und ich teilten die Kapitel unter uns auf, um die falschen Quellen auszutauschen. Die Zeit war so knapp, dass sogar meine Mitbewohnerin mithalf, die sich mit dem Thema gar nicht auskannte. Arbeit, für die wir eigentlich Monate Zeit hatten, erledigten wir in vier Tagen. Mit viel Kaffee und einigen Nachtschichten gaben wir am Ende eine ChatGPT-bereinigte Version ab. Mulmig war uns dabei trotzdem, weil wir alle vermeintlich interessanten Quellen ausgetauscht hatten. Aufgefallen ist das nicht. Seitdem hasse ich ChatGPT. Ein richtiger Hochstapler, der alles perfekt klingen lässt. Ohne die E-Mail unseres Betreuers hätten wir die Arbeit wahrscheinlich völlig fehlerhaft abgegeben und wären durchgefallen.

„Wie kann man nur so dumm sein?“

Frank*, 35, hat mit ChatGPT einen Zeitungsartikel geschrieben

Es war nicht mehr viel Zeit, der Zeitungsartikel musste schnell fertig werden. Es sollte um historische Orte in der Stadt gehen, in der ich arbeite. Um meinen Text interessanter zu gestalten, wollte ich von mehr als einem Ort erzählen. Ich kannte nur keinen zweiten. Also befragte ich ChatGPT.

Zu meinem Erstaunen lieferte mir die App einen weiteren historischen Ort "mit einer ähnlichen Geschichte und einer dazugehörigen Informationstafel". Die Beschreibung hörte sich sehr plausibel an. In meiner Zeitnot übernahm ich die Informationen ohne weitere Überprüfung in meinen Text.

Zwei Wochen später saß ich mit Freund:innen in einem Café und schaute auf mein Handy, auf dem eine Push-Benachrichtigung aufpoppte. Eine E-Mail von meiner Redaktion: Betreff: Wichtig.

„Für mich ist der Zauber von CHATGPT verflogen“ – Frank

In der E-Mail stand, dass Leser nach den von mir beschriebenen Orten gesucht hätten, aber nur einen finden konnten. Ob ich das aufklären könne?

Mein Herz raste. Auch wenn ich bei der Lokalzeitung, für die ich schreibe, nur ehrenamtlich tätig bin, bedeutet mir die Stelle einiges. Ich fürchtete um meine Glaubwürdigkeit. Ich versuchte mich zu beruhigen und mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen. Aber das ging nicht, ich konnte an nichts anderes mehr denken.

Ich war so verzweifelt, dass ich zweieinhalb Stunden durch die Stadt lief, um einen Ort zu finden, auf die meine Beschreibung ansatzweise passte. Mit Erfolg. Die Adresse war natürlich eine vollkommen andere.

Also sagte ich in der Redaktion, ich hätte mir nur die falsche Straße notiert. Damit gaben sich alle zufrieden. Ich lag trotzdem die ganze Nacht wach und ärgerte mich über mich selbst. Wie kann man nur so dumm sein?

Im Nachhinein ist mir dieser Fehler unfassbar peinlich. Für mich ist der Zauber von ChatGPT verflogen. Ich nutze es jetzt nur noch für kleine Recherchen im Alltag und prüfe alle Informationen auf ihre Richtigkeit.

*Die Namen aller Protagonist:innen sind anonymisiert, weil sie berufliche Nachteile befürchten. Sie sind der Redaktion bekannt. In der Geschichte von Frank* wird deshalb auch das genaue Thema seines Artikels nicht genannt.

Bewertung: 4,5/5 (19 Stimmen)

Weitere Artikel zum Thema Studium