Berufseinsteiger: Bereit zum Abflug

Autor*innen
Dominik Reintjes
Eine Frau klettert eine Leiter nach oben.

100 Bewerbungen, keine Zusage: Die Jobkrise trifft Akademiker unter 30 mit Wucht, zwingt zu Abstrichen und Planänderungen. So schaffen es Absolventen trotzdem in den Traumjob.

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Exakt 320 Zeilen muss Jasmin Voigt mit ihrer Maus überfliegen, ehe sie das Ende der Excel-Tabelle erreicht. Sie trägt darin laufend Firmen, Organisationen und staatliche Stellen ein, bei denen sie gern arbeiten würde. Zeile für Zeile. Kästchen für Kästchen. Voigt notiert, wann und wo sie sich beworben hat und eine Antwort erhielt. Bei einer Absage färbt sie die Kästchen rot. Ihre Liste gleicht einem Sammelalbum der Vergeblichkeit. Sie ist pickepackevoll mit Links zu Stellenausschreibungen und Bewerbungsfristen. Aber wann immer Voigt sie öffnet, sieht sie, wie viel Arbeit sie in die Jobsuche gesteckt hat – und dass keine Zeile grün ist.

Strukturiert sei sie immer schon gewesen, sagt Voigt, 28, die ihren richtigen Namen nicht in der Presse lesen möchte. Fleißig war sie auch: ein Bachelor in Ökonomie, ein Master in internationalen Studien, abgeschlossen mit Bestnote. Und erst ihr Lebenslauf! Semester in Südafrika, Indien, den USA, Praktikum in einem Ministerium. Es hilft nichts. Voigt findet keine Arbeit im Bereich internationale Zusammenarbeit. Keine Chance. Sie schafft es bei sieben Arbeitgebern ins Bewerbungsgespräch, ein Mal in die letzte Runde. Wieder eine Standardabsage. Da habe sie „den Laptop zugeklappt“, sei „heulend aus dem Zimmer gerannt“. Später hakt sie nach, will wissen, woran es gelegen hat, es sei doch gut gelaufen. Die Konkurrentin hatte ihr ein Jahr Berufserfahrung voraus. Voigt ist ratlos: „Wie soll ich Erfahrung vorweisen, wenn mir niemand eine Chance gibt?“

So wie Voigt ergeht es derzeit vielen jungen Akademikern. Ingenieure und Informatikerinnen, Biologinnen und Betriebswirte verschicken Anschreiben und Arbeitsproben, erweitern ihren Suchradius, bewerben sich auf Jobs, für die sie sich vor einem Jahr nicht mal im Traum interessierten. Nur um am Ende wieder eine Absage zu kassieren: „Dieses Mal hat es leider …“, „Wir haben uns anderweitig …“, „Auf Ihrem weiteren …“.

Firmen am Längeren Hebel

Vor ein paar Jahren glaubten Ökonomen noch das Ende der Arbeitslosigkeit nah. Die Boomer gingen in Rente, hieß es, Fachpersonal sei rar, daher verschöben sich die Kräfte auf dem Arbeitsmarkt: Junge Bewerberinnen und Bewerber würden künftig Personalern Gehaltsvorstellungen, Vier-Tage-Wochen und Extras diktieren. Und jetzt das: eine dramatische Jobkrise der Berufseinsteiger. Die Gründe? Die Bundesrepublik steckt in der längsten wirtschaftlichen Schwächephase seit ihrer Gründung fest. Unternehmen sind verunsichert, streichen Stellen, schaffen keine neuen, verbauen jungen Menschen die Zukunft. „Berufseinsteiger trifft die Krise besonders hart“, sagt Pascal Heß, Ökonom am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): „Weil sie für Unternehmen ein großes Risiko darstellen.“

Firmen setzten lieber auf erfahrene Arbeitskräfte, die sie nicht erst einarbeiten müssen. Seit Juni 2022 ist die Anzahl der arbeitslosen Akademiker unter 30 Jahren um 119 Prozent gestiegen. Im Juni dieses Jahres hatten Firmen etwa halb so viele Einsteigerjobs ausgeschrieben wie im Jahresschnitt 2019, zeigen Zahlen der Jobplattform Indeed. Auch Sprachmodelle und KI-Agenten spielen eine Rolle. Sie übernehmen Aufgaben, an denen bislang Anfänger wuchsen. 35 Prozent der Firmen planen bis 2030, weniger Juniorpositionen zu schaffen. Wegen KI. Ausdrücklich. Das zeigt eine Befragung von mehr als 1000 Personalverantwortlichen in Deutschland, die Kienbaum exklusiv für die WirtschaftsWoche durchgeführt hat. Wer sich mit Menschen in ihren Zwanzigern unterhält, hört einen Satz immer wieder, ungefiltert: „Es ist gerade einfach richtig scheiße.“ Die gute Nachricht: Die meisten hoffen immer noch, einen Job zu finden, der sie erfüllt. Wer lange genug sucht, hört Geschichten junger Leute, die es auf kreativen (Um-)Wegen, mit gefragtem KI-Wissen und Hartnäckigkeit in den Traumjob geschafft haben. Was lässt sich von ihnen abschauen?

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5. Die Nische besetzen

Daniel Bösch ist den Firmen, die beim Karrieretag Familienunternehmen Nachwuchs suchen, bereits aufgefallen. Sie erhielten vorab Profile der Teilnehmer und konnten bei Interesse Gespräche fernab des Trubels an den Ständen vereinbaren. Bösch hat Informatik in Karlsruhe studiert, neben dem Studium als Softwareentwickler gearbeitet. Als OpenAI 2019 das Sprachmodell GPT-2 auf den Markt bringt, das eigenständig Aufsätze und Geschichten schreibt, weiß er: „Die Möglichkeiten sind unglaublich.“ Er liest sich ein, arbeitet als Werkstudent und wissenschaftliche Hilfskraft an Software für die Steuerung von Industrierobotern, besucht Seminare. Seine Bachelorarbeit widmet er der Automatisierung der Bauchchirurgie. 2022, mit dem Abschluss in der Tasche, erhält Bösch „viele Jobangebote als Softwareentwickler“. Damals buhlen Firmen mit hohen Gehältern um Entwicklerinnen und Entwickler. Bösch schlägt alles aus: „Ich will lieber den Master machen und an KI-Anwendungen arbeiten, die Sinn stiften – für mich und für die Welt.“ Jetzt hat er bald den Master. Und die Jobsuche ist schwieriger.

Im ersten Halbjahr verzeichnete Indeed für Berufseinsteiger in der Softwareentwicklung fast 70 Prozent weniger Stellen als 2022. Seine Entscheidung bereut Bösch nicht. Er arbeitet sich noch tiefer in die robotische Chirurgie ein. Für seine Masterarbeit will er an einer Uni in Dänemark forschen. Dort steht ein professioneller OP-Roboter. Bösch möchte Experimente durchführen und den Einsatz von KI-Modellen in der Chirurgie sicherer machen. Der 27-Jährige hat sich spezialisiert. Und betont das auf seiner Internetseite und bei LinkedIn. Er beschreibt dort seine Projekte, etwa den Verein, den er in Karlsruhe gegründet hat und in dem Studenten an autonomen Robotern tüfteln. Gerade erst haben sie bei einem Wettbewerb den dritten Platz belegt. Bösch und seine Mitstreiter haben einem Roboterarm beigebracht, einen orangenen Tischtennisball auf einer flachen Platte zu balancieren. Mit dem Preisgeld wollen sie Roboter kaufen – und Sponsoren anwerben. „Und wer weiß“, sagt Bösch, während er über die Flure der Schwarz Gruppe schreitet, „vielleicht springt dabei ja irgendwann ein Job raus.“ Auch wenn er kein „KI-Experte mit zehn Jahren Erfahrung“ sei. Das Gute: „Das kann fast niemand von sich behaupten. Weil die Technologie so neu ist.“ Bei KI sind Alter und Berufserfahrung nicht so entscheidend.

„Mit Begeisterung rund um KI können sich junge Bewerber von älteren Kandidaten abheben“, sagt Vanessa Rühmann. Die Daten von Kienbaum zeigen: 57 Prozent der Befragten schätzen, dass nicht einmal jeder zweite Bewerber die KI-Anforderungen erfüllt, die es für eine Stelle braucht. Böschs Taktik geht auf. Wenige Wochen nach dem Karrieretag in Neckarsulm erhält er ein Angebot für eine Promotionsstelle. Um zu Robotern in der Chirurgie zu forschen. Genau der Bereich, auf den er sich spezialisiert hat. Geschafft!