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"Wir sind die Blaupause der digitalisierten Bildung"

Digitalisierung Mann VR [Quelle: unsplash.com, Adrian Deweerdt]

Quelle: unsplash.com, Adrian Deweerdt

Ein Gespräch mit Professor Heribert Nacken über Avatare, die im virtuellen Hörsaal kritische Fragen stellen, Glatteis und wie die RWTH Aachen digitales Lernen fürs Land entwickelt.

Herr Professor Nacken, Sie sind Bauingenieur an der Rheinisch-Westfälisch-Technischen Hochschule Aachen, der RWTH, federführend in der Digitalisierung unterwegs und in der Corona-Krise so gefragt wie nie. Rektoratsbeauftragter Blended Learning und Exploratory Teaching Space steht auf Ihrer Karte. Was machen Sie genau?

Na ja, da gibt es zurzeit in der Republik viele, die im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Lehre im Rahmen einer "Druckbetankung" gefragt sind. Zu Ihrer Frage: Der Digitalisierungsbeauftragte ist so etwas wie ein Scharnier zwischen den Wünschen und Vorgaben des Rektorates und der digitalen Kultur der einzelnen Fächer. Die RWTH arbeitet seit 2009 an der "Studierenden zentrierten Lehre", und seit 2017 haben wir auch eine codierte Digitalisierungsstrategie, die jeder auf unseren Websites finden kann. Wir wollen nicht einfach alles digital machen, sondern Blended Learning realisieren.

Bei diesem Stichwort schrillen bei vielen Professorenkollegen die Alarmglocken – wegen der nicht unberechtigten Befürchtung, künftig kaum noch Präsenzvorlesungen geben zu können. Mit der Skepsis sind sie in guter Gesellschaft frustrierter Lehrer, die sich über Nacht in digitales Unterrichten einarbeiten mussten.

Sie kennen sicher Blended Whisky. Das ist eine Mischung von unterschiedlichen Sorten von Whiskys. Blended Learning ist nichts anderes, nur ohne Alkohol. Es ist eine Mischung von unterschiedlichen Arten des Lehrens, digital und analog. Entscheidend ist dabei für uns: Der erste Kontakt mit unseren Studierenden erfolgt immer über einen Dozierenden. Danach können sich unsere Studierenden die Medien raussuchen, die zu ihren persönlichen Präferenzen, analog oder digital, passen.

Ein Projekt, das Sie entwickeln, ist der virtuelle Hörsaal. Dazu sind Sie und Ihr Kollege auf dem mittelalterlichen Katschhof in Aachen als Avatar unterwegs und begeben sich in einen virtuellen Hörsaal. Das sieht beeindruckend aus, erklären Sie uns den Sinn.

In dem Projekt MyScore der RWTH Aachen geht es darum, die Möglichkeiten der virtuellen Realität für das Lehren und Lernen zu erforschen und weiterzuentwickeln. In dem von Ihnen aufgeführten Beispiel gibt es einen Avatar, der fast so aussieht wie ich selbst, um in einem virtuellen Umfeld mit Studierenden und Dozierenden gemeinsame Aktionen zu starten. Dabei ist es vollkommen egal, wo die Personen sich gerade in der Realität befinden. Sie nutzen einfach eine sogenannte VR-Brille, also Virtuell-Reality-Brille, und wählen sich über das Internet die jeweils freigegebenen Lehr- und Lernszenarien. In diesen VR-Szenarien kann ich fast alles machen, was ich auch in der physischen Welt machen kann. Mit dem wesentlichen Vorteil, dass ich Menschen in einem Umfeld interagieren lassen kann, das sie als real empfinden, obwohl sie nicht wirklich dort sind.

Welche Projekte bearbeiten Sie dann?

Zum Beispiel ein Projekt zum Schutz der Bevölkerung vor den Einflüssen von Starkregen. Wir simulieren in der virtuellen Realität eine Bürgeranhörung, wie sich die Aachener Bürger vor Starkregen schützen sollten. Meine Studierenden bekommen dann die Aufgabe, einen kurzen fachlichen Beitrag dazu zu erstellen. Was sie aber nicht wissen: dass ich sie aufs Glatteis führen möchte.

Hört sich ja spannend an.

Ist es auch, denn was die Studierenden nicht wissen, ist, dass sich andere Studierende aus dem Kurs hinter Avataren im Szenario verbergen und diese von mir die Aufgabe bekommen haben: Was immer die beiden vortragen, das lassen Sie nicht stehen, das ist alles Quatsch, zu teuer, Verschwendung von Steuergeldern oder was immer ihnen dazu einfallen sollte. Die Vortragenden werden also richtig angegangen und sollen lernen, die Contenance zu wahren und nicht selber aus der Hose zu springen.

Virtuelle Projekte

Aber das ließe sich doch auch als Rollenspiel im Seminarraum machen?

Stimmt, aber der Aufwand wäre viel zu groß. Um das realistisch abbilden zu können, brauchten wir 100 bis 200 Statisten, das würden wir niemals schaffen. Durch den Einsatz der Techniken der virtuellen Realität können die Designer und Programmierer nahezu beliebige Settings für uns bereitstellen, so dass wir extrem gut variieren können. Außerdem können unsere Studierenden die Szenarien mehrfach durchspielen, bis sie mit ihrer Performance zufrieden sind.

Wer moderiert denn dann hinterher diese Auseinandersetzung?

Das ist ebenfalls eine Besonderheit. Die Studierenden bekommen Rückmeldungen aus zwei fachlichen Perspektiven. Ich übernehme das aus der Sicht des Ingenieurs; also gibt es dann in der Regel eine direkte Rückmeldung "rheinisch auf die 12". Mindestens so wichtig ist aber mein Kollege Malte Persike. Er ist unser wissenschaftlicher Leiter des Centers für Lehr- und Lernservices und Psychologe. Er gibt Feedback aus der psychologischen Perspektive. Das geht eher so: "Sehr gut, dass Sie auf der Sachebene eingestiegen sind. Gehen Sie bei Ihrem nächsten Ansatz erst mal auf die emotionale Ebene, um die betroffene Person auch auf dieser Ebene abzuholen." Diese Doppelperspektive hilft unseren angehenden Ingenieuren und Ingenieurinnen sehr.

Was fällt künftigen Ingenieuren denn daran in der Regel besonders schwer?

In der klassischen Ausbildung haben unsere Studierenden nicht die Möglichkeit, sich auf das vorzubereiten, was später im Beruf auf sie zukommen wird. Überspitzt darf ich sagen: Unsere Ingenieure und Ingenieurinnen können super berechnen, dimensionieren und planen, aber bei den Kommunikationskompetenzen, da hapert es dann oftmals doch ganz ordentlich, denn diese lernen sie normalerweise nicht im Studium.

Mit den digitalen Möglichkeiten übernehmen Sie also auch das, was an sogenannten Soft Skills von Bewerbern gefragt ist. Was sind denn noch typische Szenerien, die Sie durchspielen?

Nach meiner Auffassung lernen die Bauingenieure zu wenig über Jura. Deshalb arbeiten wir mit einer Law School, der Bucerius School of Law in Hamburg, zusammen, um die Studierenden der beiden Disziplinen wechselseitig lernen zu lassen. Unsere Studierenden nutzen die VR-Technik, um mit angehenden Juristen gemeinsam praxisrelevante Fälle durchzuspielen, wobei die Juristen sich ebenfalls über VR-Brillen zuschalten. Ein Projekt kann zum Beispiel sein, dass die Bauingenieure vorbereiten müssen, was man braucht, um eine Genehmigung für Hochwasserrückhalteräume zu erlangen, und die Juristen die rechtlichen Fallstricke bewerten. Auch das würden wir in der analogen Lehre mit Reisen von A nach B nicht realisieren können.

Ein weiteres Beispiel betrifft die Fakultät für Georessourcen und Materialtechnik, dort werden Bergbaubegehungen simuliert.

Das ist ein Teil von MyScore, den mein Kollege Bernd Lottermoser realisiert. Er setzt die VR-Technik ein, damit seine Studierenden in der virtuellen Realität die Möglichkeit bekommen, den konkreten Betrieb von Bergwerken immersiv zu erleben, also quasi selber in den Betrieb einzutauchen.

Das Projekt MyScore wird für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) realisiert. Wie läuft der internationale Austausch?

Der DAAD wünscht sich, dass seine verschiedenen Förderungen von Studierenden und Dozierenden stärker von den Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren sollten. Mein Lehr- und Forschungsgebiet Ingenieurhydrologie wird all unsere Entwicklungen in dem Projekt nach der Laufzeit von drei Jahren als offene Software und alle unsere Szenarien als offene Bildungsressourcen, sogenannten Open Educational Resources, bereitstellen, die dann jede andere Hochschule nutzen kann. Das ist es, was sich der DAAD unter anderem von dem Projekt verspricht.

Das Aachener Gegenstrommodell

Zurück zum Anfangspunkt. Im Blitzverfahren müssen gerade unter hohem Zeitdruck so viele Veranstaltungen wie möglich darauf umgestellt werden, online zu sein. Wie geht das logistisch?

Die RWTH Aachen stellt sich darauf ein, dass das aktuelle Sommersemester schwerpunktmäßig oder eventuell vollständig online-basiert ablaufen wird. Dazu stellt das Rektorat allen Dozierenden Werkzeuge und Unterstützung bereit, um diese Herausforderung bestmöglich zu bewältigen und vor allem möglichst keine Einbußen bei der Qualität der Lehre zu bekommen.

Das bezeichnet die Hochschule offiziell etwas steif als Ermöglichungskultur.

Na ja, wir nennen das auch das Aachener Gegenstrommodell: Das Rektorat legt strategische Ziele für die Digitalisierung fest, stellt dafür einen ausgeklügelten Service für die Dozierenden bereit, und die Fakultäten verständigen sich auf der anderen Seite auf die jeweilige digitale Fachkultur. Denn wir wissen in Aachen auch, dass Kultur niemals von oben, sondern aus der Fachkultur kommt. Sie können es auch gerne etwas bildhafter haben: Vom Rektorat fallen preußisch Vorgaben runter, und die jeweilige Fachkultur diffundiert dann rheinisch von unten nach oben. Das ist natürlich ein iterativer Aushandlungsprozess, der auf beiden Seiten Reibungen produzieren kann. Am Ende verständigen sich beide Seiten auf die notwendigen Serviceleistungen, die unser Rektorat dann auch finanziell ausstattet. Das können Sie dann als Aachener Ermöglichungskultur ansehen.

Für Ihre Digitalisierungsstrategie in der Lehre ist die Uni ausgezeichnet worden.

Ja, die RWTH hat als erste Universität 2017 den „Genius Loci“ vom Stifterverband und der Volkswagen-Stiftung erhalten. Das Tolle daran ist, dass dieser Preis, anders als der Ars-legendi-Preis für exzellente Lehre, für alle Mitglieder der Universität vergeben wird, die sich an der Lehre beteiligen. Es ist somit ein Schulterklopfen für alle hier für ihre Bestrebungen, das Beste aus zwei Welten, der analogen und der digitalen Welt, für unsere Studierenden bereitzustellen.

Aachen ist dann also die Blaupause für andere Hochschulen?

Mit rheinischem Understatement würde man sagen: eine mögliche, sinnvolle und sicher zielführende Blaupause. Noch ein Gedanke dazu: Allein für die Erklärung des Wasserkreislaufs gibt es, nur für Schulen, 258 verschiedene Videos. Das ist eine Verschwendung von Ressourcen.

Offene Bildungsressourcen, das hört sich gut an. Aber ist das nicht ein offenes Einfallstor für Ideenklau?

Nein, das ist alles sehr seriös geregelt. Damit nicht geklaut wird, gibt es Lizensierungen in sechs verschiedenen Kategorien. Hierzu nutzen wir sogenannte Creative Commons, eine Lizensierung, die standardisiert ist. Es wird darin zum Beispiel klar vermerkt: Frau Müller stellt diese offene Bildungsressource (OER) zur Verfügung, sie möchte, dass jeder, der das nutzt, aber auch konkret sagt, dass diese OER von Frau Müller kommt. Diese Idee der Open Educational Resources geht auf die Unesco zurück. Das ist etwas, was wir in der digitalen Hochschulwelt noch besser lernen müssen: Nicht jeder muss alles selber machen. Wir sollten uns gegenseitig durch den Aufbau digitaler Bildungsressourcen unterstützen, die wir gemeinsam nutzen und weiterentwickeln, um die beste Bildung für unsere Studierenden zu ermöglichen. Meine Hoffnung ist, dass wir nach der Pandemie in der Bundesrepublik mit Sieben-Meilen-Stiefeln in diese Richtung der Digitalisierung losrennen werden.

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