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Entwicklung nach 1945

Nach 1945 blieb diese Maßnahme unangetastet, hatte sie doch die Qualität der Dissertationen tatsächlich gesteigert. Diente der Publikationszwang zunächst lediglich der Qualitätskontrolle, so geht es heute maßgeblich um die Verbreitung der Forschungsergebnisse. Es ist ein gutes Zeichen, dass uns ein Plagiatsskandal wie der Fall Guttenberg so tief erschüttert hat, im 19. Jahrhundert der "Pseudodoktoren" hätte sich wohl niemand dafür interessiert. Wegen derartiger Plagiate etwa die Promotion auf die akademische Laufbahn zu beschränken besteht aber kein Anlass. Denn die deutsche Rechtskultur profitiert davon, dass die wissenschaftlichen Erfahrungen und Fähigkeiten aus der Promotionszeit in die juristische Praxis einfließen. Wer trotz der üblichen Rückschläge und Selbstzweifel eine Dissertation vorgelegt hat, beweist neben seiner Fähigkeit zu wissenschaftlichem Arbeiten auch Durchhaltevermögen – Qualitäten, die über die durch die juristischen Examina nachgewiesenen hinausgehen und in der Praxis geschätzt sind.

Blickt man auf das heute Erreichte, so müssen die jüngeren und jüngsten Entwicklungen alarmieren. Es spricht für sich, wenn Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, eine "wirkliche Promotionskultur" fordert, in der es nicht um "Promotionsstudierende", "Promotionsausbildung", "Skills" und "Creditpoints" geht, sondern um Bildung, akademische Freiheit, Autonomie und Wissenschaftsethik – Aufgaben, denen die Graduierten-Institutionen "nur teilweise, aber nicht ausreichend oder gar umfangreich" nachkämen.

Weitaus bedenklicher ist die Verleihung des Promotionsrechts an Fachhochschulen, die Hessen, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt und zuletzt Nordrhein-Westfalen in unterschiedlichen Formen vorsehen oder planen. Nach dem am 1.10.2019 in Kraft getretenen § 67b des nordrhein-westfälischen Hochschulgesetzes überführen die Fachhochschulen ihr "Graduierteninstitut für angewandte Forschung" in ein "Promotionskolleg für angewandte Forschung"; dem Promotionskolleg oder einzelnen seiner Fachbereiche kann das Wissenschaftsministerium "auf der Grundlage einer Begutachtung durch den Wissenschaftsrat oder eine vergleichbare, vom Ministerium benannte Einrichtung das Promotionsrecht verleihen". In dieser Zeitung (F.A.Z. vom 21.3.2019) hat Christian von Coelln die Einwände gegen die (damals noch geplante) Einführung des Promotionskollegs treffend formuliert. Die Hochschulrektorenkonferenz, der Allgemeine Fakultätentag, der Deutsche Juristen-Fakultätentag und der Deutsche Hochschulverband lehnen das Promotionsrecht für Fachhochschulen ab. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung äußert Bedenken wegen der fehlenden qualitätssichernden Einbindung einer Universität.

Diese Entwicklung bedroht die Wissenschaft als System. Darauf hat Joachim Lege, Vorsitzender des Deutschen Juristen-Fakultätentags, in dieser Zeitung eindringlich hingewiesen und das Promotionsrecht zu Recht allein für die Universitäten beansprucht (F.A.Z. vom 6.9.2019). Insbesondere die nordrhein-westfälischen Bestimmungen sind nicht nur wissenschaftspolitisch verfehlt, sondern auch verfassungswidrig: Der Gestaltungsspielraum des Gesetzgebers ist durch die Grundrechte begrenzt, beim Promotionskolleg der Fachhochschulen durch die Freiheit von Forschung und Lehre als dem institutionellen Grundrecht der Universitäten aus Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz. Das Promotionskolleg soll lediglich Promotionen durchführen oder "managen", jede Verankerung in Forschung und Lehre fehlt. Anders als in Schleswig-Holstein ist eine Beteiligung der Universitäten am Kolleg nicht nur nicht vorgesehen, sondern offenbar – § 67b Abs. 4 HG NRW – ausgeschlossen. Die Übertragung des Promotionsrechts an eine Institution, der mangels Forschungsanbindung die Voraussetzungen zur Ausübung dieses Rechts fehlen, entwertet die Promotion als Ausweis wissenschaftlicher Befähigung.

Auch der allgemeine Gleichheitssatz (Art. 3 Abs. 1 Grundgesetz) steht der Einrichtung derartiger Promotionskollegs entgegen. Er gebietet nicht nur, Gleiches gleich, sondern auch Ungleiches ungleich zu behandeln. Zwischen den Fachhochschulen und den Universitäten bestehen wesentliche Unterschiede, die die Ungleichbehandlung gebieten. Im differenzierten deutschen Hochschulsystem haben die Fachhochschulen deutlich weniger Forschungsaufgaben, sondern sollen die Anwendung vorhandenen Wissens vermitteln. Die für die Fachhochschulen mittlerweile übliche Bezeichnung als "Universitäten für angewandte Wissenschaften" usurpiert den Begriff der Universität. Die universitas scientiarum ist per definitionem die Forschungsuniversität.

Ein eigenes Promotionsrecht der Fachhochschulen ist überdies entbehrlich. Für die Promotion von FH-Absolventen gibt es für FH-Professorinnen und -Professoren mittlerweile fast überall die Möglichkeit, mit Fakultäten der Universitäten zu kooperieren oder an ihnen assoziiert zu werden. Das Promotionsrecht für Fachhochschulen wird vor allem gefordert, weil nur wenige FH-Absolventen über Kooperationen an den Universitäten promoviert worden sind. Es geht erneut um Quantität, nicht um Qualität – und wieder um Geld. Die Fachhochschulen wollen an dem Prestige der Universitäten teilhaben. Prestige ist in Zeiten chronischer Unterfinanzierung der Hochschulen einer- und der Exzellenzstrategien andererseits von erheblichem Vorteil im Wettbewerb um Mittel. Und über das Promotionsrecht kann man sich bei seinen Förderern revanchieren – mit dem Prestige des Ehrendoktors, auch ohne wissenschaftliche Leistungen. Die Ehrenpromotion wird zur "Währung", zur Gegengabe für Drittmittel oder auch für die Hilfe des eigenen Landtagsabgeordneten bei der Positionierung der Fachhochschule.

Auf dem Spiel steht nichts weniger als das Wissenschaftssystem insgesamt. Die Stärkung der Fachhochschulen führt zur Schwächung der Universitäten. Erhalten die Fachhochschulen das Promotionsrecht, können es die außeruniversitären Forschungseinrichtungen erst recht beanspruchen. Da sie im Unterschied zu den Universitäten finanziell gut ausgestattet sind und regelmäßig attraktivere Forschungsbedingungen bieten, besteht für den akademischen Nachwuchs kein Grund, an der Universität zu bleiben. Und ein Promotionskolleg mit den Forschungsabteilungen großer Industrieunternehmen ist auch nicht mehr ausgeschlossen. Kommt es im heutigen System der Fremdfinanzierung dann nur noch auf den Preis an, den der Hofpfalzgraf für das ius promovendi zahlt?

Das mühsam erreichte hohe Niveau der Promotionen darf nicht aus rein politischen Gründen aufgegeben werden. Das Promotionsrecht steht ausschließlich den Universitäten zu, die in unserem bewährten Wissenschaftssystem nach dem Grundgesetz zu alleinigen Hütern der wissenschaftlichen Qualität des Promotionswesens berufen sind.

Professor Dr. Christian Hattenhauer lehrt Bürgerliches Recht und Rechtsgeschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Ich sehe andere Probleme bei dem Vorhaben in NRW. Am Promotionskolleg sind nur Programm-Doktoranden vorgesehen. Keine jahrelange selbstständige Forschung, sondern quasi ein 2. Master, der halt mit der Promotion endet. Das ist widersinnig und völlig ueberfluessig. Das Ansehen des Doktors ist aber auch durch die Unis selbst gefährdet, die Doktoren am fliessenden Band produzieren, als gäbe es kein Morgen mehr. Manche Doktoren und Doktorinnen sind selbst in ihrem vermeintlichen Fachgebiet so begnadet unfähig, dass man sich fragt, wie die an die Promotion gekommen sind. Da geht es auch nur um Prestige der Doktor-Väter und -Muetter, die sich mit Lorbeeren schmuecken, die bei näherem Hinsehen zu Unkraut werden, weil da nichts hinter steckt. Und dann die Plagiate... Regelmässig tauchen neue Plagiate auf... Vornehmlich bei Politikern, den Leuten, denen man das Vertrauen entgegenbringen soll, sich von ihnen regieren zu lassen. Ich sehe einen FH-Doktor nicht negativ, WENN die Promotion anständig ausgestaltet ist. Klar gibt es die Unterteilung, dass eine FH nicht forschen, sondern lehren soll, aber was ist dann mit dem Master? Der soll ja schon in die Forschungsrichtung gehen. Wenn wir diese Unterteilung so streng anlegen, duerfte es keine Master an FHs geben. Da ist auch die Frage, ob das wirklich gewollt ist. Ich bin dagegen FHs als Bildungsstätten zweiter Klasse anzusehen und sie so zu behandeln, denn sie lehren sehr sehr wichtige Dinge, die Universitäten in ihrem Selbstverständnis nicht leisten können.

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