Partner von:

Corona – Wann ist es endlich vorbei?

Mona Lisa Corona Mundschutz Infektion [Quelle: pixabay.com, Sumanley xulx]

Quelle: pixabay.com, Sumanley xulx 

Am Wochenende (21. März) hat die Bundesregierung das deutschlandweite Kontaktverbot verkündet. Viele Leute fragen sich inzwischen, wie lange wir eigentlich die aktuellen Quarantänemaßnahmen durchziehen werden müssen. Denn eines ist sicher: mit 14 Tagen ist es sicherlich nicht getan.

Wenn wir Tausende Tote wegen Coronavirusinfektionen, wie es sie derzeit in Italien gibt, vermeiden wollen, dann brauchen wir langfristige Maßnahmen. Aber was heißt das genau? Wie lange müssen wir die soziale Isolierung noch durchhalten?

Schätzungen bieten keine Gewissheit

In der letzten Woche sind erste Modellrechnungen aufgetaucht, die uns verraten sollen, wie streng und vor allem wie lange wir Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus durchführen müssen.

Vorab: Die wissenschaftlichen Daten und Zahlen zu Corona ändern sich ständig. In diesem Artikel schauen wir uns Modellrechnungen an – das sind also Rechnungen von Wissenschaftlern wie Epidemiologen, die Schätzungen durchführen.

Schätzungen aufgrund der Daten, die wir bisher gesammelt haben (die aber nicht unbedingt vollständig sind – beispielswweise gibt es eine hohe Dunkelziffer bei den Infizierten, viele tauchen in den bisherigen Statistiken gar nicht auf).

Es sind Schätzungen aufgrund von Zahlen, die wir von vergleichbaren Virusepidemien aus der Vergangenheit kennen.

Aber eben auch Schätzungen, die auf vagen Annahmen beruhen und nicht immer auf tatsächlichen Zahlen. Die sehr mutig sind und komplett falsch sein können, was am Ende einer Modellrechnung extreme Auswirkungen haben kann.

Kurz gesagt: Wie gut wir einem Modell vertrauen können, dass seine Vorhersage tatsächlich zutrifft, ist sehr unsicher.

Es ist aber die beste Möglichkeit einer Einschätzung, die wir zum jetzigen Zeitpunkt für die Zukunft machen können.

Britische Experten rechnen vor

Eines der momentan am meisten beachteten Modelle stammt vom Imperial College in London, also aus Großbritannien. Die Wissenschaftler haben sich in dieser Rechnung angeschaut, wie sich bestimmte Maßnahmen auf Infektionsraten und Krankenhauseinweisungen in Großbritannien und den USA (also nicht Deutschland, aber dennoch damit vergleichbar) auswirken.

Diese Studie lieferte so gravierende Ergebnisse, dass die britische Regierung ihre bisherige Strategie im Kampf gegen das Corona-Virus komplett umgekrempelt hat. Vielleicht habt ihr mitbekommen, dass Großbritannien zunächst die Ausbreitung des Virus ungehemmt laufen lassen wollte. Also keinerlei Maßnahmen zur Isolierung von Bürgern ergreifen wollte.

Nach Veröffentlichung der Modellrechnung hat sich die britische Regierung dann aber doch für eine Isolierung seiner Bürger und Schulschließungen entschlossen. Was war der ausschlaggebende Punkt dafür?

Schauen wir uns die Studie einmal genauer an. Die englischen Forscher haben in ihrer Modellrechnung mehrere Szenarien betrachtet:

Wie entwickelt sich die Ausbreitung des Virus, wenn wir:

1. überhaupt nichts tun, um das Virus einzudämmen.

2. Leute, die sicher infiziert sind isolieren. Und zwar entweder nur diese Menschen oder auch alle engen Kontaktpersonen (also zum Beispiel auch alle in einem Haushalt wohnenden Familienmitglieder).

3. Schulen und Universitäten schließen, also Orte, an denen sich viele Menschen versammeln.

3. wie aktuell bei uns in Deutschland "social distancing" durchführen. Hier noch mal unterschieden zwischen:

  • was passiert, wenn wir nur Risikogruppen isolieren (also ältere Leute oder solche mit Vorerkrankungen, die ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf haben).
  • oder aber die gesamte Bevölkerung ihre sozialen Kontakte deutlich reduziert (so wie wir das hier in Deutschland momentan handhaben).
Was waren die Ergebnisse?

Im ersten Szenario, also wenn wir überhaupt nichts tun, um die Virusausbreitung einzudämmen, verbreitet sich das Virus exponentiell.

Der Vorteil: Es kommen relativ schnell die meisten Menschen mit dem Virus in Kontakt (Kurve steigt an), machen die Infektion durch und werden immun gegen das Virus. Es baut sich also sehr rasch eine sogenannte „Herdenimmunität“ in der Bevölkerung auf, sodass die weitere Ausbreitung des Virus von ganz alleine gestoppt wird (die Kurve fällt wieder ab). Wenn genügend Menschen immun gegen das Virus sind (momentan rechnet man mit Zahlen von 60 bis 70 Prozent), dann stecken sich auch keine weiteren mehr damit an. Klingt also erstmal ganz vernünftig.

Jetzt kommt das große Aber: Wenn sich viele Menschen in kurzer Zeit mit dem Virus anstecken, kommen wir auch relativ schnell an den Punkt, an dem sich aktuell Italien befindet (höchster Punkt der Kurve). Nämlich, dass die Zahl der Menschen, die schwer erkranken und im Krankenhaus behandelt und beatmet werden müssen, die Kapazitäten unseres Gesundheitssystems überschreiten. Das wird in diesem Szenario zum Problem.

Corona Kurve Marlene Heckl [Quelle: Marlene Heckl]

Eine ungebremste Ausbreitung des Virus überlastet das Gesundheitssystem sehr schnell.

Es sterben dann sehr viele Menschen, die nicht behandelt werden können, weil es nicht genügend Beatmungsgeräte, Ärzte und Pflegekräfte gibt, um alle gleichzeitig zu versorgen. Dann kommt die "Triage" zum Einsatz: Ärzte müssen die unmenschliche Entscheidung treffen, welche Patienten sie noch behandeln können und welche man, hart gesagt, zum Sterben zurücklässt. Das will man natürlich niemanden zumuten.

Laut den englischen Epidemiologen sterben in diesem Szenario bis zu zwei Millionen Menschen alleine in den USA.

Was ist aber, wenn wir uns die anderen Maßnahmen anschauen?

Also was passiert, wenn wir sicher infizierte Menschen und all ihre engen Kontaktpersonen gezielt isolieren?

Oder wenn wir nur die Risikogruppen isolieren? Also nur die Alten und Vorerkrankten zu Hause bleiben, damit sie sich nicht anstecken? Als Argument wird hier häufig angeführt, dass sich dann die gesunden jungen Menschen schnell infizieren könnten (Stichwort: Corona-Parties) und damit helfen, die so notwendige Herdenimmunität in der Bevölkerung schnell aufzubauen.

Auch das haben die Wissenschaftler durchgerechnet und sind zu dem Schluss gekommen, dass diese Maßnahmen (egal ob alleine oder in Kombination) es ebenfalls nicht schaffen würden, die Ausbreitung des Virus so gut einzudämmen, dass ausreichend Intensivbetten für schwerkranke Patienten zur Verfügung stehen. Mit anderen Worten: Selbst dann sterben immer noch zu viele Menschen, die es eigentlich nicht müssten. Das drastische Ergebnis: Man hätte achtmal so viele Patienten, die man beatmen müsste, wie man beatmen kann.

Das sind natürlich Zahlen aus England und den USA. In Deutschland haben wir zum Glück beinahe doppelt so viele Intensivbetten pro Einwohnerzahl. Allerdings schätzen Experten, dass auch bei uns die Kapazität des Gesundheitssystems in diesen Szenarien überschritten würde.

Verschoben ist nicht aufgehoben

Was sich in der Studie gezeigt hat, ist, dass die Kombination verschiedener Maßnahmen – nämlich die Isolierung von Infizierten PLUS die Schließung von Schulen und Universitäten PLUS eine generelle Kontaktreduzierung der gesamten Bevölkerung – die Infektionszahlen so niedrig halten kann, dass unser Gesundheitssystem es gerade so schafft, alle Schwerkranken zu versorgen.

Die Crux dabei: Es bildet sich in der Zeit aber keine Herdenimmunität in der Bevölkerung aus. Niemand steckt sich an, niemand wird immun. Sprich: Sobald die Maßnahmen beendet werden und die Leute sich wieder fröhlich draußen verabreden, schnellen die Infektionszahlen wieder in die Höhe. Und das Spiel geht von vorne los – wir stehen also wieder vor demselben Problem wie jetzt, denn verschoben ist nicht aufgehoben!

Wir können natürlich diese umfangreichen Isolierungsmaßnahmen auch nicht für immer durchführen – das ist völlig illusorisch.

Und ja es ist richtig, wir gewinnen durch diese Maßnahmen Zeit. Zeit, um mehr Intensivbetten anzuschaffen und das medizinische Personal aufzustocken. Zeit, um ein Medikament zu entdecken. Oder auch Zeit, um einen Impfstoff zu entwickeln, der die Bevölkerung schützen kann, indem er sie gegen das Virus immun macht.

Nur wie lange dauert das? Laut Schätzungen können wir frühestens in einem Jahr mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffs rechnen. So lange können wir aber keinen kompletten Lockdown durchhalten – die Folgen für die Wirtschaft und die Gesellschaft wären katastrophal.

Man muss also versuchen, realistisch durchführbare Maßnahmen zu ergreifen. Realistisch heißt: Maßnahmen, die über längere Zeit durchgehalten werden können. Und die gleichzeitig eine Immunisierung der Bevölkerung erlauben ohne das Gesundheitssystem zu überlasten.

Aber ist das überhaupt möglich?

ON-OFF-Taktik als Hoffnungsschimmer

Bei den englischen Epidemiologen steht derzeit folgende Lösung hoch im Kurs: Ich nenne sie mal die "ON-OFF-Taktik".

Wir müssen die strengen Isolierungsmaßnahmen wie mit einem Lichtschalter immer mal wieder an- und abschalten.

Das heißt: Wir beobachten ganz genau die Zahl der schwerkranken Patienten auf den Intensivstationen und sobald eine gewisse Grenze überschritten ist, halten wir uns streng an die soziale Distanzierung (ON), um weitere Infektionen und damit auch Schwererkrankte zu vermeiden.

Sobald die Fallzahlen wieder sinken und die sich die Situation wieder entspannt, können die Maßnahmen dann gelockert werden (OFF). Kinder können wieder zu Schule gehen und Menschen sich draußen verabreden.

Sobald die Zahl der Erkrankten aber wieder zu stark zunimmt, werden die Isolierungsmaßnahmen wieder verschärft (ON). Es ist also ein ständiges Auf und Ab, sodass sich die Erkrankung in mehreren Wellen in der Bevölkerung ausbreitet und zwar solange bis eine Herdenimmunität entsteht oder aber der Impfstoff verfügbar ist.

Corona ON-OFF-Taktik [Marlene Heckl]

Mit der ON-OFF-Taktik lässt sich ein Totalkollaps des Gesundheitssystems vermeiden, aber zu welchem Preis?

Diese Strategie hat den Vorteil, dass wir ab der zweiten Erkrankungswelle schon Menschen haben, die gegen das Virus immun geworden sind. Also zum Beispiel Ärzte und Pflegekräfte, die jetzt ohne Risiko arbeiten können und somit auch das System aufrecht erhalten.

Aber wie lange müssten wir sowas durchhalten?

Glaskugel für die Zukunft

Das Wellenmodell mit der ON-OFF-Taktik erscheint zumindest realistischer als den kompletten Lock Down für mehrere Monate bis Jahre durchzustehen. Natürlich sind auch hier die Kosten für Gesellschaft und Wirtschaft enorm.

Aber es gibt immerhin Isolierungspausen, in denen immer mehr Leute immun werden können und damit auch der Gesellschaft für die nächste Welle wieder zur Verfügung stehen.

Das ist natürlich ein Szenario, welches man bisher nur rein theoretisch durchspielt. Deutsche Experten kommen zu dem Schluss, dass man diese Strategie in Deutschland durchführen könnte. Mit dem Wellenmodell könnte man die Fallzahl konstant in einem so niedrigen Bereich halten, sodass man alle schwerkranken Patienten versorgen könnte.

Die schlechte Nachricht aber ist: man müsste das Ganz zwei Jahre durchhalten. Zwei JAHRE. Das erscheint unvorstellbar. Die englische Studie zeigt uns also: wir brauchen eine andere Lösung und zwar schnell. Wir müssen sobald wie möglich ein Medikament finden oder einen Impfstoff entwickeln. Und bis dahin die Isolierungsmaßnahmen sinnvoll treffen.

Die nächsten Wochen und Monate werden uns mehr Klarheit bringen, denn wie zu Beginn schon erwähnt, sind das alles bislang nur Modellrechnungen, die auf ungenauen Schätzungen beruhen.

Wir werden in nächster Zeit immer realere Daten haben, die wir in die Rechnungen miteinfließen lassen können. Daten, mit denen wir besser einschätzen können, wie gut die bisherigen Maßnahmen schon greifen und wo man noch nachsteuern muss.

Vielleicht haben wir um Ostern herum eine gute Entscheidungsbasis, die es Politikern erlaubt, nicht mehr auf Sicht fahren müssen. Eine seriöse Grundlage aufgrund von echten Daten, um zu entscheiden welche Maßnahmen wir in Deutschland wann und vor allem wie lange tatsächlich sinnvoll durchführen werden müssen. Wir können es nur hoffen.

nach oben

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Verwandte Artikel

In der Stipendien-Datenbank findest du mehr als 1.000 Stipendien von 450 Institutionen – für Bachelor, Master, Praktikum und Promotion.

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren