Partner von:

"Es wird über unseren Kopf hinweg entschieden"

Bücherstapel [Quelle: unsplash.com, Autor: Kimberly Farmer]

Quelle: unsplash.com, Kimberly Farmer

Die Studierendenvertreter Anna-Lena Öhmann und Constantin Pittruff sagen: Die Corona-Krise bedroht die Chancengleichheit. Sie fordern ein Kann-Semester für alle.

Die Bundesländer sind sich einig: Soweit es geht, soll das Sommersemester trotz Corona-Krise ein ganz normales Semester werden. Vorlesungen, Seminare und Prüfungen sollen digital stattfinden. Gegen die Entscheidung der Kultusministerkonferenz regt sich jetzt Widerstand: Studierendenvertreter fordern ein "Kann-Semester" ohne verpflichtende Veranstaltungen. Constantin Pittruff aus München und Anna-Lena Öhmann aus Weimar unterstützen die Initiative.

Sie setzen sich dafür ein, dass das Sommersemester zum "Kann-Semester" für alle Studierenden in Deutschland wird. Was steckt hinter der Idee?

Anna-Lena Öhmann: Die Corona-Krise trifft nicht alle Studierenden gleich. Während für einige das Leben relativ normal weitergeht, leiden andere gerade akut unter Unsicherheit und Stress: Viele haben ihre Jobs verloren. Einige müssen sich um Familienangehörige kümmern. An manchen Unis klappt es mit der Digitalisierung von Lerninhalten, an anderen nicht. Insgesamt kann man sagen: Ein normales Studieren ist für viele gerade nicht möglich. Deshalb wollen wir, dass das kommende Semester ein optionales, aber kein verpflichtendes Semester wird.                                                  

Constantin Pittruff: An den Hochschulen herrscht vielerorts immer noch Verwirrung darüber, wie der Lehrbetrieb ab dem Sommersemester weitergeht. Wir wollen Chancengleichheit für alle Studierenden herstellen, egal in welche Situation sie die Corona-Krise gerade gebracht hat. Deshalb haben wir vier Forderungen: Das Sommersemester soll nicht auf die Regelstudienzeit angerechnet werden. Die Lehrangebote sollen freiwillig genutzt werden. Abgabefristen sollen verschoben und Prüfungen wiederholt werden können.

Sind diese Dinge nicht an den meisten Unis ohnehin möglich oder können individuell geklärt werden?

Öhmann: Für Studierende einiger Fächer mag das der Fall sein. Aber längst nicht für alle. Ich studiere an der Musikhochschule. Da gibt es so viele Lehrangebote, die gar nicht digital genutzt werden können: alles, was mit Proben zu tun hat zum Beispiel. Was macht ein angehender Pianist, der kein eigenes Klavier zu Hause hat? Der hat jetzt einen Nachteil seiner Kommilitonin gegenüber, bei der der Flügel im Wohnzimmer steht. Wir wollen einfach, dass Studierende in ganz Deutschland jetzt Planungssicherheit haben. Ihnen soll der Druck genommen werden, ab dem Sommersemesterbeginn am 20. April, beziehungsweise am 5. Mai in Thüringen, zu hundert Prozent leistungsfähig sein zu müssen.

Sie haben viele Sorgen genannt, die Studierende in der Corona-Krise umtreiben. Welche davon sind Ihrer Meinung nach gerade am weitesten verbreitet?

Pittruff: Ganz sicher die finanzielle Unsicherheit. Zwei Drittel der Studierenden arbeiten nebenbei, um sich ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Man muss nur an die typischen Studierendenjobs denken, um die Tragweite des Problems zu verstehen: Viele arbeiten in der Gastronomie, im Einzelhandel, in der Bibliothek ihrer Uni. Die meisten dieser Jobs sind gerade weggebrochen. Daran hängt vieles. Ich wohne in München, einer der teuersten Städte Deutschlands. Viele stehen gerade akut vor der Frage, wie sie die Miete für den kommenden Monat bezahlen können.

Öhmann: Die finanziellen Sorgen können auch in die Zukunft gehen. Vieles hängt an der Regelstudienzeit. Stipendien zum Beispiel. Wer jetzt wegen der Krise nicht in Regelstudienzeit fertig wird, dem brechen dann in sechs Monaten oder einem Jahr wesentliche Einnahmen weg. Oder es könnte dazu kommen, dass jemand, der das Semester nicht regulär abschließen kann, ab dem nächsten Studienjahr Langzeitstudiengebühren zahlen muss.

Andere Studierendenvertreter fordern ein Solidarsemester und haben ebenfalls eine Kampagne gestartet. Wie hängen diese Forderungen miteinander zusammen?

Pittruff: Die Initiative für das Solidarsemester geht noch einen Schritt weiter als wir: Sie fordern unter anderem die Entbindung von Mietkosten und die Gleichbehandlung von Helfenden, die jetzt statt zu studieren in Krankenhäusern und Behörden einspringen. Unsere Forderungen konzentrieren sich jetzt erst mal nur auf den Semesterbetrieb, der ja schon in anderthalb Wochen starten soll. Es geht um Sofortmaßnahmen, die von der Kultusministerkonferenz und der Hochschulrektorenkonferenz jetzt umgesetzt werden müssen, damit es Planungssicherheit gibt. Wir unterstützen die Forderungen des Solidarsemesters aber ganz ausdrücklich.

Haben Sie das Gefühl, dass die Interessen der Studierenden auf politischer Ebene gerade Gehör finden?

Pittruff: Leider nicht. Studentische Partizipation wird in Krisenzeiten eher als Luxus gesehen. Es gibt Krisenstäbe innerhalb der Wissenschaftsministerien und in jeder Hochschule. Bei den meisten sitzen Studierende jedoch nicht mit am Tisch. Wir haben in diesen Tagen oft das Gefühl: Es wird über unseren Kopf hinweg entschieden.                                                                                                                                      

Öhmann: An den Thüringer Hochschulen zeichnet sich ein ähnliches Bild: Nur in Einzelfällen sind Studierende im Krisenstab der Hochschulen vertreten. Allerdings sind die Hochschulen in vielen Fällen an die Entscheidungen der Wissenschaftsminister der Länder gebunden. Die bundesweiten Beschlüsse der Kultusministerkonferenz stehen bis jetzt leider größtenteils im Gegensatz zu den studentischen Forderungen.

Ergeben sich aus der Corona-Krise auch Chancen für den Unibetrieb?

Pittruff: Ganz sicher. Bei der Digitalisierung von Lerninhalten schaffen manche Unis gerade in drei Monaten, was sonst fünf Jahre gedauert hätte. Da geht einiges voran. Die Digitalisierung bringt ja auch langfristig viele soziale und wirtschaftliche Vorteile: Es ist gut, wenn Studierende, die arbeiten, Kinder betreuen oder Familienangehörige pflegen, Lehrveranstaltungen besuchen können, ohne körperlich präsent im Hörsaal zu sitzen. Wenn diese Infrastrukturen jetzt konsequent aufgebaut werden, sehe ich da viele Vorteile für die Zukunft.                                                                           

Öhmann: Ich sehe auch gerade eine große Solidarität unter den Studierenden. Wir achten darauf, jetzt niemanden zu übersehen, der in der aktuellen Situation Schwierigkeiten haben könnte. Das macht mir Hoffnung.

© ZEIT Campus (Zur Originalversion des Artikels)

nach oben

In der Stipendien-Datenbank findest du mehr als 1.000 Stipendien von 450 Institutionen – für Bachelor, Master, Praktikum und Promotion.

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren