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Muss man am Bildschirm Gesicht zeigen?

Frau Hund Laptop Bett Liegend Zimmer [Quelle: Pexels.com, Autor: Nataliya Vaitkevich ]

Quelle: Pexels.com, Nataliya Vaitkevich

Und wie lässt sich Schummelei bei Fernklausuren in den Griff bekommen? Auskunft auf drängende rechtliche Fragen im Wintersemester.

Die Pandemie lässt auch im Wintersemester kaum Lehrveranstaltungen und Prüfungen in Präsenz zu. Die Hochschulen setzen deshalb fast nur auf digitale Angebote. Videokonferenzen können Präsenzveranstaltungen in gewisser Weise ersetzen. Die digitale Vorlesung bleibt aber eine didaktische und pädagogische Herausforderung.

So wollen Studenten oft ihr Bild nicht zuschalten. Fehlende Kamera, schlechte Internetverbindung und Schutz des häuslichen Rückzugsbereichs sind dafür gute Gründe. Mancher will der Vorlesung auch nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken und sich bei Nebenbeschäftigungen nicht zeigen.

Für Dozenten ist das unbefriedigend. Gestik und Mimik lassen darauf schließen, ob Studenten dem Unterricht folgen können. Aber müssen diese mit negativen Konsequenzen rechnen, wenn sie sich auf Aufforderung nicht zeigen? Davon kann keine Rede sein, wenn das Zuschalten an technischen Gründen oder an fehlender Ausstattung scheitert. Aber auch wenn es möglich ist, muss das Bild einen notwendigen Mehrwert zum bloßen Zuhören oder zur Teilnahme ausschließlich per Ton haben.

Anders als Beschäftigte im Verhältnis zum Arbeitgeber haben Studenten gegenüber der Hochschule keine Treuepflicht. Jedenfalls dann, wenn keine Anwesenheitspflicht besteht, haben sie auch in der Online-Vorlesung einen Anspruch auf Unterricht, wenn sie sich nicht zeigen. Wenn sie nur den Blick auf ein schwarzes Feld anbieten, mag das als unhöflich empfunden werden. Es dürfte aber grundsätzlich kaum sanktioniert werden können.

Nur dann, wenn das Bild zur Aufgabenerfüllung der Hochschule erforderlich ist – etwa bei mündlichen Prüfungen, Präsentationen oder Zusammenarbeit in Kleingruppen mit erforderlichem persönlichen Kontakt –, werden Dozenten darauf bestehen und die Bewertung der Leistung ohne persönlichen optischen Eindruck verweigern können. Der Verzicht auf ein eigenes Bild dürfte Dozenten nicht verboten sein, freilich ist er wenig sinnvoll.

Das größere rechtliche Problem sind die dezentralen Prüfungen. Es beginnt bei den Rechtsgrundlagen. Wo es gut läuft, ermächtigen die Landesgesetzgeber ihre Hochschulen, Prüfungen in elektronischer Form und online – also per Internet – abzunehmen. Die Hochschulen können ihre Prüfungsordnungen um digitale Formate ergänzen. Handelt der Gesetz- oder Verordnungsgeber nicht, müssen die Prüfungsordnungen die Möglichkeit zur Online-Prüfung in eigener Initiative aufnehmen. Wo rechtliche Klärungen fehlen, ist die Durchführung von Prüfungen schon aus formalen Gründen angreifbar.

Wichtig ist der Hinweis in der Hochschulsatzung, dass Prüfungen nur auf der Software und den Lernplattformen, die von der Hochschule zur Verfügung gestellt werden, abgenommen werden dürfen. Denn damit lässt sich die prüfungs- und datenschutzrechtliche Verantwortung der Hochschule begründen. So können Hochschulen die Datenverarbeitung durch Autorisierung der verwendeten Software ebenso vorgeben, wie sie die Einhaltung von Lizenzbestimmungen kontrollieren können.

Ein besonderes Problem sind Online-Klausuren. Wie Hochschulen solche Fernklausuren per Video beaufsichtigen lassen könnten, bemüht sich Bayern zu regeln. Um Täuschungsversuche zu unterbinden, "sind die Studierenden verpflichtet, die Kamera- und Mikrofonfunktion der zur Prüfung eingesetzten Kommunikationseinrichtungen zu aktivieren (Videoaufsicht)". Die Aufsicht erfolgt durch Hochschulpersonal am jeweiligen Ort und kann sogar automatisiert werden, wenn die elektronische Fernprüfung als Alternative zu einer Präsenzprüfung angeboten werden soll. Weitere Voraussetzungen dafür sind nur, dass es an Aufsichtspersonal für die live durchgeführte Videoaufsicht fehlt und die Studenten eingewilligt haben.

Studenten, die Kontakt scheuen, haben zwar die Wahl zwischen Präsenz- und Online-Prüfung. Es ist aber keine freiwillige Entscheidung. Bei Präsenzprüfungen ist die Aufzeichnung auch bei Personalengpässen keine Option. Es ist nicht ersichtlich, warum das bei Online-Prüfungen anders sein soll. Einwilligungen der Studenten sind darauf zu prüfen, ob sie datenschutzrechtlich hinfällig sind.

Die Fernaufsicht in der Wohnung ist zudem mit dem Grundrecht auf Privatsphäre schwer zu vereinbaren. Spätestens wenn Studenten während der Klausur auf die Toilette müssen, kollabiert der Ansatz. Anders als bei Präsenzprüfungen kann nicht geprüft werden, ob sie sich während ihrer Abwesenheit unzulässig von anderen beraten lassen. Auch prüfungsrechtlich liegt es fern, die hoheitliche Aufsicht in die Wohnungen der Studenten zu verlagern.

In der Regel dürfte es an Aufsichtspersonal mangeln. Die automatisierte Aufsicht kann deshalb zum datenschutzrechtlichen Himmelfahrtskommando werden. Ob der datenschutzrechtliche Fehler auf die Sachentscheidung im Prüfungsverfahren durchschlägt, müssen die Gerichte entscheiden.

Dabei können Online-Prüfungen sowohl an den Standorten der Hochschule als auch außerhalb der Hochschule (Remote-Prüfungen) durchaus durchgeführt werden. Sie müssen aber ohne Aufsicht auskommen. Das ist etwa bei "Open-Book-Ausarbeitungen" der Fall, also bei Prüfungen, bei denen Bücher und Internetquellen genutzt werden dürfen. Für solche Fälle gibt es keinen Schönheitspreis. Technische Probleme beim Hoch- und Herunterladen der Unterlagen auf den Portalen der Hochschule muss man in den Griff bekommen. Auch hier muss auf Details geachtet werden. Will man nicht darüber streiten, ob eine mündliche Prüfung als "Open-Book-Ausarbeitung" per Videokonferenz oder gar Telefon wegen des fehlenden unmittelbaren Kontakts eine mündliche Prüfung oder etwas anderes ist, sollte der Gesetz-, Verordnungs- oder Satzungsgeber das klarstellen. Bei "Open-Book-Ausarbeitungen" sind viele Hilfsmittel erlaubt, allerdings nicht die Zusammenarbeit mit Dritten.

Vor diesem Hintergrund sind Täuschungsversuche ein Problem. In vielen Fällen lässt sich Schummeln bei "Open-Book-Ausarbeitungen" durch Gestaltung der Aufgaben und enge zeitliche Vorgaben unattraktiv machen. Die Erfahrung zeigt, dass die Mehrzahl der Studenten rechtstreu ist.

Pfuschen bei "Open-Book-Ausarbeitungen" hängt häufig damit zusammen, dass Texte unkompliziert aus dem Netz in die Textdateien kopiert werden können. Dem kann man leicht entgegensteuern, indem man nur das Hochladen fotografierter handschriftlich geschriebener Texte zulässt. Es geht aber am Ende nicht ohne Sanktionen. Manche Länder ermöglichen es den Hochschulen, per eidesstattlicher Versicherung bekräftigen zu lassen, dass die Arbeit regelkonform verfasst sei. Wer davon Gebrauch macht, kriminalisiert das Pfuschen, denn eine falsche eidesstattliche Versicherung ist eine Straftat, für die bis zu drei Jahre Gefängnis drohen. Die Prüfungsordnungen eröffnen empfindliche Sanktionsmöglichkeiten bei Täuschungen bis hin zum Verlust des Prüfungsanspruchs oder zur Exmatrikulation. Das sind verhältnismäßige Sanktionen für Schummler.

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