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"Lieber ein Spaziergang als eine Stunde Netflix"

Mädchen Maske Roter Pulli Verzweifelt [Quelle: Unsplash.com, Autor: engin akyurt]

Quelle: Unsplash.com, engin akyurt

Der Psychotherapeut Michael Cugialy berät Studierende bei Problemen und Krisen. Ein Gespräch über Leistungsdruck im Studium und Wohlbefinden während Corona.

Michael Cugialy ist Psychotherapeut und arbeitet in der Psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin. Im Interview erklärt er, welche Probleme Studierende zu ihm bringen und was man gegen Leistungsdruck tun kann.

ZEIT Campus ONLINE: Herr Cugialy, Sie beraten Studierende bei psychischen Problemen. Kommen seit der Pandemie mehr zur Beratung?

Michael Cugialy: Zu Beginn des Sommersemesters hatten wir etwas weniger Anfragen als sonst. Wir hatten den Eindruck, dass sich alle neu orientieren mussten. Doch das hat sich bald geändert. Jetzt vergeben wir ungefähr 32 Termine pro Woche – bei kurzer Wartezeit auf einen Termin. Anfangs war es komisch, Leute plötzlich aus der eigenen Wohnung heraus übers Internet oder Telefon zu beraten. Aber es hat die Beratung an sich nicht verändert.

ZEIT Campus ONLINE: Mit welchen Problemen kommen Studierende momentan besonders häufig zu Ihnen?

Cugialy: Die Top Drei sind Lern- und Arbeitsstörungen, Depressionen und Entscheidungsprobleme. Depressive Störungen gibt es ohnehin oft in der Gesellschaft. Weil aber alle gerade mehr Zeit zu Hause verbringen, sind die Möglichkeiten zur Regeneration eingeschränkt. Das heißt, das, was sonst einen Ausgleich schafft, wird momentan erschwert. Zum Beispiel können wir gerade nicht wie sonst Sport machen. Ich bin mir sicher, dass der Anteil von Studierenden mit Depression steigen wird. Aber unsere Statistik kommt immer mit ein bisschen Verzögerung. Gleichzeitig kommen zwei neue Faktoren hinzu: Einsamkeit und eine Art Lebensevaluation. Leute sitzen in ihrer Wohnung fest und fragen sich: "Wo stehe ich eigentlich?", oder hinterfragen ihre Partnerschaft. Es sind weniger die finanziellen Probleme, die Studierende gerade zur psychologischen Beratung treiben, sondern mehr das Hinterfragen der Lebenssituation.

ZEIT Campus ONLINE: Was raten Sie Studierenden in diesem Fall? Wie geht man mit diesen Lebensfragen am besten um?

Cugialy: In einer Partnerschaft ist es wichtig, zu reden und sich Freiraum zu geben, zum Beispiel dem anderen auch mal die Wohnung zu überlassen. Beschäftigt man sich mit sich selbst, kann es hilfreich sein, zu wissen, was einen an den eigenen Lebensbedingungen stört. Das sollte aber keine 24-Stunden-Beschäftigung und nicht gegen einen selbst gerichtet sein. Es kann helfen, sich ein Zeitfenster in der Woche zu suchen, in dem man sich mit Fragen beschäftigt wie: Was möchte ich erreichen, wie möchte ich mein Leben langfristig gestalten? Diese Wünsche sollten nicht als Vorwürfe, sondern positiv formuliert sein, zum Beispiel: "Ich möchte in Zukunft mehr reisen" oder "Ich möchte mein Studium wieder aufnehmen".

ZEIT Campus ONLINE: Kommen Studierende auch zu Ihnen, weil sie unter Leistungsdruck leiden?

Cugialy: Ja. Es kommt zwar vor, dass jemand explizit an seinem Leistungsdruck arbeiten möchte, aber häufiger ist Leistungsdruck eine nicht bewusste Ursache, wieso etwas nicht klappt. Der Druck kommt entweder von außen oder – und das ist viel häufiger – von innen. Es ist nicht so, dass zum Beispiel die Eltern die Studierenden unter Druck setzen. Ganz im Gegenteil, die erlebe ich eher als entspannt und verständnisvoll, höchstens mal besorgt. Viel häufiger machen sich Studierende den Druck selbst: Ich muss super Noten schreiben und ganz schnell studieren. Einen hohen Anspruch an sich selbst zu legen ist per se nicht schlecht. Es wird aber zum Problem, wenn die Anspruchshaltung kippt.

ZEIT Campus ONLINE: Was bedeutet das?

Cugialy: Wenn der Anspruch an sich selbst zu hoch ist, kann es dazu führen, dass man sich selbst blockiert. Ein Indiz dafür ist zum Beispiel, wenn Sie wesentlich weniger schaffen, als Sie sich vornehmen: An drei Sätzen Hausarbeit schreiben Sie drei Stunden lang oder fühlen sich beim Schreiben traurig und depressiv. Auch Prokrastination deutet darauf hin: Sie vermeiden das Schreiben und gehen stattdessen einkaufen oder räumen auf. Häufig vermeiden wir Dinge, die anstrengend sind oder unangenehme Gefühle auslösen. Wenn eine Tätigkeit zum Beispiel an Versagensängste gekoppelt ist, ist das oft ein Hinweis auf einen zu hohen selbst auferlegten Leistungsanspruch.

ZEIT Campus ONLINE: Wie geht man damit um?

Cugialy: Viele psychologische Beratungsstellen der Hochschulen bieten online gute Tipps zum Zeitmanagement, zur Prüfungsvorbereitung oder Work-Life-Balance an. Wenn Sie nicht arbeiten können oder sich nicht gut fühlen, sollten Sie dort oder beim Studierendenwerk einen Beratungstermin vereinbaren. Wir unterliegen der Schweigepflicht, der Fachbereich bekommt also nicht mit, dass wir so ein Gespräch führen.

ZEIT Campus ONLINE: Wie sieht so ein Gespräch aus?

Cugialy: Im ersten Gespräch versuchen wir gemeinsam mit dem Studierenden die Situation zu verstehen. Im Idealfall lassen sich hier neue Denkanstöße vermitteln. Zum Beispiel dass man hinterfragt, ob und wie viel Druck erforderlich ist. Viele denken, je höher der eigene Anspruch ist, desto besser wird die Leistung. Das ist aber wie mit Kaffee: Wenn Sie wenig geschlafen haben und zwei Tassen Kaffee trinken, können Sie den wenigen Schlaf kompensieren und ihre Leistung steigern. Wenn Sie acht Tassen trinken, werden Sie aber nicht viermal so leistungsfähig. Irgendwann sinkt die Leistung wieder, weil sie nervös, fahrig und übererregt sind. Wenn Sie sagen, alles muss perfekt sein, ist das eigentlich schon eine Garantie dafür, dass Sie Ihre Aufgabe versemmeln. Mangelnde Produktivität ist oft ein Symptom. Die Ursache kann eine psychische Erkrankung sein, dann empfehlen wir eine Therapie. Es kann aber auch sein, dass man nur mit einem kleinen Teil seiner Hausarbeit hadert. Gerade deswegen ist es ratsam, mal mit Experten zu reden. Wir sind darauf trainiert, zu gucken, was andere Symptome sind und wann diese auftauchen. Psychotherapie wirkt unter anderem, weil man andere Perspektiven und einen Blick von außen auf sein Problem bekommt. Es ist oft schwieriger, Lösungen zu finden, wenn man selbst im Problem drinsteckt.

ZEIT Campus ONLINE: Gibt es einen typischen Studierenden, der besonders oft von diesem Leistungsdruck betroffen ist?

Cugialy: Nein, das Problem zieht sich durch alle Schichten und Persönlichkeitstypen. Man kann nicht sagen, dass die Studierenden sich in Jura mehr Druck machen als in Philosophie. Dieses Klischee, was man in den Neunzigern hatte, dass Studierende es sich leicht machen, ausschlafen und nur nebenbei in die Uni gehen, stimmt nicht. Wahrscheinlich stimmte es auch damals nicht.

ZEIT Campus ONLINE: Setzen sich Studierende immer stärker unter Druck?

Cugialy: Tatsächlich nicht. In meinem jetzigen Job arbeite ich seit 2009 und Leistungsdruck gab es damals auch schon. Was sich vergrößert hat, sind die Möglichkeiten zur Ablenkung. Heutzutage hat ja jeder mit seinem Smartphone permanent alle Möglichkeiten dabei, sich von seinen Aufgaben abzulenken. Zusätzlich können Smartphones aber auch den Druck auf sich selbst erhöhen: Soziale Medien erzeugen den Eindruck, dass andere besser leben und mehr erreichen als man selbst. Was wir auf Instagram und Facebook aber sehen, hat mit der Lebensrealität der anderen so viel zu tun wie der Tatort mit echter Polizeiarbeit.

ZEIT Campus ONLINE: Viele Dinge, wie Sport oder mit Freunden etwas zu unternehmen, sind derzeit erschwert oder gar nicht möglich. Was kann man tun?

Cugialy: Das stimmt, unter Corona ist alles schwieriger. Ich rate immer dazu, dass Studierende den Kontakt untereinander suchen, besonders jetzt. Lerngruppen kann man zum Beispiel auch online bilden und pflegen. Trotzdem würde ich unbedingt auch Kontakte draußen pflegen. In der Mittagspause oder nach Feierabend sollte man lieber – mit Abstand – einen Spaziergang mit einer Freundin oder einem Freund unternehmen, als eine Stunde Netflix zu gucken.

ZEIT Campus ONLINE: Was können Studierende tun, die gerade erst ihr Studium begonnen haben?

Cugialy: Auch hier gilt: Kontakt suchen und auch die Initiative ergreifen. Wenn Studierende auf Kommilitonen zugehen, merken wir, dass das eigentlich immer positiv angenommen wird. Selbst wenn man introvertiert ist, gibt es feste Netzwerke, die man nutzen kann: die Fachschaft oder diverse Mentoringprogramme zum Beispiel. Mir persönlich ist es ein Anliegen, dass besonders den Erstsemestern klar ist, dass das Studium auch Spaß machen soll. Das Ziel sollte nicht sein, das Maximum an Leistung aus sich rauszuholen, sondern die Dinge mit Freude tun und diese Zeit zu genießen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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